Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Philipper 2, 5-11

Pfarrerin Susanne Kahl-Passoth (ev)

01.03.2015 in der Heilig Kreuz Kirche in Berlin

Gnade sei mit Euch und Friede von dem der da ist der da war und der da kommt. Amen.

Predigttext:

„Seid so unter euch gesinnt, wie es auch der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht:

Er, der in göttlicher Gestalt war,

hielt es nicht für einen Raub,

Gott gleich zu sein,

sondern entäußerte sich selbst

und nahm Knechtsgestalt an,

ward den Menschen gleich

und der Erscheinung nach als

Mensch erkannt.

Er erniedrigte sich selbst

und ward gehorsam bis zum Tode,

ja zum Tode am Kreuz.

Darum hat Gott ihn auch erhöht

und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist,

dass in dem Namen Jesu sich beugen

sollen aller derer Knie,

die im Himmel und auf Erden

und unter der Erde sind,

und alle Zungen bekennen sollen,

dass Jesus Christus der Herr ist,

zur Ehre Gottes, des Vaters.“

Liebe Gemeinde,

der Christushymnus des Philipperbriefes – manch eine oder einer der Älteren hat ihn vielleicht sogar auswendig gelernt – ein vertrauter Text trotz seiner nicht unbedingt sofort nachvollziehbaren Aussagen. Er wurde und wird wohl immer noch missbraucht zur Legitimation von Macht.

„Das weiße Band“ – so lautete der Titel eines Films des Österreichers Michael Haneke aus dem Jahr 2009. Er spielt kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges in einem fiktiven Dorf in Norddeutschland. Auf bedrückende kaum auszuhaltende Weise zeigt er ein Miteinander in Familien, das von Unterdrückung, Verachtung, Misshandlung und Missbrauch bestimmt ist. Besonders die Erziehungsmethoden im Pfarrhaus sind geprägt von Grausamkeit: der Herr Pfarrer fordert absoluten Gehorsam von seinen Kindern. An eine freie Entfaltung der Persönlichkeit ist nicht zu denken, bei noch so kleinen Verfehlungen werden die Kinder mit Prügeln bestraft.

„Gott ist der Vater: mächtig, ein Beschützer und Versorger. Mein Vater war ein bisschen Gott. Er las aus der Bibel und sagte, was gut war und was schlecht. Ich war sein kleines Mädchen, das er gebrauchte und missbrauchte. Mein Vater hatte Gott – und für mich war keiner mehr da.“ So eine junge Frau.

Und dann heißt es auch noch zu Beginn des Christushymnus: „Seid so unter euch gesinnt, wie es auch der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht“

‚Wer das stille, frei gewählte Leiden Christi, der gehorsam bis in den Tod war, denjenigen die unter  Gewalt leiden (egal in welcher Form) zur Nachahmung empfiehlt, legitimiert nicht nur Gewalt gegen Frauen und Mädchen, sondern macht sie erst möglich.‘ So die Ev. Frauen in ihrem 19996 veröffentlichten Papier „Theologische Aspekte der Gewalt gegen Frauen und Mädchen“. Seht auf das Kreuz – nehmt euer Leid auf euch wie Christus, klaglos, geduldig. Es gibt unzählige Dokumente wie die Mahnworte eines Seelsorgers in einem Haushaltsbuch für junge Frauen aus dem Beginn des letzten Jahrhunderts. In ihnen wird Gehorsam von Frauen eingefordert. Selbst wenn der Mann herrisch, gewalttätig ist, wird von ihnen verlangt, ihr Leid still und klaglos hinzunehmen und zu tragen. Sein Verhalten sei sicher in dem Ihren begründet. In fundamentalistischen Kreisen – gleich welcher Religion – werden solche Denk- und Handlungsweisen bis heute verbreitet, vor kurzem erst in einer Moschee in Neukölln.

Alles in uns rebelliert gegen solch eine Interpretation des Christushymnus. Was ist das für ein Leben zerstörender Gehorsam! Solche Auslegung bzw. ihre Auswirkungen passen so gar nicht zu der doch befreienden Botschaft des Evangeliums. Um der Mädchen, Frauen, der Menschen willen, die heute unterdrückt, gedemütigt, denen Gewalt angetan wird, ist es immer wieder neu notwendig, den ermutigenden Gehalt dieses Hymnus heraus zu arbeiten: Ermutigung zum Widerstehen, zum sich nicht klein machen lassen, zum aufrechten Gang! Aber wie lässt der sich finden?

Jesus gehorchte keinem Befehl, sondern die Not, das Elend der Menschen, die herrschende Unterdrückung von Menschen, die Ungerechtigkeit forderten ihn heraus, ließen ihn mitleiden und handeln.

Er nahm Knechtsgestalt an! Jesus starb in der Gestalt eines Sklaven, eines Armen. Er und seine Jünger, seine Freundinnen und Freunde stellten mit ihrer Lebensweise des Teilens, der Achtsam- und Barmherzigkeit, der Liebe eine Gefahr dar für die jüdische Oberschicht und die römische Besatzungsmacht. Wenn sich immer mehr dieser Bewegung anschließen würden – nicht auszudenken, was sich daraus entwickeln könnte!

Er, der Sohn Gottes, Mensch geworden, hatte sich denen gleich gemacht, die arm, missachtet, rechtlos, als Menschen zweiter Klasse ihr Leben fristeten. Angesehen war doch nur der Reiche, der Gebildete, die, die mehr als ein Auskommen, das Nötigste hatten, nicht auf der Straße lebten oder als Arbeitssklaven ihr Leben fristen mussten.

Irgendwo da oben in den gut ausgestatteten Firmenetagen, in den Wohntürmen mit Luxuswohnungen, da war dieser Gott nicht. Dieser Mensch gewordene Gott, diese exklusive Botschaft auf zwei Beinen war so anders als die Götter der damaligen Zeit. Nicht von oben herunter wurde auf die Menschen geblickt und ihr Leben dirigiert, beherrscht, sondern ganz unten war Gott unterwegs. Anzutreffen war er in den Armenvierteln, Notunterkünften, bei den Ausgestoßenen, den Schwerstkranken, den Missbrauchten, den ewigen Verlierern, den Flüchtlingen, den Opfern von Gewalt. Mit diesem Gott waren keine Schläge, keine Gewalt zu rechtfertigen. Indem Jesus sich zu denen da unten gesellte, wurden die da oben, die Möchtegerne-sein- wie-Gott, die Gewalttäter entlarvt und bloß gestellt.

In den dunklen Räumen, den Hinterzimmern der Gewalt dagegen wurde es auf einmal hell. Das Wahrgenommen werden, die aus dem Nichts heraus geschenkte Aufmerksamkeit verwandelte die Menschen – im Übrigen bis heute. Wir sind ja doch wer – wir sind nicht allein in unserem Elend, mit unsrer Verzweiflung - Würde wurde ihnen geschenkt.

Warum das alles? Warum dieser Gehorsam bis in den Tod, ein Tod, wie er grausamer kaum sein konnte – der Tod am Kreuz? Dieser Jesus ist konsequent, in voller Übereinstimmung mit dem Willen Gottes, eines Gottes der Liebe und Barmherzigkeit, und damit mit sich selbst seinen Weg gegangen. Ärger, Misstrauen, Anstoß waren somit vorprogrammiert. So einer konnte die gewohnte Ordnung stören, gar auf den Kopf stellen. Dem Treiben musste ein Ende gemacht werden, zumal die Anhängerschaft im Wachsen war. Und wer sonst als dieser Jesus, der gehorsam seinen Weg gegangen ist, wird nun erhöht, zum Weltenherrscher so dass „ alle Zungen bekennen sollen,

dass Jesus Christus der Herr ist,

zur Ehre Gottes, des Vaters.“

Gehorsam ist eine ambivalente Tugend, kann so oder so verstanden und ausgelegt werden. Wenn Jesus nun als Vorbild hingestellt wird, dem es nachzueifern gilt:  „Seid so unter euch gesinnt, wie es auch der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht…“, dann ist das gerade in Verbindung mit dem Gehorsam und Jesu Leiden und Sterben am Kreuz immer wieder bewusst falsch interpretiert worden, um Macht über andere auszuüben, eigene Macht zu erhalten. Dass es gerade nicht darum geht, hat man wohlweißlich überlesen, nicht verstanden. Es geht um Teilhabe an dem Leben, der Geschichte Jesu, es geht darum sich hineinnehmen, hineinziehen zu lassen in seine Sicht auf die Welt, Empathie zu entwickeln für die Not, das Elend. Wir sollen wie Jesus in unserem Denken und Trachten ausgerichtet sein und uns dieser menschenfreundlichen Bewegung, Initiative anschließen.

Gott leidet nicht nur mit uns Menschen mit, lässt Verzweifelte und Gestrandete nicht allein. Indem der Tod am Kreuz nicht die Endstation war, sondern die Erhöhung, die Auferstehung folgte, behalten das Leid, das Elend nicht das letzte Wort. Gott belässt es nicht beim Beklagen der vielen Grausamkeiten, die tagtäglich geschehen. Zum Widerstand, zum Widerspruch gegen die herrschenden Mächte des Todes wird aufgerufen. Wer geschlagen, missbraucht wird, wird ermutigt, sich das nicht gefallen zu lassen, sich zu wehren. Unrecht wird am Kreuz als das entlarvt, was es ist: Unrecht! Wer meint, mit Armen, Obdachlosen, Flüchtlingen in unserer Gesellschaft wird nicht angemessen umgegangen, der sollte sich ihrer annehmen, sich durch nichts davon abbringen lassen.

Die Macht der Lieblosigkeit, der Bürokratie um der Bürokratie willen kann nur überwunden werden mit der Macht der Liebe, wie sie in diesem Hymnus besungen wird.

Amen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.