Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Philipper 3,1

Thomas Seitz

24.12.2007 in der ev. Kirchengemeinde Lechbruck

Christnacht

Christnacht

Der Apostel Paulus schreibt im Brief an die Philipper: „Dass ich euch immer dasselbe schreibe, verdrießt mich nicht und macht euch desto gewisser.“

Liebe Gemeinde, mag sein, dass es den Apostel Paulus nicht verdrießt, immer dasselbe zu schreiben. Aber vielleicht verdrießt es ja die Empfänger seiner Briefe, die Bewohner der Handelsstadt Philippi, immer dasselbe in den Briefen des Paulus zu lesen. Möchten Sie Briefe erhalten, in denen Sie immer dasselbe lesen? Möchten Sie sich immer wieder die gleichen Geschichten ihrer Mitmenschen anhören, Geschichten, in denen sie erzählen, was sie alles geleistet und durchgemacht haben? Ja, einmal hören wir uns das gewiss gerne an. Aber noch ein zweites oder drittes Mal oder wer weiß wie oft? Wiederholungen können ach so ermüdend sein. Aber es gibt auch Wiederholungen, die belebend sind.

Der Schriftsteller Carl Zuckmayer verbrachte die letzten Jahre seines Lebens im Bergdorf Saas Fee in der Schweiz. Er hatte die Angewohnheit, jeden Tag einen ausgedehnten Spaziergang zu machen. Und ging immer den gleichen Weg. Offenbar ist ihm der immer gleiche Weg nicht langweilig geworden. Nein, Zuckmayer war keinesfalls im hohen Alter einfältig geworden oder vergesslich. Er wusste sehr genau, was er tat. In einem kleinen Notizbuch, das er bei sich trug, schrieb er nieder, was er Tag für Tag entdeckte. Je öfter er seinen Weg ging, desto mehr sah er. Und kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Denn der Weg läuft sich am Morgen anders als am Abend, zeigt sich in der Hitze des Mittags anders als im milden Licht des Mondes. Wer eine Landschaft kennen lernen will, muss sie tausend Mal durchwandern. Die Wiederholung führt in die Tiefe und öffnet Türen, etwa die Tür zu den Tieren. Zuckmayer schreibt: „Wer in einer der sieben Nächte zwischen Weihnachten und Neujahr geboren ist, und noch dazu am Sonntag, der kann, so heißt es, die Tiere sprechen hören. Und ich möchte allen Ernstes behaupten, dass ich es kann.“ Wir mögen darüber vielleicht schmunzeln, der bekannte Schriftsteller aber meint es ernst. Aber nicht, weil er zwischen Weihnachten und Neujahr geboren ist, kann er die Tiere verstehen, sondern weil er auf dem immer gleichen Weg gelernt hat, die leisen Töne zu hören und die kleinen Dinge zu sehen.

(Wenn ich am Abend zuhause bin, lese ich unserem vierjährigen Sohn ein Buch vor. Er wählt sich gerne die ihm bekannten, die bereits abgegriffenen Bücher. Nicht etwa, weil er vergessen hätte, was in dem Buch steht, sondern weil er wieder hören will, was er schon lange kennt. Kinder finden offenbar Wiederholungen nicht langweilig. Durch die Wiederholung wird die Geschichte, die irgendein Autor geschrieben, allmählich zur je eigenen Geschichte.)

Ich denke (auch) an die Mönche und Nonnen, die jahraus jahrein die selben biblischen Texte lesen, dieselben Lieder singen und dieselben Gebete sprechen. Wir Außenstehenden vermuten, dass müsse unendlich langweilig und ermüdend sein. Ich glaube, dass die Mönche und Nonnen, wenn sie sich denn auf den geistlichen Weg einlassen, das anders erleben. Sie merken: Die Texte schleifen sich nicht ab, werden nicht langweilig. Durch die Wiederholung nehmen sie zu an Kraft, brennen sich ein in die Seele. Die Leser machen, wenn sie den Text das zehnte oder fünfzigste oder hundertste Mal lesen, ungeahnte Entdeckungen. Eben das gilt auch für die Weihnachtgeschichte nach Lukas (wie wir sie heute wieder gehört haben).

Weihnachten, und nun schließt sich der Kreis, ist ein Fest der Wiederholungen. Jahr um Jahr verläuft es gleich, oder zumindest ähnlich: vor Weihnachten die Adventsmärkte, Einkaufen, Schmücken und Backen, an Heilig Abend der Christbaum, die Lichter, die Geschenke. Am Weihnachtstag das Festessen, die Besuche usw. Und das geht so Jahr für Jahr. Wiederholungen prägen auch den Gottesdienst an Heilig Abend: die gleichen Lieder, die gleichen Texte, die gleichen Leute und womöglich auch noch der gleiche Pfarrer. - Ich hatte in der Anfangszeit im kirchlichen Dienst das Bedürfnis, das alles einmal umzuwerfen. Ich hatte ernsthaft erwogen, einen Chrisbaum zur Abwechslung an der Decke aufzuhängen und dann auch noch mit der Spitze nach unten. Aber das wäre Unsinn gewesen, es wäre vielleicht im ersten Jahr ganz nett gewesen, wenn auch wenig sammelnd. Im zweiten Jahr hätten die Leute mit Recht gesagt: „Wir kennen den Christbaum schon, der an der Decke hängt. Lass dir was Neues einfallen.“ Der Christbaum, der an der Decke hängt, wäre binnen eines Jahres alt und langweilig geworden, der Christbaum dagegen, der auf der Erde steht, entzückt Jahr für Jahr ungezählte Herzen.

Eine Umfrage hat ergeben, dass die Mehrheit der Menschen an Heilig Abend keine Experimente wünscht, sondern die alten Lieder, die alten Lesungen, die Weihnachtsgeschichte nach Lukas, und die nicht in einer modernen Übertragung, sondern nach dem guten alten Luther. Vielleicht bin ich ja ein altmodischer Kauz, aber ich bin, zumal im Augenblick, davon überzeugt, dass die alten Formen und Texte tragen. Allein schon deshalb, weil sie uns in die Gemeinschaft der Toten führen. Unsere Vorfahren haben bereits diese Lieder gesungen und diese biblischen Texte gehört, haben sie gesungen und gehört in Zeiten des Krieges, der Armut, der inneren und äußeren Not. Und sie haben damals erfahren, dass die alten Texte tragen. Sie werden auch uns tragen. Ihr Zentrum ist Jesus Christus. Wie auch die Briefe des Apostels Paulus ein Zentrum haben: Jesus Christus, ihn als Gekreuzigten. Von ihm schreibt der Apostel ein ums andere Mal, er wiederholt sich, aber es verdrießt ihn nicht. Und auch uns sollten die Wiederholungen nicht verdrießen, denn sie führen in die Tiefe. Die Texte der Heiligen Schriften erschließen sich dem, der sie wiederholt.

Die Weihnachtsgeschichte nach Lukas wird uns, wenn wir sie ein ums andere Mal lesen bzw. hören, zunächst einmal vertraut. Maria und Josef, das Kind in der Krippe, die Hirten auf dem Felde, die kennen wir schon ach so lange. Aber dann, wenn wir uns weiterhin dem Anspruch der Weihnachtsgeschichte stellen, erfolgt oft ein Umschlag: Was uns vertraut schien, wird uns mehr und mehr fremd, eine Zumutung. Das ist ein gutes Zeichen. Denn der christliche Glaube ist eine Zumutung, der Apostel Paulus sagt: eine Torheit. Eine Zumutung ist schon der unsichtbare und unfassbare und deshalb auch nicht darstellbare Gott, eine Zumutung jedenfalls für den Verstand. Dass aber der unsichtbare, erhabene Gott sich in Jesus unter die Gesetze dieser Welt stellt, ist unerhört. Jesus begegnet seinen Zeitgenossen als Mensch und beansprucht zugleich das eine Wort Gottes zu sein, „das wir zu hören, dem wir im Leben und Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.“ Kein Wunder, das sich an ihm die Geister schieden und das bis heute tun. Wenn aber das Ärgernis, die Zumutung uns zum Hinweis darauf wird, dass wir es in Jesus Christus mit dem ewigreichen Gott selbst zu tun haben, mit dem erhabenen Schöpfer als Heiland und Retter - dann geschieht so etwas wie ein geistliches Erwachen. Und wo das geschieht, da wird es Weihnachten, es sei heute oder an einem anderen Tag.

Auch uns soll es nicht verdrießen, dass Paulus immer dasselbe schreibt, dass wir ein ums andere Mal die Weihnachtsgeschichte nach Lukas hören, wenn denn die Wiederholungen nur dazu dienen, dass wir erwachen und uns das sagen lassen: „Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr.“

Amen.