Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 6,12-16

Prof. Dr. Patricia Adam

22.05.2005

in der Kreuzkirche Hannover im Rahmen der Reihe „Professoren predigen“ der Evangelischen Studentengemeinde Hannover

„Gott als Manager“

Liebe Gemeinde,

von Managern ist im Moment in Presse und Fernsehen viel die Rede. Leider mehr von den negativen Seiten –
da ist der Mannesmann-Prozess, in dem Manager beschuldigt werden, sich auf Kosten der Mitarbeiter, Anteilseigner und der Gesellschaft persönlich bereichert zu haben, da ist die Müntefering-Kritik an den Unternehmern als „asozial“.
So geraten Manager in den Ruf, skrupellos, selbstherrlich, egoistisch und arrogant zu sein.

Da klingt es für Sie sicherlich verwunderlich, wenn vor Ihnen eine Professorin steht, die Manager – MBAs – ausbildet und sich nun aufschwingt, zum Thema „Gott als Manager“ zu predigen.

Doch Management ist so universell, so grundlegend für das Zusammenleben von Menschen in Gemeinschaften, dass es auch für Studiengänge geeignet ist, in denen sich – wie bei mir derzeit – Studierende aus drei verschiedenen Weltregionen und drei verschiedenen Weltreligionen zusammenfinden.

Management ist so universell, dass sich die Auseinandersetzung damit in frühesten Zeugnissen der Menschheit wiederfindet.

Denn: „Management ist, Menschen durch Arbeit zu entwickeln.“

Wesentliche Grundlage dafür, ein solches Management zu leben, ist Verständnis für Menschen, für ihre Fehler und Schwächen, und eine unbeirrbar positive Grundeinstellung zu ihnen. In der aktuellen Management- und Führungstheorie wird die Rückbesinnung auf solche Persönlichkeitswerte wieder stärker gefordert und gefördert. Leise und fast unbeachtet betritt die Führungstheorie damit wieder urchristliches Terrain der Bibel.

Zur Vorbereitung auf diese Predigt hatte ich zunächst die Idee, als Beispiel den Auszug Israels aus Ägypten anzuführen. Dies erwies sich leider als vollkommen ungeeignet! Der im alten Testament dargestellte Gott ist viel zu dominierend, vorgebend, unnahbar und machtbewusst, um für mich in irgendeiner Weise vorbildliche Menschenführung darzustellen. Das sieht jedoch ganz anders aus, wenn wir uns stattdessen mit dem Wirken von Jesus im neuen Testament beschäftigen.

Denn was hat Jesus getan, nachdem bereits mehr als ein Jahr seiner Wirkungszeit um war? Er hat sich – geleitet von dem göttlichen Geist, dem Top-Manager der Weltgeschichte – Mitarbeiter gesucht. So haben wir es in der Lesung aus Lukas 6 bereits gehört. Diese Mitarbeiter wollte er zu Vertrauten, zu seinen Gesandten und Stellvertretern, kurz: zu Aposteln entwickeln. Dabei hat er fest an das göttliche Potenzial in diesen Menschen geglaubt, und sich nicht von ihrer bisherigen Stellung blenden lassen. Er hat eben nicht schon geachtete, ausgebildete Schriftgelehrte, Redner oder Theologen ausgesucht, sondern sich gezielt schwer arbeitenden Menschen einfacher Herkunft mit den verschiedensten Berufen zugewandt. Zwölf ganz normale Menschen hat er sich ausgesucht, um sie durch sein – und Gottes - Management zu Grundpfeilern des neuen Glaubens zu entwickeln.

Ich wende mich hier übrigens entschieden gegen die allgemeine Auslegung, dass Gott sich diese einfachen Menschen ausgesucht hat, um gerade daran zu beweisen, dass nur seine Herrlichkeit und sein Geist in diesen Menschen Wunder vollbringen kann. Das glaube ich gerade nicht!
Ich glaube, dass Gott als Schöpfer das Potenzial dieser Menschen genau durchschaut hat. Er hat sich von einem starken Vertrauen in genau diese einfachen Menschen, in ihre Urkraft, ihre Begeisterungsfähigkeit, ihre Lern- und Leidensfähigkeit leiten lassen. Und er hat sie auf ihrem Entwicklungsweg durch Jesus begleiten lassen. Jesus hat sich dieses Vertrauen zu eigen gemacht und die ihm solcherart anvertrauten Menschen über seinen Tod hinaus begleitet.
Dabei waren die Apostel beileibe nicht perfekt. Er kannte alle ihre Fehler ganz genau: Ihre Langsamkeit im Lernen, die Kleinmütig- und zuweilen Hochmütigkeit. Doch selbst das Wissen um den drohenden Verrat durch Judas hat sein Engagement für die Entwicklung seiner ausgewählten Mitarbeiter nicht eingeschränkt. Das nenne ich Führungsvertrauen!

Ich habe hierfür eine humorvolle Illustration gefunden und Ihnen mitgebracht. Dies Plakat stammt von Werner „Tiki“ Küstenmacher und trägt das schöne Zitat „Vertrauen ist der Anfang von allem – Misstrauen ist der Anfang vom Ende.“

Jesus hatte sich mit der Entwicklung seiner Jünger eine schwere Aufgabe gestellt. Wie man eine solche Management-Aufgabe ideal erfüllen kann, dazu wurden in den letzten Jahren und Jahrzehnten wissenschaftlich viele Beiträge geleistet: Definitionen, Vorgehensweisen, Kochrezepte zum Thema „Wie motiviere ich Menschen – wann tut ein Mitarbeiter, was ich will?“. Sie laufen alle auf ein paar wesentliche Konzepte heraus, die auf unterhaltsame Weise von Roger E. Allen in dem Buch „Pu in Nadelstreifen – Bärenstarkes Management“, zusammengefasst wurden.

Die sechs Aufgaben eines Managers bestehen demnach in den folgenden:
Ziele abstecken
Organisieren
Motivieren
Mitarbeiter fördern
Kommunizieren
Überwachen und analysieren

Man könnte fast meinen, diese Sätze wurden direkt aus der Bibel abgeleitet. Denn genau so geht der Top-Manager des neuen Testaments - Gott - vor, ausgeführt durch seinen „Middle Manager“ Jesus. Die Ausführung aller sechs Aufgaben lassen sich bei Lukas detailreich nachlesen, doch ich möchte mich hier auf wenige plastische Beispiele beschränken.

Die wichtigste Aufgabe steht am Anfang: Ziele abstecken
Jesus hat mit den Zwölfen ein klares Ziel – er möchte eine neue Kirche schaffen, ein Gegengewicht zu den abtrünnigen, in Selbstherrlichkeit und Arroganz verfallenen religiösen Führern der 12 Stämme Israels. Er braucht Menschen, die selbständig sein Wort und Gottes Herrlichkeit verkünden, wenn er seine Mission erfüllt hat und zu seinem Vater zurückgekehrt ist.
Er braucht Menschen, die also nicht nur Checklisten von Punkt 1 bis 12 abarbeiten können. Um seine Mitarbeiter „einzunorden“ und in seinen Dienst zu stellen, vermittelt er ihnen daher in Lukas 6, 20-23 eine Vision vom Reich Gottes:

„Und er hob seine Augen auf über seine Jünger und sprach: Selig seid ihr Armen; denn das Reich Gottes ist euer… Selig seid ihr, wenn euch die Menschen hassen und euch ausstoßen und schmähen und verwerfen euren Namen als böse um des Menschensohnes willen. Freut euch an jenem Tage und springt vor Freude; denn siehe, euer Lohn ist groß im Himmel.“

Was Gott durch Jesus interessanterweise im Laufe der Apostelausbildung nie benutzte, sind heute in Mode gekommene Zielvereinbarungen nach Art von Verkaufszahlen. Er schickt seine Apostel nicht mit dem Ziel in die Welt, mindestens 2000 Menschen in 5 Monaten zu begeistern. Dabei könnte er dies ja viel leichter kontrollieren! Solche, im aktuellen Managementgeschehen als vorbildlich gepriesene Zielvorgaben, sind Jesus fremd. Er weckt in seinen Mitarbeitern die Sehnsucht, schafft eine gemeinsame Vision einer Welt, die nach christlichen Maßstäben der Nächstenliebe funktioniert: Führung nach Zielen, also „management by objectives“, im besten Sinn.

Doch auch das klarste Ziel wird manchmal aus den Augen verloren. Dann ist es am Manager, zu motivieren. Motivieren bedeutet, jemanden zu etwas veranlassen oder anzuregen. Insbesondere in der europäischen Management-Literatur ist ein Streit darüber entbrannt, ob man Menschen motivieren kann oder ob sie nur aus sich selbst heraus begeisterungsfähig sind. Aus der Bibel ist bereits erkennbar, dass motivieren vor allem bedeuten muss, für die anvertrauten Mitarbeiter Hindernisse aus dem Weg zu räumen und Zweifel durch überzeugende Vermittlung von Vertrauen in den Erfolg des gemeinsamen Einsatzes für das Ziel zu zerstreuen. Es gilt, den „Frust“ der Mitarbeiter anzunehmen und ihnen über alltägliche Klippen zu helfen, die an jedem Arbeitsplatz auftreten können.

In Lukas 18, Vers 28-30 wird eine solche Frustsituation der Apostel und Jesus’ Reaktion so beschrieben:
„Da sprach Petrus: Siehe, wir haben, was wir hatten, verlassen und sind dir nachgefolgt.
Er aber sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Es ist niemand, der Haus oder Frau oder Brüder oder Eltern oder Kinder verläßt um des Reiches Gottes willen, der es nicht vielfach wieder empfange in dieser Zeit und in der zukünftigen Welt das ewige Leben.“

Irgendwann müssen die Mitarbeiter auch selbständig „schwimmen“. Förderung von Mitarbeitern bedeutet, sie auszubilden und dann der Ausbildung zu vertrauen. Das hieß für Jesus, Ihnen Wissen und Erfahrungen zu vermitteln, sie teilhaben zu lassen an seinem großen Werk. Förderung heißt aber gerade nicht, lediglich alle angebunden in Reihe und Glied hinter der Führungskraft – oder auf dem Plakat der Entenmutter – her schwimmen zu lassen. Dabei gehen nämlich Eigeninitiative und Begeisterung unter, wie das kleine Entchen unten links. Förderung heißt, Mitarbeitern Verantwortung zu übertragen, sie selbständig ihren Weg gehen zu lassen, sie zu ermächtigen. Jesus hat seine Apostel im ursprünglichsten Sinne „er-mächtigt“:

„Er rief aber die Zwölf zusammen und gab ihnen Gewalt und Macht über alle bösen Geister, und daß sie Krankheiten heilen konnten, und sandte sie aus, zu predigen das Reich Gottes und die Kranken zu heilen.“ So steht es in Lukas 9, Vers 1-2 - und weiter heißt es in Vers 6: „Und sie gingen hinaus und zogen von Dorf zu Dorf, predigten das Evangelium und machten gesund an allen Orten.“

All dies funktioniert nur dann, wenn der Manager ausreichend kommuniziert. Jesus war, inspiriert durch Gott, der Meister der Kommunikation. Davon legt das neue Testament mit einer Fülle von Gleichnissen und Beispielen ein beredtes Zeugnis ab. Auf diese Weise teilte er mit seinen Mitarbeitern alles Wissen, was er besaß – sein Wissen um das Reich Gottes, sein Wissen um die Zukunft, sein Wissen um ihre Schwächen und ihren Verrat. Stets nahm Jesus sich am Abend die Zeit, im kleineren Kreis Fragen seiner Apostel zu beantworten und seine Gleichnisse vertieft zu erläutern. Gleichzeitig nutzte der diese gemeinsamen Abende für die schwierigste Managementaufgabe: Überwachung und Analyse.

In der neueren Theorie herrscht Einigkeit darüber, dass ein guter Manager seine Mitarbeiter nicht allein lässt, sondern ihre Fortschritte analysiert und überwacht, damit er ihnen Rückmeldung – neudeutsch: Feedback – zu ihren Stärken und Schwächen geben kann. Jesus wusste um diese Notwendigkeit und blieb daher stets in der Nähe seiner Jünger. Als die Apostel zu ihm zurück kamen und erzählten, welche großen Dinge sie getan hatten, reagierte er ganz „lehrbuchgerecht“: Er nahm ihren Report auf, lobt sie für ihre Erfolge - und warnte sie sogleich vor daraus resultierender Arroganz. So steht in Lukas 10, Vers 19-20:
„Seht, ich habe euch Macht gegeben, zu treten auf Schlangen und Skorpione, und Macht über alle Gewalt des Feindes; und nichts wird euch schaden. Doch darüber freut euch nicht, daß euch die Geister untertan sind. Freut euch aber, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind.“

Management ist also keine neue Erfindung, sondern schon aus der Bibel abzuleitende „best practice“ zur Entwicklung von Menschen.

Management Gottes durch Jesus – Inspiration und Ausbildung zwölf einfacher Männer zu Säulen einer neuen Kirche.
Das Werk einer großen Führungskraft, des einen, größten Managers: Gott.

Für mich universelles und zeitloses Beispiel, Inspiration und Vorbild für die Ausbildung von Managern.

Mit diesem Führungsbild können wir nicht scheitern.

Amen.