Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Philipper 4,13

Prof. Dr. Frank Ley

10.03.2002 in der Christuskirche, Dortmund

Du kannst alles erwarten!

Allem bin ich gewachsen durch den, der mich stark macht.
Phil 4,13

‚Ich kann alles!' Ich kann alles erwarten! - Also mal ganz ehrlich, das ist doch ganz fürchterlich überheblich! Arrogantes Getue, was einem Christen überhaupt nicht ansteht. Wir sind doch ganz bescheidene und demütige Leute. Möglichst wenig auffallen wollen wir. Wir sind doch als Christen als die ‚Stillen im Lande' bekannt - und dann sowas! Wie kann man seinen Mund nur soweit aufreißen? Wie kann man nur so großkotzig sein? Man muss doch ganz bescheiden und möglichst klein von sich denken. Man sollte sich und seine Möglichkeiten ja nicht überschätzen. Denn ‚Hochmut kommt vor dem Fall' - das wissen wir alle. Deshalb ist es besser, sich im Leben nicht zu viel vorzunehmen, denn dann kann man auch nicht enttäuscht werden! Einen Beruf wählen, der sicher und solide ist, brav in die Rentenversicherung einzahlen, denn man weiß ja nicht, was noch kommt und nur keine extravaganten Touren im Leben! Das könnte ins Auge gehen. - Aber was soll man schon erwarten von jemandem, der etliche Male schon im Knast war, sein Leben nur noch herumvagabundiert ist, hier ein bischen joben und dort ein bischen predigen als ‚Narr um Christi willen' ? - Paulus was soll das?

Aber wenn heute morgen hier Menschen unter uns sein sollren, die der Meinung sind: das kann doch noch nicht alles sein, was ich bisher gelebt habe, da muss doch noch mehr sein - , wenn Sie eine ganz ganz große Sehnsucht umtreibt nach persönlicher Erfüllung und Frieden, wenn Sie ahnen, dass die Welt am Horizont noch nicht zu Ende ist, dass dieser Gott noch viel mehr für Sie bereithalten könnte und dass dieser Paulus mit diesem merkwürdigen Wort ‚Ich kann alles - durch Christus, der mich stark macht' vollkommen recht hat - ja dann, dann sind Sie hier genau goldrichtig!

Was erwarten wir von Gott, das genau ist das Thema hier heute morgen! Was erwarten wir? Manchmal können wir ja tatsächlich auch sehr viel erwarten, vom Pastor z.B., oder von unseren Kindern oder von unseren Mitarbeitern und manchmal auch von uns selbst. Manchmal können einen diese Erwartungshaltungen auch ganz nett fertig machen, wenn man sie nicht erfüllen kann. Aber wie ist das eigentlich Gott gegenüber? Ich habe manchmal den Eindruck, dass wir gar nichts mehr von ihm erwarten, als dass er uns vielleicht in Ruhe lässt. Und ich glaube, dass genau deshalb auch so oft Funkstille zwischen uns und Gott ist, und dass es deshalb mit dem Gebet nicht mehr so richtig klappt. Wenn zwei Menschen sich nichts mehr zu sagen haben, dann ist das meist ein Zeichen dafür, dass sie nichts mehr voneinander erwarten. - Ist das eigentlich auch deine Haltung Gott gegenüber? Nichts mehr vom anderen zu erwarten ist ein Zeichen von Lieblosigkeit und nichts mehr von Gott erwarten ist ein Zeichen von Lieblosigkeit Gott gegenüber.

Dr. Norman Vincent Peal wagte in einer Kirche einmal ein interessantes Experiment. Drei Personen wurden nach ihren Zielen, Wünschen und Vorstellungen für das kommende Jahr befragt. Der erste Mann sagte, dass er eigentlich nicht viel Positives für das kommende Jahr erwarten würde. Seine Ehe würde kränkeln und auch beruflich und in seinem Glauben gäbe es jede Menge Probleme. Der zweite Mann sagte, dass er nicht damit rechnen würde, das kommende Jahr noch zu überleben. Er sei jetzt 60 und würde nächstes Jahr 61 und in seiner Familie gäbe es niemanden, der älter als 61 Jahre geworden wäre. Und dann war da noch eine Frau. Sie hatte auf einem Zettel 10 Ziele für das kommende Jahr formuliert und diesen Zettel in einen versiegelten Briefumschlag gesteckt. Das Jahr ging vorüber. Der erste Mann hatte wirklich genau das bekommen, was er erwartet hatte. Den zweiten Mann gab es nicht mehr. Er war kurz vor seinem 61 Geburtstag gestorben. Und unsere Frau? Acht von zehn Zielen, die sich sich gesetzt hatte - und für die sie natürlich auch gearbeitet hatte - die hatte sie auch erreicht!

Wenn wir von Gott nichts erwarten, dann werden wir auch nichts bekommen, oder nur das bekommen, was wir erwartet haben. Warum erwarten wir nicht mehr? Das gilt für unseren Beruf, für unsere Familie, für die Beziehung zu anderen Menschen und es gilt auch für unsere Kirche, für unsere Erwartenshaltung, was wir von diesem Gottesdienst mitnehmen.

Der Psalm 81, aus dem wir einige Verse gelesen haben, macht das sehr deutlich. Gott will da sein Volk beschenken, aber die Leute wollen einfach nicht. Auf unserem Dachboden steht noch ein Stühlchen, auf dem unsere Kinder am Tisch saßen. Wenn ich an diese Zeit zurückdenke, steht das Fläschchen, der Möhrenbrei und der Haferbrei vor meinem geistigen Auge. Oft war der Daumen im Weg, wenn gefüttert werden sollte, oder der Schnuller wollte nicht heraus, oder der Kopf drehte zur Seite. In all diesen Fällen konnte man ja noch mit Geduld und sanftem Druck nachhelfen,- aber wenn der Mund zu war, dann war er zu! Vielleicht war ja auch nur ein ‚Bäuerchen' nötig und danach ging es weiter. Aber wenn der Hunger fehlt, - ja dann hilft nichts mehr. Nase zuhalten und dann rein - das geht nicht! -

Wisst ihr, so stelle ich mir manchmal unseren Gott vor. Da steht er vor uns, und will uns beschenken und wir - ja wir bekommen unsere Futterluke nicht auf. Gott will uns segnen, will uns beschenken, will für uns da sein, er ist alles andere als knickerig oder geizig, er will, dass wir das Leben in Hülle Fülle haben, er will unsere Füße auf weiten Raum stellen - aber wir machen unser Mundwerk nicht auf, wir sind zu dämlich, uns füttern zu lassen.

Mach deinen Mund weit auf,
ich werde ihn füllen!

Was hindert uns, unseren Mund weit aufzumachen? Ich hab einen alten Knochen mitgebracht. Stellt euch vor der steckt im Maul eures Hundes, - wenn ihr einen habt. Wie bekommt man den Knochen aus dem Maul? - Gut zureden? Schimpfen? Vielleicht auch ein Apell an die Moral: "So etwas tut man doch nicht! So einen alten Knochen, den nimmt man doch nicht in den Mund!" Oder mit brachialer Gewalt, - festzupacken und dann raus damit? Anschließend ist ein neues Hundegebiss fällig. - Es hilft tatsächlich nur eins: Dem Hund eine neues frisches Stück Fleisch hinhalten. Dann lässt er den alten Knochen von alleine fallen.

Ich weiß nicht wie bei Dir die alten Knochen aussehen, die dich am Leben hindern. Ich will mich hier nicht zu lange in der Knochenkunde aufhalten, denn wer sich nur mit alten Knochen beschäftigt, der wird selber zum alten Knochen. Aber damit ihr wisst, was gemeint ist, hier ein paar Exemplare:

  • Bitterkeit
  • mangelnde Vergebungsbereitschaft
  • Minderwertigkeitsgefühle
  • Angst zu versagen
  • Denksperren oder Scheren im Kopf, wie: Das geht nicht! Das kann man nicht machen! Das haben schon andere vor dir versucht! Das schaffst du nie! Du bist ein Versager! Du solltest demütiger sein! Das haben wir schon immer so gemacht! Das haben wir noch nie so gemacht! Wir haben doch nur eine kleine Kraft! Du bist ein Schwärmer! Komm mal wieder in die Realität zurück! Wir kennen dich doch! Wir sind damals mit dir schon einmal ganz fürchterlich hereingefallen. Du bist genauso wie deine Mutter oder dein Vater! Du bist ein Versager!

Wir könnten da noch Fortsetzung machen. Aber das will ich nicht. Denn das zieht nach unten, so wie es dich vielleicht schon über lange Jahre hinweg nach unten gezogen hat, weil du es dann schließlich selber geglaubt hattest, was man dir gesagt hatte. - Du, lass die alten Knochen fallen! Sie hindern dich zu leben - wirklich zu leben. Sie hindern dich daran, das zu tun, was Gott in dich hinein gelegt hat und womit er dich gebrauchen kann.

Gott sieht dich ganz anders. Er stempelt dich nicht als Sünder ab. Es ist interessant und nachdenkenswert, das Jesus kein einziges Mal einen Menschen einen Sünder nannte! Dieser Jesus nimmt dich so an, wie du bist. Und er glaubt an dich! Er glaubt auch dann noch an dich, wenn du selbst nicht mehr an dich glauben willst und dich schon längst aufgegeben hast, dieser Gott gibt dich nicht auf!

Und was ganz toll ist, er läßt jedem Menschen seine Individualität. Ja es ist geradezu so, dass diese Anlagen eines Menschen dann gerade richtig zum Tragen kommen, wenn Jesus Christus von einem solchen Leben Besitz ergreift. Ich war vor kurzem auf einer Tagung christlicher Fernsehleute. Es war ein richtiges Erlebnis zu sehen, wie unterschiedlich wir doch alle waren und wie Gott diese Unterschiedlichkeit zum Bau seines Reiches gebrauchen kann. Da gab es den Leiter von Campus for Christ aus der Schweiz. Echtes originelles Schweizer Urgestein, - herrlich! Und da gab es eine Berlinerin, die erst vor zwei Jahren zum Glauben an Jesus Christus gefunden hatte und vorher in der Esoterik-Szene Leben gesucht und nicht gefunden hatte. Es war schon ein wirklich erfrischendes Erlebnis dieser echten ‚Berliner Kodderschnauze' zuzuhören, wie sie von Jesus gepackt wurde, und wie sich ihr Leben dadurch verändert hat. -

So viel Vielfalt gibt es bei unserem Gott! Deshalb bin ich dankbar, dass wir Tom Laengner heute hier bei uns haben. Er ist ein lebendes Beispiel dafür, wie Dinge durch unglückliche Umstände in unserem Leben verschüttet werden können, aber wie Gott selbst sie wieder freilegen, entwickeln und zur Blüte führen kann. Ich weiß nicht, welche Dinge bei dir alle verschüttet wurden, weil Menschen um dich herum nicht an dich glaubten und du dann selber schließlich aufgehört hast, an dich zu glauben. Dann lass es dir heute morgen hier und jetzt sagen: Gott glaubt an dich und er hat Großes mit dir vor! Er will mit dir eine Geschichte anfangen, wie sie spannender vielleicht nicht sein kann! Nicht, dass alle jetzt solche Kunstwerke wie Tom machen müssten. Das will Gott gar nicht. Das wäre ja auch sehr langweilig, wenn alle das Gleiche machen würden. Unser Gott ist ein Gott der Vielfalt. Bei dir ist vielleicht etwas ganz anderes dran, etwas was nur du kannst, einen Platz und eine Aufgabe, die nur du ausfüllen kannst und wo Gott dich gebrauchen will.

Aber vielleicht sagst du jetzt: "Das kann ich mir alles gar nicht vorstellen! Vielleicht brauchst du da etwas Übung. Gott überfordert nicht, er gibt uns Situationen an denen wir unserem Wesen entsprechend im Vertrauen wachsen können. Es fängt an, dass du in die Stille gehst und im Gebet nach Gottes Träumen und Visionen für dein Leben fragst, und er wird Dir antworten. Frag' mal: Wo brennt es da in deinem Herzen? Was hat Gott in mein Leben hineingelegt? Vielleicht musst du dich auch befreien lassen von den vielen Stimmen, die dich hier wieder zurückpfeifen wollen, die dich mutlos machen und nach unten ziehen. Laß Gottes mutmachenende Stimme in Dir mehr Wiederhall finden als die anderen Stimmen! Du hast es mit einem Gott der unbegrenzten Möglichkeiten zu tun! Grenze Gott nicht mit Deinen zu eng zu zaghaft gesteckten Ziele ein. Vielleicht ist ja hier heute jemand da, der vor hat, eine Evangelisch - Freikirchliche Gemeinde auf dem Mond zu gründen - oder ein anderer möchte ein Kirchencafè auf dem Mars anfangen, damit auch die Marsmenschen zum Glauben an Jesus Christus finden. (Wasser für den Kaffee hat man ja schon gefunden.) - Gut das wäre schon ein sehr nettes Etappenziel, aber vielleicht hat Gott ja noch sehr viel Größeres mit dir vor! Hauptsache, du begrenzt Gott nicht mit deinen zu bescheiden Zielen!

Und wenn klar ist, welches Ziel Gott hat - sei es erst der erste oder schon ein Etappenziel - was könnte uns dann noch hindern loszugehen. Wir haben doch das ok von Gott, von dem Gott dem nichts unmöglich ist. Das Ziel wird erreicht werden, darum stelle Dich drauf ein und handle danach! . Mache dir einen Plan für das, was in den nächsten Jahren ansteht! Vor allem aber - überlege dir den ersten Schritt!

Und wenn du dann den ersten Schritt kennst, dann gehe ihn! Zögere nicht sondern gehe ihn im Vertrauen auf Gott - sofort!

Und noch etwas: Die Zeiten des Zweifels und der Unsicherheit werden natürlich kommen! Es kann so sein, dass du nicht mehr weißt, ob dein Auftrag und deine Vision wirklich Gottes Wille ist, wenn die Schwierigkeitem zunehmen und du vielleicht ganz einsam wirst. Es kann sein, dass du dann müde und ausgebrannt bist und anderen Mut machen solltest, den du selber nicht hast. -. Aber dann verrate nicht deinen Traum! Verrate niemals und unter keinen Umständen deinen Traum! Gib nicht auf! Harte Zeiten gehen vorüber - aber Menschen, die es mit harten Zeiten aufnehmen, werden mit Gottes Hilfe überleben! Du kannst wie Petrus, als er über das Wasser auf Jesus zu ging, auf das Wasser und auf die Wellen schauen. Du wirst dann untergehen. Wir können als Gemeinde auf unsere kleine Kraft, auf unsere mangelnden Finanzen, auf unsere eigene Mutlosigkeit und Trägheit und was sonst nicht alles noch schauen . . . - wir werden dann untergehen! - Schau besser auf Jesus! Und dann geh, geh endlich los über das Wasser! Du wirst sehen, es trägt! Worauf wartest du noch?

Amen