Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Philipper 2,1-4

Pfarrer Dr. Matthias Jung (ev)

06.12.2013 in der Evangelischen Magdalenen-Kirchengemeinde in Teltow

© M. Jung

Liebe Gemeinde,

an einem Vers aus diesem Text bin ich schon beim ersten Lesen hängen geblieben: »In Demut achte einer den anderen höher als sich selbst.«

Demut. Herr von Guttenberg entschuldigte sich in Demut für seine Täuschungsmanöver. Ein einflussreicher Banker hat seine vor kurzem ganze Branche zur Demut aufgerufen. Und Funktionäre ganz gleich welcher Partei nehmen am Wahlabend gerne die Niederlage in Demut an und auf. Man senkt den Kopf und macht sich klein. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, zumindest bei mir bleibt dann das Gefühl zurück, alles nur für die Kamera. Weil es sich eben so gehört. Und man versucht so die Zuschauer, die Wählerinnen und Wähler, uns also, gnädig zu stimmen – und im nächsten Moment, spätestens am nächsten Tag, werden wieder andere Worte in die Mikrofone gesprochen. So wird Demut auf ritualisierte Weise missbraucht, um Gefühle von Zorn, Enttäuschung und Ohnmacht zu »bearbeiten« und vom Tisch zu wischen. Es gehört sich eben, um Gnade zu bitten. »Ich habe verstanden« (Kopf senken, Hände falten) - und morgen geht es wieder weiter wie gehabt. Es wirkt einfach unecht auf mich, das ist keine echte Demut.

Also. Demut, echte Demut. Was meint Paulus? Ich habe den Vers hin und herbewegt auf der Suche nach einem Hinweis, der in mir aufschließt. Ich habe mich erst mal schwer damit getan. Nicht nur in der Gesellschaft ist Demut ein schwieriges Wort, auch in die Kirche. Häufig wird es so ausgelegt: »Man muss immer den unteren Weg gehen.« oder »Du bist ein sündiger Mensch, denk von dir bloß nicht zu groß.« Und irgendwann ist mir etwas aufgefallen. Über ein Wort habe ich die ganze Zeit hinweg gelesen. Also: In Demut achte Einer den Anderen höher als sich selbst. Fängt schon mit diesem großen Wort an. Demut, oje, sei bloß demütig. Da fühle ich mich erst mal ganz klein. Und dann kommt auch gleich die Beziehung hinein, einer den anderen. Ich dich. Nicht auf mich schauen, sondern auf dich. Und wie? Indem ich mich klein mache und von unten zu dir aufschaue, meine Wünsche, Interessen, meinen Eigennutz hintanstelle und dich höher stelle. (Mit Gesten unterstützen) Und geblendet von all diesen großen Worten, habe ich über ein Wort hinweg gelesen, es hat sich scheinbar versteckt, ja: klein gemacht neben diesen Riesenworten unseres christlichen Lebens: Achte. (Leichte Handbewegung, mit Pause).

Achten. Beachten. Achtung. Achtsam sein. Aufpassen. Dieses kleine Wörtchen kann ich jetzt auch sehr unterschiedlich hören. Achtung! signalisiert das Verkehrsschild, pass auf! (Hand heben) Beachte die Regeln! sagt der moralische Zeigefinger. (Zeigefinger) Oder auch: Achte auf dich auf den anderen. (offene Armbewegung) Und das kann ich jetzt wieder auf unseren Vers anwenden. In Demut achte einer den anderen... Oder: In Demut achte einer den anderen... Oder: In Demut achte einer den anderen... (jeweils mit Gesten). Und wenn ich jetzt frage, welche Haltung entspricht am ehesten Jesu Geist, dann fällt mir zumindest die Antwort nicht schwer. Achtet aufeinander, da gehen bei mir sofort die Arme auf, mich öffnend in Ihre Richtung. Zugleich auch eine Haltung, die Menschen im Gebet einnehmen, sich dem Geist Gottes öffnend, empfangend, erwartend.

Achtsam auf den anderen zugehen. Achtsam miteinander umgehen. Schauen Sie ins Neue Testament, wohin Sie wollen, das ist die Haltung, mit der Jesus auf Menschen zugeht.

Was bedeutet dieses achten, auf den anderen achten, auf mich achten, für das Verständnis der Demut?

Das Nachrichtenmagazin »Der Spiegel« hat sich im Mai auch mit der Demut beschäftigt. Und er hat Prominente gefragt, was für sie Demut bedeutet. So unterschiedliche Menschen wie Wolfgang Thierse, Konstantin Wecker oder Matthias Sammer gehörten dazu. Interessanterweise waren die Antworten recht ähnlich. Am besten hat mir Matthias Sammer´s Antwort gefallen. Er hat gesagt:

»Demut bedeutet für mich: Respektvoll zu sein. Gegenüber allen Menschen, egal welchen Alters, welcher Herkunft, Bildung und sozialer Stellung. Vor allem aber auch vor der eigenen Bedeutung. Wir sind alle nur Bestandteil einer großen Geschichte, das sollte jedem bewusst sein, egal wer er ist.«

Ich finde, besser kann man es kaum sagen. Ich sage es aber doch noch mal aus biblischer Sicht: Weil ich weiß, dass Gott in Jesus offen, liebevoll, achtsam auf mich zukommt und das Brot ist, von dem ich leben kann, verändert das mich und meine Haltung. Zu mir, zu uns und zu den anderen. Da muss ich mich nicht mehr erst klein machen! Im Gegenteil. Jesus hat niemand klein gemacht, sondern aufgerichtet. Klein machen wir uns, mache ich mich schon oft genug selber, darin sind wir gut. Manche so gut, dass sie in ihrer Schwäche, ihrer Angst nicht anders können als andere herunterputzen und klein machen. Jesus dagegen kommt, schaut, hebt meinen gesenkten Kopf vorsichtig an, bis wir uns auf Augenhöhe begegnen und dann passiert es. (Mit Gesten unterstützen.) Wenn er mir in die Augen schaut. Und ich mich in seinen Augen geliebt sehe. Von ihm, von Gott. Geliebt, getragen, beachtet. Und das verändert. Mich. Meine Haltung. Ich werde achtsam. Nicht: ich kann achtsam werden, nein ich werde achtsam. Es geht nicht anders. Ich werde achtsam. Mir gegenüber. Und den anderen gegenüber. Das ist Demut. Von Gott auf Augenhöhe gehoben werden. Und dort eingeordnet sein und werden in Jesu Sicht. Auf mich, auf dich, auf uns. Und so ist Achtsamkeit ein anderes Wort für Demut, und dann hört sich unser Vers so an: Achtsam achte einer den anderen höher als sich selbst.

Zum Schluss: Was heißt das jetzt konkret? Und wie ist das mit dem höher als sich selbst achten? Kommt dann die Unterordnung, das Zurückstecken durch die Hintertür doch wieder hinein? (Pause) Nein.

Ich habe im Urlaub ein Buch gelesen, darin kam ein spannender Absatz vor, der mir jetzt wieder eingefallen ist, als ich über diesen Vers nachdachte.

Da geht es an einer Stelle um einen Berater, der gefragt wird, was er Managern, Abteilungsleitern usw. empfiehlt, um Teamsitzungen und Konferenzen erfolgreich durchzuführen. Seine Antwort lautet:

»Ich gehe in solche Sitzungen hinein mit der Einstellung: Egal, wie viel ich weiß und egal, wie erfahren ich auch bin, da wird mindestens eine oder einer sitzen, die oder der in dieser Sache mehr weiß als ich.«

Das passt auch hier. Diese Einstellung macht zunächst mal nicht klein! Wir haben alle unsere Stärken und Erfahrungen und Kompetenzen oder wie immer man das auch nennt. Und das ist doch auch gut so, denn dadurch können wir einander bereichern, helfen, das Leben schön machen. Jesus richtet auf, hebt mich auf Augenhöhe und sagt: Gott hat dir eine Menge mitgegeben. Und das habe ich im Rücken, im Herz und im Kopf. Das lässt mich achtsam, offen in jedes Gespräch, in jede Sitzung, in jeden Gottesdienst oder was auch immer hinein gehen. Es ist immer möglich, etwas Neues zu lernen, zu begreifen, angerührt zu werden. Immer ist das möglich, in jeder Gruppe, in jeder Begegnung, auch am Sterbebett eines Menschen, der sich vielleicht gar nicht mehr artikulieren kann – aber genau das mag eine anrührende Erkenntnis für mich bedeuten. Also: Ich gehe nicht in eine Sitzung, eine Begegnung, eine Veranstaltung mit dem Ziel hinein, mein Ding durchzuziehen. Vorbereitung – auf was auch immer – ist schon gut und nötig, aber wenn es los geht, mache ich mir klar: Ich will jetzt und hier erst mal offen und neugierig sein, achtsam eben. Jederzeit bereit, noch mal einen Schritt zurückzutreten und anzuerkennen, ja, der oder die andere weiß hier mehr als ich. Und dann wird auch ganz schnell deutlich, was dem oder anderen dient, wo die Interessen wirklich liegen, auch, was ich wirklich anbieten und leisten kann – und zu kurz komme ich am Ende auch nicht, im Gegenteil, da gibt es entsprechende biblische Verheißungen.

Liebe Gemeinde, das klingt etwas ideal und ist es auch. Das wird so nicht immer geschehen und oft genug schaffe ich es nicht mit dieser Haltung, warum auch immer. Und Sie ganz sicher auch nicht. Aber: Wäre es anders, dann bräuchte es die Ermahnung des Paulus auch nicht. Diese Texte sind doch dafür da, dass sie mir, uns die Sichtweise Jesu und seines Gottes wieder vor Augen stellen, damit wir die Chancen nicht verpassen, die eben in der Demut liegen, in der Achtsamkeit, oder wie Matthias Sammer sagte, im respektvollen Umgang mit jedem, der mir begegnet. Nicht nur in der Gemeinde.

Und wo das gelingt, dass wir als Christinnen und Christen diese Haltung, diese Achtsamkeit und Offenheit einnehmen können, weil Jesus uns auf Augenhöhe hebt, da wird auch der ganze Rest des Predigttextes »wahr«:

»Macht meine Freude dadurch vollkommen, dass ihr eines Sinnes seid, gleiche Liebe habt, einmütig und einträchtig seid. Tut nichts aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen, sondern in Demut achte einer den andern höher als sich selbst, und ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch (auch!) auf das, was dem andern dient.«

Amen.