Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Philipper 1,15–21

Ewald Foerschler (ev)

18.03.2012 in der Matthäusgemeinde der Pfarrgemeinde West in Freiburg

Laetare 2012

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. AMEN

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Den Predigttext für den heutigen Sonntag Laetare entnehmen wir dem Brief des Apostel Paulus an die Gemeinde in Philippi Kapitel 1 die Verse 15 – 21:

Ich lasse euch aber wissen, liebe Brüder: Wie es um mich steht, das ist nur mehr zur Förderung des Evangeliums geraten. Denn dass ich meine Fesseln für Christus trage, das ist im ganzen Prätorium und bei allen anderen offenbar geworden, und die meisten Brüder in dem Herrn haben durch meine Gefangenschaft Zuversicht gewonnen und sind umso kühner geworden, das Wort zu reden ohne Scheu. Einige zwar predigen Christus aus Neid und Streitsucht, einige aber auch aus guter Absicht: diese aus Liebe, denn sie wissen, dass ich zur Verteidigung des Evangeliums hier liege; jene aber verkündigen Christus aus Eigennutz und nicht lauter, denn sie möchten mir Trübsal bereiten in meiner Gefangenschaft. Was tut´s aber? Wenn nur Christus verkündigt wird auf jede Weise, es geschehe zum Vorwand oder in Wahrheit, so freue ich mich darüber. Aber ich werde mich auch weiterhin freuen; denn ich weiß, dass mir dies zum Heil ausgehen wird durch euer Gebet und durch den Beistand des Geistes Jesus Christi, wie ich sehnlich warte und hoffe, dass ich in keinem Stück zuschanden werde, sondern dass ich frei und offen, wie allezeit so auch jetzt, Christus verherrlicht werde an meinem Leibe, es sei durch Leben oder durch Tod. Denn Christus ist mein Leben, und Sterben ist mein Gewinn.

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Unser Herr Jesus Christus! Sei du auch unser Leben! AMEN

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Liebe Gemeinde,

wie nennt man ein helleres Violett? Rosa, richtig. Warum stelle ich diese Frage heute? Weil ich sie nur heute am Sonntag Laetare stellen kann. Laetare heißt „Freut euch!“ Laetare ist der vierte Fastensonntag und weil er damit genau in der Mitte der sieben Fastensonntage liegt, nennt man den Sonntag Laetare auch „Mittfasten“ mit zwei TT als Abkürzung von Mitte. In der Mitte der Fastenzeit, heute also, eine kleine Ruhepause für die, die fasten und auch für die, die nicht fasten können oder wollen. Man nennt den heutigen Sonntag auch „kleines Ostern“. Das hat nun mit der heutigen Farbe violett bzw. rosa zu tun. Wenn sich violett als die Farbe der Buße, der inneren Einkehr und Umkehr, der Reue über Misslungenes und Missratenes erhellt, dann wird ein rosa daraus. Aber nicht aus sich selbst, sondern weil ein Licht durchscheinen will. Das Osterlicht will durchscheinen, ja, der Auferstandene selbst will hindurch scheinen und uns sagen: „Ich bin der Lebendige. Ich will, dass ihr das Leben und volle Genüge habt!“ Denn zu viel Fasten und Grübeln über sich selbst ist auch nicht gut. Da ist es gut, dass in der Mitte dieses Weges ein Licht unsere Gedanken aufhellt, so wie jetzt die Menschen freudig den Frühling begrüßen mit seinen längeren Tagen, seinen wärmenden Sonnenstrahlen, den aufblühenden Pflanzen. Wir Menschen als Teil der Schöpfung Gottes blühen mit dem Frühling auf. Farbe kommt nicht nur ins Gesicht, sondern auch ins Leben.

Dass es jetzt Frühling und wärmer wird, soll uns ein Zeichen sein. Da will uns jemand was zeigen. Dieser jemand ist der Gott, der es gut meint mit uns. Der nach kalten Tagen es für richtig und wichtig hält, dass seine Schöpfung und wir mitten drin wieder erleben, dass Leben nicht nur aus Rückzug und wärmenden Wintermänteln besteht, sondern auch aus Öffnung nach außen, mit Ablegen schwerer Kleidung, mit Aufblühen und Freude. Leichter darf´s werden.

Freude, da sind wir bei unserem heutigen Predigttext. Wenn man über dieses lebenswichtige Elixier nachdenkt, kommt man alsbald zu dem Schluss: Freude kann man nicht machen. Freude ist ein Geschenk. Was ist das für eine Freude, von der heute der Apostel Paulus spricht?

Viele Menschen würden viel darum geben, wenn Freude ihnen nicht ein verschlossenes Wort wäre. Sie würden viel darum geben, wenn sie an tief dringender, das Herz ausfüllender Freude noch einmal teilnehmen könnten. Vergnügen, ja, wird uns überall angeboten. Lust, ja, in ihr kann man sich für kurze Zeit betäuben. Triumphgefühle bei großen Erfolgen, ja, das können einige Glückliche erleben. Aber große, wärmende und tragende Freude, an der unser Wesen wieder gesund wird, kennen viel nur noch vom Hörensagen. Mit dem Erwachsenwerden scheint sich die Freude allmählich aus dem Leben zu verabschieden. Irgendwie ist die Tür zu ihr verschlossen. Deshalb – und wen will es wundern! – scheint auch das Evangelium, die Freudenbotschaft, uns fremd zu werden durch all das, was das Leben uns Erwachsenen zuspielt und was offenbar die Freudenbotschaft vernebelt: die Wissenschaft, das moderne Weltbild, die Philosophie, das aufgeklärte Bewusstsein. Dies alles ist ja, wie viel Wahrheit auch in allem enthalten sein möge, darin eins, dass aus ihm keine Freude hervorgeht. Freudlosigkeit vereint diese menschlichen Aktivitäten. Der Nenner aller großen Grundworte des Evangeliums aber ist Freude – und dies eben ist es, was uns fremd geworden ist. Und dann redet ausgerechnet Paulus, verhaftet und in ein Gefängnis eingesperrt, darüber, dass er sich freue und dass alle, die seinen Brief lesen, sich auch freuen dürfen.

Paulus rechnet damit, dass das Evangelium von Jesus Christus die Kraft hat, unsere verschlossenen Herzen aufzubrechen und Freude hinein zu strahlen. Wenn man den Sinn des Evangeliums erfassen will, dann ist es der, dass es Freudlose zu allen Zeiten und in jeder Lage freudig machen will. Die großen Worte des fröhlichen Glaubens: Vergebung, Leben, Gnade, Auferstehung, ja Jesus Christus und Gott selbst sagen nichts anderes als dies: Das letzte Wort über uns in alle Ewigkeit heißt: Freude! Glauben heißt, dass aus einem freudlosen Menschen ein Mensch der Freude wird. Getauft werden heißt: in unumstößlicher Freude versiegelt werden. Es geht also um Verwandlung. Ein freudloses Leben darf sich in ein mit Freude erfülltes Leben verwandeln.

Die Freude des Paulus ist eine geschenkte Freude. Es ist die Freude, dass Christus sein Leben ist. Das ist ihm die tägliche Quelle der Freude. Er muss es nicht machen. Christus ist schon da. Er ist überall da, wo sich Paulus befindet. Auf mühseligen Reisen, oft mit Schiffbruch verbunden, in Gesprächen mit Fremden, ob er geschlagen, verspottet oder ins Gefängnis geworfen wird. Christus macht sein Leben aus. Das ist seine Freude. Paulus hätte eine Bilderbuchkarriere unter den jüdischen Gelehrten machen können. Eine Sache, eine Karriere, mehr Geld, öffentliche Anerkennung können einen zufrieden und stolz machen. Aber sie haben nicht die Qualität, zur ständigen Quelle der Freude zu werden.

Paulus spricht vom Beistand des Geistes Jesu Christi, der ihm zur Freude wird gerade weil er in Fesseln liegt. Dies wird dadurch ergänzt und bestätigt, dass er sich beschützt und aufgehoben weiß im Gebet derer, die mit ihm an Christus glauben.

Christlicher Gemeinde ist diese immer währende Freude verheißen. Deshalb kann sie nicht ohne Christus auskommen. Und weil sie nicht ohne Christus auskommen kann, kann sie nicht auskommen, ohne daran zu glauben, dass er auferstanden ist. Denn der Auferstandene, der zur Rechten Gottes sitzt, ist die Quelle der Freude. Jetzt könnte eine christliche Gemeinde sagen: wir entmythologisieren diesen Christus und machen aus ihm eine Energie, eine Kraftquelle, eine Macht. Aber damit hätte sie alles verloren. Sie hätte ihr Haupt verloren. Und wo kein Haupt, da viele Häuptlinge. Sie hätte auch ihren Glauben verloren und die Freude gleich mit dazu. Christliche Gemeinde kommt nicht aus ohne den gekreuzigten und auferstandenen Christus. Sie kommt nicht aus, ohne von seiner Auferstehung Zeugnis in der Welt zu geben, die ihren Anfang nahm bei seiner Geburt: „Freut euch! Denn euch ist heute der Heiland geboren!“

Weiter könnte eine christliche Gemeinde auch meinen, ohne das Gebet auskommen zu können. So könnten ihre Mitglieder zu sich sagen, wenn sie in Schwierigkeiten, krank oder sterbend sind: „Ich denke an dich!“ Das ist anerkennenswert und auch gut, weil es zeigt, dass ein Mensch nicht vergessen wird. Aber das sagen viele. Dafür muss man aber nicht in einer christlichen Gemeinde sein. Sie lebt im gemeinsamen Gebet und im Gebet für die anderen, die der Gemeinde angehören und sie leistet Fürbitte für die Welt, heute besonders für die verunglückten Kinder aus Belgien und deren Eltern und die Glaubensgeschwister in arabischen Ländern, deren Kirchen verschwinden sollen. Christliche Gemeinde kommt also weder ohne Christus noch ohne Gebet aus. Beides lässt sie aufblühen und aufgehen wie ein Kugelhupfteig in einem Backofen aufgeht. Ohne die beiden bleibt sie flach wie eine Flunder.

Da wundert es nicht, dass Paulus zu einer ungewöhnlichen Einstellung neigt. Ihm ist es geradezu egal, aus welchen Motiven heraus Christus gepredigt wird. Hauptsache, er wird gepredigt. Ein souveräner Paulus also in einer Situation, die anderes in den Vordergrund zu drängen scheint: Selbstmitleid, Sorge um die eigene Gesundheit, Zukunftsangst. Nichts von dem bekommen wir zu lesen. Stattdessen denkt er daran, wie die Freudenbotschaft durch seine Gefangenschaft weiterhin gefördert werden kann und dass vor allem Christus gepredigt wird. Von seinen Gegnern weiß er dabei um die beiden Motive Neid und Eifersucht. Man könnte aus heutiger Sicht noch Stolz, Eigensinn, Selbstgerechtigkeit, Hochmut und Spott hinzufügen. Egal!, sagt Paulus. Hauptsache der Name Christus kommt auf diesen unehrenhaften Vehikeln zu den Menschen hinüber. Also möge eine christliche Gemeinde, wenn sie denn stolz und eigensinnig sein mag, den Menschen wenigstens nicht Christus vorenthalten.

Man wundert sich ja manchmal, wie willkommen wir sind mit dem, was unsere Freude ist und uns Freude bereitet. Ich habe kürzlich einem Mann zu seinem Karrieresprung gratuliert. Ich habe ein wenig gezögert, dann aber doch hinzugefügt: „Und für alles, was jetzt auf dich einströmt an neuen Aufgaben, wünsche ich dir Gottes Segen.“ Die für mich erstaunliche und prompte Antwort: „Den kann ich jetzt auch dringend brauchen.“ Siehste! Die Menschen warten auf unsere tröstende und Freude stiftende Botschaft!

Die letzten Worte des heutigen Predigttextes sind geheimnisvoll: „Christus ist mein Leben. Sterben ist mein Gewinn.“ Das erste „Christus ist mein Leben!“ mögen wir noch verstehen. Aber wer versteht, dass Sterben Gewinn bringen soll? Ans Sterben möchte keiner denken. Wir sind zu sehr auf das Leben, und was es uns bringen muss, fixiert. Da hat das Sterben keinen Platz. In unserem Hamsterrädchen zählt nur Temposteigerung, aber kein Innehalten. Plötzlich jedoch – ohne dass wir es eingeplant hätten – klopft das Sterben an unsere Lebenstür. So meine ich, versteht Paulus das Sterben. Er meint damit nicht nur die letzte Phase des Lebens. Er versteht das Sterben als Teil des Lebens. Das Sterben begleitet uns von Geburt an. Einer hat das Leben sogar einmal als lebenslanges Sterben bezeichnet. Das muss aber gar nicht zu trüben Gedanken führen. Denn Sterben kann man auch mit dem Wort „Loslassen“ erklären. Das will heißen: Mehr noch als wir in der kurzen Spanne, die uns gegeben ist, gewinnen, selber machen und erreichen können, müssen wir loslassen. Besser, wir wachsen allmählich in die Haltung hinein: Wir sind uns selbst nur anvertraut für eine bestimmte Zeit. Das Leben ist uns anvertraut, die Gesundheit, der Ehepartner, die Freundin, der Freund, die Kinder, die Enkel, ja selbst Geld und Eigentum. Alles ist uns anvertraut. Und alles lassen wir los. Am besten ist es, wir lassen es schon los, wenn wir es in die Hände gelegt bekommen. So kann das Loslassen ein Gewinn sein. Es kann uns gelassen machen. Aber muss es in diesem ganzen Loslassen nicht doch ein Bleibendes geben?

Das drückt der Heidelberger Katechismus in seiner ersten Frage aus: Was ist dein einzger Trost im Leben und im Sterben?

„Dass ich mit Leib und Seele im Leben und im Sterben nicht mir, sondern meinem getreuen Heiland Jesus Christus gehöre. Er hat mit seinem teuren Blut für alle meine Sünden vollkommen bezahlt und mich aus aller Gewalt des Teufels erlöst; und er bewahrt mich so, dass ohne den Willen meines Vaters im Himmel kein Haar von meinem Haupt kann fallen, ja, dass mir alles zu meiner Seligkeit dienen muss. Darum macht er mich auch durch seinen Heiligen Geist des ewigen Lebens gewiss und von Herzen willig und bereit, ihm forthin zu leben.“2. Kor 1, 21.22 /, 13.14

Wie klingt das bekannte Osterlied? „Des sollt ihr alle froh sein, Christ will unser Trost sein!“

So klingt das heute an Laetare von Ostern her!

AMEN