Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Offenbarung 21,1-7

Pastorin Wiltraud Schuchardt

21.11.2004 in der St. Nikolai Kirche Bredstedt

Liebe Gemeinde,

viele waren es, die gekommen waren - die Kirche war beinahe so voll wie am Heiligen Abend – zum Gottesdienst am Totensonntag. Jede und jeder hatte an diesem Tag seine eigene Geschichte mitgebracht.
Die meisten, die dort saßen und der Predigt lauschten, hatten im vergangenen Jahr Abschied nehmen müssen. Abschied von einem lieben Menschen, mit dem sie sehr verbunden waren. Und das hatte Spuren in ihren Herzen hinterlassen, Trauer und Zweifel. Sie waren gekommen, um ihrer Verstorbenen zu gedenken, noch einmal ihre Namen zu hören und ein Licht für sie anzuzünden und um hier Trost zu finden.

Auch Carl war da, ein eher unscheinbarer, älterer Mann, der vor Monaten seine Frau nach langer schwerer Krankheit hat zu Grabe tragen müssen. Und Silke, die so selbstbewusst wirkte, die schon vor Jahren ihren Sohn verloren hatte. Und viele andere, die ihre Eltern oder Ehepartner, Kinder oder Freunde begraben mussten – Menschen, auf der Höhe ihres Lebens, die morgens aufbrachen und abends nicht mehr zurückgekehrt sind; Kranke, die lange Zeit auf ein Ende ihrer Schmerzen gewartet haben. Und immer hat es wehgetan, Abschied zu nehmen. Und sie haben viel geweint.
Neben ihnen saßen andere, die auch Abschied nehmen mussten im vergangenen Jahr: Abschied von Lebenszielen, von Hoffnungen und von Beziehungen.
Ina war da, die junge Frau, deren Leben durch die Diagnose Krebs plötzlich völlig verändert wurde. Und Jan, einer der Konfirmanden, der manchmal so unausstehlich war und an dessen Seele die Trennung seiner Eltern nagte. Und dann saß da auch noch Grit, die ihr altes Leben begraben hatte, die voller Dankbarkeit und Freude in diesen Gottesdienst gekommen war; denn sie hatte endlich einen Partner fürs Leben gefunden. Und nun erwartete sie auch noch ein Kind!
Da saßen sie also alle, die ganze Gemeinde, und alle hatten ihre Geschichte mitgebracht – die Geschichte ihres Lebens, so verscheiden sie waren. Was sie miteinander verband, war die Sehnsucht nach Zukunft. Sie alle hatten Schweres durchgemacht, Abschied genommen und viele Tränen geweint. Nun suchten sie Trost – Trost bei Gott. Und da hören sie Worte aus der Offenbarung des Johannes, aus dem letzten Kapitel der Bibel:

Das neue Jerusalem (Off. 21,1-7)
Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er spricht: Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss! Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst. Wer überwindet, der wird es alles ererben, und ich werde sein Gott sein und er wird mein Sohn sein.

Worte aus einer anderen Welt. Nein – es sind Worte von einer anderen Welt, von Gottes neuer Schöpfung, die uns am Ende erwartet. Denn das Ziel unseres Lebens und das Ziel unserer Welt ist, trotz allem, was wir begraben müssen, nicht die ewige Dunkelheit, das endlose Nichts, sondern der neue Himmel und die neue Erde. Und da wird alles ganz anders sein, als wir es in unserer Welt erleben und erfahren. Wir stoßen immer wieder an unsere Grenzen: an die Grenze der Liebe – und es entsteht Einsamkeit; an die Grenze des Friedens – und es entstehen Gewalt und Krieg; an die Grenze des Lebens – und wir erleben Krankheit und Tod; an die Grenze unserer Hoffnung – und Tränen haben das letzte Wort.
„Gott wird abwischen alle Tränen und Leid wird nicht mehr sein“: Gott wird uns trösten, damit wir wieder lachen und leben können. Welch eine Botschaft für uns alle!

„Gott wird abwischen alle Tränen“ – endlich, ist das wirklich wahr? Silke lässt diese Worte gar nicht mehr los. Ein Ende meiner Tränen? Sie merkt, wie sie tief durchatmet, als fiele ihr eine große Last vom Herzen. So viele Jahre, seit ihr Sohn gestorben ist, hat sie die Welt um sich herum nur wie durch einen Schleier von Tränen gesehen. Es tat so unendlich weh! Nur selten war sie im Stande, klare Gedanken zu fassen. Gott wird meine Tränen abtrocknen – niemand sonst, nicht einmal ihr Mann, war dazu in der Lage gewesen. Die Trauer kam immer wieder. „Der Tod wird nicht mehr sein“ Ja, denkt Silke, dann ist es gut: nicht mehr unter dieser Last stehen zu müssen, einfach frei sein zu können und wieder lachen. Wenn Gott doch heute schon meine Tränen trocknet, nur für eine kleine Weile…

Auch Carl hält diese Worte fest. Jahrelang hat er seine bettlägerige Frau gepflegt, hat sie gewaschen und gefüttert, ihr die Hand gehalten, die Stirn gekühlt und auch mit ihr gebetet. Er wusste, dass sie Schmerzen hatte. Sie war so tapfer und geduldig. Ein ganzes Leben waren sie füreinander da. Seite an Seite in Freud und Leid. Und nun fragte er sich immer wieder: wird sie es gut haben? Hat ihr Leiden, haben ihre Schmerzen ein Ende? „Kein Leid wird mehr sein, kein Schmerz, kein Geschrei…“ so hatte es die Pastorin vorgelesen. „Gott selbst wird bei uns wohnen“ – ganz nah, nicht so weit weg, wie es Carl in seinem Leben oft erschien. Dann hat sie es jetzt wirklich gut, dachte es und lehnte sich beruhigt zurück. Dann brauche ich mir jetzt ja keine Sorgen mehr zu machen. Er war richtig erleichtert und dachte daran, seine liebe Frau dereinst wieder zu sehen, dort, bei Gott, auch wenn es für ihn noch eine Weile dauern würde….

„Ich bin das A und O, der Anfang und das Ende“ Schon oft hatte Ina diese Worte gehört. Ja, das war sogar ihr Konfirmationsspruch gewesen. Aber verstanden, was damit gemeint war, hatte sie es bisher nicht. Auf einmal kam er ihr so vor, als wären diese Worte nur für sie da: sie, die in den letzten Monaten so oft am Ende stand. Erst hatte sie gedacht, das kann doch nicht sein, ich doch nicht, ich habe das Leben doch voll im Griff, bin immer gesund gewesen. Brustkrebs. Nein. Niemals. Und wenn schon: Ich werde das schon schaffen. Aber dann ging alles ganz schnell: Operation – Chemo – Bestrahlungen. Sie hatte keine Kraft mehr. Das Leben ging eben nicht so weiter wie zuvor. Und sie machte sich viele Gedanken. Ob sie jemals wieder gesund würde oder ob sie bald sterben müsse? Ihre Pläne für die Zukunft: Reisen, Engagement im Beruf, Familienplanung – das alles wurde begraben. Da war sie oft am Nullpunkt, völlig verzweifelt und ohne Kraft, nach vorne zu denken. Ungezählte Tränen hat sie geweint. „Gott ist der Anfang und das Ende“. Alles ist von IHM umspannt. ER ist Ursprung und Ziel. Was auch geschieht: Gott ist da. Gott meint es gut mit uns – davon war sie als Kind schon überzeugt gewesen, doch das hatte sie bis jetzt vergessen. Nun war es wieder da, dieses Gefühl: Mir kann gar nichts passieren. Es ist nun mal, wie es ist. Mir geht es schlecht, aber das Leben ist nicht hoffnungslos. Denn Gott ist ja auch noch da: am Anfang, in den Tiefen des Lebens und am Ende. Und er wird abwischen alle Tränen…

Auch Jan hat ganz interessiert zugehört: „Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst. Ich werde Gott sein und er wird mein Sohn sein.“ Durstig, das ist er auch: durstig nach Geborgenheit, nach Verbindlichkeit, nach Elternliebe. Wo gehört er nun hin? Auf einmal haben seine Eltern festgestellt, dass sie nicht mehr miteinander zurecht kommen. Aber er braucht sie doch beide! Und sie haben nun jeder nur noch mit sich selbst zu tun. Jan ist hin- und hergerissen. Und er ist ganz allein. Ja, so ist die Welt, denkt er und sieht lauter Bilder vor Augen, wo das Leben bedroht ist: Geiseldrama in Beslan, Massaker in Erfurt, Krieg im Irak, arbeitslose Jugendliche in seiner Clique, Trennung der eigenen Eltern. Wofür ist das Leben denn eigentlich gut? „Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst. Ich werde sein Gott sein und du wirst mein Sohn sein“, das klingt gut, denkt Jan. Als wenn doch noch etwas Positiver zu erwarten wäre. Umsonst – wo einem doch nirgends etwas geschenkt wird. Überall wird gefragt: Und was krieg ich dafür? Jan ist neugierig geworden und will mal schöpfen gehen. Das mit dem „Sohn-Sein“, das gefällt ihm besonders, gerade jetzt, wo die eigenen Eltern ihn alleine gelassen haben…

Und auch Grit ist angerührt von diesen Worten. Frisch verliebt bleibt sie natürlich in Gedanken zuerst an dem Bild von der geschmückten Braut hängen. Es ist so voller Freude und Liebe, voller Lebensenergie. Ein Bild von Gemeinschaft und Miteinander. Eine Hochzeit von zwei Menschen, die sich lieben, eine Hochzeit von Gott und seinen Menschen. ER will mit uns den Bund fürs Leben! Grit wird ganz warm ums Herz. Sie ist voller Dank gegenüber Gott und sie freut sich auf das Leben. Das war nicht immer so. „Ich mache alles neu“, das ist es, was Grit unterstreichen möchte. Sie hat ihr altes Leben begraben, so viel hat sie durchgemacht: eine Geschichte des Scheiterns: Beziehungen waren zerbrochen, an falsche Freunde war sie geraten, niemand da, der ihr Halt gab, bis sie schließlich in Sucht und Abhängigkeit floh. „Sieh, ich mache alles neu“. Sie hat den Weg ins Leben wieder gefunden. Das Alte hat sie Gott vor die Füße geworfen, um neu anzufangen. Sie hat es geschafft, aber sie weiß, dass sie jeden Tag neu Gottes Zuspruch braucht, jeden Tag neue Kraft und Hoffnung. Sie dachte an das Kind. Der neue Himmel und die neue Erde leuchten immer schon in unsere oft so dunkle Welt hinein.

Als der Gottesdienst zu Ende war, gingen sie verändert nach hause: Carl und Silke, Ina, Jan und Grit und viele andere. Sie nahmen etwas mit von Gottes Verheißung des neuen Lebens, um ihre Sehnsucht nach heilvoller Zukunft stillen zu können und Trost zu finden in ihrer Trauer und Einsamkeit.
Unser Leben mit all seinen Geschichten ist schon jetzt Teil der neuen Schöpfung Gottes, wo es keine Grenzen mehr gibt: keinen Tod, keinen Schmerz, keine Tränen und auch keine Trennung von Gott. Alles wird neu sein. Ein Fest wird es sein, wie bei einer Hochzeit.

Und als Jan die Kirche verließ, fragte er sich, warum einige Leute immer Totensonntag sagen. Es geht doch um das Leben, um das Leben bei Gott. Ewigkeitssonntag, das passte irgendwie besser.

Amen.