Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Prediger 12

Pfarrer Heinz Hohaus

06.12.2003 in der Stadthalle Homberg/Efze

Andacht anlässlich eines Adventsnachmittags der Landsenioren Homberg

Liebe Landsenioren,

es war ein wunderschöner Herbstnachmittag, oben in Schellbach, da, wo man beim Hotel Ellerkamm vorbeikommt und wo sich einige hundert Meter weiter ein faszinierender Blick in das Rinnetal öffnet. Dort saß ich auf einer Bank und auf dem kurvigen Feldweg tuckerte mir aus dem Tal ein Traktor entgegen. Er war ein Veteran, ein altes Stück, sicher ein Stück Motorengeschichte. Ich bin überzeugt, jedes Landtechnische Museum hätte dieses kostbare Vehikel gern in seine Bestände aufgenommen. Er schaffte den Weg nicht gerade mit Höchstgeschwindigkeit, das ist klar, aber er schaffte ihn, und als er oben auf der Höhe von Schellbach angekommen war, stellte der Fahrer den Motor ab, öffnete die Motorhaube und machte sich darunter ein wenig zu schaffen. Er überprüfte das Öl und den Wasserstand und schaute dann auf den Weg zurück ins Tal, auf den Weg, den er mit seinem Oldtimer geschafft hatte.

An diese Begegnung, liebe Landsenioren, muss ich denken. Denn auch heute treffe ich hier in der Stadthalle auf Oldtimer. In diesem Saal parken die auslaufenden Modelle der Landwirtschaft mit weit zurückliegenden Baujahren.

Sie werden mir diesen Vergleich hoffentlich nicht übel nehmen. Jedermann weiß doch, dass Oldtimer ausgesprochen wertvolle Fahrzeuge sind. Kostbare Konstruktionen, Sammlerobjekte, die Liebhaberpreise erzielen. Sie können mir glauben, ich bin mir bewusst, was ältere Landwirte für einen Landstrich, für ein Land, ja sogar für eine Kultur bedeuten. Sie schaffen, wenn auch langsamer und mühsamer, immer noch die Steigungen des Lebens und Sie haben eine besinnliche Rast verdient.

Zu dieser Oldtimer-Rast am heutigen Adventsnachmittag möchte ich nun ein paar Gedanken beisteuern. Und ich will es so machen wie der Traktorfahrer, der mir dort oben bei Schellbach begegnet ist: Ich will zuerst die Motorhaube öffnen und einen prüfenden Blick ins Innere werfen, einen liebevollen Blick ins Herz des Fahrzeugs.
Ich meine damit eine nüchterne Bestandsaufnahme der Beschwernisse und Entbehrungen, die das Altern nun einmal mit sich bringt. Im körperlichen wie im seelischen Bereich.
Die körperlichen Schwächen des fortgeschrittenen Alters zählt ja schon der Prediger Salomos im Alten Testament auf. Da heißt es in Kapitel 12:

„Es werden die Tage der Krankheit kommen und die Jahre dich erreichen, von denen du sagst: Ich mag sie nicht. Am Tag, da die Wächter des Hauses zittern (Damit sind die Arme gemeint.), die Müllerinnen die Arbeit einstellen, weil sie zu wenige sind (Damit sind die Zähne gemeint. – Vom Segen der Zahnprothesen hat der Prediger damals noch nichts gewusst.), wenn es dunkel wird bei den Frauen, die aus den Fenstern blicken (die Augen), wenn das Geräusch der Mühle verstummt, steht man auf beim Zwitschern der Vögel, doch die Töne des Liedes verklingen (Die Schlaflosigkeit ist gemeint.). Selbst vor der Anhöhe fürchtet man sich und vor dem Schrecken am Weg.

Ich finde, das hat der Prediger wirklich sehr einfühlsam gesagt. Und dennoch betrachtet er die Wirklichkeit des Altwerdens ganz nüchtern. Unsere menschliche Natur ist gekennzeichnet von Einschränkungen, Behinderungen und auch Verlockungen, die bis in unser Herz dringen können. Die sollten wir wahrnehmen und nicht gleich die Motorhaube verärgert zuschlagen, weil wir kein modernes Wunderwerk der Technik mehr vor uns haben.

Und noch eins: So ganz geht die Gleichung körperliche Verfassung und geistiger Zustand nicht auf. Altwerden und Jungbleiben ist beim Menschen nicht nur ein biologisches Problem. Ob der Blutdruck in Ordnung ist, ob die Haare grau geworden sind oder nicht … oder ob sie überhaupt noch vorhanden sind … Flecken auf der Haut und Falten, oder ob die Nieren richtig funktionieren.

Nein, in uns ist etwas wirksam, das uns von der rein biologischen Ebene abhebt.
Ich sehe vor meinem inneren Auge eine ganze Reihe junger Menschen stehen, die schon wie Greise sind, und daneben stehen alte Menschen, die eine erstaunliche Jugendlichkeit bewahrt haben. Warum? Weil in ihnen ein Feuer des Geistes leuchtet, das nicht allein mit biochemischen Verbrennungsvorgängen erklärt werden kann.
Ich möchte mal in die Verlockungen des alten Menschen hineinschauen:

Da gibt es einmal die Verlockung, sich im ständig schneller fahrenden D-Zug des Lebens immer den Platz gegen die Fahrtrichtung zu wählen. Immer nur zurückzuschauen auf das, was gewesen ist.
Es gibt also die Verlockung der Vergangenheitsverklärung! Ich meine damit das Märchen von der guten alten Zeit. Wenn ständig kopfschüttelnd, manchmal sogar abfällig wiederholt wird:

„Nee nee nee – heutzutage … Zu meiner Zeit, da hätt’s so was nicht gegeben…
Der Prediger, dessen poetische Worte ich vorhin zitiert habe, sagt dazu:
„Frage nicht: Wieso kommt es, dass die früheren Zeiten besser waren als die unseren? Denn deine Frage zeugt nicht von Weisheit.“
Wir müssen uns davor hüten, die Vergangenheit zu verklären. Sicher, diese Verlockung lauert allerwege. Aber wenn wir auf ihre Verführungskünste hereinfallen, werden wir die Gegenwart immer weiter ablehnen und wir werden nur noch zu Klagenden, von denen überhaupt nichts Aufbauendes mehr ausgeht.

Eine andere Verlockung alter Jahre ist der schwierige Rückzug. Ich denke, in der Landwirtschaft ging das bisher allmählicher als in anderen Berufsgruppen. Jedenfalls kenne ich bisher keinen Bauern, der am Pensionsschock gestorben ist.
Aber es gibt natürlich den Leistungsabfall: Ich schaffe nicht mehr alles, was mir einmal möglich war. Der Körper gehorcht nicht mehr immer meinem Willen.
Dann ist eins wichtig: Wir sollten in den Jahren, in denen wir nicht mehr alles tun können, nicht zu Menschen werden, die alles besser wissen oder immer noch alles noch besser können als andere, und folglich die Anderen gar nichts tun lassen.
Wir leben ja in einer Zeit des rasanten Wandels auf allen Gebieten. Alles hastet und rennt durcheinander. Überall geht es zu wie auf einem Hühnerhaufen. In diesen unruhigen Zeiten hat der alternde Mensch eine ganz wichtige Bedeutung: Er kann in aller Aufgeregtheit ein ruhender Pol sein. Und das kann gar nicht hoch genug geschätzt werden.

Und eine dritte Verlockung lauert unter der Motorhaube, nämlich die innere Erstarrung.
Das Beenden jeder Lernbereitschaft, das Stumpfwerden gegenüber dem Neuen.

Klar, Ihre Augen haben im Laufe Ihres Lebens vieles gesehen, was als die Neuerung gepriesen wurde, was hoch gelobt wurde und als die großartige Schaumkrone der Landwirtschaft daher kam, die dann aber ganz sang- und klanglos einfach verebbt ist.

So lange unsere Sinne nicht streiken, sollten wir uns immer wieder um eine gewisse Wachheit bemühen.

So, und damit mache ich die Klappe zu … die Motorhaube unseres Traktors. Wir haben da und dort nachgesehen, die Einstellung überprüft, an der einen oder anderen Schraube gedreht oder etwas nachgefüllt.

Und jetzt machen wir das andere, was der Traktorfahrer dort oben auf der Höhe von Schellbach getan hat, nachdem er die Motorhaube wieder geschlossen hatte. Wir lassen den Blick ganz ruhig in die Weite der Landschaft schweifen. Denn es gibt ja nicht nur Probleme. Es gibt auch etwas sehr, sehr Kostbares: Nämlich die Ernten des Altwerdens.

Schauen wir oben von Schellbach runter auf den Weg, auf dem der Traktor herauf getuckert ist, kann uns dieser Blick eine sehr wertvolle Frucht bringen. Ich möchte diese Frucht die lebensgeschichtliche Demut nennen. Ich meine damit eine Demut, die aus dem weiten und gelösten Blick über das eigene Leben kommt: Der Blick auf die Kurven des Lebens, die einem zu schaffen machten, ein Blick, der sich aber auch nicht scheut dahin zu gehen und sich dort festzumachen, wo man sich verfahren hatte. Ich meine damit keinen gejagten und gequälten Blick, sondern ich meine es im Sinne von Augustinus, der gesagt hat: „Suche in Liebe zu betrachten, was nicht von Liebe zeugt, und du wirst daraus Liebe ernten.“

Um eine solche Demut zu erwerben, muss man alt werden. Und dazu müssen die Eitelkeiten des Lebens verbrannt sein. So wie das Kartoffelkraut auf den Herbstfeldern. Denn – seien wir ehrlich – bei wem wären die Eitelkeiten nicht schon ins Kraut geschossen?

Diese lebensgeschichtliche Demut lässt einen milde werden. Und so, wie unsere Welt ruhende Pole braucht, braucht sie auch Türen der Milde, die sich öffnen.

Unser nächster Blick richtet sich über den Weg hinweg – weit hinaus auf das vor uns liegende Tal, das der Oldtimer durchfahren hat. Diesen Blick möchte ich zusammenfassen mit einem Wort aus dem Johannesevangelium: „Von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade“. (Johannes 1,16)

Ich möchte jetzt von keiner stolzen Leistungsbilanz sprechen, kein Sich-auf-die-Schulter-Klopfen. Aber es muss auch einmal gesagt werden, liebe Landsenioren: Sie mussten für diese Fülle arbeiten. Auf dem Hof, auf dem Feld … Wie viele Überlegungen mussten Sie im Laufe Ihres Arbeitslebens anstellen … Wie mache ich es richtig? ... Hält das Wetter, oder schlägt es um? ... Soll ich dazupachten, oder soll ich aufgeben? Was soll ich anbauen, wo doch die Preise für meine Arbeit immer mehr verfallen … Rechnet sich die Anschaffung der Maschine? Wie oft mussten Sie bei Wind und Wetter raus auf den Hof, auf die Äcker, um nach dem Rechten zu sehen, an wie vielen Sitzungen und Versammlungen haben Sie teilgenommen, in Verbänden mitgearbeitet, wie viele Fragebögen und Erhebungsbögen des Bauernverbandes, der Ministerien und der EU mussten ausgefüllt werden, wie viele schwierige und freudige Stunden, mit wie vielen Enttäuschungen mussten Sie fertig werden, aber auch wie viele wunderbare Gespräche hatten Sie …?

Andererseits gibt es wohl kaum einen Beruf, der die Abhängigkeit von Gott so tagtäglich vor Augen führt. Denken Sie an das Lied, das wir zu jedem Erntedankfest singen:

„Wir pflügen und wir streuen den Samen auf das Land, doch Wachstum und Gedeihen steht in des Himmels Hand.“ Da ist unsere Abhängigkeit mit wenigen Worten so wunderbar ausgedrückt.

Deshalb sage ich noch einmal: Es geht um keine Leistungsbilanz! – Aber Sie, liebe Landsenioren, dürfen das Gefühl haben: Ich habe nicht umsonst gelebt, mit Deiner Güte, Herr, ist das Leben reich gewesen, von Deiner Fülle habe ich genommen Gnade um Gnade.

Sie haben Gottes Gnade erlebt im Geschenk der Eltern und der Familie, in der Begegnung mit guten Menschen. Sie haben Gnade erlebt in den Schrecken des Krieges, in der Heimkehr von Menschen, in der Treue von Mitarbeitern und Helfern.

Auch für dieses Wissen muss man alt werden. Und es ist ein wunderbares Wissen. Es ist wie ein Blick in die weite Landschaft da oben von Schellbach herab ins Rinnetal.

Und damit geht sie zu Ende, diese Rast. Die Motorhaube ist geschlossen, der Blick in das Tal und die Weite der Landschaft ist gemacht, die Fahrt kann weitergehen. Wenn Sie sich nachher, gegen Abend, wieder in Gang setzen, dann hoffe ich, dass ein wenig mehr Gottvertrauen und vor allem eine gelassene Fröhlichkeit mitfahren, die ihre tiefsten Gründe in der Erfahrung der Demut, der Dankbarkeit und Gnade haben .

Amen.