Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Philipper 2,5-11

Pfarrer Wilhelm Philipp

04.04.2004 in Voerde/ Ennepetal

„Wetten, dass“! Sie kennen diese beliebte Fernsehsendung mit Thomas Gottschalk. Werden die auf der Bühne vorgeführten Experimente gelingen oder nicht? „Ja oder nein“! Prominente aus dem Showgeschäft sollen sich entscheiden.
„Wetten, dass alles in unserer Welt ein gutes Ende nimmt?“ „Ja oder nein“! Sie sind zurückhaltend, skeptisch? Ich auch.
Unser Leben ist nicht fertig. Überall stehen wir vor Baustellen in unserem Leben, vor zerstörten Lebenslandschaften.

Gemeindeglied: In einem Spielsalon treffen sich viele Menschen. Schon am frühen Nachmittag hocken sie vor den Spielautomaten. Sie finden kein Ende. Auch Christine mit ihrer Freundin und ihrem Freund trifft man dort täglich. Eines Tages merkt Christine, dass sie von den Automaten nicht mehr loskommt. Wenn das Geld nicht mehr reicht, muss sie es besorgen. Sie stiehlt, wo immer sie einen Zugriff zu Geld hat. Sie knackt sogar die Spardose ihres 8 jährigen Sohnes. Abhängig. Willenlos. Bald wird sie auch den Arbeitsplatz verlieren.

2. Gemeindeglied: Eines Tages eröffnet Heinz nach dem gemeinsamen Abendessen in der Familie seiner Frau: „Ich werde ausziehen“. Nach einer kurzen Verlegenheitspause: „Ich habe schon lange eine andere Beziehung. Ich möchte dir nun reinen Wein einschenken! Nach 25 Jahren braucht man einfach eine Abwechselung. Unser Eheleben ist abgenutzt“. Der Aufschrei seiner Frau interessiert Heinz nicht. Er hält sich die Ohren zu, als ob seine Frau etwas Unrechtes gesagt hat. Der Hinweis auf die gemeinsamen Jahre ziehen nicht. „Ich habe vor Jahren meinen Beruf aufgegeben. Ich werde doch in der heutigen Arbeitswelt keinen Anschluss mehr bekommen.!“ Dieser Aufschrei prallt an der eiskalten Wand ihres Mann ab. Heinz dreht sich um, schlägt die Tür ins Schloss und ist verschwunden

3. Gemeindeglied: Ich bewundere den Fortschritt. Aber ich bin immer wieder entsetzt, wie der technische Fortschritt in den Händen von skrupellosen Verbrechern weltweite Ängste auslöst. Man spricht von einer neuen Dimension von Krieg und Gewalt, die die Welt an den Abgrund bringt, Menschen in Trauer und Verzweiflung stürzt, plötzlich, in einem Augenblick. Welchen Sinn hat es, dass unschuldige Menschen bei den unvorstellbar grausamen terroristischen Anschlägen irgendwo auf der Welt einfach so umkommen! Einfach so!.. Der Zugriff zu Porno und krimineller Abzocke stellen die Kriminalistik vor ungeheure Herausforderungen. Die Phantasie und die Anreize zu immer größerer Kriminalität ist größer als die Phantasie zu ihrer Verhinderung. Muss man sich mit diesen Gegenwartserfahrungen und Zukunftsperspektiven, mit diesen ewigen Baustellen, diesen Trümmern einfach abfinden?
Da hilft kein Gott. Da stoppt keine überirdische Macht den Lauf der Welt, das Unrecht, das Böse.

Pfr.: Solche und ähnliche Beispiele und Lebensempfindungen gehören zu unserem Alltag. Sie machen uns nachdenklich. Was ist in unserer Welt los?
Wetten, dass sich die Welt verändern lässt? „Ja oder nein!“ Wir stehen vor einer grotesken Entscheidung. Bin ich als Christ ein Träumer, ein weltfremder, unkritischer Phantast, wenn ich die Frage dennoch mit Ja beantworte?
Hat eigentlich heute Morgen unser Gottesdienst einen Sinn? Was soll und was kann er bewirken? Wir hören Worte aus der Bibel. Was soll dies alles, wenn Gottesdienst diese Baustellen in unserem Leben nicht aufheben kann, keine wirksame und ernst zu nehmende Hilfe in unsrem rauen Alltag bietet? Unser Zusammensein mit all den Liedern und Gebeten, Texten und Predigten wären seichte Ablenkungsmanöver von den eigentlichen Lebensproblemen, wären wie abgestandenes Wasser, in dem sich niemand mehr waschen mag, geschweige denn es trinken möchte. Unser Gottesdienst wäre eine schöne Blumenranke über ein marodes Mauerwerk, mehr nicht.

Mit Spannung und großer Neugier höre ich den Text aus dem Neuen Testament, den ich mir gar nicht ausgesucht habe, sondern der uns heute von der Kirche vorgegeben ist. Der Apostel Paulus zitiert in seinem Brief an die Philipper ein altes Lied, ein Christuslied.

Ein Sprecher liest an dieser Stelle Phil 2, 5-11

Pfr.: Ob dieses alte Christusbekenntnis uns etwas Neues zu sagen hat, ob es unserer Lebenseinstellung einen neuen Impuls gibt, darüber kann man ja noch einmal stille werden, nachdenken.
Sehr markant wie dicke Pfähle im morastigen Untergrund steht der Satz vor uns: „Ein jeder sei gesinnt, wie Jesus Christus auch war“. Das ist der Kern unseres christlichen Glaubensbekenntnisses , das sich auf die Botschaft der Bibel bezieht. Das ist keine weltfremde Botschaft. Das ist nicht die Farbe einer frömmelnden Arglosigkeit, die wir über den Zustand unseres Lebens streichen.
Die Aufforderung: „Ein jeder sei gesinnt wie Jesus Christus auch war“ wirft ein Licht auf unser Denken. Hass, Gewalt, Betrug, Krieg, Hunger, Flüchtlingselend fallen nicht wie blinde Schicksalsschläge über die Menschen, sondern sie sind die Produkte menschlichen Denkens. Aus dem Denken wird die Kraft des Handelns geschöpft.
Gesinnungsänderung ist das A und O für das Bestehen unserer Welt, für eine humane, erträgliche und gerechte Welt, in der Menschen mit dem Leben sorgsam umgehen. Gesinnungsänderung allein bringt verworrene Familienverhältnisse in Ordnung. Liebe, Verantwortung für andere Menschen, Treue und die Bereitschaft zur gegenseitigen Vergebung verdrängen den Hass, das Ausspielen von Macht und Geld, Einfluss und Beziehungen.
Das alles geschieht da, wo Menschen zu Jesus Christus finden.
Wo sein Denken unser Denken verändert. So konkret wird die Botschaft. Sie ist nicht an die Sterne gerichtet, sondern diese Botschaft ist das Werkzeug des Friedens und des Heils an den Baustellen unseres Lebens.
Lasst uns mit Jesus Christus anfangen vielleicht wie ein Kind im 1. Schuljahr, das langsam die Buchstaben, Wörter und Zahlen kennen lernt, um schließlich lesen, schreiben und rechnen zu können, erst unbeholfen, dann aber immer vollkommener .
Gesinnungsänderung ist das A und O für das Zusammenleben in einer multikulturellen Gesellschaft, in der Fanatismus die menschliche Gesellschaft gefährdet und erdrückt.
Das ist die Mitte unseres Gottesdienstes, zu dieser Gesinnungsänderung zu ermutigen.

In dreifacher Hinsicht begegnen wir Jesus:

a) als einer historischen Erscheinung. Sie ist in der damaligen Gesellschaft nicht unter „ferner liefen“ unbeachtet geblieben. Jesus hat Aufsehen erregt. Er hat ja ihre Sprache gesprochen, ihren Dialekt. Er konnte kein Griechisch, kein Latein. Aber er kannte das Leben der Menschen in Jerusalem, im ganzen Land. Er wusste, mit welchen Beispielen und Bildern er Menschen treffen konnte. Sie waren wie spitze Nadeln, die Menschen sehr wohl spürten. Jesus sorgte für permanente Aufmerksamkeit. Was er sagte, wurde wahrgenommen. Er sammelte nicht überall Pluspunkte: „Endlich mal einer, der die Wahrheit sagt!“ Da waren auch die Andern, die sich in ihrem Denken bloß gestellt sahen. Die in der Gesellschaft Mächtigen und ideologisch Verbohrten drehten ihm einen Strick aus seinen unverhohlen deutlichen Worte, bis das Strickmuster ihrer schäbigen Macht zu Ende gestrickt und jedes Mittel der Intrige und des politischen Schachzuges nur recht war. Das Ende war die Beseitigung des Störenfriedes. Mit Hohn und Spott, Dornenkrone und Kreuz beseitigte man den Gottlosen, den Querulanten.
Zwiespältig war die Reaktion auf Jesus: Hass und Freude auf den, der Menschen von Angst und Trauer, von Enge und Verblendung befreite, der Liebe gegen Hass setzte und sich den von der frommen Gesellschaft Geächteten und Ausgegrenzten zuwandte

b) Wir begegnen Jesu in einem tieferen Sinne, als dem Christus. Wir können nicht bei der Betrachtung des historischen Erscheinungsbildes stehen bleiben. Menschen, die Jesus gefolgt waren, sahen nicht nur einen tollen Helden, einen bewundernswürdigenden, starken und unbeugsamen Menschen. Sie erkannten, aus welcher Kraftquelle Jesus lebte, wer hinter ihm stand, wer durch ihn und mit ihm in dieser Welt wirkte. Die Kraftquelle war Gott, der Unsichtbare, war die Offenbarung seines Wesens in einer für uns verständlichen Geschichte, in Handeln und Reden. Jesus war und ist das Gesicht Gottes, in das wir schauen dürfen.
Gott hat seine Liebe auf den Markt getragen, hat aufgezeigt, wozu Menschen fähig sind. Aber sein Leiden war keine Kapitulation vor den Ränkespielen und dem religiösen Phanatismus der Menschen. Gott hat vielmehr seine Liebe durchgehalten, indem er all das ertragen hat, was Menschen ihm angetan hatten. Seine Liebe ist leidensfähig, damit viele Menschen aufmerksam würden auf diesen Gott, der versöhnen, retten will um jeden Preis.
Das Christuslied, das Paulus zitiert, kleidet diese fundamentale Erkenntnis in ein Bild: „Jesus hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein“. Raub? Das Bild schaut auf Menschen, die einem anderen etwas wegnehmen, was ihnen nicht gehört, die etwas erbeuten, um reich zu sein, um das zu haben, was sie durch eigene Arbeit nie erwerben können. Jesus streitet Gott nicht ab, was Gott gehört. Nein: Jesus zeigt Gottes Wesen, legt Gottes Willen mit uns Menschen offen zu Tage, lebt Gottes Wesen aus, bringt Gott zur Geltung. Das ist seine Bestimmung. Er stärkt die Armen und Geringgeschätzten, die Ausgestoßenen und verunsichert die Starken und hinterfragt die Mächtigen. „Er erniedrigte sich selbst und war gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz“.

c) Die Menschen, die Jesus folgen, erleben Ostern. Mit dem Kreuz ist Gott nicht gestorben. Gott bleibt Gott auch im Tode. Die Liebe Gottes erträgt auch den Tod.. Ein Liederdichter unserer Tage bekennt: „Über Gottes Liebe brach die Welt den Stab, / wälzte ihren Felsen vor der Liebe Grab./ Jesus ist tot. Wie sollte er noch fliehn?/ Liebe wächst wie Weizen, / und ihr Halm ist grün“ (EG 98,2) Diese Liebe schafft neues Leben. Gottes Macht ist stärker als alle Mächte dieser Welt auch stärker als die Macht des Todes.

Wetten, dass diese Botschaft die Welt verändert, wenn wir sie wirken lassen, ihr nicht im Wege stehen, wenn wir Botschafter an Christi statt sind, Werkzeuge Gottes. So konkret wird unser Glaube an Gottes Weg mit uns, wenn wir uns Jesu Gesinnung schenken lassen und seine Spuren in unserem Leben entdecken und ihnen folgen.

Amen.