Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 15,11b-32

Dr. Matthias Ahrens (ev), Referent des Vorstands

21.06.2015 in der Bernhardskirche Stuttgart-Rohracker

am 3. Sonntag nach Trinitatis

Das Streben nach Glück

Seit einiger Zeit bestimmen die Meldungen über Flüchtlinge, die nach Europa kommen wollen oder schon gekommen sind, die öffentliche Debatte; die Flüchtlinge waren auch das Thema beim Deutschen Evangelischen Kirchentag vor zwei Wochen. Es geht um grundsätzliche Fragen (wie Einreisebestimmungen, Einwanderung und Seenotrettung) und um ganz praktische (wie Seenotrettung, Unterbringung, medizinische Versorgung und Bildung). Wenn von Flüchtlingen die Rede ist, sind damit nicht nur Menschen gemeint, die ihr Zuhause wegen Krieg oder Terror verlassen mussten, die an Leib und Leben bedroht waren (Baden-Württemberg nimmt z.B. jesidische Frauen auf, denen die Terroristen vom Islamischen Staat Gewalt angetan haben). Sondern auch die Menschen werden als Flüchtlinge bezeichnet, die aus ihrer Heimat weggehen, weil sie sich hier in Europa ein besseres Leben erwarten. Das sind ja eigentlich keine Flüchtlinge, das sind Auswanderer. Die sind nicht vom Schicksal getrieben, sondern sie haben eine bewusste Entscheidung getroffen. Was vor ihnen liegt – ein langer, gefährlicher Weg und eine illegale Einreise – das werden sie gewusst oder wenigstens geahnt haben. Sie haben sich dennoch auf den Weg gemacht, weil sie sich ein besseres Leben erwarten. „Pursuit of Happiness“ nennt die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika das; dieses „Streben nach Glück“ gilt als eine „selbstverständliche Wahrheit“, ein Menschenrecht also. Nach Glück streben („Glück“ meint hier erfülltes Leben), das tun Menschen, die etwas erreichen wollen, die ein Ziel haben im Leben, auch ein räumliches Ziel. So ein Mensch ist nicht einfach vom Schicksal getrieben, so ein Mensch ist nicht einfach Teil einer gesichtslosen Masse. So ein Mensch nimmt sein Schicksal in die Hand und weiß wahrscheinlich, dass er sich auf dünnem Eis bewegt. Um so einen Menschen geht es heute in der Predigt:

Der junge Mann hielt es nicht mehr aus. Gerade als gut gebildeter Sohn des Großgrundbesitzers kannte er sich aus in der Welt. Er wusste, wie es anderswo aussieht, und er wusste, wie sehr seine Heimatgegend vom modernen Leben abgehängt war. Dabei hatte er die Bilder der Städte vor Augen, der Metropolen. Alles dort schien aufregend zu sein: große, schöne Gebäude an breiten Straßen, die Theater, die Museen, die Parks, die Seen. In den großen Unternehmen dort, viele Weltmarktführer darunter, verdienten die Menschen so viel Geld, dass sie sich das alles leisten konnten. Und dort, in der modernen Welt, war sogar die Landwirtschaft aufregend. Die Traktoren hatten klimatisierte Kabinen, und manche wurden per GPS, durch Satellitensignale gesteuert. In mehrstöckigen Gebäuden wurden die Nutztiere gezüchtet, mitten im Hafen, damit das Fleisch nach dem Schlachten gleich verschifft werden konnte.

Aber bei sich zu Hause, hier, in dieser abgelegenen Weltgegend, konnte er nichts werden, nicht einmal Großgrundbesitzer. Denn da war ja noch der ältere Bruder, der irgendwann einmal das Gut vom Vater übernehmen würde. Und um das Gutshaus herum nichts als Ärmlichkeit: rückständiges Handwerk, rückständige Kleinbauern, rückständiges Denken, Aberglaube, Vetternwirtschaft – Stillstand auf ganzer Linie. Die jungen Leute, mit denen er aufgewachsen war, hatten ihre wilden Jahre lange hinter sich und damit den Wunsch, etwas anders zu machen. Sie hatten früh geheiratet, irgendwie ein Auskommen gefunden und hatten jetzt viele Kinder. Auch hier Stillstand auf ganzer Linie. So wollte er nicht enden – und wie ein Ende kam es ihm vor.

Nun gut, hier war er jemand. Seine Familie gehörte zu den Honoratioren. Zusammen mit dem Gouverneur, dem Krankenhausdirektor, dem Priester und anderen Möchtegernpromis versuchten seine Leute, hier auf in der abgelegenen Provinz die große Welt zu spielen. Aber für ihn war das immer nur eine schlechte Kopie. Er wollte hier weg. Er wollte dahin, wo sich das echte Leben abspielt.

„We gotta get out of this place“ – immer wieder hörte er dieses alte Stück von Eric Burdon, auf Englisch, und auch die deutsche Fassung von Udo Lindenberg: „Verdammt, wir müssen raus aus dem Dreck“. Dort, in der modernen Welt – so viel war ihm völlig klar – dort würde er sein Glück schon machen, er, der gut ausgebildete Sohn des Großgrundbesitzers, clever, motiviert, vielseitig, nicht auf den Kopf gefallen … Irgendetwas würde er schon auf die Beine stellen, irgendjemand würde ihn mit seinen vielen Talenten schon brauchen können. Auf jeden Fall wollte er hier nicht versauern.

Da fiel ihm die Lösung ein: Warum sollte er auf sein Erbteil warten, bis der Vater gestorben ist? Das Gut würde er sowieso nicht übernehmen können – warum sollte er dann warten, bis sein Bruder ihm seinen Anteil auszahlt. Er wollte nicht warten. Er wusste, was das Gut hier Wert war. Und im Erbrecht gab es diese Möglichkeit. Eines Tages ging er zum Vater und sagte:

12 Gib mir, Vater, das Erbteil, das mir zusteht.

Der Mann war nicht begeistert, aber er wusste, dass er seinen jüngeren Sohn hier nicht halten konnte. Ihm war auch klar, dass der hier keine Perspektive hatte. Es dauerte einige Zeit, bis er das Geld flüssig gemacht hatte. Am einen Tag übergab er dem jungen Mann sein Erbteil, am nächsten Tag war der schon weg.

Ein nennenswerter Teil des Vermögens ist schon für die Reise ins neue Leben draufgegangen. Aus einer abgelegenen Weltgegend kann man ja nicht einfach so in die Metropolen fahren oder fliegen. Da braucht man Visa (echte oder nicht ganz so echte), da muss man noch einige Zeit warten und am Flughafen oder Hafen übernachten. Da muss man sich mit den Grenzbeamten einigen, da kommt man mit manchen dunklen Typen zusammen …

Es hat also einige Zeit gedauert; aber irgendwann war der junge Mann dann da, wo er hingewollt hatte, in der großen Stadt, dort, wo das Leben tobt. Und er hat sich – wie beabsichtigt – mitten hinein gestürzt. Wahrscheinlich war dieses moderne Leben teurer, als er sich aus der Entfernung seiner Heimat vorgestellt hat. Vielleicht hat er sein Vermögen auch zu hoch eingeschätzt. Auf jeden Fall war es nach einiger Zeit aufgebraucht. „Verprasst“ hätte er sein Erbteil, hieß es dann, mit Huren gar, meinte der Bruder später. Für liederliche Dinge hätte er es verschwendet, sagte man. Aber was heißt das schon? Darf man sich nicht an den aufregenden Seiten des Lebens in der Metropole freuen, darf man nicht einmal etwas ausprobieren? Und muss man nicht erst einmal investieren, Kontakte aufnehmen, wenn man große rauskommen will?

Auf jeden Fall war das Vermögen nach einiger Zeit aufgebraucht. Der junge Mann merkte schnell, dass man am modernen Leben eigentlich nur teilhaben kann, wenn man genug verdient; am besten, wenn man bei einem der großen Unternehmen arbeitet. Wer dieses Einkommen nicht hat, für den ist das Leben verdammt teuer. Und nur wer legal im Land ist, wer im Sozialsystem angemeldet ist, der hat auch Anrecht auf die Fürsorge, die das Überleben ohne Anstellung sichert. Er war nicht offiziell gemeldet. Dann hätte noch jemand gefragt, auf welchem Weg er denn eingereist sei. Und Asyl beantragen wollte er nicht; er war doch kein Flüchtling! Damit nicht genug: Jetzt zog auch noch die Inflation an. Von heute auf morgen war das wenige Geld, das er zusammenkratzen konnte, kaum noch etwas Wert.

So endete sein aufregendes Leben in der großen weiten Welt. Und noch schlimmer: so verlor er seine Unabhängigkeit, er, den dieses Geflecht von Abhängigkeiten zu Hause immer abgestoßen hatte; er, der immer auf seine Eigenständigkeit und seine Freiheit Wert gelegt hatte; er, der sich auf die eigene Leistung so viel zu Gute hielt!

15 Er hängte sich an einen Bürger jenes Landes, …

… er wurde das, was er von zu Hause nur allzu gut kannte – dort war sein Vater in der Position dieses Bürgers –: er wurde abhängig von einem anderen Menschen. Auf Gedeih und Verderb war er auf den angewiesen. Für den war er noch weniger als ein Angestellter – der hat schließlich Rechte –, für den war er irgendein Laufbursche. Die miesesten Arbeiten ließ der ihn machen. Und der junge Mann musste dafür noch dankbar sein und froh, wenn für ihn auch noch etwas zu essen abfiel. Da hatte er so hoch hinaus gewollt – und war auf einmal ganz unten.

Als der junge Mann nun ganz unten angekommen war, erschien ihm sein Zuhause in einem anderen Licht, nicht mehr nur eng und rückständig. Als er selbst ein Laufbursche war, dachte er an die Knechte auf dem Gut seines Vaters. Haben die es eigentlich nicht ganz gut? Haben die nicht immer genug zu essen und eine sinnvolle Arbeit zu tun? Weshalb geht es ihm – dem Sohn des Gutsbesitzers – viel schlechter als selbst den niedrigsten Knechten seines Vaters? Genug zu essen, täglich etwas zu tun – das erschien ihm jetzt durchaus erstrebenswert. Aber würde er zu seinem Vater zurückgehen können? Sicher nicht als Sohn und Erbe; denn das Erbe war ja ausgegeben. Aber vielleicht würde der Vater ihn als Knecht anstellen, ihm damit ein bescheidenes Auskommen sichern. Vielleicht … Doch vorerst war er noch in der großen Stadt, inzwischen aber abgeschnitten vom modernen Leben, ganz zurückgeworfen auf die grundlegenden Bedürfnisse.

Also machte er sich wieder auf den Weg. Das Geld für die billigsten Busfahrkarten bettelte oder gaunerte er sich immer gerade so zusammen. Er aß die Reste aus den Mülleimern, Raben und Ratten waren seine Konkurrenten. Manchmal nahm ein LKW-Fahrer ihn einige Kilometer weit mit. Die Fähre war der schwierigste Teil. An eine Überfahrt als blinder Passagier war nicht zu denken. Dafür waren die Kontrollen zu eng. Es dauerte ziemlich lange, bis er das Geld für die billigste Schiffspassage zusammen hatte. Und dann weiter: mit dem Bus, getrampt, oft in schlechter Gesellschaft. Doch dann – er hatte das Gefühl für die Zeit etwas verloren –, doch dann sah er das Gutshaus seiner Familie vor sich.

Was dann geschah, schildert der Evangelist Lukas so:

20 Als er aber noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater und es jammerte ihn; er lief und fiel ihm um den Hals und küsste ihn. 21 Der Sohn aber sprach zu ihm: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße.

Was er an dieser Stelle sagen wollte, das hatte er sich auf dem langen Weg immer und immer wieder überlegt … – weiter mit Lukas:

22 Aber der Vater sprach zu seinen Knechten: Bringt schnell das beste Gewand her und zieht es ihm an und gebt ihm einen Ring an seine Hand und Schuhe an seine Füße 23 und bringt das gemästete Kalb und schlachtet's; lasst uns essen und fröhlich sein! 24 Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden. Und sie fingen an, fröhlich zu sein.

So weit, so gut. Doch jetzt kommt der ältere Bruder ins Spiel:

25 Aber der ältere Sohn war auf dem Feld. Und als er nahe zum Hause kam, hörte er Singen und Tanzen 26 und rief zu sich einen der Knechte und fragte, was das wäre. 27 Der aber sagte ihm: Dein Bruder ist gekommen und dein Vater hat das gemästete Kalb geschlachtet, weil er ihn gesund wiederhat. 28 Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen. Da ging sein Vater heraus und bat ihn. 29 Er antwortete aber und sprach zu seinem Vater: Siehe, so viele Jahre diene ich dir und habe dein Gebot noch nie übertreten, und du hast mir nie einen Bock gegeben, dass ich mit meinen Freunden fröhlich gewesen wäre. 30 Nun aber, da dieser dein Sohn gekommen ist, der dein Hab und Gut mit Huren verprasst hat, …

(Nur mal zwischenrein gefragt: Woher wollte der ältere Bruder das so genau wissen, „mit Huren verprasst“? Er war doch nicht dabei …)

… hast du ihm das gemästete Kalb geschlachtet. 31 Er aber sprach zu ihm: Mein Sohn, du bist allezeit bei mir und alles, was mein ist, das ist dein.

Hier bekommt die Geschichte für mich eine aufregende Wendung: der ältere Bruder, ein Mann, der offenbar sehr verlässlich in verantwortlicher Position auf dem Landgut der Familie gelebt und gearbeitet hat, wahrscheinlich der zweite Chef im Betrieb, ein Mann, der nichts entbehren musste – der ältere Bruder sieht sein Leben als … wenn nicht vom Schicksal getrieben, so doch von der Pflicht, vom Gehorsam und von der täglichen Routine getrieben an! Als getrieben versteht er sich, nicht als aktiv gestaltend. Er hat gedient und gehorcht – keine Rede vom „Streben nach Glück“.

Ist er auf einmal der Benachteiligte? Neidet er dem Bruder allein die neue Ausstattung zur Rückkehr und das fröhlich Fest? Der Rückkehrer kann ihn doch nicht von seiner Position verdrängen … Oder fällt ihm mit einem Mal auf, dass auch er gerade etwas armselig dasteht? Nicht ihm äußerlichen Sinn verstanden, wie sein Bruder; materiell wird es ihm an nichts gefehlt haben. Aber er hat sein Leben, seinen Beruf, seine Position eben als vorgegeben verstanden, hat sie nicht aktiv gestaltet, hat nicht nach Glück gestrebt. Die Antwort des Vaters mag es ihm deutlich gemacht haben:

… alles, was mein ist, das ist dein.

Und mit dem, was mein und dein ist, mit unserem gemeinsamen Besitz, sagt der Vater damit, konntest du und kannst du etwas anfangen. Mit diesem Besitz konntest und kannst Du bewusste Entscheidungen treffen, damit konntest und kannst du dein Leben, unser Leben gestalten; mit diesem Besitz konntest und kannst du nach Glück streben. Das „Streben nach Glück“ hängt nicht am wilden Leben in der Metropole. Das hat der junge Mann schmerzlich erfahren müssen; und auch die Gründer der Vereinigten Staaten von Amerika haben ein eher schlichtes Leben in einer schwach entwickelten Weltgegend geführt. „Streben nach Glück“ – das meint, aus dem eigenen Leben etwas zu machen. Der eine bricht auf und sucht das Glück anderswo. Wenn es schlecht läuft, steht er schließlich mit leeren Händen da. Der andere bleibt zu Hause, im vertrauten Leben. Aber auch er steht schließlich mit leeren Händen da, wenn er nicht dort, wo er ist, nach Glück strebt.

Beim „Streben nach Glück“ gibt es keine Garantie für ein erfülltes Leben. Aber zum Glück gibt es einen Vater, unseren Vater im Himmel, zu dem wir jederzeit umkehren können, der die Gescheiterten wieder aufnimmt, neu einkleidet und nährt, der den von der Pflicht Getriebenen den Weg zum Glück weist, der Tote lebendig macht. Mit den Worten dieses Vaters endet das Gleichnis:

32 Du solltest aber fröhlich und guten Mutes sein; denn dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wiedergefunden.

Mit so einem Vater können beide fröhlich und guten Mutes sein, der zurück gekehrte „verlorene Sohn“ und der ältere Bruder.

Amen