Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Philipper 2, 6-11

Max Noak (ev), 22 Jahre

04.04.2012 in der Peterskirche in Heidelberg

Mittwochmorgengottesdienst in der Karwoche 2012

Lasst uns beten: Gott, schenke uns, dass aus unseren missverständlichen Worten, ja aus unserer Plapperei, dein lebendiges Wort vernehmbar wird, dass wir in Wort und Sakrament an deiner Geschichte der Rettung teilhaben. Amen.

Schwestern und Brüder!

Paulus mahnt. Das tut er sehr oft und aus guten Gründen. Er mahnt seine geliebte Gemeinde in Philippi, denn so eine Gemeinde von Christen ist zunächst wie jede Gemeinschaft von Menschen: Eine brüchige Angelegenheit; Unterschiede zwischen Oben und Unten, Arm und Reich, Mann und Frau. Liegt einem so eine wackelige Angelegenheit am Herzen, dann gibt es allen Anlass zu mahnen. So mahnt Paulus also im 2. Kapitel des Philipperbriefes: „Seid eines Sinnes, habt euch lieb, seid einmütig und einträchtig, nicht eigennützig, sondern demütig, gebt nicht nur auf euch, sondern auch auf den anderen acht.“ Das Ganze ist – wie alle Ermahnungen – nur mehr oder weniger interessant und lädt dazu ein, mit dem Kopf zu nicken und es zu ignorieren.

Und hier wird es interessant: Als allen diesen wohlgemeinten Ratschlägen persönliche Autorität oder einsichtige Argumente folgen müssten, wird plötzlich ein ganz anderer Ton angeschlagen: Ein Stilwechsel! Es wird nicht mehr gemahnt. Paulus erzählt. Was und wie er erzählt, macht diesen Stilwechsel zu einem Stilbruch. Die dröge Ermahnung zur Tugend verwandelt sich in eine abenteuerliche Erzählung von göttlichem Ansehen, menschlicher Knechtschaft und dem Tod – von Erhöhung ins Leben, freiem Bekenntnis und der Ehre Gottes. Hören wir auf den Stilbruch.

Erstens: Göttliches Ansehen, menschliche Knechtschaft und der Tod. Paulus erzählt:

Er, der das Ansehen Gottes hatte,

betrachtete das nicht, als sei er enthoben,

sondern verzichtete auf sich selbst,

indem er das Ansehen eines Knechtes erhielt,

weil er den Menschen gleichartig wurde

und er sich in Lebensumständen befand

wie ein Mensch.

Er erniedrigte sich selbst,

weil er gehorsam wurde bis zum Tod,

sogar bis zum Tod am Kreuz.

Jesus hatte das Ansehen Gottes, erzählt Paulus. Um zu verstehen, was er damit meint, eine Rückblende ins Markusevangelium: Jesus hatte die Jünger Jakobus und Johannes mit auf einen Berg genommen. Da geschieht es: Gott sieht Jesus an! Seine Gewänder strahlen von der herrlichen Wirklichkeit Gottes, die Propheten Elia und Moses sind an seiner Seite. Johannes und Jakobus rufen: „Hier ist gut sein!“. Ein Augenblick - und die ganze Szenerie löst sich auf. Bei Markus führt der Weg Jesu vom Berg des göttlichen Ansehens nun herab ans Kreuz. Von Gott erwählt und angesehen zu sein, bedeutet auch immer, gesandt zu sein. Es geht hinab zu den Menschen und hier, erzählt Paulus im Philipperbrief, ist nicht gut sein. Hier, wo man von Menschen angesehen wird, ist Knechtschaft.

Wir tun heute gern so, als gäbe es keine Knechtschaft mehr – heute gibt es Angestellte, Arbeitnehmer, höchstens Bedienstete. In einer Welt, die Unabhängigkeit und Selbstverwirklichung zum Maß eines gelingenden Lebens macht, gibt es nur noch eine „Knechtschaft incognito“, wird von den Knechten verlangt, zu sagen sie seien frei, verstecken sich die Knechte hinter erfolgversprechendem Dauerlächeln oder sind hinter den Mauern von Psychiatrien verborgen. In der Welt der Unabhängigkeit und Selbstverwirklichung ist vor kurzem die Anzahl der Tagesdosen Antidepressiva auf eine Milliarde angestiegen: Schöne, freie Welt!

Jesu Gang in die menschlichen Lebensumstände zeigt die menschliche Existenz von ihrer unschönsten, ihrer Unterseite, der Knechtschaft und dem Kreuz. Jesu Gang in die Knechtschaft ermächtigt uns zugleich, ehrlich zu sagen, was heute allgemein als unschick gilt: Ich bin kaputt, ich bin geknechtet, ich gehe auf den Tod zu --- und hier eben keinen Punkt zu setzen, denn wo wir Menschen aufhören zu reden, fängt Gott erst richtig an.

Zweitens: Von der Erhöhung ins Leben, dem befreienden Bekenntnis und der Ehre Gottes. Paulus erzählt weiter:

Gott aber hat ihn darum erhöht zum Höchsten, und beschenkte ihn mit dem Namen, der höher ist als alle Titel,

so dass sich beim Namen Jesus

alle Knie beugen, der Engel,

der Menschen und der Toten,

und jede Sprache proklamiert,

dass Jesus Christus der Herr ist,

zur Ehre Gottes des Vaters.

Von Menschen angesehen zu werden, ihren Hierarchien anzugehören, bedeutet Knechtschaft. Von Gott angesehen zu werden, bedeutet Freiheit und Leben. Jesus erhält einen Namen, der über alle Titel des menschlichen Ansehens erhebt. Der Name Jesus und der Name Gottes werden gleichbedeutend, die Hierarchien der Menschen, Engel und das Primat des Todes werden aufgebrochen: Sie alle beugen ihre Knie vor dem Namen, der Freiheit bedeutet.

Diese ganze Erzählung von Jesus, der unsere Knechtschaft erst aufdeckt, der sie dann aufbricht und die Welt frei macht, ihn „Herr“ zu nennen, hat ihre Realität hier und jetzt: in dieser brüchigen Gemeinde, in dieser geknechteten Welt.

Was für ein Stilbruch ist diese Erzählung! Ein Stilbruch, der nicht auf den Philipperbrief beschränkt bleibt. Er ist das Vorbild von aller Verkündigung. Wo dieser Bruch in der Kirche nicht gewagt wird, gibt es zwar viel Gerede, aber es wird still um den, der uns heute hier versammelt hat.

Nichts anderes als der Stilbruch des Paulus ist dieser Gottesdienst, diese Karwoche und dieses Osterfest: eine heilsame, unterbrechende Erzählung mitten in unserem Leben.

Sie macht uns gebrochenen Menschen klar, worin unser Heil besteht, der brüchigen Gemeinschaft der Kirche, was ihre Einheit stiftet: Gott, der durch Jesus Christus seinen Thron besteigt - im Leben des Einzelnen und im Leben seiner Kirche. Über alle Totenfelder von 2000 Jahren Historie hinweg ist diese Geschichte eine Geschichte für uns. Kraft der Auferstehung Jesu geschieht sie jetzt. Die Worte „Mein Leib für euch gegeben“ am Gründonnerstag – jetzt und für uns! Der Schrei am Kreuz „Es ist vollbracht!“ am Karfreitag – jetzt und für uns! Der Jubelruf am Sonntag „Jesus lebt, das Grab ist leer!“ – jetzt und für uns!

Der Stilbruch des Paulus möge für uns zum Lebens-stilbruch werden, möge uns am bedrückenden Karfreitag und im Osterjubel mitreißen in die Geschichte des Gottessohnes; hinreißen zum Glauben an sein Wirken für uns. Möge ein jeder von uns in dieser Karwoche, der Woche der großen Taten Gottes, mit seinem Herzen und seinen Lippen in der Gemeinschaft mit den Engeln, den Menschen und den Toten bekennen, „dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes des Vaters.“ Amen.