Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Maria – Mutter Gottes – ein Vorbild im Glauben?

Mechthild Alber (rk), Referentin für Ehe- und Familienpastoral

12.05.2013 in St. Eberhard

so genannter Stadtgottedienst in der Hauptkirche von Stuttgart, der sich v. a. an theologisch interessierte Akademiker richtet

Es war, als hätt der Himmel die Erde still geküsst,

dass sie im Blütenschimmer von ihm nun träumen müsst“…

so beginnt ein bekanntes Gedicht von Joseph von Eichendorff.

Blütenschimmer - dieses alljährliche Frühlingswunder, wenn die ersten Blumen zu blühen beginnen und aus den kahlen Zweigen der Obstbäume ein Blütentraum in Weiß und Rosa hervorbricht. Die Natur gleicht dann einer jungen Frau, die zum ersten Mal von der Liebe ergriffen wird. Eichendorff greift in diesem Gedicht den uralten Mythos von der Heiligen Hochzeit zwischen Himmel und Erde auf. In jedem Frühjahr verbinden sich Himmel und Erde aufs Neue, und so kann neues Leben wachsen.

Für uns Katholiken ist der blühende Mai der besondere Monat Mariens, der Mutter Jesu. Die Marienstatuen und Marienaltäre sind üppig mit Blumen geschmückt, es gibt Maiandachten und Wallfahrten. Die bräutlich geschmückte Natur und Maria, die jungfräuliche Braut – sie gehören zusammen.

Maria, die junge Frau aus Nazaret in der Maienblüte ihres Lebens, fast noch ein Mädchen - sie wird von Gott erwählt. „Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir.“ So sagt der Engel zu ihr. Eine Szene - nicht von dieser Welt - ein Blütentraum, der unzählige Maler inspiriert hat. Der Engel fährt fort: „Fürchte dich nicht, Maria, denn du hast Gnade gefunden bei Gott. Du wirst ein Kind empfangen, einen Sohn wirst du gebären: dem sollst du den Namen Jesus geben. Er wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden.“

Maria soll den Sohn Gottes zur Welt bringen. In ihr soll sich Göttliches und Menschliches verbinden. Der Himmel küsst die Erde – so brachte es Eichendorff ins Bild. Dass Gott nicht nur im Himmel sondern mitten unter den Menschen weilt - dieser uralte Traum der Menschen soll mit ihrem Kind Wirklichkeit werden.

Für den Evangelisten Lukas ist entscheidend, dass Maria Ja sagt zu dieser unglaublichen Verheißung. Es wird nicht einfach über sie verfügt. Maria öffnet sich mit Leib und ihre Seele für dieses Kind. Sie nimmt es mit menschlich-mütterlicher Liebe an.

„Gott, der Allmächtige, hat Großes an mir getan“, so jubelt sie später. Aber mit ihrem Ja beginnt ein langer Weg, der so gar nicht von Blütenträumen gesäumt ist. Sie wird schwanger, ohne verheiratet zu sein und spürt als erstes das Misstrauen ihres Verlobten Josef, der jedoch später dieses Kind väterlich beschützen wird. Dann der beschwerliche Weg nach Bethlehem, die Geburt im Stall, ein Kind, das nicht die gewöhnlichen Wege geht und sich schon mit 12 Jahren von der Familie abgrenzt, um als Erwachsener heimatlos herumzuziehen und die Botschaft von anbrechenden Gottesreich zu verkünden ...

Maria hat ihre ganze Existenz Gott überlassen. Aber nicht einfach als passives Gefäß – sie bleibt eine eigene Person. Sie stellt ihre Fragen und geht auch Auseinandersetzungen nicht aus dem Weg. Und am Ende – unterm Kreuz – da bleibt sie und bettet ihren toten Sohn schließlich zur letzten Ruhe. Viele Menschen und besonders viele Frauen fühlen sich zu Maria hingezogen, weil sie sich mit ihren eigenen Erfahrungen von ihr verstanden wissen, gerade auch in den dunklen Stunden des Lebens. Und mit Maria wagen sie auch zu glauben, dass Jesus den Tod und das Böse überwunden hat, weil Gott ihn von den Toten auferweckt hat.

Maria – sie galt lange Zeit als Vorbild für die Frauen. Ihr Gehorsam vor allem: „Siehe, ich bin die Magd des Herrn, mir geschehe, nach deinem Wort.“ So antwortet sie auf die Botschaft des Engels. Wer wie Maria sein wollte, der musste die eigenen Lebenswünsche und Begehrlichkeiten loslassen, nur so konnte man ein reines, keusches Gefäß für Gott werden. Maria, die Jungfrau. Die Heilige. Die so sehr mit Gott verbunden war, dass ihr selbst fast schon göttliche Verehrung zuteil wurde. Aus dieser Verehrung sind großartige Zeugnisse entstanden - Notre Dame in Paris und das Münster zu Unserer lieben Frau in Freiburg, um nur zwei von unendlich vielen Kirchen zu nennen, unzählige Bilder und Musik, die das Innerste unseres Herzens zu berühren vermögen.

Und doch reiben sich viele Frauen heute gerade an dieser Sicht Marias. Sich ganz aufzuopfern – ist es wirklich das, was Gott für die Frauen im Sinn hat? Die eigenen Lebenswünsche – die sich ja z.B. auch in der Sexualität äußern, sind doch eine vitale Lebenskraft, aus der heraus man mit anderen und auch für andere da sein kann. Eigensinn und Widerstand sind gerade auch für gläubige Menschen wichtige Eigenschaften. Und wer Verantwortung übernehmen will, muss auch Macht einfordern. Für heutige Frauen passt die heilige Jungfrau Maria nicht mehr als Vorbild.

Wir haben vorher das Tagesevangelium ( Joh 17,20-26) aus den Abschiedsreden Jesu gehört. Es scheint so gar nichts mit Maria zu tun zu haben - Jesu große Fürbitte für alle Glaubenden: „Alle sollen eins sein, wie Du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast.“ Ein Text, der an Verzierungen in den frühen Buchmalereien erinnert, wo oft aus einer einzigen Linie ein unendliches Geflecht entstand. Liebe - Verbundenheit – Einssein. Das ist bei Johannes immer wieder das Grundthema: mit Christus verbunden sein, durch ihn das Einssein auch mit dem Vater spüren und aus dieser Erfahrung Gemeinschaft und Einheit mit den anderen Glaubenden erfahren. Der Evangelist Johannes zielt mit diesen Versen sozusagen ins Herzzentrum der trinitarischen Gottesbewegung, die alles ins Kraftfeld ihrer einigenden Liebe zieht. Aber – ehrlich gesagt – ich bleibe da gewissermaßen „außen vor“. Es mag ja ein paar wenige Eingeweihte geben, die solches erfahren durften – Mystiker, Heilige – aber der oder die Normalgläubige?

Ganz tiefe Verbundenheit - die habe ich gespürt, als ich mit meinen Kindern schwanger war, als ich sie als kleine Babys auf dem Arm trug, beim Stillen, beim ersten Lächeln oder wenn ich ihr Weinen und Schreien beruhigen konnte – in der Zeit also, wo ich durch mein Muttersein ganz ausgefüllt war. Und wenn ich Bilder und Statuen von Maria sehe, wo dieses innige aufeinander Bezogensein zum Ausdruck kommt, dann bin ich ihr ganz nahe. Es gibt eine tiefe Sehnsucht, solche Verbundenheit zu erfahren, wo dieses: vereinzelt zu sein aufgehoben ist in einer größeren Gemeinschaft. Am Beginn unseres Lebens – als Säuglinge und noch zuvor als Embryos haben wir uns noch vorbewusst als Teil unserer Mutter erfahren, sie war die große Nährerin und Versorgerin – der Inbegriff des Lebens. Kein Wunder, dass in der Frühzeit menschlicher Geschichte das Weiblich-Mütterliche zum Symbol für das Göttliche wurde: Göttliche Mutter, Stern der Meere, kosmische Frau am Himmel. Hat Maria das Erbe dieser alten Göttinnen angetreten, so wie man ihr zur Ehre in Ephesus eine Kirche errichtete, wo es zuvor den Tempel der vielbrüstigen Artemis gegeben hatte?

Tiefe Verbundenheitserfahrungen sind der Wurzelgrund des Religiösen. Wir sehnen uns nach dieser Einheit, die wir schon einmal erfahren haben. Und doch müssen wir den Weg in die Vereinzelung, in die Individuation gehen. Wir müssen lernen, ICH zu sagen, für uns selbst zu stehen, Verantwortung zu übernehmen. Jede Mutter weiß das. Eine Mutter, die nur für ihr Kind da ist, die ihm alle Herausforderung abnimmt, die es immer in dieser frühkindlichen Beziehungsnähe behalten möchte, ist schlecht für ihr Kind. Wir müssen das mütterlich-elterliche Paradies verlassen - nur so kann Menschwerdung gelingen. Das gilt auch für unser religiöses Leben. Wenn wir uns allzu kindlich unter den weiten Mantel Marias stellen, können wir kaum religiös wachsen und erwachsen werden.

Die katholische Kirche verehrt Maria als Muttergottes. Das ist für Protestanten immer noch ein Stein des Anstoßes. Mutter Jesu – ja. Aber kann eine menschliche Frau Mutter Gottes sein. Stünde sie damit nicht über Gott? Beim Konzil in Ephesus, wo ihr der Titel „Gottesgebärerin“ nach heftigem Streit zuerkannt wurde, ging es eigentlich um die Frage: Kann das Göttliche im Menschen geboren werden? Oder bleiben Göttliches und Menschliches, Himmel und Erde, letztlich doch getrennt?

In Maria – so glauben wir – kam Göttliches und Menschliches wirklich zusammen. Auf ihre Frage: Wie soll das geschehen, dass der Sohn Gottes mein Kind wird, antwortet der Engel: „Der Heilige Geist wird über dich kommen und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten“. Himmel und Erde werden verbunden – in Maria wird eine neue Schöpfung. Das ewige Wort Gottes wird Fleisch. Johannes und Lukas – beide Evangelisten knüpfen an die biblischen Zeugnisse von der Erschaffung der Welt an, wo der Geist Gottes über allem schwebte. Maria ist die neue Eva. Sie steht nicht nur für sich – sie steht für die Menschheit als Ganzes. An ihr wird deutlich, was Gott mit uns vorhat. In ihr kündet sich das neue Jerusalem an, das sich wie eine Braut für Jesus, ihren endzeitlichen Bräutigam schmücken wird.

Das heißt aber, dass uns allen die Zusage Gottes gilt: Ihr seid erwählt, durch euch soll das Göttliche zur Entfaltung kommen. In euch soll Christus Gestalt annehmen – in jedem von uns in seinem einmaligen, unverwechselbaren Lebensweg. Wir sind Bewohner des himmlischen Jerusalem und wir rufen sehnsüchtig: Komm!

Mit Maria können wir uns dieser Verheißung öffnen. Und mit ihr können wir mehr und mehr begreifen, was das ganz konkret bedeutet. Der große Marienverehrer Ignatius von Loyola, der den Jesuitenorden gegründet hat, hat dabei den für uns oft so sperrigen Glaubenssatz, dass Maria Jungfrau und Mutter zugleich war, spirituell gedeutet. Jungfräulich glauben, heißt, alles von Gott zu erwarten, mütterlich glauben heißt, dass alles von uns und unserem Handeln abhängt und wir nicht in frommer Passivität die Verantwortung abgeben dürfen. Diese beiden Pole zu verbinden, das können wir von Maria lernen, damit aus den Blütenträumen Fürchte werden können.

Es war als hätt der Himmel die Erde still geküsst,

dass sie im Blütenschimmer von ihm nun träumen müsst.

Der Wind ging durch die Felder, die Ähren wogten sacht,

es rauschten leis die Wälder, so sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte weil ihre Flügel aus

Flog über alle Lande, als flöge sie nach Haus. J.v. Eichendorff