Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Matthäus 28,1-10

Pfarrer Thomas Ammermann

23.03.2008 in der Schlosskirche Bad Mergentheim

Liebe Gemeinde,

In der Predigt bemüht sich jeder Pfarrer, die alten Dinge neu zu sagen. So, dass seine Zuhörer, die ja im Großen und Ganzen schon wissen, was sie erwartet, ganz neu aufmerken. Wenn es ihm solcherart gelingt, die Aufmerksamkeit seiner Gemeinde zu erzeugen, dann kann es nämlich geschehen, dass im alten Gewissen der Menschen das Altgewisse der Botschaft ganz neue Wirkungen zeitigt. Vorausgesetzt die Menschen haben ein Gewissen. Im Dienste an der Verkündigung geht es also nicht darum, immer wieder neue, möglichst sensationelle Geschichten zu erfinden, sondern darum die Menschen wieder finden zu lassen, was sie schon 2000 Jahre lang vor Augen haben. Oder besser: sie zum Suchen zu ermutigen, sie zu ermutigen, sich selbst als Suchende zu begreifen...
In diesem Sinne überlegt sich unser Pfarrer, welche Anknüpfungspunkte es für die Botschaft des Evangeliums im alltäglichen praktischen Lebensvollzug der Leute, die er erreichen möchte, geben könnte. Ostern so denkt er sich, ist das besonders leicht. Immerhin hat diese Thematik ja längst einen festen Platz im Bewusstsein unserer Gesellschaft und ihrem Leben: Osterfeiertage, Osterferien, Ostergeschenke und - jawoll, das schauen wir uns mal an - das Oster-Fernsehprogramm. Mal sehen, was uns hier heute abend so erwartet – bzw. in den letzten Tagen so geboten wurde. (Fernsehzeitung zur Hand nehmen):
Karfreitag auf SAT1: „Stirb langsam“ – na, das passt doch prima...! Und Ostersonntag auf RTL: „King Kong“ – Monsterdrama. Na, ja... Etwas später dann auf PRO 7: „House of Wax“ – laut Fersehzeitung ein „Deftiger Horrorschocker mit furiosem Finale“ - O weh, das klingt auch nicht allzu österlich... Oder hier: „In Hell“ – Jean-Claude Van Damme teilt aus... – sicher auch nicht gerade das Gelbe christlicher Tugendlehre ...
Und das gute alte ZDF? Dort lässt man zum Fest der Erlösung Insprektor Barnaby mit der Botschaft: „Blut ist dicker...“ antreten...
Immerhin einen Anflug von Geist verspricht indes (ab 23.30 Uhr) die ARD mit dem Widerstandsdrama „Edelweißpiraten“...
Trotzdem, liebe Gemeinde, könnte es sein, dass im Bewusstsein unserer Meinungs- und Programmmacher der Ostergedanke ein bisschen auf den Hund gekommen ist? (Wau!) - Höchste Zeit, einmal wieder die biblische Ostergeschichte harauszubellen:

Matthäus 28, 1-10:
Als aber der Sabbat vorüber war und der erste Tag der Woche anbrach, kamen Maria von Magdala und die andere Maria, um nach dem Grab zu sehen.
Und siehe, es geschah ein großes Erdbeben. Denn der Engel des HERRN kam vom Himmel herab, trat heran, wälzte den Stein weg und setzte sich darauf.
Seine Gestalt war wie ein Blitz und sein Gewand weiß wie Schnee.
Die Wachen aber erschraken vor Furcht über ihn und wurden, als wären sie tot. Aber der Engel redete die Frauen an und sagte: Fürchtet euch nicht! Ich weiß, dass ihr Jesus, den Gekreuzigten, sucht.
Er ist nicht hier; denn er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt her und seht die Stätte, wo er gelegen hat;
und geht schnell hin und sagt seinen Jüngern, dass er von den Toten auferstanden ist. Und siehe, er wird vor euch hergehen nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen. Siehe, ich habe es euch gesagt.
Und sie gingen schnell weg vom Grab mit Furcht und großer Freude und liefen, um es seinen Jüngern zu verkündigen.
Und siehe, da begegnete ihnen Jesus und sagte: Seid gegrüßt! Und sie traten zu ihm und umfassten seine Füße und fielen vor ihm nieder.
Da sagte Jesus zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Geht hin und verkündigt es meinen Brüdern, dass sie nach Galiläa gehen; dort werden sie mich sehen.

Dies also ist der Osterbericht aus dem MT-Evangelium. Oder besser: die Ostergeschichte. Klingt fast wie ein Märchen. Allenfalls geeignet für´s Nachmittagsprogramm, wie es scheint. Unterhaltung für Kinder und christliche Träumer...
Trotzdem, verglichen mit den anderen Osterberichten in der Bibel hat Matthäus hier gewissermaßen ganz großes Kino aufgefahren: Im ältesten Bericht, dem Markusevangelium, war noch schlicht die Rede gewesen von den Frauen, die das Grab besuchen wollten. Dort angekommen finden sie den Leichnam Jesu nicht, bekommen dafür aber von einem geheimnisvollen Mann bezeugt, dass Christus auferstanden sei. Das genügte ihnen - und offenbar auch noch der Gemeinde des Markus. Bei Matthäus dagegen ist das Zeugnis von der Auferstehung Christi schon aufwendiger verpackt: Ohne Erdbeben, eine wundersame Katalepsie der Wachen und natürlich das sichtbare Auftreten des Auferstandenen schien es dem Evangelisten schon nicht mehr vermittelbar zu sein für seine Gemeinde.
Matthäus bietet gewissermaßen die antike Hollywood-Version des Auferweckungsereignisses. Ausgerechnet spektakuläre Wunder sollen die Glaubwürdigkeit erhöhen. Das ist natürlich legitim - denken Sie an die Aufgabe jeden Pfarrers, seine Gemeinde aufmerken zu machen angesichts der Heilstaten Gottes. All das wundersame Geschnörkel dieser Erzählung dient ja nur dazu, die Aufmerksamkeit der Menschen auf das Eigentliche zu lenken, auf den Kern der frohen Botschaft, auf die Tatsache, dass Gott ins Geschick der Menschen eingegriffen, Sich mit Christi Sterben ein für allemal auf die Seite der todgeweihten Menschheit gestellt und mit dessen Auferweckung das Leben aller ganz neu und unzerstörbar gegründet hat. Das ist das eigentliche und wohl auch einzig wirkliche Wunder, von dem die Christenheit zu berichten weiß.
Damit könnte ich es eigentlich bewenden lassen und diese Predigt beenden. Denn alles Wesentliche ist gesagt. - Wenn da nicht das österliche Fernsehprogramm wäre, stellvertretend für das Interesse und die Lebenshaltung der meisten Menschen unserer Tage... Es kommt darin so gar nichts von Ostern zum Tragen, nicht der geringste Widerschein von Verständnis, ja nicht einmal Interesse am Wundersamen. Und das heißt schon etwas. Denn Menschen brauchen Wunder. Wunder sind Geisterlebnisse. Das Wunder fasziniert, weil es das Alltägliche unseres gewöhnlichen Lebens übersteigt, das beschränkte Dasein transzendiert. Im Hunger nach dem Wunderbaren äußert sich gewissermaßen die Erinnerung des Menschen daran, dass unser Menschsein mehr bedeutet, als die Summe unserer physischen Erlebnisse.
Ja, Wunder sind menschlich. Nichts bringt uns näher an den Kern unserer Existenz heran, als Erlebnisse und Zeugnisse, welche die Grenzen der gewöhnlichen menschlichen Erfahrung sprengen.
Der Mensch ist ein Geistwesen. Die natürliche Antwort des Menschengeistes auf die Hinfälligkeit unserer irdischen Existenz ist der wunderbare Traum von Unsterblichkeit, unser Wunsch nach Erlösung von der Todverfallenheit.
In diesem Traum kommt so etwas wie ein Wissen zum Ausdruck, die Erinnerung unseres Geistes daran, dass wir Menschen mehr sind und zu mehr berufen, als dazu, hier so recht und schlecht ein paar Jahrzehnte zu existieren um dann zu Nichts zu zerfallen wie das Fernsehprogramm von gestern.
Was aber ist geworden aus diesem wundersamen “Talent” des Menschen zur Transzendierung seiner Existenz? - So frage ich mit Blick auf die Geistlosigkeit des österlichen Fernsehprogramms. Mit Wundern a la Matthäus kann man - wie gesagt - anscheinend bloß noch das Kinderprogramm gestalten. Woran liegt das? Liegt es daran, dass die Menschen heute kritischer sind, als noch zu Matthäus Zeiten? Dass sie dem Breitwand-Kino-Spektakel seiner Ostererzählung einfach keinen Glauben mehr schenken können? - Das glaube ich nicht, denn die meisten Menschen glauben ja ansonsten auch alles, was man ihnen sagt, darunter vieles, was noch viel unglaubwürdiger ist. (Wer´s nicht für möglich hält, möge doch mal - z.B. nach 21 Uhr auf dem Sendeplatz des KiKa – in einen dieser unsäglichen Astrologie-Kanäle schauen...!) Nein, es muss einen anderen Grund für all das geben, einen naheliegenderen, weltlicheren, einen trivialeren Grund.
Der Mensch, hatten wir gesagt, ist ein Geistwesen. Und die Erinnerung des Geistes ist der Gedanke an Wunder. Im Wunderglauben bringt sich unser Geist selbst zur Sprache.
Wie nun, wenn - im Strudel der modernen Welt mit ihren vielen neuen Erkenntnissen - die Menschen schlicht vergessen hätten, was sie selber sind? Wenn all das trotzige Selbstbewusstsein der ach so aufgeklärten Menschheit am Ende nichts weiter wäre, als Selbstvergessenheit, Ausdruck ihrer Verlorenheit an eine Welt, deren unerbittliche Natur sie nur zu genau zu erforschen gelernt haben?
Das Wunderstreben des verweltlichten Menschen jedenfalls, jenes Menschen, der an nichts mehr glauben kann als an die äußeren Bedingungen, unter denen er lebt - besser: der nichts mehr kennt und wahrnimmt als sich selbst als einen Teil von alledem - sein Suchen nach dem “Wunder des Daseins” ist korrumpiert zur Sensationsgier. Was Nervenkitzel erzeugt, ist von Interesse. Erregung ja bitte, aber bitte im Rahmen des Vertrauten! Nur nichts Übernatürliches, das die Bequemlichkeit unserer Natur stört, das in Frage stellt woran wir uns gewöhnt haben...! In einer solcherart geistlosen Zeit aber sind Wunder die langweiligste Sache der Welt. Denn sie wirken in der Regel weder erregend auf die Lenden, noch auf den Bauch. Kein Nerven aufreibendes Spektakel.
Wahrscheinlich ist dies die Antwort auf unsere Frage: Wir leben in einer geistlos gewordenen Welt. Und wenn Geist das Wesen des Menschlichen ist, der Spiegel seiner Bestimmung, dann bedeutet dies zugleich, dass unsere Welt auch an Menschlichkeit eingebüßt hat.
Trotzdem - oder gerade deshalb: Wunder gibt es immer wieder... - aber die meisten davon sind blau - passend zu den Augen der vielen, denen man alles weiß machen kann, weil sie nichts begriffen haben...!

Liebe Gemeinde, deshalb ist Ostern so wichtig. Genauer gesagt: Die Oster-Botschaft, die Verkündigung der Tatsache, dass Gott Selbst sich um unser Leben sorgt, darum dass wir den Sinn und das Ziel unseres Daseins finden.
Wie gesagt, über die Stilmittel des Matthäus kann man streiten, über seine Botschaft aber nicht. All die wundersamen Erscheinungen, von denen er berichtet - ein großes Erdbeben, ein Engel, der vom Himmel kommt, Wachen, die zu Boden sinken wie führungslose Marionetten usw. - sie dienen dazu, die Außergewöhnlichkeit und das Gewicht dessen zu markieren, was sich hier vollzieht. Gott selbst ist am Werk, Gott allein. Nicht anders als bei der Schöpfung der Welt.
Ja, es ist die Neuschöpfung des Lebens, um welche die Auferstehungsbotschaft kreist, der Beginn und die Ermöglichung allen wirklichen Lebens, unseres Lebens mit Gott. Darum geht es, um nichts Geringeres. Und darum ist es ist es auch völlig legitim, dass Matthäus die Szene so darstellt, als wären hier auch gleich die Naturgesetze außer Kraft geraten.
Er hat ja Recht, denn tatsächlich ist Ostern, die Auferweckung Jesu Christi, jener archimedische Punkt, an dem Gott diese Welt aus den Angeln hebt. Die allzu glatte Oberfläche der Normalität von Leben und Sterben, Schuldigwerden und Zugrundegehen, von sachlichem Kalkül der klugen Menschen und kühler Versachlichung alles Menschlichen..., all dies bricht ER auf wie die Schale eines Ostereis, so dass der Kern ans Licht kommt, gewissermaßen der Dotter allen Lebens, Sinn und Ziel unseres Daseins auf dieser Erde.
Die Auferstehung Jesu Christi, des nach damals geltendem Recht rechtmäßig verurteilten Systemkritikers und Unruhestifters, ist Gottes Aufstand gegen alle, die allzu gut zurechtkommen mit dieser Welt wie sie nun einmal ist mit ihren Unvollkommenheiten, ihrer Ungerechtigkeit und dem Diktat dessen, was “die Umstände” scheinbar oder tatsächlich gebieten.
Ich meine die Selbstgerechten, die bloß Vernünftigen, die Technokraten mit dem sog. kühlen Kopf, die Realpolitiker und ihr Gefolge von Menschen, die immer Recht haben, weil sie sich beschränken auf das, was ist, statt auch zu fragen was und wie es auf der Welt zugehen könnte. Denen stellt Gott die Auferweckung Jesu Christi, die Verwirklichung des wirklich Un-Denkbaren, entgegen. Die wunderbare Botschaft von einem Sinn und Ziel allen Lebens, weit oberhalb dessen, was Menschen von sich aus finden und er-finden können. Ja, liebe Gemeinde, das ist die Sprengkraft der Osterbotschaft - mit oder ohne Erdbeben: die Kunde, dass mehr hinter dieser Welt steckt, als wir mit kühler Sachlichkeit erkennen können, dass da ein Gott ist, der die Menschen erlösen will aus den tödlichen Zwängen einer scheinbar übermächtigen Weltordnung und ihrer Gesetze.
Wie kann ich den Menschen die Botschaft von der Auferweckung Christi, von der Berufung aller zu neuem Leben in und aus dem Geist Gottes nahe bringen? - Das war die Ausgangsfrage meiner Predigt, die Überlegung eines jeden Pfarrers, bevor er an Ostern die Kanzel besteigt. Doch die Frage ist nicht gut gestellt. Nicht wie kann man... muss sie lauten, sondern wer kann das tun?!
Darum, liebe Gemeinde, sind die Christen so wichtig. Ihr und mein Glaube, Ihr und mein Zeugnis, unser Aufbegehren gegen Geistlosigkeit und falsche Nüchternheit in einer Welt, die den Gedanken an das Wunder - die das Suchen der Menschen nach dem, was über sie hinausweist - ins Kinderprogramm verbannen musste! Denn das bedeutet heute Glauben: Dass wir Christen es lernen, noch andere Fragen zu stellen, als die ganz nahe liegenden, etwa wie es machbar ist, einen Achmad I Nechad zu stoppen, die Chinesen Menschenrechte halten zu lehren oder den Sozialstaat sozialverträglich abzuschaffen - so berechtigt solche Fragen, wie auch die Ängste, die dahinter stehen, auch sein mögen.
Der Glaube ermutigt uns, grundsätzlicher zu fragen. Nicht nur nach dem, was wir als Menschen dieser Welt tun können oder keinesfalls lassen dürfen, sondern auch nach dem Grund, nach dem religiösen und moralischen Fundament unserer Existenz und unseres Handelns als Christen vor Gott, nach jenen Lebens-Bedingungen, die kein Steuer hinterziehender Topmanager und keine chinesische Gewaltorgie, kein Amerikanischer Präsident, und erst recht kein atomgeiler „Hinterwüsten-Rebell“ ins Wanken bringen kann. Und zulassen dürfen wir unsere Skrupel, die Anfragen unseres Gewissens, wenn es mal wieder heißt: dem wirtschaftlichen Fortschritt, den politischen Zweckbündnissen oder schlicht unseren eigenen Interessen ein Menschenopfer – das Opfer unserer kritischen Mitmenschlichkeit - zu bringen. Denn unser Gewissen ist ein Spiegel der Verheißung jenes Gottes, der schon einmal, ein- und für allemal, das Wunder neuen Lebens ans Licht gebracht hat, quer durch die vermeintlich unabdingbaren Sachzwänge und die Gesetze menschlicher Un-Rechtssprechung und ihrer Folgen hindurch.

Natürlich werden unsere “Gewissen-haften” Anfragen an den Status quo des politischen und sozialen Umgangs miteinander noch lange ohne befriedigende Antwort bleiben. Ein Traum, ein flüchtiger Gedanke, der uns allenfalls zögern lässt, nachdenklich innehalten im Chor jener, die dieser wie alle Tage mit dem Pathos unbestreitbarer Notwendigkeit die Wirtschafts- Politik- und Sozialstrategien jener Mächtigen propagieren, für welche die Welt nie mehr sein kann, als ein großer Bazar, Umschlagplatz realer Interessen und Angebote und die nichts anderes für bare Münze halten können, als das, was sich in derselben auszahlen lässt...
Und doch, es will mir dies Geringe schon erscheinen wie ein Hinweis auf die Rückkehr des verlorenen Geistes, wider die Quotenjagd im Fern-sehen und andere Kurz-sichtigkeiten... Oder sollte ich sagen: Wie ein Schimmer der Auferweckung, des ewigen Lebens? In diesem Sinne bitte ich Sie heute mit den Worten Jesu aus dem letzten Vers unseres Textes, in denen der ganze Osterbericht gipfelt - : Geht hin und verkündigt es meinen Brüdern, dass (auch) sie ... mich sehen.

Amen.