Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Philipper 4,4-7

Pastor i.R. Dr. Albrecht Weber (ev.-luth.)

20.12.2009 in der St. Katharinen-Kirche Schönemoor

Die Freude Gottes

4. Advent

I FREUDE

Liebe Gemeinde!
In diesen Adventstagen fasziniert uns immer wieder die Vorfreude der Kinder auf das große Fest mit seinen herrlichen Überraschungen.

Wir Erwachsenen sind, was die Freude betrifft, eher zurückhaltend und skeptisch. Wir wissen aus leidvollen Erfahrungen von Enttäuschungen, Misserfolgen und Einsamkeiten. Manch einem von uns kommt die Not seines Lebens gerade zu Weihnachten schmerzlich zu Bewusstsein. Der eine fragt: Wie soll ich mich freuen, wo ich der Arbeit nicht gewachsen bin bzw. wo ich doch als Erwerbsloser am Rand der Gesellschaft stehe? Ein anderer fragt: Wie soll ich mich freuen, wo Krankheiten und Todesfälle unsere Familie getroffen haben? So sperren sich viele von uns gegen die Freude und wollen sie nicht einlassen. Freude? Nicht für mich! So geht die weihnachtliche Freude wie einst Maria und Joseph von Haus zu Haus und findet viele verschlossene Türen. Selbst wir bewussten Christen in Deutschland scheuen uns nicht selten, uns der Freude ganz zu öffnen, so als täten wir damit etwas Gefährliches oder Ungeziemendes und müssten am Ende noch dafür bestraft werden.

Nicht so Paulus: Er freut sich allezeit und unter allen Umständen, weil er die Nähe Gottes in Christus spürt. Paulus freut sich, weil er weiß: Ich bin Bürger einer anderen, einer ewigen, einer vollkommenen Welt (Phil 3,20). Nach meinem „Gastspiel auf diesem schönen Stern“ (frei nach H. Thielicke) steht für mich ein Platz in Gottes ewigem Reich der ungetrübten Gottesnähe und Freude bereit, und dieses Reich wird für uns Christen mit Jesu fest zugesagtem Kommen in Herrlichkeit (Phil 3,11.14.21) endgültig geöffnet. Aber schon jetzt strahlt die dann vollkommene Nähe Gottes in Christus und das, was bislang kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat, in unser Leben, sofern wir uns Christus und seinem Geist öffnen und damit Gott lieben lernen (1Kor 2,9f.).

Nicht weil zurzeit alles nach Plan läuft, die meisten seiner Wünsche erfüllt werden und er von Erfolg zu Erfolg eilt; nicht weil er im „Lotto gewonnen“ oder bei festlichem Anlass viele Geschenke bekommen hat, freut sich Paulus. Nein, er freut sich sogar angesichts des nahen Gottes mitten im Gefängnis, wobei er nicht einmal weiß, ob er freigelassen oder zum Tode verurteilt werden wird. Die Freude, die Paulus durch den nahen Christus als größtes denkbares Geschenk erhalten hat, ist so groß, dass sie nicht einmal der Tod zerstören und besiegen kann. Das Umgekehrte gilt ja: Der zu Weihnachten Geborene hat für uns den Tod besiegt. So kann nicht einmal der Tod uns und unserer Freude irgendetwas anhaben!

Das ist eine andere Qualität an Freude als eine vergängliche Festfreude, die durch wenig einfühlsame Geschenke oder Disharmonien leicht erschüttert werden kann und spätestens beim Abräumen des Weihnachtsbaumes oft gleich mit entsorgt wird. Nein, das ist eine Freude, die selbst die Aussicht auf einen nahen und gewaltsamen Tod nicht verdrängen oder auslöschen kann. Das ist die Freude über den seit Weihnachten, Karfreitag, Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten uns ganz nahe gekommenen Gott, der uns näher ist als alles andere und alle anderen Menschen, näher sogar als wir uns selbst sind. Er ist uns nahe in den Höhen und Tiefen, ja sogar Ausweglosigkeiten unseres Lebens, weil er das ganze irdische Leben mit uns leben und teilen möchte.

Niemand hat ein Recht, diese Freude auszusperren, denn mit ihr würde er ja Gott selbst aussperren. Ist ja die letzte, tiefe, unteilbare, beseligende Freude untrennbar mit Gott verbunden und ohne ihn nicht zu haben. Mit ihm, und durch ihn geschenkt, ist sie aber schon das Vorspiel der Ewigkeit, mitten unter Tränen, Schmerzen, Versagen und dem Sterben wie dem Tod zum Trotz! Wer sich dem Mensch gewordenen Gott wirklich öffnet, der öffnet sich der bleibenden und durch nichts und niemanden besiegbaren Freude!


II DIE FREUDE CHRISTI

Der Weihnachtsengel auf dem Hirtenfeld verkündet eine „Freude, die allem Volk widerfahren wird“ (Lk 2,10).

Obwohl Jesus kein leichtes Leben hatte und das Leid der Menschen an sich herankommen ließ, öffnete er sich uneingeschränkt der Freude.

-Er bewundert die Vögel des Himmels und die Lilien des Feldes. In Jesus wiederholt sich der freudige Blick Gottes auf seine Schöpfung am Morgen der Geschichte.

- Jesus spricht von der Freude des Sämanns und des Schnitters, des Mannes, der einen verborgenen Schatz entdeckt und des Hirten, der seine Schaf bzw. der Frau, die die Münze aus ihrem Brautschmuck wieder findet.

- Jesus erzählt von der Freude der zu einem Gastmahl Geladenen, der Freude der Hochzeit, der Freude des Vaters, der seinen aus einem Leben der Verschwendung zurückgekehrten Sohn aufnimmt und von der Freude der Frau, die ein Kind zur Welt bringt.

Die menschliche Freude ist für Jesus von so hoher Bedeutung, dass sie für ihn zu einem Zeichen der geistlichen Freude des anbrechenden Reiches Gottes wird: Freude der Menschen, die in das Reich Gottes kommen, in es zurückkehren oder in ihm arbeiten und Freude des Vaters, der solche Menschen aufnimmt.

Jesus selbst zeigt Freude, wenn er Kindern begegnet oder einen jungen Mann trifft, der nach Gott und einem erfüllten Leben sucht. Vor allem ist Jesus glücklich, wenn Menschen wie Zachäus Gottes Erbarmen annehmen. Jesus verkündet unermüdlich den Armen die frohe Botschaft vom Heil und den Trauernden Freude.

Was ist das für eine Freude? Ihr Grund ist: Gott ist ganz nahe. Er steht vor der Tür unseres Herzens! So kann Gott unser Herz zum Glühen bringen.

Die Besonderheit dieser Freude ist: Sie ist unabhängig vom Alter, von Gesundheit und Krankheit, von Armut oder Reichtum, von Alleinsein oder Gemeinschaft erfahren, von Leben oder Sterben. Not, Leid oder Tränen werden mit dieser Freude nicht verharmlost, aber von innen her besiegt.


III DIE ENTDECKUNG DER FREUDE

Das Rezept des Paulus zur Entdeckung der weihnachtlichen Freude lautet:

  1. Entdecke neu und immer wieder die Nähe Gottes in Christus!
  2. Wandle jede positive Lebenserfahrung in einen Dank und jede negative in ein Gespräch mit Gott!
  3. Schütte dein Herz Gott aus, und du wirst eine ganz neue Sorglosigkeit und eine ganz tiefe Geborgenheit im Schutz Gottes erfahren!
  4. Wenn du so als Grundmelodie eines Lebens mit Gott das Lied der Freude entdeckt oder neu gewonnen hast, lass dich durch nichts und niemanden davon abbringen, in deinem Herzen diese Grundmelodie jeden Tag und jede Stunde abzurufen und die Melodien der Unzufriedenheit, der Enttäuschung und der Traurigkeit in ihre Schranken zu weisen!


IV DIE FOLGEN DER FREUDE

Wer mit der Erfahrung des nahen und liebenden Gottes die Freude gefunden hat, den ruft Paulus auf, nun auch den erfahrenen Reichtum anderen weiterzugeben.

Da ist zuerst die sanfte, nachsichtige und milde Güte, die wir durch Jesus bei Gott entdecken und in der wir geborgen sind. Diese sanfte, nachsichtige und milde Güte galt im Altertum als Tugend wahrer Herrscher, aber nur von wenigen unter ihnen ist berichtet worden, dass sie dem Ideal entsprachen. In Jesus ist dieses Ideal zum Leuchten gekommen. Er hat die Gescheiterten, schuldig Gewordenen und von der Gesellschaft Ausgestoßenen, die „glimmenden Dochte“ und „angebrochenen Rohre“ (Jes 42,3) nicht einfach verächtlich oder mit scharfem Gericht zur Seite geschoben, sondern mit mildem Erbarmen dazu eingeladen, sich dem barmherzigen Gott und seiner vergebenden Liebe neu anzuvertrauen.

Wer erfahren hat, dass nun dieser Gott das Fundament seines Lebens geworden ist, von dem erwartet nicht nur Paulus, sondern Gott selbst, dass er das Erfahrene weitergibt- an „alle Menschen“, denen wir begegnen. Damit sind nicht lediglich unsere Familienangehörigen, Verwandten, Freunde, auch nicht nur Gleichgesinnte, Mitglieder einer evangelischen Kirche oder überhaupt Christen gemeint, sondern jede Person, unabhängig davon, ob wir sie mögen oder nicht, unabhängig von ihren Meinungen und unabhängig davon, wie nah oder fern sie von Gott zu sein scheinen. (Das gilt im Übrigen auch im Blick auf diejenigen Christen, die die Kirche, wenn überhaupt, nur einmal im Jahr, etwa zu Weihnachten, besuchen.) Sie alle warten doch auf ein Zeichen Anteil nehmender Freundlichkeit von uns, und das ist ein Geschenk, das nicht einmal etwas kostet. Die Freude darüber ist nicht nur zu Weihnachten groß und anhaltend.

Und „der Friede Gottes, der so überwältigend groß ist, dass wir ihn gar nicht fassen können, der wird eure Herzen und Gedanken in Schutz nehmen. Ihr gehört doch zu dem Christus Jesus, der schon vor der Tür steht.“ (W.v.d.Recke)
Amen


WIR BETEN:
Lieber Vater! Tag für Tag, Stunde um Stunde wollen wir Deine Nähe in Christus erfahren, damit die Freude, die allein Du schenken kannst, in uns aufstrahle wie das Licht des Morgens! Gib uns das Feingefühl, Deine milde Güte, von der wir leben, mit anderen zu teilen, wer immer sie auch seien. Mach uns sorglos und fest in der Gewissheit, dass Du für uns sorgst! Belebe in uns den Geist des dankbaren Gebetes, damit unsere Seele durch Dich neuen Atem erhält und wir in Deinem Frieden geborgen, alle Zeit aus Deiner Hand nehmen, bis wir Dich und unseren Erlöser einst schauen dürfen von Angesicht zu Angesicht.
Amen

 

Veröffentlicht in den Homiletischen Monatsheften 2009/85,1