Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Matthäus 7,24-26

Prof. Dr. Max Otte (ev.)

01.11.2009 in Leichlingen-Witzhelden

Atempause - Auf zu neuen Ufern

 

Matthäus, 7, 24-26:

24Darum, wer diese meine Rede hört und tut sie, den vergleiche ich einem klugen Mann, der sein Haus auf einen Felsen baute. 25Da nun ein Platzregen fiel und ein Gewässer kam und wehten die Winde und stießen an das Haus, fiel es doch nicht; denn es war auf einen Felsen gegründet. 26Und wer diese meine Rede hört und tut sie nicht, der ist einem törichten Manne gleich, der sein Haus auf den Sand baute.

 

Liebe Gemeinde in Christo,

erst jetzt beginnen wir, die Auswirkungen der Finanzkrise in der Realität zu spüren.

Als im letzten Herbst Banken und Staaten mit Milliarden, ja Billionen, gerechnet hatten, spielte sich vieles auf einer sehr abstrakten Ebene ab. Die Banken meldeten massive Verluste. An den Finanzmärkten herrschte Panik. Die Börsenkurse brachen ein.

Jetzt laufen die ersten Kurzarbeitsmaßnahmen aus. 7000 Mitarbeiter von Quelle stehen vor dem Nichts. Vor einigen Wochen häuften sich positive Meldungen in den Zeitungen, jetzt merken wir: es ist noch lange nicht ausgestanden.

Manchen trifft es – in den Familien, in den Städten, in den Gemeinden. Die Krise schlägt urgewaltig und zufällig zu. Sie trifft diejenigen, die keine Schuld an ihrem Entstehen hatten.

Diese Krise wurde alleine von Menschen gemacht.

  • von Managern und Bankern, die ihre Gier oder Ehrgeiz zu immer gewagteren Geschäften getrieben hat
  • von Ratingagenturen, die sich dafür bezahlen ließen, auf Schrottanleihen das höchste Gütesiegel zu setzen
  • von Notenbankern, die geglaubt haben, durch den Druck von Geld Wachstum schaffen zu können
  • von den Politikern, die dasselbe mit Schuldenmachen versucht haben
  • von Politikern, die in keinerlei Weise dem Treiben der Konzerne und Banken Einhalt geboten haben, sondern diese noch hofieren
  • von den Ökonomen, die die Politiker in ihrem Machbarkeitsglauben unterstützt haben und ihnen gesagt haben, dass alles in Ordnung sei.

Diese Menschen merken weitgehend nichts von der Krise. Der ein oder andere hat seinen Posten verloren, zumeist aber mit einer guten Abfindung. Der Rest macht weiter wie bisher.

Geld regiert die Welt, heute mehr denn je. Die guten Juristen und Ökonomen gehen nicht mehr in den Staatsdienst, sie gehen zu Banken, Rechtsanwaltskanzleien oder den Konzernen. Dort werden heute die Entscheidungen getroffen. Der Staat darf nur noch moderieren. Das Finanzmarktstabilisierungsgesetz wurde zum Beispiel von einer Rechtsanwaltskanzlei geschrieben, einer Kanzlei, die einen Monat zuvor noch die Hypo Real Estate beraten hatte.

Mit den Ökonomen ist eine moderne Priesterkaste des Geldes entstanden. Zu fast allem werden Sie gefragt, und zu fast allem haben sie eine Antwort. Und die Menschen schauen zu Ihnen auf wie zu Priestern – auch nach der Krise noch. Aber diese falschen Priester haben die Idee genährt, dass alles machbar sei. Kaum einer hat vor einer möglichen Krise gewarnt.

Wirklicher Glauben ist vielerorts durch einen Scheinglauben an Wohlstand und Fortschritt ersetzt worden, der so nicht aufrechterhalten werden kann.

Geld regiert die Welt.

Sieht so der Aufbruch zu neuen Ufern aus?

Washington, London, Pittsburgh – die Wirtschaftsgipfel fanden in den Ländern statt, welche die Krise ausgelöst haben. Ihren überließ man die Führung bei den Krisenrettungsmaßnahmen. Ein Schweizer Industrieller sagte mir: „Ihr Deutschen wärt die einzigen, die dort dagegenhalten könnten, aber ihr traut Euch nicht.“ Unsere Bundeskanzlerin trifft sich mit den Chefs der großen Banken, wo sie sich besser von den Vorständen der Volks- und Raiffeisenbanken sowie Sparkassen beraten lassen sollte.

So ist es kein Wunder, dass sich auch nach Pittsburgh fast nichts geändert hat. Verbriefte Produkte werden weiter emittiert, in den USA werden schon wieder Subprime-Kredite vergeben. Die Staatsschulden explodieren. England und die USA haben Staatsdefizite, die ansonsten nur in Kriegszeiten entstehen.

Nach dem Finanzkrach von 1929 wurden den Finanzmärkten weltweit Fesseln angelegt. Die Regierungen regulierten da, wo es notwendig war.

Und heute? Aufbruch zu neuen Ufern?

Wenn wir aus dieser Krise herauskommen - und wir sind noch lange nicht heraus - dann wird sich nichts geändert haben. Im Gegenteil: die ungeheuren Mengen an Liquidität, die ins System gespeist wurden, warten nur darauf, irgendwo die nächste Blase zu nähren. Die Politik hat uns allein gelassen. Die versprochenen Brandschutzmauern und Leitplanken wurden nicht gebaut.

Immer mehr leben wir in einem System aus Lug und Betrug. Wir wissen immer weniger, was wir glauben sollen. Wir merken, dass wir uns letztlich nur auf eine Autorität verlassen können: Gott den Vater, Sohn und heiligen Geist.

Aufbruch zu neuen Ufern – was kann ich tun?

Wer aufbricht, muss wissen, wo seine Heimat ist. Denn sonst ist er nur Treibgut der Geschichte. Die Heimat eines Christenmenschen ist der Glaube an Gott, die feste Burg. Er hilft uns frei aus aller Not, die uns jetzt hat betroffen.

Mit einem solchen Fundament, auf Felsen gebaut, ausgerüstet, müssen wir die Krise nicht fürchten. Wir können vorangehen, neue Wege erkunden.

Im Neuen Testament gibt es zunächst zwei scheinbar widersprüchliche Stellen:

Einerseits: Und Jesus ging in den Tempel, fing an und trieb aus die Verkäufer und Käufer in dem Tempel; und die Tische der Wechsler und die Stühle der Taubenkrämer stieß er um… (Markus 11,15).

Andererseits: Du Schalk und fauler Knecht! wußtest du, daß ich schneide, da ich nicht gesät habe, und sammle, da ich nicht gestreut habe? So solltest du mein Geld zu den Wechslern getan haben, und wenn ich gekommen wäre, hätte ich das Meine zu mir genommen mit Zinsen. (Matth. 25, 27-28).

Ich glaube, dass sich dieser scheinbare Widerspruch aufklären lässt. Jesus treibt die Wechsler und Händler aus dem Tempel, denn das Reich Gottes ist nicht von dieser Welt. („Mein Reich ist nicht von dieser Welt.“ (Joh. 18,36)) Wer auf Gott baut, der muss nicht an den Krisen dieser Welt zerbrechen, denn seine Hoffnung ist eine höhere.

Aber Jesus ermahnt uns eindringlich, unsere Talente zu nutzen. Diese Talente sind uns von Gott gegeben worden. Er will, dass wir sie IN dieser Welt nutzen.

Wer weiß, wo seine Heimat und sein Fels sind, der kann aufbrechen, neue Dinge probieren. Er fürchtet sich nicht vor den Nöten dieser Welt. Er fürchtet nicht den sozialen Abstieg. Er muss nicht enden, wie bei Adolf Merckle, der aufgab, als er vor den Trümmern seiner beruflichen Existenz stand.

Neue Ufer: Der Hartz-IV-Empfänger, der eine Ausbildung beginnt und sich einen neuen Beruf aneignet. Der Manager, der nun eine caritative Einrichtung leitet. Die Fondsmanagerin, die Milliarden verwaltete, und nun als Lehrerin für Mathematik eine erfüllte Aufgabe hat. Der Mut, im Vertrauen auf Gott einen Schritt ins Ungewisse zu tun. Wie mein Onkel, der vor vielen Jahren seinen Job als Lehrer aufgab, um in einer christlichen Lebensgemeinschaft auf dem Bauernhof mit schwer Erziehbaren und jugendlichen Straftätern zu arbeiten. Seitdem sind er und seine noch zwei Mal dem Ruf ins Ungewisse gefolgt und können nun auf ein materiell bescheidenes, aber in allen anderen Aspekten höchst reiches Leben zurückblicken.

Was können die Gemeinden tun?

Machen wir uns nichts vor. Es geht vielen Gemeinden nicht gut. Die Zahl der Kirchenaustritte nimmt nicht ab. Das christliche Abendland wird zunehmend zu einem christlichen Flickenteppich. Das trifft nicht nur die Mitgliederzahlen in den Gemeinden. Das trifft auch die Kassen. Soziale und caritative Dienste können nicht mehr finanziert werden. Dabei werden sie in Zeiten der Krise nötiger als je zuvor.

Geld regiert scheinbar auch hier die Welt.

Umso strahlender können Orte leuchten, an denen die Macht des Geldes sich nicht durchgesetzt hat. Wo das freundliche Wort, das Mitgefühl, die Brüderlichkeit regieren. Die Menschen sehen so etwas.

Hier sehe ich auch die Chancen für unsere Gemeinden: lassen Sie uns ein Modell der Brüderlichkeit sein, Orte, die signalisieren, dass es auch anders geht.

Natürlich heißt das nicht, dass wir die ökonomischen Grundlagen unserer Existenz vergessen sollen – wie es in der evangelischen Kirche in der Vergangenheit leider oft der Fall war. Finanzkompetenz tut uns gut – für uns, für unsere Familien, für unsere Gemeinden. Ja, wir leben im Raubtierkapitalismus, den Helmut Schmidt bereits 2005 als solchen benannte. Es wird nicht besser. Die Politik hat uns allein gelassen. Umso wichtiger ist es, dass wir das Feld nicht den Raubtieren überlassen.

Der Kirchenkreis Leverkusen hat bereits mehrere Initiativen gestartet, zuletzt die Ausbildung zum ehrenamtlichen Finanzcoach. In Witzhelden sind schwierige, aber zukunftsweisende Entscheidungen über Einnahmen und Ausgaben getroffen worden. Mit der Überlassung von Erbbaurechten wirtschaftet die Gemeinde in Eigenverantwortung und nachhaltig. Das ist etwas anderes als der Verkauf von Gemeindevermögen.

Vielleicht werden wir in Zukunft ganz von der finanziellen Organisationsform der Landeskirchen wegbewegen müssen. Die beamtenähnlichen Strukturen haben sich überlebt. Dort, wo die Gemeinden über ihr eigenes finanzielles Schicksal entscheiden, zeigt sich sehr schnell, ob eine Gemeinde lebensfähig ist oder nicht. Ich denke, dass dies auch ein Grund für die Vitalität christlicher Gemeinden in den USA und anderen Ländern ist. Da, wo wirklich Eigenverantwortung geübt wird – und zwar bei Einnahmen und Ausgaben - entsteht eine neue Dynamik. Die Kirche kann sich nur aus den Gemeinden heraus erneuern, niemals von oben.

Helfen wir, dass unsere Gemeinden strahlen. Helfen wir, dass sie sorgsam mit denen ihnen anvertrauten Mitteln umgehen. Stehen wir fest mit den Beinen in dieser Welt, aber lassen wir uns nicht vom Geld regieren, so wie es mittlerweile bei vielen der Führungskräfte unserer Gesellschaft der Fall ist. Machen wir uns nicht von Dienstwagen, Dienstwohnungen und Nebeneinkünften abhängig.

Mögen unsere Gemeinden – in Witzhelden und anderswo – Beispiele dafür sein, dass Menschlichkeit, Brüderlichkeit nicht vom Geld abhängen. Mögen sie Beispiele sein für die Nachfolge Christo, für einen Geist, der alle Krisen überwinden kann.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Jesus Christus.

Amen.