Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Matthäus 13, 44 - 46

Pfarrer Andreas Alders (ev.-luth.)

28.07.2013 Trinitatiskirche Reichenbach

9. Sonntag nach Trinitatis

Matthäus 13, 44 - 46

(44) Das Reich der Himmel gleicht einem im Acker verborgenen Schatz, den ein Mensch fand und verbarg; und vor Freude darüber geht er hin und verkauft alles, was er hat, und kauft jenen Acker.
(45) Wiederum gleicht das Reich der Himmel einem Kaufmann, der schöne Perlen sucht;
(46) als er aber eine sehr kostbare Perle gefunden hatte, ging er hin und verkaufte alles, was er hatte, und kaufte sie.


Liebe Gemeinde,

Knapp 4 Monate ist es her, seit ich zum letzten Mal hier gestanden und gepredigt habe – vielleicht haben wir einander vermisst, vielleicht fragen Sie sich: was hat er nur getan in dieser langen Zeit? Hat er vielleicht schöne Perlen gesucht wie der Kaufmann im biblischen Gleichnis oder einen verborgenen Schatz? Und: hat er gefunden, was er suchte?

Sie werden’s nicht glauben: Ja, so könnte es gewesen sein! Ich habe in diesen 4 Monaten meiner Krankheit erlebt, dass es viele, viele Menschen in unserer Gemeinde gibt, denen das Schicksal des anderen, des Nächsten, des Menschen neben einem, nicht egal ist. Dass sie mitleiden, mitfiebern im wahrsten Sinn des Wortes, und sich mitfreuen, wenn es aufwärts geht mit der Gesundheit. Für den, der krank ist, ist es ein wunderbares Gefühl, zu wissen, dass das eigene Schicksal nicht etwas ist, das im luftleeren Raum schwebt, sondern dass es Menschen gibt, die es etwas angeht, die das Schicksal des anderen an sich heranlassen und es begleiten mit ihren guten Gedanken und Gebeten. Ich glaube, dies ist eines von vielen Paradigmen einer christlichen Gemeinde. Schön, dass es so ist!

Und ich möchte noch einen Schritt weitergehen: ja, diese Erfahrung, die man innerhalb unserer Gemeinde machen kann, ist so ein Schatz, so eine kostbare Perle, und man kann nur möglichst vielen Menschen wünschen, etwas derartiges zu finden. Dazu muss man nicht krank sein oder krank werden. Diese Erfahrungen kann man auch im körperlich gesunden Zustand machen. Das Aneinander-Denken, das Füreinander-Beten, das Umeinander-Wissen ist unser Schatz als Gemeinde, wertvoll und kostbar wie nichts sonst auf der Welt. Denn dieses Gefühl des Angenommenseins, des Beheimatetseins, kann mir kein Reichtum noch irgendein vergängliches materielles Gut vermitteln.

Wenn dies also der Schatz, die Perle ist, was muss ich dafür tun, es zu besitzen? Das Gleichnis sagt: alles verkaufen und von dem Erlös den Acker mit dem Schatz bzw. die Perle erwerben. Nun, sehr schnell werden wir richtigerweise einwenden, dass die Zuwendung zwischen Menschen nicht etwas ist, dass man käuflich erwerben könnte. Was könnte dann damit gemeint sein? Der Kaufmann im Gleichnis verkauft rigoros alles, was er hatte. Vielleicht waren da ja schon Perlen darunter, die auch ihren vielleicht nicht unbeträchtlichen Wert hatten. Vielleicht fand er ja auch die eine oder andere besonders schön, hatte sein Herz daran gehängt und es fiel ihm schwer, sie wieder herzugeben! Aber er tat es doch, weil er erkannt hatte, dass diese eben gefundene neue Perle einen noch einmal sehr viel höheren Wert darstellte, als alles, was er bisher sein eigen genannt hatte. Es geht also nicht um Kaufen und Verkaufen. Es geht darum, den Dingen in meinem Leben den richtigen Stellenwert zuzuweisen. Und da mag ich eine Zeitlang in meinem Leben ähnlich wie der Kaufmann Dinge gehabt haben, die ich als wertvoll erachtete – sie verblassen vor der Erfahrung der liebevollen Zuwendung von Menschen, so wie ich sie in den letzten Monaten erlebt habe. Das kann ich mir nicht kaufen und ich muss dafür auch nicht alles andere verkaufen. Aber ich kann staunen darüber, dass mir plötzlich aufgeht, was wirklich wichtig und wertvoll ist. Das ist wie der Himmel!

Und deswegen vergleicht Jesus wohl auch das Himmelreich mit diesen Erfahrungen. Es ist wunderbar, dass Jesus uns in seinen Gleichnissen immer wieder auf erstaunliche Weise das Unerklärbare erklärt. Wie wird es sein in jenem neuen Leben, auf das wir zugehen, das ewig sein wird und das wir umschreiben mit „Reich Gottes“ oder eben mit „Himmelreich“? Erfahrungsberichte haben wir nicht. Wir können uns dieser Wirklichkeit nur in Bildern nähern und Jesu Gleichnisse sind uns dazu eine große Hilfe.

Mein gefundener Schatz ist die liebevolle Zuwendung zwischen Menschen. Ich glaube, wir lehnen uns nicht zu weit hinaus, wenn wir behaupten, dass dies etwas ist, was auch das Reich Gottes ausmacht. Jesu Beschreibungen sind voll von dem einen Aspekt, dass Gott sich uns in Liebe zuwendet. Und wenn wir Menschen uns schöpfungsgemäß als Ebenbilder Gottes verstehen, dann hat Gott uns mit genau dieser Begabung ausgestattet: dass wir uns einander liebevoll zuwenden können. Und wo immer dies gelingt, da ist schon ein Stück Himmel offen, da ist das Reich Gottes schon mitten unter uns.

Es ist also nicht etwas, was sich erst in ferner Zukunft ereignen wird, sondern etwas, was wir jetzt schon Wirklichkeit werden lassen können. Natürlich muss man auch sagen, dass wir noch nicht endgültig zuhause sind, dass wir uns noch in der Vorläufigkeit dieser Welt befinden, was daran deutlich wird, dass es eben nicht immer gelingt. Dass Menschen sich nicht immer liebevoll einander zuwenden. Aber sie sind grundsätzlich in der Lage dazu – und wo immer dies gelingt, ist Gottes Reich gegenwärtig unter uns. Und die christliche Gemeinde ist natürlich ein Ort, an dem man ruhig vermuten darf, dass es häufiger gelingt als anderswo. Denn sie hat die Bibel, die Gleichnisse, sie hat die Bergpredigt und alle Aussagen Jesu über den Vater. Sie hat das Doppelgebot der Liebe, sie weiß im Grunde, wie es geht. Sie muss nicht so lange nach dem Schatz suchen, er liegt praktisch vor ihren Füßen.

Und das ist auch das, was man „von außen“ einer christlichen Gemeinde zutraut, dass bei ihr die Sorge umeinander und der Zusammenhalt einen ganz anderen Stellenwert haben als sonst in der Welt. Und manche, denen es gerade mal wieder nicht gelungen ist, blicken versonnen, fast mit ein wenig Neid auf diejenigen, für die Reinhard Mey diese Sätze geschrieben hat: habt Dank, dass ihr nie fragt, was es bringt, ob es lohnt. Vielleicht liegt es daran, dass man von draußen meint, dass in euren Fenstern das Licht wärmer scheint.

Sie haben diesen Schatz gefunden. Und wenn Sie ihn noch nicht gefunden haben, dann wissen Sie heute ein Stück bestimmter, wo Sie suchen müssen.

Jetzt werden Sie sagen: Na ja, vielleicht hängt er das Ganze doch ein wenig zu hoch! Es ist doch selbstverständlich, dass ich an andere Menschen denke und ihnen helfe, wenn sie mich brauchen. Das ist doch nicht der Rede wert. – Doch. Ist es. Es ist nichts weniger als der Himmel, der auf diese Weise erfahrbar wird. Für den Menschen, der Zuwendung erfährt und auch für den Menschen, der sie schenkt. Denn das ist das Grundbedürfnis von uns Menschen, seit es uns gibt. Man könnte es auch Liebe nennen. Es ist ein Stück Himmel, weil Gott sich uns auf gleiche Weise zuwendet. Und wenn wir tun, wozu er uns in die Lage versetzt hat, nämlich uns anderen Menschen zuwenden, dann haben wir schon eine Menge von ihm verstanden. Amen.