Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Numeri 11, 11-17. 24-25 – Unterstützung für Moses

Pfarrer Thomas Ammermann (ev)

27.05.2012 in Untereisesheim (BW)

Pfingsten 2012

WEHEN DEMOKRATISCHER ERNEUERUNG

Liebe Geburtstagsgäste! - Ja, das sind Sie, denn heute feiern wir Geburtstag: Pfingsten ist das Geburtstagsfest der Kirche. Damals - so steht es in Apostelgeschichte 2 - lauschten eine Reihe "gottesfürchtiger Leute", die aus aller Herren Länder kamen, den Worten der Apostel und war buchstäblich "begeistert". Denn alle hatten in ihrer Sprache Gottes Wort vernommen. Mit anderen Worten: Alle fühlten sich von der Predigt der Apostel ganz persönlich angesprochen!
Im Pfingstbericht der Apostelgeschichte wird von Menschen erzählt, die Gott selbst in seinem Wort begegneten und von Stund an wussten: Alles wird anders. Denn Gott ist mit uns. - Diese Erfahrung muss sie ganz schön mitgenommen haben, denn wie weiter berichtet wird, mochte kaum einer von ihnen einfach so weiterleben, wie bisher: Sie, die sich zuerst jeder für sich allein angesprochen fühlten, gründeten eine neue Gemeinschaft. Sie "waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam“, heißt es weiter unten in derselben Pfingstgeschichte. „Auch verkauften sie Güter und Habe und teilten sie aus unter alle, je nachdem einer in Not war.“ (Apg. 2, 44f) Das war die Wirkung einer mal wirklich geistreichen Predigt. Es war die Geburtsstunde der Kirche. - Pfingsten ist das Geburtstagsfest der Kirche!
Aber gibt es heute wirklich noch Grund zum Gratulieren?
Zugegeben, die Kirche lebt noch - all denen zum Trotz, die (zu allen Zeiten) das Wort Gottes für überholt, die heilige Schrift buchstäblich für veraltet und die Kirche für tot erklären wollten. Aber es gibt sie immer noch und das ist an sich schon ein Zeichen dafür, dass Gottes Geist, der bekanntlich weht, wo er will, bisweilen auch bei ihr noch Staub aufwirbeln kann. Den gibt es allerdings auch in der Kirche - und zwar reichlich... Denn die junge Kirche von einst, in der begeisterte Menschen die (übrigens auch heute noch) unerhört neue Lebensform der christlichen Gemeinschaft übten, ist eine alte, etwas wunderliche, aber sehr aristokratische Dame geworden. Gemeinhin wird sie nicht mehr ganz ernst genommen, wie sie so daherkommt, mit ihrem altmodischen Gehabe und etwas wackelig auf den Beinen, mit denen sie sich nur sehr langsam über den Boden der Tatsachen bewegt... Und auch was sie zu geben hat, scheint kaum mehr als Manna aus der Armenküche einer altbackenen Frömmigkeit. Von "unerhört neuen Lebensformen", die man einst in der Kirche finden mochte, ist vielfach nur geblieben, dass man alles Neue in dieser Institution heute noch "unerhört" findet...! Man kann sich vorstellen, dass Gottes Geist, der weht wie er kann, schon kräftig pusten muss, um den Rest an Lebensglut in dieser Kirche in Gang zu halten... Selbst die, die ihr bislang die Treue hielten, haben doch oft heimlich Angst, dass die Kirche eines Tages wirklich das Zeitliche segnet, oder? Hoffentlich, so möchte man denken, geht unserer zweitausendjährigen Seniorin mit ihrer Trägheit in diesen hektischen Zeiten nicht die Puste aus!
Etwas muss sich ändern, das spüren alle. Ein frischer Wind muss her! Doch der Geist weht, wo er will...
Pfingsten, das Geburtstagsfest der Kirche! Doch wer mag noch feiern?!

Predigttext: Numeri 11, 11-17. 24-25
11) Und Mose sprach zu dem Herrn: Warum bekümmerst du deinen Knecht? Und warum finde ich keine Gnade vor deinen Augen?, dass du die Last dieses ganzen Volkes auf mich legst? 12) Hab ich denn all das Volk empfangen oder geboren, dass du zu mir sagen könntest: Trag es in deinen Armen, wie eine Amme ein Kind trägt, in das Land, das du ihren Vätern zu geschworen hast? 13) Woher soll ich Fleisch nehmen, um es all diesem Volk zu geben? Sie weinen vor mir und sprechen: Gib uns Fleisch zu essen. 14) Ich vermag all das Volk nicht allein zu tragen, denn es ist mir zu schwer. 15) Willst du aber doch so mit mir tun, so töte mich lieber, wenn anders ich Gnade vor deinen Augen gefunden habe, damit ich nicht mein Unglück sehen muss. 16) Und der Herr sprach zu Mose: Sammle mir siebzig Männer unter den Ältesten Israels, von denen du weißt, dass sie Älteste im Volk und seine Amtsleute sind, und bringe sie vor die Stiftshütte und stelle sie dort vor dich, 17) so will ich hernieder kommen und dort mit dir reden und von deinem Geist, der auf dir ist, nehmen und auf sie legen, damit sie mit dir die Last des Volkes tragen und du nicht allein tragen musst.
(...) 24) Und Mose ging heraus und sagte dem Volk die Worte des Herrn und versammelte siebzig Männer aus den Ältesten des Volkes und stellte sie rings um die Stiftshütte. 25) Da kam der Herr hernieder in der Wolke und redete mit ihm und nahm von dem Geist, der auf ihm war, und legte ihn auf die siebzig Ältesten. Und als der Geist auf ihnen ruhte, gerieten sie in Verzückung wie Propheten und hörten nicht auf.

Liebe Gemeinde, auch die Geschichte, der diese Verse entnommen sind, ist eine Art Pfingstgeschichte, lange bevor das Pfingstereignis stattfand, von dem die Apostelgeschichte berichtet und welches die Geburtsstunde unserer Kirche war. Auch in dieser Geschichte geht es um eine Veränderung der Machtstruktur, die der Geist Gottes möglich machte: Aus einer alt hergebrachten, für die Vielen ganz bequemen, für den einen Verantwortlichen aber unerträglich gewordenen Führungssituation wurde ein Modell der Mitbestimmung. Die Devise des Geistes für mündige Wüstenwanderer heißt hier: Mitverantwortung statt Mitläufertum!
Und da die Geschichte des Wüsten-wandernden Gottesvolkes, in dem vor langer Zeit die ersten noch etwas wüsten Ansätze eines unerhörten Demokratieverständnisses herumgeisterten, auch einige Ähnlichkeit hat mit der Geschichte unserer Kirche – besser: mit den Geschichten, die unsere Kirche in so langer Lebenszeit erlebt und durchgemacht hat -, wollen wir sie uns kurz vergegenwärtigen: Am Anfang war auch hier die Begeisterung. Das Volk Israel, als es sich noch unter der Knechtschaft Ägyptens befand, ließ sich die geistvollen Worte des flotten und sichtlich mit Gottes Geist begabten Propheten Moses auf der Zunge zergehen, brach auf und folgte diesem Mann vertrauensvoll in die Wüste, in der Gewissheit, dass dahinter das Gelobte Land bereit liege, in dem Milch und Honig fließen. Nun würde alles anders werden: Schluss mit dem Elend, der Schufterei und der Versklavung; endlich frei sein, endlich sein eigener Herr, weil man Gott seinen Herrn sein lassen konnte.
Die größten Hoffnungen wurden auf Moses gelegt - und sie waren nur zu berechtigt. Doch vierzig Jahre sind eine lange Zeit, noch dazu, wenn man sie in der Wüste verbringen muss... Hügelauf, hügelab immer dieselbe trockene Landschaft, steinige Berge wechselten mit sandigen Ebenen, ab und an ein Brunnen mit bitterem oder brackigem Wasser, doch in Blick auf die Zukunft keine Abwechslung: Immer dieselben Visionen vom gelobten Land, die noch ein Mann wach zuhalten versuchte, den man aber längst nicht mehr, wie am Anfang, für seinen erfrischenden Geist loben mochte...
In der Situation der Verfolgung hatte man an ihn geglaubt, weil Gott aus ihm sprach. Man hatte sich fast blind auf den großen Menschen Moses verlassen und dabei allmählich vergessen, dass der ja nur die große Verheißung Gottes weitergab. Und nun war eine andere Zeit angebrochen. Die Ägypter waren längst abgeschlagen, der Wüstenalltag war eingekehrt und mit ihm die Langeweile und der Überdruss. Die einst genießerisch vorweggenommenen Hoffnungen auf Milch und Honig im Gelobten Land schmeckten den Leuten nicht mehr.
Sicher, niemand musste Not leiden, man hatte - wie man so sagt - alles, was der Mensch braucht. Doch braucht der Mensch auf die Dauer wirklich nicht mehr als Essen und Trinken und dieselbe alte Idee?
Lange hatten sie ja Geduld gehabt - die Überzeugungskraft dieses großen Mannes, mit dem Gott sein musste, hielt sie bei der Stange. Und immerhin: Wenn es wirklich Not gab, dann hatte Gott auch immer wieder gezeigt, dass er da war. Eines Morgens, nach schlimmer Hungerzeit, hatte man Manna gefunden und mit dem Himmelsbrot auch neue Hoffnung aufsammeln können. Die Freude war groß gewesen. Jeden Morgen fand man neues Manna. Doch jeden Morgen fand man auch - alles beim Alten.
Wie gesagt, man fand alles, was man brauchte, doch fand man bald nichts mehr daran... - Das Volk wurde ungeduldig und begann zu murren. Man wollte sich nicht mehr mit Manna und ein wenig dürrem, längst ausgedroschenem Hoffnungsstroh vom ach so gelobten Land abspeisen lassen. Nun wollte man etwas Neues, man wollte Fleisch. Man dachte an den Fisch und das Fleisch und den Knoblauch in Ägypten...- das erlittene Leid und die Ungerechtigkeiten hatte man längst vergessen. Und den geistvollen Reden des Propheten vertraute man nicht mehr. 
Liebe Gemeinde, man muss da gerecht sein: Dies war kein "übersättigtes" Volk von Wohlstandsbürgern, welches da nach etwas Neuem rief und das damit natürlich nur den alten Ungeist von der "guten alten Zeit, in der die Welt noch in Ordnung war", wachrufen konnte. Das Problem liegt vielmehr darin, dass die Menschen, die einem der ihren gefolgt waren, weil Gott mit ihm war, sich allmählich nur noch auf den Menschen Moses verlassen hatten. An Gott dachte kaum noch jemand, als sie begannen an der Fähigkeit dieses großen Menschen zu (ver-)zweifeln. Obwohl die Leute ja wussten, dass Gott es war, der sie bis dahin gebracht hatte und erhielt, spürten sie doch nichts mehr von seiner Nähe und die meisten hatten auch bereits aufgehört, danach zu fragen. Alle sahen nur, wie fern noch immer ihr gemeinsames Ziel war und waren mutlos. - Kaum verwunderlich, dass das Volk seinen Unmut an Moses ausließ...

Und was hat das mit Pfingsten und unserer Kirche zu tun?
Liebe Gemeinde! Unser Grundgesetz – die Bundesrepublik Deutschland – ist, wie Sie wissen, gut 60 Jahre alt. Vor 67 Jahren bereits, als das Horrorregime des Nationalsozialismus unterging, hatten das besonders viele Kirchenleute als Befreiung empfunden und die nun anbrechende „neue“ Zeit als Gelegenheit zu einem historischen Neu-Aufbruch auch der Kirche gefeiert. Von nun an sollte alles anders werden. Wie nach einer Verjüngungskur war dann, wenig später, mit der neuen Republik, auch die alte Kirche in neuer Gestalt erschienen. Die große Vision einer demokratischen Zukunft, hatte auch ihr Kraft gegeben, zu neuen Ufern aufzubrechen. 
Die letzten 60 Jahre waren nicht schlecht und es war beileibe keine Wüstenwanderung, die die Gemeinde Jesu Christi bei uns erlebte.
Doch jedem Aufbruch folgt irgendwann eine gewisse Erschöpfung. Auch dann, wenn Ziele, auf die man zusteuerte, erreicht worden sind - dann vielleicht gerade. Und so gibt es einige Parallelen in der Situation unserer Kirche zu der der müden Wüstenwanderer von einst. Wir haben allen Grund, sie gut zu verstehen. Denn wie das Volk bei Moses, fühlen sich auch in unserer Zeit viele Menschen nicht mehr recht angesprochen durch das, was in der Kirche gesagt und verheißen wird. Auch Christen haben es vielfach aufgegeben, ihre Erwartungen im Leben noch wirklich auf das zu setzen, was von der Kirche zu erwarten ist. Das meint man schon zur Genüge zu kennen und es bewegt einen nicht mehr. Wie die Wüstenwanderer gehen viele den Weg der Kirche in unseren Tagen nur noch aus Gewohnheit mit oder vielleicht auch deshalb, weil sie zu müde sind, sich eigene Wege zu suchen. Und immer mehr bleiben einfach weg.
Nun wird aber zwangsläufig eine Kirche, auf die sich niemand mehr zu bewegt, bald selbst bewegungslos. Sie verwaltet nur noch, was sie hat und kümmert sich um die, die sowieso immer alles beim Alten lassen wollen. Darüber wird sie selber alt - und verkümmert...
Etwas, da sind sich die Kirche und ihre Kritiker einig, muss sich ändern...

Dass sich etwas ändern muss, dass es so - im wahrsten Sinne des Wortes - nicht mehr weitergehen kann, fand auch Moses, als er sah, wie seine Herde murrend nach ägyptischer Hammelkeule verlangte, nachdem sich bei ihnen in der Wüste jede geistvollere Hoffnung im Sande verlaufen hatte...
„Und Mose sprach zu dem Herrn: Warum bekümmerst du deinen Knecht? Und warum finde ich keine Gnade vor deinen Augen, dass du die Last dieses ganzen Volkes auf mich legst? Hab ich denn all das Volk empfangen oder geboren, dass du zu mir sagen könntest: Trag es in deinen Armen, wie eine Amme ein Kind trägt, in das Land, das du ihren Vätern zu geschworen hast? Woher soll ich Fleisch nehmen, um es all diesem Volk zu geben? Sie weinen vor mir und sprechen: Gib uns Fleisch zu essen. Ich vermag all das Volk nicht allein zu tragen, denn es ist mir zu schwer. Willst du aber doch so mit mir tun, so töte mich lieber, wenn anders ich Gnade vor deinen Augen gefunden habe, damit ich nicht mein Unglück sehen muss.“
Bei allem - nur ungern eingestandenen - Verständnis für das Volk und seine Müdigkeit, ist uns die Resignation des Gottesmannes auch wohl nicht unvertraut. Er fühlt sich überfordert mit all der Verantwortung, die auf ihm lastet. Alle haben sich auf ihn verlassen nach dem Motto: "Papa Moses wird´s schon richten". Doch niemand hat ihn gefragt, wie er damit klarkommt. Für ihn selbst interessierte man sich nicht. Er hatte ja seinen Gott! Seine Dienste und sein Engagement nahmen alle ganz selbstverständlich an - und nun kam man, um sich zu beschweren. Alle hatten sich auf ihn verlassen - doch am Ende stand er selbst verlassen da: Einsam und überfordert mit all den Problemen anderer Leute!
Viele von uns erleben so etwas Ähnliches im Kleinen. Wer einmal anfängt, sich für andere ins Zeug zu legen, wer Verantwortung übernimmt, der wird auch gleich für alles verantwortlich gemacht, was schief läuft. Und wo einer anfängt sich wie ein erwachsener Mensch um die Belange zu kümmern, die alle angehen, da muss er feststellen, dass die anderen wie Kinder an ihm hängen und immer nur fordern... 
Welche Hausfrau kennt das nicht, dass die Familie all ihren Einsatz als selbstverständlich hinnimmt und für ihre Mühe nie auch mal lobende Worte hat, dann aber völlig fassungslos und einigermaßen empört ist, wenn diese einmal nicht so kann - oder nicht mehr so will - wie man das gewohnt war?
Welcher Beschäftigte in einem Unternehmen oder einer Institution, der einmal angefangen hat, sich persönlich für eine Sache oder für  betroffene Menschen einzusetzen, muss nicht erleben, dass er immer mehr aufgebürdet bekommt, ohne dass einmal jemand fragt, wie es ihm damit geht... Und „kein Schwein“ – geschweige denn ein Chef - ist bereit, seine Leistungen überhaupt zur Kenntnis zu nehmen! Aber wehe, wenn sie ausbleiben... Wenn es um Kritik geht, sind alle schnell bei der Sache!
- Die Bitte Moses, von dieser quälenden Alleinverantwortung befreit zu werden, die ihm Gott aufgelastet hatte, können all jene von uns mitsingen, die dazu neigen, sich Dinge aufbürden zu lassen.
Und Gott hat ein Einsehen. Er fährt hernieder aus seiner Wolke und rettet die verfahrene Situation. Gott zeigt sich erneut, er zeigt dass er Herr der Lage ist, dass er es war, der das Volk bis hierher gebracht und in allem beileibe nicht verlassen hat: Er lässt ein Wunder geschehen. Doch kein neuer Auszug aus Ägypten, nicht einmal ein Meer, das sich teilt und die Bösen verschlingt... Nein, dieses Wunder ist viel größer. Es ist ein Geistwunder. Es heißt: Gemeinschaft. Geteilte Verantwortung! 
„Der Herr sprach zu Mose: Sammle mir siebzig Männer unter den Ältesten Israels, von denen du weißt, dass sie Älteste im Volk und seine Amtsleute sind, und bringe sie vor die Stiftshütte und stelle sie dort vor dich, so will ich hernieder kommen und dort mit dir reden und von deinem Geist, der auf dir ist, nehmen und auf sie legen, damit sie mit dir die Last des Volkes tragen und du nicht allein tragen musst. Und Mose ging heraus und sagte dem Volk die Worte des Herrn und versammelte siebzig... (...) Da kam der Herr hernieder (...) und (...) nahm von dem Geist, der auf ihm war, und legte ihn auf die siebzig Ältesten. Und als der Geist auf ihnen ruhte, gerieten sie in Verzückung wie Propheten und hörten nicht auf.“ - Gott wirkt hier wieder sichtbar, denn Menschen ändern eine verfahrene Situation, Menschen fühlen sich angesprochen und antworten wie als mündige Leute, übernehmen Verantwortung. Wo Menschen sich finden, die nicht mehr alles "denen da oben" überlassen, weil "der da oben" herabkam, um sie in Anspruch zu nehmen, da zeigt Gottes Geist Wirkung. - Das ist Pfingsten, nicht die Verzückung!

Liebe Gemeinde, viele Menschen sind heute der Kirche fremd geworden, weil sie nicht mehr erkennen, was ihre Botschaft mit ihnen zu tun hat. Sie wollen etwas Neues, sie wollen Fleisch, ägyptische Hammelkeule, und die Kirche hat nichts zu bieten als altbackenes Manna!
In der Tat haben wir in der Kirche kaum etwas zu sagen und zu geben, was dem aktuellen Geschmack entspricht. Keine rhetorischen Leckerbissen nach dem Gusto einer „Fastfood-Spiritualität“. Und das ist auch gut so! Denn hinter dem Bedürfnis vieler nach "etwas Abwechslung" steht oft nichts weiter als die Gier nach Sensation. Die aber macht nicht wirklich satt - sowenig, wie die Verzückung der Geistbegabten allein schon Probleme löst... (Was hülfe es z.B. der Kirche, wenn sie zwar genug Mitarbeiter hätte, bei anstehenden Arbeiten gerieten alle aber bloß in Verzückung?)
Nein, "etwas Neues" in diesem Sinne wird man hoffentlich auch in Zukunft nicht von der Kirche erwarten können, denn das, was sie trägt, das Wort Gottes, ist nach wie vor unerhört neu.
Damit es aber nicht bloß neu wirkt, weil es un-ge-hört bleibt, muss es von uns allen immer wieder neu gesagt, in neuer Stimme verkündigt und in neuen, bisweilen auch „ungehörigen“ Taten glaubhaft gemacht werden.
Dazu braucht es den Geist. Denn Geistwirken ist es ja, wenn Menschen in unserer Kirche zu neuen Ufern aufbrechen, wenn sie Mitverantwortung dafür übernehmen, dass es mit ihr weitergeht, dass sich ihr Weg nicht im Sande verläuft.
Dieser Geist ist uns verheißen, heute, zu diesem Pfingstfest, wie zu allen Zeiten. Jeder Tag ist ein Geburtstag der Kirche, denn jeden Tag kann sie ganz neu erstehen - vorausgesetzt die Menschen, die sich zu ihr halten – SIE! - stehen auch zu ihr und sind bereit zu teilen: sich mitzuteilen und mitzutragen, sich in ihre Aufgaben und Sorgen zu teilen, aber auch an der ihr gegebenen Verheißung für Ihr eigenes Leben teilzuhaben.
„Sie waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam“, heißt es in Apostelgeschichte 2. - Wo Gottes Nähe in seinem Wort erfahren wird, da gibt es nicht mehr die einen, die "alles mit sich machen lassen" und selbst höchstens mal aufblicken um zu motzen, und die anderen, die Macher, die alles an sich reißen und dann klagen, dass sie von allen bloß verrissen werden. Pfingsten ist nicht nur die Geburtsstunde der Kirche, es ist auch das Geburtsfest der kirchlichen Demokratie. Wo Gott seinen Geist ausgießt, steht keiner begossen da, alle haben gleichen Anteil an diesem Geschehen, alle haben gleichen Anteil an der Gemeinschaft, welche die Konsequenz dieses Geschehens ist. Jeder und jede ist gefragt mit seinen und ihren Gaben.
Liebe Gemeinde! Die Gemeinde-schaft derer, die alles teilen ist nicht unmöglich, sie zeigt sich, für alle Welt sichtbar, überall dort, wo wir verantwortungsvoll füreinander einstehen, wo wir uns einbringen, wo wir Anteil aneinander nehmen, einander mitteilen, miteinander teilen und vor allem: wo wir einander mit(er)tragen. Wo das geschieht, da erfahren wir: GOTT IST UND BLEIBT UNS NAHE!
Abschließend der kirchliche Wetterbericht zu Pfingsten: Der Geist weht auch weiterhin, wo er will. - Mit einem frischen Wind, bisweilen stürmischen Böen, in der Kirche muss gerechnet werden. Doch keine Angst: Gottes „Durchzug“ schlägt keine Türen zu!
AMEN