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Predigt über Markus 8,31-33

Pfarrer Thomas Ammermann

in Weikersheim

Habe nun - ach - Philosphie, Germanistik und natürlich auch Theologie studiert, mit durchaus fleißigem Bemühen, doch wenn es um die wesentlichen Dinge des Lebens geht, ist mir mein kleiner schwarzer Hund Theo um Längen voraus, so scheint es.

Beim Nachdenken über unseren heutigen Predigttext jedenfalls wurde er mir zum Lehrer und Meister. Wie das möglich war? - Das ist eine lange Geschichte. Sie handelt vom Vertrauen und der Gelassenheit gegenüber Dingen, die nur schwer zu verstehen sind. Bevor ich Ihnen diese Geschichte erzähle, sollen Sie aber erst einmal den Predigttext hören, den ich für den heutigen Synodentag ausgewählt habe.
Er steht im Markusevangelium, im 8. Kapitel, die Verse 31-33. Dort heißt es von Jesus:

  1. Und er fing an, sie zu lehren: Der Menschensohn muß viel leiden und verworfen werden von den Ältesten und Hohepriestern und Schriftgelehrten und getötet werden und nach drei Tagen auferstehen.
  2. Und er redete das Wort frei und offen. Und Petrus nahm ihn beiseite und fing an, ihm zu wehren.
  3. Er aber wandte sich um, sah seine Jünger an und bedrohte Petrus und sprach: Weiche von mir, Satan! denn du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist.

- Harte Worte sind das, gegen einen Menschen, der sich ausnahmsweise einmal wirklich menschlich zeigte, finden Sie nicht? Und so fragte ich mich ernsthaft, was denn so schlimm sei an der Haltung des Petrus, der nicht verstehen konnte, warum Christus unbedingt leiden mußte und nicht wahrhaben wollte, daß dies so unumgänglich sei. Wieso wird hier ausgerechnet der ein Satan genannt, der sich mit dem, was ihm in der Seele wehtut, nicht einfach so abfinden kann?

Liebe Synodalgemeinde!
Die größte Freude meines Hundes ist sein tägliches Ballspiel auf einer Wiese im Schloßpark. Und meine größte Freude - was ihn betrifft - ist, ihm diese Freude zu bereiten. Und so verlassen wir in der Regel abends das Haus in fröhlicher Einigkeit, um den ersehnten Spielplatz anzusteuern. Theo, wie sollte es auch anders sein, springt schwanzwedelnd voraus. Doch leider liegt zwischen dem Pfarrhaus und besagter Spielwiese eine gefährliche, weil recht stark befahrene, Einfallstraße. Und weil der Hund gewöhnlich, ohne rechts und links zu schauen, darüber hinwegzufegen pflegt - was mir jedesmal einen Todesschrecken versetzt - ist es mit der eben noch beschworenen fröhlichen Einigkeit meist buchstäblich nicht weit her. Genauer gesagt: nicht weiter als von der Haustür bis zum Straßenrand. Wenn er nämlich den erreicht hat, beginne ich zu brüllen, laut und barsch ob seiner unbotmäßigen Voreiligkeit. Was dann folgt, können Sie sich denken: Ein geducktes schwarzes Würstchen macht mitten auf der Straße kehrt und kommt mit reuig gesenktem Blick - jedoch ohne jedes Verständnis für den Grund meines offensichtlichen Stimmungswandels - zu mir zurück.
Um solche "Szenen" in Zukunft zu vermeiden und v.a. um die Gefahr, der das vernunftlose Geschöpf hier täglich ausgesetzt ist, zu vermindern, versuche ich seit Neustem, dem Hund beizubringen, an jedem Straßenrand zu halten, sich erst niederzusetzen und auf mich zu warten. Auf mein Kommando hin darf er dann meinetwegen über die Straße springen.
Das klappt auch so recht und schlecht: Der Hund hält brav, setzt sich und gähnt verlegen während er sich nach mir umschaut.
Allein, es ist bei alldem nur allzu offensichtlich, daß das dumme Vieh den Sinn dieser Maßnahme nicht im mindesten begriffen hat. Denn, statt auf den Verkehr zu achten und zu schauen, ob da ein Auto die Straße entlangkommt, blickt er treuherzig zu mir auf. Manchmal, wenn ihm zu spät einfällt, wie unsere Abmachung lautete, setzt er sich gar mitten auf der Straße nieder und wartet hier, freundlich mit dem Schwanze rudernd, auf mein lobendes Wort. - Auch nicht der Sinn der Sache.

So war es auch kürzlich wieder: In liebenswertem Unverständnis saß das befellte Wesen mal wieder auf der Straße, und blickte mir aus seinen ansonsten doch recht klugen Hundeaugen erwartungsfroh entgegen. Doch diesmal kamen mir Zweifel, ob die Bezeichnung "dummes Vieh" für diese treue Kreatur nicht doch etwas voreilig war. Denn, so fragte ich mich, der ich noch ganz in Gedanken mit dem heutigen Predigtext befaßt war, wie soll er denn den "höheren" Sinn meiner Erziehungsmaßnahme begreifen - er ist ja nur ein Hund. Seine Gedanken (wenn ich es einmal so sagen darf) sind nicht meine Gedanken und seine Wege sind nicht meine Wege.
Und als ich ihn nun ansah, wie er so dasaß und mich mit schräg gelegtem Kopf aufmerksam anblickte, getrieben vom Eifer das zu tun, was ich von ihm wollte, da wurde mir plötzlich, als erführe ich - ausgerechnet durch diesen theologisch nur wenig gebildeten Hund - eine ungeahnte Lektion in Sachen christlichem Gehorsam.

Denn dieses Geschöpf, das ja mitnichten begreifen kann, wozu all das gut sein soll, zögert dennoch keine Sekunde, bevor er freudig und voll Vertrauen an die Ausführung meiner Worte geht. (Daß ihm das nicht immer so gelingen mag, wie ich mir das vorstelle, kann da nur als kleiner Patzer gewertet werden.) Dabei bemüht er sich wohl, den Sinn des Ganzen zu verstehen, doch fragt er anders nach demselben, als wir Menschen es zu tun pflegen, bevor wir ans Werk gehen.
Er denkt sich nämlich nicht: "Warum tut Herrchen mir diese überflüssige Unannehmlichkeit an?" oder: "Was will er mit der ärgerlichen Verzögerung meiner Spielfreude bezwecken?" - Sondern dies kluge Tier fragt sich: "Was wollte er gleich, daß ich tue? - Ach ja, ich soll mich setzen. So, das ist geschafft, schau nur her! Hab´ich es gut gemacht?" - Und wie es scheint kann er mit dieser Art zu Denken ganz gut leben: "Fein gemacht! Brav Theo!... und nun lauf!"

Was denken Sie, liebe Gemeinde: Ob wir von diesem zotteligen Philosophen auch etwas für unser Leben lernen können?
Auf eine Weise sind nämlich auch wir - das dämmerte plötzlich in mir auf - vor Gott, unserem Herrn, in einer ähnlichen Situation, wie so ein kleiner Hund, der verständnislos da hockt angesichts der "höheren Maßnahmen" seines Herrchens!
Im Jesajabuch (Jes. 55, 8f) gibt es ein Wort, das die Situation der Menschen vor Gott, glaube ich, ganz gut beschreibt:
Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der HERR, sondern so viel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken.
Doch im Unterschied zu so einem vierbeinigen Gefolgsmann geben wir uns gewöhnlich mit dieser Tatsache nicht einfach zufrieden. Auch dann nicht, wenn wir uns "Jünger Christi", "Gefolgsleute unseres Herrn Jesus" nennen.
Wir nämlich neigen dazu, alles ganz genau wissen, selbst verstehen, zu wollen, bevor wir uns - vielleicht - gehorsam auf den Weg machen. Wir geben uns nicht einfach damit zufrieden, daß Gott sich "etwas dabei gedacht hat" als Er beschloß, uns im Leben diesen oder jenen Weg zu führen. Jedenfalls dann nicht, wenn wir uns den Verlauf unseres Lebens selbst anders vorgestellt hatten.

Aber solches Frageverhalten, welches für den Umgang mit anderen Menschen - zumal mit solchen, die sich als Führer und Leitwölfe gefallen - zweifellos unbedingt angeraten ist, erweist sich bei Gott recht bald als fragwürdig. Denn wie soll ich denn den "höheren" Sinn Seiner Pläne und Maßnahmen begreifen - ich bin ja nur ein Mensch. Seine Gedanken sind nicht unsere Gedanken und seine Wege sind nicht unsere Wege, sondern so viel der Himmel höher ist als die Erde, so müssen ja auch Seine Wege höher sein als unsere Wege...
...die gedanklichen Wege Gottes sind uns Erdenbewohnern - wenn wir ehrlich sind - schlicht zu hoch. Unser Menschenverstand ist nämlich - bei aller guten Einsicht - doch nie ganz schwindelfrei...! Vorsicht also vor den Abgründen!
Die lauern überall.

Zunächst stürmen auch wir wie junge Hunde drauflos, wenn es darum geht, die ersehnten Lebensziele zu erreichen: familiäres Glück oder beruflichen Erfolg, einen Traumpartner, Wohlhabenheit oder Einfluß bei den Mitmenschen... oder, am besten, alles zusammen und natürlich bei voller Gesundheit bis ins (ebenfalls selbstverständlich vorausgesetzte) hohe Alter. Das ist wohl auch ganz normal und so sehen wir - wenn uns all das gelingt, was ja möglich ist - in der Regel auch keinen Grund, besonders darüber nachzudenken. Doch wehe, wenn es anders kommt, wenn Hindernisse auftreten, wenn Ereignisse unseren Weg kreuzen oder gar durch-kreuzen wie große Straßen, schicksalhafte Begebenheiten, angesichts derer wir uns erst einmal setzen müssen... Dann kommen wir doch wohl ins Nachdenken. Und was, wenn die Wege, welche wir eingeschlagen haben, sich plötzlich als gänzlich ungangbar erweisen, zerstört durch unglückliche Umstände oder Krankheit, Leid und Tod?
Dann, ja dann kommen wir natürlich gehörig ins Grübeln und massive Zweifel kommen uns auch - meist nicht so sehr an unseren Zielen (vorausgesetzt, diese waren nicht unlauter), sondern an dem Gott, der uns all das zumutet.

Und wie einst Hiob klagen wir - gerade wir Christen, die wir ja trotz allem am Glauben festhalten wollen - Gott an: "Warum mußtest Du mir das antun? Komm her aus Deinem sicheren Himmelsgewölbe, Gott, und erkläre Dich!" Und wenn dann die Verzweiflung steigt, wir uns am Ende vielleicht gar nicht mehr vorstellen können, daß unser Leben wieder in Ordnung kommt, so halten wir doch - wie einst Hiob - immer noch fest an dem Verlangen, zumindest eine Antwort auf die Frage nach dem Sinn solch ungerechtfertigten Leidens zu bekommen:
"Ich verlange ja gar nicht, daß Du mich erlöst aus meinem Elend", rief dieser damals, "aber sieh es Dir wenigstens an, Gott, und antworte mir, was Du Dir dabei gedacht hast!" - Sind das nicht auch schon Ihre Gedanken gewesen, wenn Sie ungerechtes Leid erfahren mußten, wenn Sie - wie wir alle immer wieder - mit der Frage zu kämpfen hatten: warum ausgerechnet Kinder an Krebs erkranken müssen, warum einzelne von uns, die ja nicht besser und nicht schlechter sind, als wir alle, willkürlich von fürchterlichen Schicksalsschlägen heimgesucht werden, oder grausame Schmerzen erdulden müssen, warum Menschen, die im Leben stark und vorbildlich waren, im Alter oft auf so demütigende Weise zerfallen und hilflos werden wie kleine Kinder oder - auch das eine verzweifelte Frage - warum es so viel Unrecht und Gewalt auf dieser Welt geben muß, die Menschen einander antun??

Ja, liebe Gemeinde, wir wollen das wissen. Das ist nur menschlich. Typisch menschlich sogar, denn mein Hund wird sich so etwas wohl kaum fragen. Und weil dies so menschlich ist - das sei sogleich betont - ist es auch alles andere als illegitim, wenn wir Gott diese Fragen stellen, ja selbst wenn wir - wie einst Hiob - Ihn in den Ring fordern. Ein Glaube, in dem - sei es aus Gleichgültigkeit oder dem, was wir für Glaubensgehorsam halten - solches allzumenschliche Fragen keinen Raum hätte, das wäre nämlich wirklich ein un-menschlicher Glaube.
Wie gesagt, Fragen ist menschlich. Auch Zweifeln ist menschlich. Und was menschlich ist, ist Gott nicht fremd. Er selbst will uns ja ein "menschlicher Gott" sein.

Und doch liegt gerade das, was menschlich- allzumenschlich ist, dem Teuflischen gefährlich nahe. (Manchmal trennt unser fragendes Aufbegehren davon nur eine kreuzende Straße, vor der zu halten wir uns weigern...)
Auf dieses Problem will unser Predigttext weisen. Erinnern wir uns:
... Jesus fing an, ... zu lehren: Der Menschensohn muß viel leiden und verworfen werden von den Ältesten und Hohepriestern und Schriftgelehrten und getötet werden und nach drei Tagen auferstehen. Er redete frei heraus, aber Petrus nahm ihn beiseite und fing an, ihm (das) zu (ver-)wehren. Er aber wandte sich um ... und sprach: Weiche von mir, Satan! denn du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist.

Liebe Gemeinde!
Warum wird Petrus versucht haben, Jesus Einhalt zu gebieten? - Die Antwort ist einfach: Weil er den "höheren Sinn" hinter der Leidensgeschichte, die Jesus hier ankündigte, nicht verstehen konnte. Wie so ein junger Hund hing er leidenschaftlich an seinem Herrn. Das ist sicher ein liebenswerter Zug. Er meinte es nur zu gut mit Jesus. Petrus konnte ja (noch) nicht wissen - wie die Christen nach ihm - daß Jesu Leiden und Sterben in einem höheren Sinn bedeutsam für uns alle sein würden, daß sich in all dem Gottes Heilsplan für diese Welt vollziehen sollte. Und so ertrug er es nicht, seinen Meister, den Helden und das Vorbild aller Jünger, nun plötzlich so (scheinbar) resigniert zu sehen, wie er gefügig von unabänderlichem Leiden sprach.

Nein, das wollte - besser: konnte - er nicht wahrhaben und daher auch nicht zulassen. Schließlich meinte er es gut mit Jesus, der treue Hund. ...Ein liebenswerter Zug.
Doch - und nun wird´s kriminell - Petrus meinte es nicht nur gut mit seinem Herrn, er meinte auch noch besser als dieser selbst zu wissen, was für ihn gut ist. Und prompt widersetzte er sich den Worten seines Herrn, wollte sich selbst zum Meister über das Wohl und Wehe von dessen Geschick machen. Aus lauter Wohlmeinenheit.

- Kommt Ihnen das bekannt vor? Soll es wohl. Ist ja auch nur allzu menschlich, das. Wir alle neigen nämlich nur zu leicht zu der Annahme, daß wir selber am besten wüßten, was gut ist für uns und unsere Mitmenschen. Wenn einer es nur "gut meint", dann meint er meist auch gleich zu wissen, was gut ist und v.a. was besser wäre...
Ich bin überzeugt: neun von zehn unter uns könnten auf Anhieb eine ganze Latte von Vorschlägen aufsagen, wie Gott unsere Welt (gefälligst) besser - "sinnvoller" vielleicht? - einrichten könnte! Dabei wissen mindestens elf von diesen zehn gar nicht, wie die Welt und unser Leben darin durch Gott eingerichtet sind, denn eines steht ja nun mal fest: Soviel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch Seine Gedanken höher als unsere Gedanken!

Nun, liebe Gemeinde, Denken ist menschlich. Wer nachdenkt, kommt ins Fragen. Auch Fragen ist menschlich.
Doch wo Menschen sich selbst nach dem vielgesuchten "Sinn des Leidens" fragen, erfahren auch die Gläubigen keine - zumindest keine ehrliche - Antwort. Wie sollten sie auch? Sie sind ja Menschen und als solche nie ganz Schwindel-frei...
Fragen nun, auf die es - scheinbar oder in Wirklichkeit - keine Antwort gibt, machen einen wütend.
Wer aber wütend wird, widersetzt sich gern. Das gilt - wie gesagt - auch für Menschen, die nach Gott fragen.
Widersetzung jedoch ist das Wesen des Satans. Die Bibel sieht darin den Ungehorsam gegen Gott. Nicht Unglaube, sondern Ungehorsam ist die Gegenbewegung zum Glauben. Denn zu Glauben bedeutet, daß wir versuchen, Gottgerecht zu leben.
Aber Vorsicht: Glaube hat nichts zu tun mit "Kadavergehorsam". Zu Glauben bedeutet nicht: "alles fraglos aus Gottes Hand hinzunehmen - auch das Schmerzliche und Unverständliche - und womöglich noch Danke dafür zu sagen!"
Wenn Jesus in unserem Predigttext den einzigen wirklich engagierten Jünger einen Satan schimpft, so tut er es ganz sicher nicht, weil diesem - aus einer wahrhaft menschlichen Regung heraus - der vorgestellte Heilsplan "fragwürdig" erschienen war. Denn er konnte es ja nicht besser wissen. Im Wortsinn "satanisch" - d.h. aufbegehrend gegen Gott - war vielmehr die Schlußfolgerung des Petrus aus seiner nur zu menschlichen Uneinsichtigkeit: Daraus leitete er nämlich das Recht ab, selbst die Leitung des Unternehmens zu übernehmen. Ein - wenngleich verständliches, so doch auch - unvernünftiges Verhalten mit teuflischen Konsequenzen, würde ich meinen.
Und Petrus nahm ihn beiseite und fing an, ihm zu wehren.
Er aber wandte sich um, sah seine Jünger an und bedrohte Petrus und sprach: Weiche von mir, Satan! Denn du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist.

Hand aufs Herz, liebe Gemeinde: Wir alle haben wohl deshalb soviel Verständnis mit dem armen dummen, so drastisch zurückgepfiffenen Petrus, weil wir es nur zu gut verstehen, wie einer in Krisensituationen, wenn er nicht einsehen kann, warum dies und das so und nicht anders sein soll, dazu kommt, ausgerechnet aus seinem Nichtverstehen Schlüsse zu ziehen hinsichtlich dessen, was er (noch) glauben und wie er sich verhalten kann. Denn diese "Logik" ist uns vertraut, stimmts? Sie ist ja auch typisch menschlich. Teuflisch menschlich muß man sagen!

... Es gibt Tage, da wünscht´ ich, ich wär´mein Hund...!
Dann wüßte ich nämlich, wie ich es anfangen muß, um im Frieden mit mir selbst und meinem Herrn zu leben.
Am besten, ich wende mich ihm nocheinmal zu: Da liegt er nun zu meinen Füßen in geradezu philosophischer Ruhe und blinzelt mich, ob meiner verzweifelten Wortschlacht, nur bedauernd an. Er weiß nichts von Daseinskrisen und drängenden Fragen nach dem Sinn des Lebens. Er ist eben kein vernunftbegabtes Wesen.
Und doch ist es wohl ein kluges Tier. Denn er versteht immer (wenn auch nicht immer richtig), worauf es wirklich ankommt: Wenn ich aufstehe, steht auch er sogleich bereit, um mich auf meinem Weg zu begleiten - ganz gleich, wohin der uns führt.
Sicher, ein Hund ist kein Vorbild für uns Menschen. Doch in einem Punkt können wir ohne Zweifel von ihm lernen: Er lebt ganz selbstverständlich mit offenen Fragen. Mein Hund kann das, denn er kennt seinen Herrn. Er weiß, wo er hingehört.
Er versteht nicht alles - wie sollte er auch? Er ist ja nur ein Hund - ein guter Hund natürlich. Und wo ihm die Einsicht fehlt, wartet er mit einem Übermaß an Vertrauen auf.

Sie und ich, wir sind Menschen - gute Menschen vielleicht, oder auch nicht. Wie dem auch sei, was unseren Glauben, unser Gottvertrauen anbelangt, kommen wir nicht umhin, Fragen zu stellen. Kritische Fragen: Fragen nach dem Sinn hinter all dem, was wir nicht so ohne weiteres einsehen können. Denn das ist nur menschlich. Solche ganz menschlichen Fragen aber sind oft schmerzhaft, denn Antworten darauf gibt es nicht. Wir würden sie auch wohl nicht verstehen. Wie sollten wir auch? Wir sind ja nur Menschen.
Doch: wissen wir auch, wo wir hingehören? Kennen auch wir unseren HERRN, zu dem wir aufschauen können, wenn wir nicht recht wissen, was los ist und wie es weitergehen soll?

Liebe Gemeinde,
ich glaube an der Antwort auf diese eine Frage entscheidet sich jeden Tag von Neuem für uns, wie wir mit all den anderen Fragen zurechtkommen können, die uns das Leben so stellt - und auf die wir auch weiterhin kaum je eine befriedigende Antwort kriegen... Denn wenn wir diese eine Frage bejahen können, dann wird es uns möglich, den vielen offenen Fragen nach dem Sinn und der Zukunft, nach Leben und Tod, gelassener entgegenzusehen. Auch wenn diese offenen Fragen nicht aufhören, uns zu schmerzen wie offene Wunden.

Und ich glaube, das ist unsere besondere Aufgabe als vernunftbegabte Erdenwesen, daß wir immer wieder lernen, mit dem zurechtzukommen, was wir nicht verstehen - statt: auf alles eine Antwort zu finden!

"Glauben heißt nicht wissen" - sagt ein Sprichwort. Doch das ist in Wahrheit bloß die faule Ausrede derer, die vom Glauben nichts wissen wollen. Denn der Glaube, der Vertrauen ist, heißt sehr wohl wissen: Wissen nämlich, wo wir hingehören! Dieses Wissen reicht uns zum Leben - ganz gleich, was wir da noch so alles erfahren müssen.
Der Beter des 73. Psalm hat sein Vertrauen in einen Satz gegossen, den ich Ihnen heute - gewissermaßen als Gegengewicht zu allem aufbegehrenden Petrus- und sonstigem Menschenzweifel - mit auf den Weg geben möchte:
Wenn ich nur Dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde. Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist Du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Teil. (V. 25f)
Mehr gibt es nicht zu sagen. So wünsche ich Ihnen allen, die Sie ja vernunftbegabte Wesen sind, auch "Intelligenz des Herzens" - einen Glauben nämlich, der nicht viele Worte braucht, um uns zu zeigen, worauf es wirklich ankommt.

Und der Frieden Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn.

Amen