Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Philipper 2,5-11

Katja Romanek (ev)

28.03.2010 in der Stadtkirche in der ev.ref. Gemeinde Neviges

Liebe Gemeinde,

Freuen Sie sich auf Ostern? Also ich schon. Es gibt ja mehrere Gründe, sich darauf zu freuen: einmal die Feiertage, man hat einen Tag länger frei, oder überhaupt Ferien. Die kleinen Kinder und manchmal auch die großen, freuen sich auf das Eiersuchen im Garten, wenn es hoffentlich nicht regnet. Die Familien freuen sich auf das leckere Festessen und den Kuchen. Man darf wieder alles essen, die Fastenzeit ist vorüber.

Ja, und noch ein Grund könnte ja sein: die Passionszeit ist vorbei. Endlich darf man Christi Auferstehung feiern und muss nicht mehr die dramatischen Bibeltexte von seinem Leiden und Sterben hören und die traurigen Lieder singen. Dann darf man sich endlich wieder freuen. Geht Ihnen das auch so?

Das ist ja menschlich durchaus verständlich. Aber im Moment befinden wir uns noch in der Passionszeit. Heute am Palmsonntag gedenkt die christliche Kirche des Einzugs Jesu in Jerusalem vor seinem Prozess und vor seiner Hinrichtung. Das schlimmste Leiden steht ihm da noch bevor.

Und auch, wenn die Welt um ums herum schon seit Wochen auf Ostern eingestellt ist, zumindest was die Deko und die Osterhasen und die Kochrezepte angeht, dann sollten wir uns doch noch einmal auf das einlassen, was uns eigentlich widerstrebt, nämlich das Leiden Jesu.

Aber warum musste das eigentlich sein? Hätte sein Vater im Himmel ihm das nicht ersparen können? Es gibt Menschen, die sagen: an einen Gott, der so grausam ist, dass er seinen Sohn leiden und sterben lässt, will und kann ich nicht glauben. Und für viele ist Gott am Kreuz gescheitert und hat für alle Zeiten verloren. Das war schon damals in der Antike so. Und heute streiten sich selbst Theologen über die Bedeutung des Todes Jesu als stellvertretendes Opfer für die Sünden der gesamten Menschheit. Leiden und Opfertod passen in unsere heutige Gesellschaft anscheinend nicht mehr hinein. Oder vielmehr: sie passen in unsere natürlichen menschlichen Vorstellungen nicht hinein.

Ich lese den Predigttext für den heutigen Sonntag aus dem Philipperbrief Kapitel 2, Verse 5 - 11:

Da schreibt Paulus:

 

5 Seid so unter euch gesinnt, wie es auch der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht:

6 Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, (hielt es nicht fest wie ein Stück Beute; Anm. K.R.) Gott gleich zu sein,

7 sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, wurde den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt.

8 Er erniedrigte sich selbst und wurde gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz.

9 Darum hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist,

10 dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind,

11 und alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters.

 

Diese Textstelle wird auch der Christus-Hymnus genannt. Es ist eins der ersten Lieder, in denen von Jesus gesungen wurde. Es kann sogar sein, dass Paulus und Silas dieses Lied gesungen haben, als sie in Philippi im Gefängnis saßen. Eine Hymne also, die Jesus verherrlicht und in kurzen Versen sein ganzes Leben und dessen Heilsbedeutung darstellt. Es ist sozusagen ein Schnelldurchgang von der Menschwerdung Christi durch die tiefsten Tiefen seines Lebens und Sterbens bis hin zur Königsherrschaft, die er vom Vater nach der Auferstehung erhalten hat. Wir lernen Jesus in der Bibel ja erst an der Stelle kennen, wo er als Mensch geboren wird. Paulus bezieht sich aber auf die Zeit davor, nämlich als Jesus noch beim Vater war, als er noch Gott war. Wir können uns das nicht so gut vorstellen; die Dreieinigkeit von Vater, Sohn und heiligem Geist wird uns hier auf der Erde immer ein Geheimnis bleiben. Aber so viel hat Jesus ja selbst von sich gesagt: er war von Anbeginn der Welt da und hat schon den Satan vom Himmel fallen sehen. Er war Gott gleich und hat all seine Macht aufgegeben, um sich als schwaches Kind in die Hände der Menschen zu begeben.  Aus dem König wurde ein Diener.

Auch als sein Leiden und sein Tod am Kreuz immer näher rückte und unausweichlich vor ihm stand, hat er seinen Entschluss nicht rückgängig gemacht, sondern ist den schweren Weg weiter gegangen. Wir kennen die Bibelstelle, wo davon berichtet wird, wie er im Garten Gethsemane mit seinem Vater darum ringt, ob der Kelch des Todes denn nicht vielleicht doch an ihm vorüber gehen könnte. Aber wie Paulus schreibt, ist er gehorsam „geworden“. Das war auch bei Jesus ein längerer Prozess und nicht so einfach. Zum Schluss sagt er in Gethsemane zu seinem Vater: „Aber nicht wie ich will, sondern, wie du willst.“ Im Hebräerbrief heißt es: „Und er hat in den Tagen seines irdischen Lebens Bitten und Flehen mit lautem Schreien und mit Tränen dem dargebracht, der ihn vom Tod erretten konnte; und er ist auch erhört worden, weil er Gott in Ehren hielt. So hat er, obwohl er Gottes Sohn war, doch an dem, was er litt, Gehorsam gelernt.“ Das ist für uns vielleicht ein ganz neuer Aspekt, dass Jesus Gehorsam lernen musste. Dass er tatsächlich darum gerungen hat, den Leidensweg zu gehen. So selbstverständlich war das für ihn auch nicht, denn hier auf der Erde war er ja Mensch wie wir alle, und auch er hatte Angst und wollte nicht gerne leiden. Trotzdem hat er nicht kehrtgemacht, obwohl er das hätte tun können. Aber weil er gehorsam geblieben ist, darum hat Gott ihm die Macht und Herrlichkeit zurück geben können, die er vorher hatte, und noch mehr: Er hat ihm einen Namen gegeben, der über alle Namen ist.

Wie soll man sich das vorstellen? Wir sagen ja auch von einem Menschen, der es zu etwas gebracht hat: „Der hat sich einen Namen gemacht.“ Und ein paar Namen von Menschen gibt es, die fast auf der ganzen Welt bekannt sind. Etwa Wolfgang von Goethe, Michael Schumacher, oder Mutter Theresa. Diese Personen sind aus ganz unterschiedlichen Gründen bekannt und berühmt geworden. Die Beatles sollen damals einmal gesagt haben, als ihre Platten auf der ganzen Welt verkauft wurden: „Jetzt sind wir bekannter als Jesus.“ Naja, heute könnte es sein, wenn man eine Umfrage in verschiedenen Großstädten der Erde macht, dass beide Namen nicht mehr sehr bekannt sind. Wer von den Jüngeren kennt schon noch die Beatles? Und Jesus? Ich fürchte, da wissen auch nicht mehr viele, wer das ist. Aber im Gegensatz zu den Beatles wird es mit dem Namen Jesu, bzw. mit dem neuen Namen, den er dann haben wird, einmal anders sein. In der Offenbarung des Johannes steht: (Offb 15,4): „Wer sollte dich, Herr, nicht fürchten und deinen Namen nicht preisen? Denn du allein bist heilig! Ja, alle Völker werden kommen und anbeten vor dir, denn deine gerechten Gerichte sind offenbar geworden.“ Dann wird sich erfüllen, was Paulus in dem Christushymnus zitiert: „Vor Jesus werden einmal alle auf die Knie fallen, alle im Himmel, auf der Erde und im Totenreich. Und jeder ohne Ausnahme soll zur Ehre Gottes, des Vaters, bekennen: Jesus Christus ist der Herr.“

Aber noch mal zurück zu der Frage nach dem „Warum?“ Warum musste Jesus das alles erleiden? Etwa nur, damit er in der Herrlichkeit Gottes noch ein Stückchen höher rücken konnte? Nun, diese Frage haben sich auch kurz nach seinem Tod am Kreuz seine Jünger gestellt. Von zweien wird berichtet, dass sie traurig und desillusioniert auf dem Weg von Jerusalem nach Emmaus sind und die Welt nicht mehr verstehen, weil Jesus, der erhoffte und ersehnte Retter, jetzt tot ist, schmählich hingerichtet wie ein Verbrecher. Der Auferstandene Jesus selbst musste ihnen begegnen und sie fragen: „Musste nicht Christus dies erleiden und in seine Herrlichkeit eingehen?“

Dann hat er ihnen erklärt, warum das alles so geschehen musste. Dabei zitierte er die alten Prophezeiungen aus den  heiligen Schriften, (das Neue Testament gab es ja noch nicht!). Sicherlich hat er den Sündenfall der Menschen erwähnt, die Vertreibung aus dem Paradies, Gottes Zorn über die Sünde, den angekündigten Erlöser und Gottesknecht, der die Sünde und alles Schlechte der Menschen auf sich nehmen soll. Der den Zorn Gottes erleidet und stirbt wie ein Lamm, das im Judentum damals geopfert wurde, um die Schuld der Israeliten zu sühnen. Das alles waren ja Hinweise auf Jesus. Er war derjenige, der von Anfang an dafür vorgesehen war, Gott mit dem gefallenen Menschen zu versöhnen. Weil er der einzige ohne Sünde war.

Und was den grausamen Gott betrifft, der seinen Sohn opfert, so glaube ich aus der Bibel eher herauszulesen, dass Jesus das freiwillig getan hat. Es heißt ja: „Er erniedrigte sich selbst“ und nicht „er wurde erniedrigt“.  Das heißt, er tat das aus freien Stücken. Aus Liebe. Aus Liebe zu seinem Vater und aus Liebe zu uns Menschen. Unverständlich, wenn ich uns so anschaue und zu welchen Schlechtigkeiten wir Menschen auf dieser Welt fähig und im Stande sind. Aber trotzdem wahr.

In keiner anderen Religion gibt es das sonst, dass ein Gott Mensch wird, um zu leiden und um die Schuld der Menschen auf sich zu nehmen und an ihrer Stelle zu sterben, um sie zu retten. Wenn zum Beispiel die Götter der griechischen Antike in den Legenden Menschengestalt annahmen, dann taten sie das aus Eigennutz, weil sie die Menschen für ihre eigenen Zwecke verführen wollten. Aber bei unserem Gott ist das anders. Er begibt sich auf unsere Ebene, um unser Bruder zu werden, einer von uns, der mit uns und für uns leidet. Und weil er das getan hat, kann er uns ja auch so gut verstehen. Im Hebräerbrief ist das so schön dargestellt: Jesus als Hohepriester, der für uns eintritt vor Gott, der barmherzig und gnädig ist mit uns, weil er ja selbst weiß, wie schwach ein Mensch ist, und wie wir Menschen unter Versuchungen leiden. Er ist versucht worden wie wir, als er Mensch war, aber er ist der einzige, der ohne Sünde geblieben ist. Deshalb können wir jederzeit zu ihm kommen und ihn um Vergebung bitten, wenn wieder mal etwas schief gelaufen ist in unserem Leben. Die Tatsache, dass Jesus die Königsherrschaft angetreten hat und einmal von allen Völkern angebetet werden wird, soll uns nicht abschrecken. Das Faszinierende an ihm ist ja, dass er einerseits der Herr über die sichtbare und unsichtbare Welt ist, aber andererseits nicht entrückt und unnahbar geworden ist, sondern nur ein Gebet weit entfernt. Er ist gleichzeitig majestätisch und demütig. König über alle, und trotzdem will er uns mit seiner Barmherzigkeit dienen. Immer noch. Im Hebräerbrief heißt es: „Darum lasst uns hinzutreten mit Zuversicht zu dem Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zu der Zeit, wenn wir Hilfe nötig haben.“

Lassen wir uns also nicht niederdrücken von Jesu Leiden und Sterben, sondern dankbar annehmen, dass er das für uns getan hat.

 

Amen.

 

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.