Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Philipper 4, 4-7

Prof. Dr. Reiner Preul (ev), Professor für Praktische Theologie (em.)

11.05.2014 in der Universitätskirche in Kiel

Akademischer Sonntagsgottesdienst an Jubilate 2014

© Jürgen Haacks / Uni Kiel

Foto: Uni-Kiel

Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch! Eure Lindigkeit lasst kund sein allen Menschen! Der Herr ist nahe! Sorgt euch um nichts, sondern in allen Dingen lasst eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kund werden! Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

 

 

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder!

 

 

Ein bekannter Theologe der Gegenwart gibt gern zu, dass seine bibelkundlichen Kenntnisse nicht optimal sind, und er illustriert das durch einen Bericht von seiner Prüfung in Bibelkunde. Jeder Theologiestudent muss ja während seines Studiums so eine Prüfung ablegen. Er wurde also gefragt: „Sagen Sie mal, was steht denn im Philipperbrief?“ Antwort: „Freuet euch!“ – „Ja, und steht vielleicht noch etwas darin?“ – „Doch. Und abermals sage ich, freuet euch!“

 

Mir scheint nun aber, dass der Kollege mit dieser kessen Antwort den Inhalt des Philipperbriefes doch ganz gut zusammengefasst und den Nerv des Briefes getroffen hat. Denn immer wieder heißt es in diesem Brief: Freut euch! Das ist dem Apostel selber aufgefallen. Ein Kapitel vorher sagt er: Ich schreibe euch  ja immer wieder dasselbe: freut euch in dem Herrn! Wir nehmen dieses Hauptthema des Briefes auf, wie es in unserem Text kulminiert, und stellen drei Fragen: Erstens: Was ist das für eine Freude und worauf beruht sie? Zweitens: Wie tritt sie in Erscheinung, wie stellt sie sich dar in ihren Folgen? Schließlich drittens: „Der Herr ist nahe“, gemeint ist: Er kommt bald wieder. Inwiefern sagt uns das etwas Erfreuliches oder Tröstliches, nachdem er ja nun schon zweitausend Jahre lang nicht wiedergekommen ist? Jedenfalls nicht so, wie Paulus es hier erwartet.

 

 

Also erster Punkt: Was für eine Freude ist das und worauf beruht sie? „Freut euch in dem Herrn allewege!“ Das ist nach der Grammatik ein Imperativ: Ihr sollt euch freuen. Nun kann man Freude nicht fordern oder verordnen. Jubel kann man verordnen oder inszenieren, wenn z.B. ein Diktator eine Jubeltruppe zu seiner Begrüßung braucht. Man kann auch Frohsinn, etwa den rheinischen, organisieren. Man kann Leute zum Lachen bringen, einigermaßen zielsicher, sofern sie nicht eine innere Sperre dagegen haben. Aber sich richtig freuen auf Befehl, das geht nicht, wie man ja auch nicht auf Befehl etwas oder jemanden wirklich lieben kann. Wohl kann man anderen eine Freude machen und daraufhin erwarten, dass sie sich freuen. Man kann sie auch auf einen Grund verweisen, weshalb sie Anlass zur Freude hätten. Letzteres ist hier der Fall. Der Imperativ „Freut euch!“ ist also ein verkappter Indikativ und lautet im Klartext: Ich, Paulus, wünsche mir, dass ihr euch freut, denn ihr habt allen Grund dazu.

 

Freude ist von ihrem Grund abhängig. Und da sie alle möglichen Gründe haben kann, kann man sich auch auf ganz unterschiedliche Weise freuen. Natürlich ist das eine Binsenweisheit. Ich musste euch aber damit behelligen, weil ich auf einen ganz bestimmten und zwar fundamentalen Unterschied hinauswill, ohne den man unseren Text nicht angemessen verstehen kann. Es gibt nämlich grundsätzlich zweierlei Freude. Die unendlich vielen Möglichkeiten sich zu freuen – nämlich je nach ihrem Anlass – zerfallen in zwei Klassen: Es gibt vorübergehende Freude, die auf einem vorübergehenden Anlass beruht, und es gibt dauerhafte Freude, weil sie auf dauerhaftem Anlass beruht.

 

Die vorübergehende Freude, sie sei klein oder groß, wechselt sich ab mit vorübergehendem Ärger oder Verdruss. Wer z.B. an der Börse spekuliert – ich rede nicht von mir –, freut sich, wenn seine Aktien steigen und ärgert sich, wenn sie fallen. Man freut und ärgert sich oder ist betrübt über dies und das, und das geht immer hin und her bzw. auf und ab; darin besteht unsere innere Lebendigkeit, das bewahrt uns auch vor Apathie und Melancholie, jedenfalls solange diese sich nicht zu einer chronischen Krankheit ausgewachsen hat.

 

Dauerhafte Freude, die immer groß ist, heißt demgegenüber nicht, dass sie immer da wäre, in jedem Augenblick da wäre, aber sie kann immer wieder aufflammen als dieselbe Freude, weil sie auf dauerhaftem und ganz weitreichendem, ja alles betreffendem Grund beruht und nicht auf einer erfreulichen Einzelheit. Und deshalb wechselt sich diese dauerhafte, große und nachhaltige Freude auch nicht einfach ab mit unerfreulichen Erlebnissen. Sie hat vielmehr, wo und sooft sie aufbricht, die Kraft, sich gegen Widerständiges aller Art durchzusetzen, es sogar zu verwandeln, indem sie die zeitlichen Ärgernisse und Leiden aushaltbar macht, indem sie Glück ermöglicht, auch wenn wir, was einzelne Glückserlebnisse betrifft, zu kurz kommen. Sie vertreibt den tief sitzenden Trübsinn, besiegt die Melancholie, verscheucht die Lustlosigkeit oder Null-Bock-Stimmung – es hat ja alles keinen Sinn. Eben weil sie auf einem dauerhaften und alles betreffenden Anlass zur Freude beruht, sich daraus speist, hat sie lebensbestimmende, existenzbestimmende Kraft, kann sie dem ganzen Leben und Lebensgefühl eine bestimmte Tönung, eine positive Grundstimmung geben.

 

Von einer Freude dieser Art spricht unser Text: „Freut euch in dem Herrn allewege!“ „Allewege“ soll heißen: Immer und überall. Mag sein, dass das Böse auch immer und überall ist, wie es in einem Hit aus den achtziger Jahren hieß, wenn ich mich nicht irre, von der „Ersten Allgemeinen Verunsicherung“. „Das Böse ist immer und überall“ war der Refrain. Dagegen wird nun diese Freude gesetzt, die einem Christenmenschen möglich sein soll. Der Grund dafür, von dem alles abhängt, ist der Herr. „Jesus ist kommen, Grund ewiger Freude“, heißt es in dem bekannten Epiphaniaslied. Es bedarf eines Grundes, der etwas mit Gott zu tun hat, mit nichts Geringerem als mit Gott und mit seiner Zuwendung zum Menschen, wenn diese ganz große und nachhaltige Freude überhaupt möglich sein soll. Nebenbei bemerkt: Auch in Schillers Ode an die Freude „Freude, schöner Götterfunken“ ist das so. „Brüder, überm Sternenzelt muss ein guter Vater wohnen“ lautet da die Begründung. Mit der bloßen Empfehlung, doch immer „positiv zu denken“, geht es nicht. Auch nicht mit „Don't worry be happy“, ohne jede Begründung. Happy ist man bestenfalls, solange man das singt. Also keine bodenlose Freude oder Ausgelassenheit. Der Boden ist das Gekommensein Christi und sein Heilswerk.

 

Bemerkenswert ist hier die Formulierung „in dem Herrn“. Das klingt ja zunächst nach Pfaffendeutsch. Kein Mensch würde sich sonst so ausdrücken und etwa sagen: Freut euch in Merkel, freu dich in Albig! Aber das „in“ in unserem Satz ist ganz wörtlich zu verstehen und daher nicht durch „wegen“ oder „über“ zu ersetzen. Durch das Christusgeschehen von Karfreitag und Ostern ist eine neue Wirklichkeit, eine neue Gesamtlage entstanden, die uns von allen Seiten umfängt: Ein neues Verhältnis zwischen Gott und Mensch ist geschaffen, in dem wir mit Gott und damit mit allem versöhnt sind. So heißt es ja auch in unserem Wochenspruch: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur.“ An sich stehen alle Menschen in dieser neuen Wirklichkeit, auch wenn sie es nicht wissen. Im Glauben beziehen wir uns bewusst darauf, und das entbindet diese große und dauerhafte Freude.

 

Zu diesem ersten Punkt noch ein kleiner Nachtrag. Auch von den nicht dauerhaften Freuden ist im Philipperbrief ausführlich die Rede und sie werden keineswegs gering geschätzt. Der Apostel, der ja aus der Gefangenschaft schreibt – wahrscheinlich in Ephesus – freut sich und bedankt sich herzlich bei den Philippern, weil sie sich um ihn kümmern, Boten zu ihm schicken und ihm auch materielle Unterstützung zukommen lassen. Vor allem aber ist diese Gemeinde in Philippi, an der er nichts auszusetzen hat, selbst eine einzige Freude für den Apostel, der des Lobes voll ist. Zwar beschwert sich der Apostel auch in diesem Brief, schimpft sogar recht kräftig, aber das gilt nicht der Gemeinde, sondern bestimmten Leuten, die sich von außen an die Gemeinde heranpirschen, um sie irre zu machen. Er nennt sie Hunde, wir könnten auch sagen Hundesöhne, aber die Gemeinde ist in Ordnung. Kirche und Gemeinde sind eben manchmal auch Anlass zur Freude und nicht nur zum Meckern und Motzen. Vielleicht ist das öfter der Fall als man meint und wir sollten einen Blick dafür entwickeln.

 

 

Zum zweiten Punkt, wie die dauerhafte Freude in Erscheinung tritt und welche Folgen sie hat, können wir uns kürzer fassen. Natürlich könnte man sich viel dazu denken und es ausmalen. Aber der Text macht hier nur wenige Andeutungen, und bei denen wollen wir bleiben. Keineswegs folgt, dass wir nun eine Fete nach der anderen veranstalten müssten. Wir müssen auch nicht die Zahl der österlichen und nachösterlichen Hallelujas vermehren oder unsere Liturgie auf mehr Jubel stimmen. Gern setzt man uns hier auch mit dem bekannten Nietzsche-Spruch zu: „Die Christen müssten erlöster aussehen, wenn ich an ihren Erlöser glauben soll“. Ja, liebe Freunde, was soll man damit anfangen? Seht gefälligst erlöster aus!  Unter allen denkbaren Imperativen wäre das so ziemlich der blödeste. Nietzsche hat Besseres gesagt als das. Er hielt ja nicht viel vom Mitleid. Wir Christen lassen uns aber das Leiden in der Welt zu Herzen gehen, und das hinterlässt Spuren, auch in der Physiognomie. Wenn jemand immer nur strahlt und zugleich, wie man das nennt, ein religiöser oder spiritueller Mensch sein will, dann erinnert mich das weniger an Jesus von Nazareth, eher vielleicht an Buddha.

 

Die Anregungen des Apostels gehen in zwei Richtungen. Sie betreffen unseren Umgang einerseits mit den Menschen: „Eure Lindigkeit lasset kund sein allen Menschen“. Und sie betreffen andererseits unseren Umgang mit Gott, nämlich im Gebet, auch im gottesdienstlichen Gebet: „in allen Dingen lasst eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kund werden.“ Und dazwischen steht als Verbindungsstück noch dieses „sorgt euch um nichts“. Beginnen wir damit!

 

„Sorgt euch um nichts!“ Das kann sicherlich nicht heißen: Kümmert euch um nichts, lasst alles so laufen! Lebt in den Tag hinein und verjubelt, was ihr gerade habt, Jubilate als Verjubeln. Wäre solche Sorglosigkeit gemeint, dann hätte Paulus die Philipper nicht loben können, die sich ja um ihn kümmern, sich Sorge um ihn machen. Dass und wie das Sich-sorgen zum Menschsein gehört, und zwar unaufhebbar, das kann man, wenn man will, bei Heidegger nachlesen (in den Paragraphen 41 und 42  in „Sein und Zeit“), aber das will ich jetzt nicht referieren. Sorge ist danach jedenfalls ein Existential. Und so spricht auch Paulus mit seinem „Sorget nicht!“ die Philipper auf dieses Existential an, sogar auf ihre Sorge um sich selbst, wenn er ihnen zuruft: „Schaffet, dass ihr selig werdet mit Furcht und Zittern. Denn Gott ist's, der in euch wirkt beides, das Wollen und das Vollbringen, nach seinem Wohlgefallen.“ Mit diesem Nachsatz „denn Gott ist's, der ...“ ist dann auch gesagt, wie man sich nicht sorgen soll – nicht um etwas, nicht um andere und nicht um sich selbst –: Nämlich nicht so, als hätte man jeweils die ganze Last allein zu tragen, als müsste man alles, was Anlass und Gegenstand der Sorge ist, allein bewältigen. Diese Last ist uns abgenommen durch Gott, an den wir uns auch wenden können.

 

Und deshalb fährt der Apostel an unserer Stelle auch fort: „sondern in allen Dingen lasst eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kund werden.“ Der Ton liegt auf der Danksagung, denn Gott ist der eigentliche Akteur, der Geber und Vollender aller guten Dinge. Die christliche Freude äußert sich als Dank.

 

Es ist ja eine große Wohltat, Gott danken zu können. Wer nicht an Gott glaubt, bekommt bestimmte Probleme mit dem Danken. Nicht dass Atheisten überhaupt undankbare Menschen wären.. Aber da sagt etwa ein alt gewordener Prominenter in einer Talkshow: „Ich glaube zwar nicht an Gott, aber ich bin dankbar für mein Leben, wenn ich so zurückblicke.“ Ich nehme ihm das auch ab, aber die Frage ist doch: Wohin nun mit diesem Dank? Dank braucht ja immer einen Adressaten. Dank geschieht in der Grundform „Ich danke dir dafür, dass du...“. Sich hier nur bei seinen leiblichen Erzeugern bedanken zu wollen, wäre ziemlich albern, zumal die ja gar nicht mehr ansprechbar sind. Auch an viele einzelne Personen zu denken, mit denen man gute Erfahrungen gemacht hat, denen man jeweils etwas Bestimmtes verdankt, holt den Satz „Ich bin dankbar für mein Leben“ nicht ein; der ist überschüssig gegenüber noch so vielen Einzelnen, an die man sich dankbar erinnern kann und soll. Für uns Christenmenschen gibt es keinen Dank, an dem nicht auch Gott Anteil hätte, der sogar in einem tieferen Sinne primär ihm gebührt, wobei der Dank gegenüber einzelnen Personen nicht vernachlässigt oder geschmälert wird. Also: Die christlich Freude als Dank an Gott! Das ist hier die Pointe.       

 

Nun das andere Verhältnis, das zu den Menschen. „Eure Lindigkeit lasset kund sein allen Menschen!“ Man beachte übrigens: Unser Text ist voll von All-Aussagen: „allewege“, „in allen Dingen“, „allen Menschen“, „höher als alle Vernunft“. Das passt ganz zum Thema der dauerhaften Freude, die auf einem dauerhaften und alles betreffenden Grunde beruht. Aber zurück zu unserem Satz von der Lindigkeit. Das Wort ist ja nicht mehr im Gebrauch, auch wenn die Älteren unter uns es noch kennen; auch Albert Schweitzer hat es sehr geliebt, wie ich kürzlich gehört habe. In der neuen Lutherbibel lautet der Satz: „Eure Güte lasst kund sein allen Menschen!“ Das ist zwar nicht ganz falsch übersetzt, aber einseitig, außerdem kein gutes Deutsch: Güte kund sein lassen. Dann hätte man schon schreiben sollen: Seid gut zu allen Menschen. Das wäre zwar noch einseitiger, aber wenigstens korrektes Deutsch. Luther meint mit Lindigkeit mehr: Eine freundliche Zugewandtheit, Nachsicht und Lauterkeit, die aus dem Gutsein des Christenmenschen entspringt, daraus, dass er mit sich und mit Gott im Reinen ist, z.B. weil er Gott danken kann und jene Freude kennt. Und dieses Gutsein und Ganzsein sowie das entsprechende Verhalten soll offen zutage liegen, als konkrete Anschauung des Christlichen für alle Welt. Die christliche Botschaft wird eben nicht nur verbal vermittelt, sondern auch personal durch das Lebenszeugnis von Christenmenschen. Ohne das klare Wort freilich bliebe das Lebenszeugnis undeutlich; und ohne den personalen Kommentar bliebe das Wort abstrakt. Aber das will ich jetzt nicht weiter ausführen.

 

 

Letzter Punkt: „Der Herr ist nahe!“ Paulus begründet seinen Aufruf zur Freude im Herrn nicht nur mit dem Gekommensein des Gottessohnes und seinem schon vollbrachten Heilswerk samt dessen erlebbaren Folgen, wodurch wir „in“ Christus sind, sondern auch mit seiner bevorstehenden Wiederkunft. Aber kann man sich darauf freuen?

 

Ein mit mir befreundeter Theologe, nicht unbekannt, aber ein anderer als der eingangs erwähnte, entwickelte in seiner Kindheit eine entsetzliche Angst vor der Wiederkunft Christi. Das hing mit dem streng pietistischen Milieu zusammen, in dem er aufwuchs. „Von dort (oder wie es früher hieß: Von dannen) wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.“ Und das könnte ja jeden Augenblick passieren. Um Gottes willen! Ja, lässt sich dagegen nichts unternehmen? Und da ist ihm tatsächlich etwas eingefallen, wie die Wiederkunft Christi zu verhindern wäre. In den Evangelien steht doch, er würde kommen wie ein Dieb in der Nacht, wenn man nicht damit rechnet. Daher wachet und betet, damit ihr nicht böse überrascht werdet! Man müsste also nur ununterbrochen daran denken und dazu beten, dass er sich und uns noch etwas Zeit lassen soll, dann kann er nicht kommen. Also organisierte der fromme Knabe mit einigen Gleichaltrigen und Gleichgesinnten aus dem pietistischen Umfeld einen kleinen Gebetskreis als Wachdienst, wo immer einer den anderen ablösen sollte, damit keine Gedenkpause entstünde. Das hielten die dann auch einige Tage durch, und die Sache funktionierte auch, denn Jesus kam da tatsächlich nicht – nach Abbruch des Experiments allerdings auch nicht.

 

Uns, die wir nicht mehr in der Naherwartung leben, fällt es schwer, uns hier in den Apostel hineinzudenken bzw. hineinzufühlen. Aber ich gebe Folgendes zu bedenken. Es ist zwar auch nicht ganz einfach, aber ich kann es nicht besser sagen, und ich muss es sagen, wenn ich diesem wichtigen Punkt in unserem Text – Wiederkunft Christ – nicht ausweichen will.

 

Für Paulus ist die Wiederkunft Christi das definitive und gute Ende aller Dinge. Auch das Sehnen der außermenschlichen Kreatur nach Befreiung vom Leiden kommt zur Erfüllung in der vollkommenen Gottesherrschaft. Siehe Römerbrief. Die Wahrheit über alles, wie es wirklich war und ist, kommt an den Tag. Das ist der Gerichtsgedanke. Die vollendete Gemeinschaft des Schöpfers mit seiner Schöpfung und insbesondere mit dem Menschen als dem bewusstseinsbegabten Teil der Schöpfung ist das Ziel des gesamten Schöpfungsprozesses, das Gott von Anfang an verfolgt. Und dieses Ziel, das für den Menschen, jedenfalls für den durch Christus zum Glauben gebrachten Menschen, die ewige Seligkeit ist, das verwirklicht Gott auf geheime aber unaufhaltsame Weise. Wie diese Seligkeit dann genau aussehen wird, bleibt uns vorerst verborgen. Man könnte nur aufzählen, was uns dann alles nicht mehr beschweren wird, und positiv lässt sich wohl sagen, dass der Schöpfer nicht hinter denjenigen Möglichkeiten von Seligkeit zurückbleiben wird, die er uns jetzt schon gelegentlich, an Höhepunkten des Lebens, wenn wir richtig glücklich sind, gewährt. Mehr müssen wir darüber auch nicht wissen.

 

Die Rede von der Wiederkunft Christi – das ist hier das Entscheidende – lenkt unseren Blick nicht auf ein Einzelereignis, das irgendwann und irgendwie stattfinden wird, sondern auf den Weltprozess als ganzen, der aus der Macht des Schöpfers existiert und abläuft und  – dafür bürgt uns die Offenbarung Gottes in Christus, seine Menschwerdung in Christus – ein gutes und seliges Ende haben wird. Und dieser Blick auf das Ganze, diese unser Alltagsbewusstsein übersteigende Perspektive lässt uns wirklich aufatmen, gibt uns Mut und Hoffnung und Gelassenheit, so dass wir uns auch unserem eigenen Lebensprozess, der auf sein irdisches Ende zuläuft, vertrauensvoll überlassen können. Da kann man auch altern, ohne beständig zu jammern, vielleicht kann man es sogar spannend finden.

 

Du kommst nicht weiter, wenn du in die Welt und Weltgeschichte mit ihren vielen Einzelheiten schaust und versuchst, das Gute und Böse, das Schöne und Entsetzliche gegeneinander aufzurechnen, in der Hoffnung, dass das Positive bei dieser Bilanz überwiegt. Mit welchem Maß willst du da messen, und in welcher Währung willst du das verrechnen? Nein, nur der Blick auf das Ganze, das im Handeln des dreieinigen Gottes, der seine Schöpfung liebt, seinen Ursprung, seinen Zusammenhang und sein Ziel hat, befreit wirklich, beseitigt zwar nicht die vielen Anfechtungen und Mühen und Plagen im Einzelnen, aber macht sie aushaltbar. Es ist diese – erschreckt nicht über den Ausdruck – es ist diese theologische Metaphysik oder Ontologie, die mir in meiner Frömmigkeit am meisten hilft. Und wir müssen als Christen und Theologen den Mut haben, sie zu vertreten, und weiter auszuformulieren, wenn wir nicht intellektuell bodenlos werden und nur mit frommen Sprüchen hantieren wollen. Wo dieser Blick, der durch einen Satz wie „der Herr ist nahe“ ausgelöst wird, uns gefangen nimmt und mitnimmt, da zieht dann auch der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, in unsere Herzen und Sinne ein und bewahrt uns bis ans Ende.    Amen