Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Philipper 1,21-26

Johannes Bartels

26.11.2006 in Lößnitz-Affalter

Ewigkeitssonntag

Ewigkeitssonntag

An der Schwelle des Todes

Sie sitzt am Fenster. Draußen sieht sie die Gäste kommen. Sie klingeln nebenan. Der Schwiegersohn feiert seinen Geburtstag. Gerne wäre auch sie dabei. Doch sie kann nicht. Seit dem schweren Schlaganfall Anfang des Jahres kommt sie aus ihrer Dachwohnung nicht mehr raus. Das Treppensteigen geht einfach nicht mehr. Fast ein Jahr schon ist sie in den eigenen vier Wänden wie gefangen.
Sicher, im Vergleich zu anderen geht es ihr noch gut. Immerhin hat sie keine Schmerzen. Die Tochter und die Enkeltöchter versorgen sie gut. Und zweimal am Tag kommt der Pflegedienst. Doch seit sie nicht mehr rauskommt, hat das Leben seinen Reiz verloren. Ihr fehlen die Freundinnen, der Garten, die Farben und Düfte im Frühjahr, die Sommersonne im Gesicht. Ihr fehlt so vieles. Sie möchte sterben.
Doch ihre Zeit ist noch nicht gekommen. Sie versteht das nicht. Was soll dieses bange Warten zwischen den Schlaganfällen?
In ihrem Lieblingslied heißt es: „du führst mich doch zum Ziele auch durch die Nacht: so nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich.“
Ach, wenn sie nur erst am Ziel wäre! Wenn sie nur erst daheim wäre!

Szenenwechsel.
Rom im Jahr 60 n. Chr. Paulus sitzt an dem kleinen Tisch in der Zelle und beantwortet einen Brief. Für einen Häftling geht es ihm recht gut. Leichter Gewahrsam nennt sich diese Form der Haft. Papier und Tinte werden ihm zur Verfügung gestellt, er unterhält eine rege Korrespondenz mit der Außenwelt. Er darf praktisch uneingeschränkt Besuch empfangen. Sein Bewacher ist eigentlich auch ganz in Ordnung.
Doch was ihn mürbe macht, ist, dass sich der Prozess so lange hinzieht. Seit zwei Jahren ist er nun bereits inhaftiert. Zwei verlorene Jahre für seine Mission! Was hätte er in zwei Jahren nicht alles erreichen können! Er hätte die gute Nachricht endlich in den ahnungslosen Westen des Römischen Reiches bringen können. Die Spanienreise war bereits eingefädelt.
Doch dann kam alles ganz anders. Erst diese ärgerliche Geschichte in Jerusalem, wo er auf Betreiben der Juden verhaftet wurde. Dann der Mordkomplott und die Flucht nach Cäsarea. Dann die Verschleppung des Prozesses durch den korrupten Prokurator Felix. Dachte der doch tatsächlich, er könne aus Paulus noch etwas Schmiergeld herauspressen! Erst unter Festus, dem neuen Prokurator, kam wieder Bewegung in die Sache - Bewegung jedoch leider ausschließlich wörtlich verstanden. Denn ein Urteil wollte auch Festus nicht fällen, das war ihm angesichts der starken jüdischen Lobby zu heikel. Aber immerhin ermöglichte Festus die Fortsetzung des Prozesses, und zwar in Rom. Und nach einer abenteuerlichen Seereise mit Schiffbruch und dreimonatigem Zwischenaufenthalt auf Malta gelangte Paulus schließlich in die Hauptstadt.
Nun ist er also in Rom. Rom, das hätte eigentlich der Ausgangspunkt für seine Spanienreise sein sollen. Doch jetzt ist er nicht als Durchreisender nach Rom gekommen, sondern als Gefangener. Wie die Sache ausgeht, ist noch völlig unklar. Freispruch oder Todesurteil - möglich ist beides.
So sitzt er nun da, über seinen Brief an die Philipper gebeugt. Und er merkt, dass die letzten Jahre doch sehr an seinen Kräften gezehrt haben. Ganz gesund ist er ja schon längst nicht mehr. Doch das hatte ihn bisher nicht daran gehindert, durch die Weltgeschichte zu reisen und die Ausbreitung des Evangeliums voranzutreiben. Er brannte einfach darauf, möglichst vielen noch rechtzeitig von Jesus Christus zu erzählen.
Jetzt spürt er, wie das Feuer nachlässt. Der Treibstoff geht zur Neige. Er ist müde. Und so schreibt er:
„Christus ist mein Leben, darum ist Sterben mein Gewinn. Wenn ich am Leben bleibe, kann ich jedoch noch weiter für Christus wirken. Deshalb weiß ich nicht, was ich wählen soll. Es zieht mich nach beiden Seiten: Ich möchte am liebsten dieses Leben hinter mir lassen und bei Christus sein; das wäre bei weitem das Beste. Aber es ist wichtiger, dass ich noch weiter ausharre, weil ihr mich braucht.“
Paulus legt den Stift beiseite und liest noch einmal den letzten Abschnitt. Es ist doch so, die Philipper brauchen ihn noch - genauso wie die anderen Gemeinden, die er gegründet hat. Er kann jetzt noch nicht gehen. Er wird noch gebraucht. Es ist noch so viel zu tun. Und in einem Anflug von Entschlossenheit führt er fort:
„Deshalb bin ich auch sicher, das ich euch allen erhalten bleibe und wir uns wiedersehen. Dann kann ich euch helfen, dass ihr weiter kommt und die volle Freude erlebt, die der Glaube schenkt.“
Heute wissen wir, dass es zu einem Wiedersehen in Philippi nicht mehr gekommen ist. Paulus sollte Rom nicht mehr verlassen. Jedenfalls verlieren sich dort seine Spuren.
Sein Brief aber erreichte Philippi. Und die Philipper hielten ihn für so wichtig, dass sie ihn kopierten und weitergaben.
Über 1500 Jahre später inspirierte dieser Brief den Weimarer Stadtkantor Melchior Vulpius zu einem Choral, der noch heute Sterbende und Trauernde tröstet. In der ersten Strophe heißt es: „Christus, der ist mein Leben, Sterben ist mein Gewinn; ihm will ich mich ergeben, mit Fried fahr ich dahin.“ .

Szenenwechsel.
Berlin-Tegel 18. Dezember 1943. Dietrich Bonhoeffer sitzt in seiner Gefängniszelle und wartet. Noch zwei Stunden bis zur Besuchszeit. Dann endlich ist es soweit. Dann wird er Maria wiedersehen. Maria, seine Verlobte. Wie sehr fehlt sie ihm! Eigentlich müssten sie jetzt ihr erstes gemeinsames Weihnachtsfest vorbereiten. Müssten Plätzchen backen oder Geschenke einpacken. Stattdessen sitzt er hier in der Zelle bereitet sich auf das nächste Verhör vor. Sie wollen sorgfältig vorbereitet sein, diese Verhöre. Ein falsches Wort, und der Komplott gegen Hitler fliegt auf. Bisher ist noch nichts herausgekommen, Gott sei Dank. Doch Untersuchungsführer Roeder ist gerissen. Bonhoeffer muss sich vorsehen.
Wenn es ihm nur nicht so schwer fiele sich zu konzentrieren! Immer wieder sind seine Gedanken bei Maria. Auf dem Tisch liegt noch der Brief, den Bonhoeffer vor drei Tagen an seinen Freund Eberhard Bethge begonnen hat. Bonhoeffer überfliegt ihn noch einmal:
„Nun sind Maria und ich fast ein Jahr verlobt und haben uns noch nie eine Stunde allein gesehen! Ist das nicht ein Wahnsinn? ... Wir müssen uns über Dinge unterhalten und schreiben, die uns beiden im Grunde nicht die wichtigsten sind, wir sitzen alle Monate eine Stunde brav wie auf der Schulbank nebeneinander und werden wieder auseinander gerissen; wir wissen so gut wie nichts voneinander, haben nichts miteinander erlebt, denn auch diese Monate erleben wir ja getrennt.“
Zögernd nimmt Bonhoeffer den Stift zur Hand und fügt dem Brief an seinen Freund noch ein paar Zeilen hinzu:
„Ich glaube, wir sollen Gott in unserem Leben und in dem, was er uns an Gutem gibt, so lieben und solches Vertrauen zu ihm fassen, dass wir, wenn die Zeit kommt und da ist - aber wirklich erst dann! - auch mit Liebe, Vertrauen und Freude zu ihm gehen. Aber - um es deutlicher zu sagen - dass ein Mensch in den Armen seiner Frau sich nach dem Jenseits sehnen soll, das ist milde gesagt eine Geschmacklosigkeit und jedenfalls nicht Gottes Wille. Man soll Gott in dem finden und lieben, was er uns gerade gibt; wenn es Gott gefällt, uns ein überwältigendes irdisches Glück genießen zu lassen, dann soll man nicht frömmer sein als Gott und dieses Glück durch übermütige Gedanken und Herausforderungen und durch eine wildgewordene religiöse Phantasie, die an dem, was Gott gibt, nie genug haben kann, dieses Glück wurmstichig werden lassen. Gott wird es dem, der ihn in seinem irdischen Glück findet und ihm dankt, schon nicht an Stunden fehlen lassen, in denen er daran erinnert wird, dass alles Irdische nur etwas Vorläufiges ist und dass es gut ist, sein Herz an die Ewigkeit zu gewöhnen; und schließlich werden auch die Stunden nicht ausbleiben, in denen wir aufrichtig sagen können: ‚ich wollt, dass ich daheime wär’...’ Aber dies alles hat seine Zeit und die Hauptsache ist, dass man mit Gott Schritt hält und ihm nicht immer schon einige Schritte vorauseilt, allerdings auch keinen Schritt hinter ihm zurückbleibt.“
Heute wissen wir, dass diese Stunden für Bonhoeffer eher kamen, als er damals ahnte. Gerade mal ein halbes Jahr später, am 20. Juli 44, scheiterte Stauffenbergs Putschversuch, in den Bonhoeffer verwickelt war. Kurz darauf schrieb er in einem Gedicht:
„Komm nun, höchstes Fest auf dem Weg zur ewigen Freiheit,
Tod, leg nieder beschwerliche Ketten und Mauern
unsres vergänglichen Leibes und unsrer verblendeten Seele,
dass wir endlich erblicken, was hier uns zu sehen missgönnt ist.
Freiheit, dich suchten wir lange in Zucht und in Taten und in Leiden.
Sterbend erkennen wir nun im Angesicht Gottes dich selbst.“
Knapp ein Jahr darauf, am 9. April 1945, ist Bonhoeffer tot, erhängt von Hitlers Schergen. Man sagt, er sei mit großer Gefasstheit auf den Strang zugegangen.

Drei Menschen an der Schwelle des Todes. Drei Variationen des Themas „Sehnsucht nach dem Tod“. Drei Variationen des Themas „Sehnsucht nach Gott“.
Vielleicht, liebe Gemeinde, können uns diese drei Menschen dazu anleiten, nicht zu fliehen, wenn der Tod in unser Leben bricht, sondern ihm ruhig und gelassen entgegenzugehen.

Amen.