Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Philipper 4,4.5b

Matthias Stempfle

21.12.2003 in der Landeskirchlichen Gemeinschaft Potsdam

Freut euch in dem Herrn allewege

Liebe Gemeinde,

Als ich 17, 18 Jahre alt war, war bei uns im Schwäbischen ein Kabarettist namens Uli Keuler ganz in Mode. Er erzähle alltägliche Geschichten im Tübinger Dialekt, der schon an sich so lustig klingt, dass man gut darüber lachen kann. Die Geschichten waren manchmal unbeschwert lustig, manchmal auch ein bisschen bitter.

Eine Geschichte erzählte vom Geburtstag der Großmutter. Es war wie ein feindlicher Überfall: Da rollt ein Auto an mit Sohn und Schwiegertochter und den Enkelkindern, die sich das ganze Jahr über nie sehen ließen. Sie haben das Geburtstagsfest fertig geplant und alles Notwendige dabei, und ehe Oma versteht, wie ihr geschieht, ist ihre Wohnung komplett in Beschlag genommen und halb umgeräumt, sie sitzt im Lehnsessel mit Blick aus dem Fenster, und ihr Sohn sagt: "So, Omale, jetzt hocksch de na und fraischd de." - zu deutsch: Oma, setz dich hin und freu dich.

Großmutter kommt in der ganzen Geschichte nicht zu Wort. Sie hat kein Mitspracherecht, sie will das alles nicht, jedenfalls nicht so - aber: Setzt dich hin und freu dich!

Ich muss manchmal an Uli Keuler denken, wenn ich diesen Bibelvers höre: "Freut euch in dem Herrn allewege!" Manchmal will ich mich gar nicht freuen. Manchmal ist mir nach ganz anderem zumute. Das Weihnachtsfest ist ja für viele Menschen ähnlich wie Großmutters Geburtstag: Da ist so manches in unserem Leben, das gefällt uns nicht, das macht uns Not, und plötzlich soll da ein Fest sein, und plötzlich soll da Freude sein!

Und ich spüre in mir einen leichten Missmut. Ich spüre auch ein bisschen Widerstand - will ich und sollte ich nicht lieber über etwas anderes predigen an diesem Tag, nach dieser Woche, nachdem wir mit einen Menschen aus der Mitte unserer Gemeinschaft verloren haben? Will ich das wirklich - mich hinstellen und sagen: Freut euch?

Ich habe nichts gegen die Freude. Niemand hat etwas gegen Freude. Aber wir wollen nicht mundtot gemacht werden mit unserem Leid, wir wollen nicht mundtot gemacht werden mit unserer Angst und unserer Wut. Freude kann man nicht befehlen. Freude kann man nicht kommandieren. Freude kann man nicht empfehlen. Freude kann man nicht herstellen.

Ich habe oft den Sätze gehört wie: "Müssten wir Christen nicht alle viel fröhlicher sein? Haben wir nicht viel mehr Grund zur Freude und zur Dankbarkeit?" und so weiter. Das stimmt natürlich. Aber das hilft nichts. Ich habe noch nie erlebt, dass Menschen fröhlich geworden sind, weil man von ihnen verlangt hat, dass sie fröhlich sein sollen. Sagt mir nicht, dass ich fröhlich sein soll. Sagt mir, warum ich fröhlich sein kann. Erzählt mir etwas, das mich froh macht.

Das versucht Paulus hier. Er ist keiner von denen, die Frohsinn fordern und verlangen. Er möchte "Gehilfe zur Freude" sein, wie er an die Korinther schreibt. Er redet nicht von der Freude, ohne ihren Grund zu nennen. Die Weihnachtsfreude hat einen Namen: "Der Herr ist nahe".

"Der Herr ist nahe".- Wenn das Leben gelingt, wenn alles glatt geht, wenn wir uns gut verstehen, wenn unsere Pläne gelingen, wenn meinetwegen die Kerzen brennen und die Gans auf dem Tisch steht: "der Herr ist nahe" - und freut sich mit uns, freut sich an unserer Freude. Wir haben einen Gott, der selbst Mensch war, der selbst gegessen und getrunken hat und Freunde hatte. Der nicht über den Dingen der Welt steht, sondern der die Freude liebt.

Und wenn wir Schmerzen haben, wenn wir traurig sind, vielleicht weil einer fehlt, der uns am Herzen lag, oder weil Streit ist oder weil wir das nicht schaffen, was alle von uns erwarten: "der Herr ist nahe" - und leidet mit uns, ist traurig über unsere Traurigkeit. Wir haben einen Gott, der selbst Mensch war, der Ablehnung kennt und müde Füße und durchbohrte Hände. Der nicht über den Dingen der Welt steht, sondern der das Leid kennt.

Und vor allem: "Der Herr ist nahe" -: Es wird anders! Er kommt uns entgegen. Er bringt eine Freude mit, die alle Freude, die wir kennen, in den Schatten stellt. Er schafft das Leid ab. Er schafft das Sterben ab und den Hunger und die Kriege. Wir feiern nicht nur die Vergangenheit, wenn wir Weihnachten feiern. Wir feiern nicht nur den Stall von Bethlehem vor 2000 Jahren. Wir feiern auch die Zukunft. Wir feiern auch das neue Jerusalem. "Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird", sagt der Engel den Hirten, und: "euch ist heute der Heiland geboren." Das ist geschehen. Aber da steht auch noch etwas aus. Da ist noch etwas offen, worauf man sich freuen kann. Es geht nicht ins Dunkel - nicht mit meinem Leben, nicht mit ihrem Leben, nicht mit der Welt. Es geht ins Licht.

Und darum: "Freut euch in dem Herrn allewege". Auf den schönen, hellen Wegen - weil sie ein Vorgeschmack dessen sind, was kommt. Und auf den schweren, dunklen Wegen - weil sie ein Ende haben und ein Ziel.

Wer sich nicht freuen kann, der muss nicht. Der darf klagen. Der darf trauern. Der darf Gott mit seiner Not in den Ohren liegen. Aber wer sich freuen kann, der lasse sich seine Freude nicht nehmen - nicht von den Sorgen, die behaupten, wir können es uns nicht leisten, fröhlich zu sein - nicht von der Angst, die uns einflüstert, unsere Freude sei bald vorbei, und wer weiß, was dann kommt. Am Ende steht die Freude, die sich heute noch niemand vorstellen kann.

Amen.