Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Philiper 3,7-11 (12-14)

Steffen Hunder

19.02.2006 in der Kreuzeskirche der Evangelischen Kirchengemeinde Essen Altstadt

Du, lieber Paulus, hattest ein sehr bewegtes Leben!
Wir alle kennen das Sprichwort „Vom Saulus zum Paulus werden“. Damit wollen wir zum Ausdruck bringen, jemand hat eine totale Wende in seinem Leben vollzogen. Eine Wende von 180 Grad!
Genau das ist dir Paulus widerfahren. Wir haben es vorhin in der Lesung aus der Apostelgeschichte gehört Aus dir dem Saulus, dem erbitterten Gegner und fanatischen Verfolger der Christen wurde der Apostel Paulus, der leidenschaftlichste und glühendste Verfechter und Missionar für die Sache Jesu!
Keiner hat sich so unermüdlich für die Botschaft von der Liebe Gottes zu uns
Menschen eingesetzt wie du Paulus. Rastlos und ruhelos bist du durch die damalige
Welt gereist und hast den Menschen von Jesu erzählt. Dein Leben und dein Glauben
wurden durch die Begegnung mit Jesu vollkommen auf den Kopf gestellt.
All das, was vorher für dich wichtig war und zählte
- deine jüdische Abstammung
- deine religiöse Bildung
- dein frommes untadeliges Leben
all das zählte nun nicht mehr. Du schreibst an die Gemeinde von Philippi: „Aber was mir Gewinn war, das habe ich um Christi Willen für Schaden erachtet. Ja, ich erachte es noch alles für Schaden gegenüber der überschwänglichen Erkenntnis Jesu Christi, meines Herren. Um seinetwillen ist mir das alles Schaden geworden, und ich erachte es für Dreck, damit ich Christus gewinne!“
Seit der Begegnung mit Jesus hast du die Dinge des Lebens ganz anders bewertet. Von dem, was früher dein Leben ausgemacht hat und dir Selbstvertrauen gegeben hat, willst du nun absolut nichts mehr wissen! Du nennst es sogar Dreck! Doch was ist das eigentlich, was aus dir, dem Saulus, einen so engagierten und hoch motivierten Paulus gemacht hat?
Auf eine Kurzformel gebracht, könnte man sagen: Die Begegnung mit Christus hat bei dir eine Art „seelische Kernexplosion“ ausgelöst, die zu einer totalen Umwandlung deiner Gefühle und Gedanken geführt hat und deine Füße auf weiten, neune Raum gestellt hat!
Dir, Paulus, wurde plötzlich klar:
- „Du bist Gott recht!“ oder im heutigen Jargon: „Du bist o.k. in Gottes Augen, obwohl du nicht perfekt bist.
- Ich brauche keine frommen Leistungen erbringen, damit ich von Gott geliebt und angenommen werde.
Diese großartige Erkenntnis ist dir wie Schuppen von den Augen gefallen und hat dein Leben von Grund auf umgekrempelt!
Wie schreibst du in unserem Predigttext: „ Damit ich Christus gewinne und in ihm gefunden werde, dass ich nicht meine Gerechtigkeit habe, die aus dem Gesetz kommt, sondern die durch den Glauben an Christus kommt, nämlich die Gerechtigkeit, die von Gott dem Glauben zugerechnet wird!“


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Plötzlich erkennst du klar und deutlich, worauf es ankommt, nämlich sich Gott im Glauben anzuvertrauen und zu wissen: Gott liebt mich und akzeptiert mich so wie ich bin, ohne Wenn und Aber! Und das gilt nicht nur für mich, sondern für alle Menschen ohne Ausnahme! Alle Menschen sind Gott recht und vor ihm o.k., obwohl sie wahrlich nicht perfekt sind.
Diese großartige Erkenntnis hat dich, Paulus im wahrsten Sinne des Wortes von den Beinen gerissen. Sie überwältigt dich so, dass du sie zunächst gar nicht begreifen kannst oder willst. In deiner Bekehrungsgeschichte heißt es: „Saulus aber richtete sich auf von der Erde; und als er seine Augen aufschlug, sah er nichts!“ Erst als Gott selbst dir durch den Jünger Hananias die Hände auflegt, fällt es dir wie Schuppen von den Augen.
„Und Hananias ging hin und kam in das Haus, in dem Saulus war und legte die Hände auf ihn und sprach: Lieber Bruder Saul, der Herr hat mich gesandt, Jesus, der dir auf dem Weg hierher erschienen ist, dass du wieder sehend und mit dem Heiligen Geist erfüllt werdest. Und sogleich fiel es von Augen wie Schuppen und er wurde wieder sehend; und er stand auf, ließ sich taufen und nahm Speise zu sich und stärkte sich.“
Dieses Ereignis - die Begegnung mit Jesus - war für dich, lieber Paulus, die Geburtsstunde des Glaubens an den liebenden und gütigen Gott! An Gott glauben bedeutet, eine Beziehung zu Gott aufbauen und pflegen!
Du, lieber Paulus, hattest eine Beziehung zu Gott aufgebaut bevor du Jesus begegnet bist. Diese Beziehung erfuhr eine radikale Veränderung durch die Begegnung mit dem auf auferstandenen Jesus! Aus Saulus wurde Paulus! Das heißt: Aus dir dem Saulus, dem fanatischen Gegner wurde Paulus, der glühende Verfechter für die Sache Jesu!
Deine Beziehung zu Gott wurde auf eine neue Grundlage gestellt, die bedeutet, Gott liebt uns, so wie wir sind, ohne Vorbedingung und ohne Wenn und Aber! Das heißt natürlich nicht, wenn wir an Gott glauben, sind wir plötzlich perfekte Menschen . Nein, wir sind und werden nicht perfekt, weder mit Christus, noch ohne ihn! Wir sind im Glauben und im Leben nie perfekt. Das wusstest gerade auch du, lieber Paulus, nur zu gut!
Du selbst hast immer wieder darunter gelitten, nicht so gut predigen zu können wie andere, oder du konntest deine Gefühle nicht richtig in den Griff bekommen; mit dir sind, wie man so schön sagt, oft die Pferde durchgegangen! Paulus, du wusstest ganz genau: Es gibt immer wieder Brüche in unserem Leben und auch Zeiten des Glaubenszweifels. Unsere Beziehung zu Gott ist nichts, was wir fertig in der Tasche haben, um es dann mit nach Hause nehmen zu können.
Dass unser Glaube Schwankungen, Anfechtungen und Veränderungen unterworfen ist, davon erzahlt die Geschichte von Frau Bertholds wechselhaften Beziehungen zum lieben Gott.
Die Geschichte möchte ich jetzt dir, lieber Paulus, und uns allen, die wir hier in der Kreuzeskirche miteinander Gottesdienst feiern, erzählen:
Als Frau Berthold ein kleines Mädchen war und noch Lotte Gerhard hieß, waren ihre
Beziehungen zum lieben Gott gut. Überhaupt stellte sie ihn sich so vor: erst mal und
vor allen Dingen lieb. Als alten weißhaarigen Mann mit ebenso weißem Rauschebart.
Irgendwie ähnelte das Bild, das sie sich von ihm machte, ein wenig dem
Weihnachtsmann.


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Dass er auch zornig sein konnte, erfuhr sie später. Als sie in den Kommunionunterricht ging und lernte, dass Sünden, wie zum Beispiel das Lutschen eines geklauten Bonbons oder das Essen von Fleisch an einem Freitag, gebeichtet und gesühnt werden müssen.
Da fing ihre Beziehung zum lieben Gott an, wechselhaft zu werden.
Manchmal liebte sie ihn: Wenn sie in der Kirche war, und der Weihrauch duftete, und der Kirchenchor sang, und alles war festlich und feierlich im Flackern der Kerzen und Murmeln der Gebete.
Manchmal fürchtete sie ihn: Wenn sie ihre kleinen Kindersünden beichten musste und sie sich schon im Fegefeuer büßen sah wegen einer ungehorsamen Antwort gegen die Mutter. Oder noch viel schlimmer: sich in der Hölle in einem großen Topf braten sah. - Jedenfalls stellte sie sich das damals so vor.- Besonders schwere Strafe für besonders schwere Vergehen.
Trotzdem. Lotte Gerhard war nicht gerade ein frommes Kind. Zu ihrer Zeit ging man eben jeden Sonntag in die Kirche. Das gehörte sich so. Und dass man zur Kommunion oder Konfirmation zu gehen hatte, verstand sich auch von selbst. Da wurde nicht viel gefragt. Schon gar nicht die Kinder.
Und als Lotte Gerhard dann Frau Berthold wurde - klar, nicht nur Standesamt, nein:
weiße Hochzeit mit Schleier, Myrtenkranz und allem Drum und Dran in der Kirche.
Dann war Frau Berthold erwachsen. Der liebe Gott ihrer Kindheit rückte in immer fernere Himmel. Sonntags hatte sie keine Zeit mehr, in die Kirche zu gehen. Das Essen war zu kochen. Da waren die kleinen Kinder, die sie versorgen musste. Ihre Beziehungen zum lieben Gott schliefen ein bisschen ein. Ein Kirchenbesuch zu Weihnachten, mal einer zu Ostern. Hier und da ein bittendes Gebet, wenn sie gar nicht weiter wusste. Manchmal dann, wenn das Übel vorbei war, ein Dankgebet. Voll schlechten Gewissens, weil sie so wenig an Gott dachte.
Aber ihre Kinder waren getauft.
Sie gingen jeden Sonntag zur Kirche. Das gehörte sich so. Das musste sein. „Also, was ihr später macht, ist eure Sache. Aber solange ihr Kinder seid, habt ihr jeden Sonntag in die Kirche zu gehen. Das schadet euch nicht. Das kann euch nur nützen“, pflegte sie zu ihren Kindern zu sagen, wenn sie maulten.
Je älter Frau Berthold wurde, desto blasser wurde das Bild, das sie sich vom lieben Gott machte. Überhaupt, lieb war er schon lange nicht mehr für sie. Er war einfach Gott. Und es war ihr sehr, sehr zweifelhaft, ob es ihn überhaupt gab. Da brauchte sie nur an das schreiende Unrecht und die schweren Schicksale zu denken, die es überall in der Welt gibt. Wenn es einen lieben Gott gäbe, dann dürfte er so was überhaupt nicht zulassen.
Jedem, der es hören wollte, sagte sie: Also, nehmen sie doch mal unsere Kirche. Da bezahlen wir Kirchensteuer. Und was machen sie damit? Paläste von Kirchen bauen sie. Immer neue. Und der Bischof läuft rum, behängt von oben bis unten mit Zierrat und Gold. Und in den Kirchen ist auch ein Reichtum wie Gott weiß was! Und die Armen? Würden sie lieber für die was tun! schließlich ist unser Herr Jesus in einem ärmlichen Stall geboren. Ohne Prunk und Pracht. Wenn der gewusst hätte, was die mal für einen Protz draus machen! Nein, nein, die ganze Kirche mit allem, was dazugehört, kann mir gestohlen bleiben. Das ist meine Meinung! Jawohl!“
Für eine Zeitlang war Gott aus dem Leben Frau Bertholds ganz verschwunden.


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Später waren ihre Kinder verheiratet. Der Sohn in Amerika. Die Tochter in einer anderen Stadt. Alle beide weit, weit weg von ihr. Sie hatte Enkelkinder. Aber die kannte sie fast nur von Fotos.
Da starb ihr Mann. Sie war allein. Ganz allein.
Und dann wurde sie auch noch krank. So, dass sie sich nicht mehr allein versorgen konnte und in ein Pflegeheim musste. Es war ein preiswertes, von Nonnen geleitetes Heim. Ein anderes hätte sie sich gar nicht leisten können. Und überall hingen Heiligenbilder und Kreuze, und eine Kapelle gab es auch. Jeden Sonntag wurde dort eine Messe für die Kranken gelesen. Ausschließen konnte sie sich da nicht. Auch nicht, wenn morgens, mittags und abends vor und nach dem essen gebetet wurde. Das ging einfach nicht. Die Nonnen waren so nett. Und Frau Berthold mochte sie nicht kränken und außerdem: Sie war jetzt so allein. Und einsam.
Manchmal, in der Nacht, wenn sie wach lag und nicht wieder einschlafen konnte, quälte sie der Gedanke, dass sie nicht mehr gesund werden würde. Dass sie bald sterben müsste. Der Tod machte ihr solche Angst.
Sie fühlte sich schwach und hilflos wie ein winziges Kind. Und hoffte nur eins: es gibt ihn, den lieben Gott. Er wird mir verzeihen, dass ich eine Zeitlang ungläubig war. Er wird mich hoffentlich in den Himmel kommen lassen. Wird er das?
Der Gedanke an den alles verzeihenden, lieben, gütigen Gott ihrer Kindertage in einem hellen, lichten, fröhlichen Himmel war ihr einziger Trost. Für Frau Berthold gab es sonst nichts mehr.
Ihre Beziehung zum lieben Gott, einmal wieder aufgenommen, wurde so gut wie niemals zuvor. Jedenfalls von ihrer Seite.
Durch eine kleine Begebenheit wurde ihr klar: Ja, ich bin von Gott geliebt und angenommen, so wie ich bin!! Mit all meinen wechselhaften Beziehungen, die ich im Laufe meines Lebens zu Gott gepflegt habe.
An ihrem 80. Geburtstag besuchte sie der Pfarrer und schenkte ihr eine kleine Rose und eine Postkarte mit einem Gedicht von Dietrich Bonhoeffer. „Ein kleines Zeichen, dass Gott sie liebt und sie nicht vergisst!“ sagte der Pfarrer zu ihr. „Das tut gut“, erwiderte Frau Berthold, „sehr gut sogar! Lesen sie mir bitte das Gedicht vor! Ich kann nicht mehr so gut sehen.“ „Gern“, antwortete der Pfarrer. Er las diese ermutigenden Worte von Dietrich Bonhoeffer:
So lass nun
allen Kummer fahren und warte!
Gott weiß die Stunde der Hilfe;
und die wird kommen,
so wahr Gott ist.
Er wird deines Angesichts Hilfe sein;
denn er kennt dich
und er hat dich geliebt,
ehe er dich schuf.


5

Er will dich nicht fallen lassen.
Du bist in seinen Händen.
Zuletzt wirst du für alles,
was dir widerfuhr,
nur danken können,
denn du hast gelernt,
dass der allmächtige Gott
dein Gott ist.
Dein Heil heißt
Jesus Christus.
„Danke“, sagte Frau Berthold aus tiefster Überzeugung. „Jetzt weiß ich, Gott verlässt mich nie. Er begleitete, behütete und bewahrte mich mein ganzes Leben lang und er wird dies auch weiter tun! Die kleine Rose und das tröstende Gedicht von Dietrich Bonhoeffer haben mir die Augen geöffnet! Dafür danke ich ihnen sehr herzlich, Her Pfarrer.“
Eine kleine Rose - ein kurzes Gedicht, liebe Gemeinde, haben Frau Berthold die Augen dafür geöffnet, dass Gott sie liebt! Schön, wenn wir solche Zeichen in unserem Leben geschenkt bekommen, die uns die Augen für die Liebe Gottes öffnen!
Ich möchte jedem von ihnen am Ende des Gottesdienstes auch eine kleine Rose und dieses Gedicht von Dietrich Bonhoeffer schenken! Damit auch für sie beides - die Rose und das Gedicht - zum Zeichen werden: Ich bin von Gott geliebt und angenommen. Gott begleitet, behütet und bewahrt auch mich in meinem Leben.

Amen.