Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Prediger 12,1-5a, Jesaja 43,1b.46,3-4 und 42,3 sowie 2. Kor. 12,9a

Pfarrerin Dr. habil. Martina Plieth

29.05.2005 im Altenheim Jacobi-Haus Bünde

Liebe Gemeinde,

Es gibt Tage, da bin ich so richtig kaputt, irgendwie angeschlagen, geknickt und alles andere als zufrieden. Mir fehlt der Elan, und ich fühle mich älter als ich bin. Nichts geht mit Schwung, nichts will so recht gelingen … Es gibt Tage, die gefallen mir nicht und an denen gefalle ich mir selber und manchen andern wohl auch nicht. - Von vielen hier im Haus weiß ich, dass es ihnen durchaus ganz ähnlich geht. Eine durchwachte oder mehrfach unterbrochene Nacht, und der Tag danach ist beschwerlich und alles andere als leicht zu ertragen. Eine falsche Bewegung, und der Rücken oder die Hüfte schmerzen heftig. Ein paar Minuten zu lange an der Sonne, und die Allergie martert die Haut und den ganzen Menschen darunter. Ja, es gibt Tage, da sind wir alle richtig kaputt, irgendwie angeschlagen, geknickt und alles andere als zufrieden. Und je älter wir werden, desto mehr solche Tage scheinen sich anzusammeln. Zumindest sagen das Menschen, die über siebzig, über achtzig oder über neunzig sind und deren Schritte von Mal zu Mal langsamer und mühsamer werden. Und auch in der Bibel wird davon ganz nüchtern, ohne Schönfärberei erzählt. Im Buch des Predigers heißt es nicht von ungefähr: ‚Denk an deinen Schöpfer in deiner Jugend, ehe die bösen Tage kommen und die Jahre sich nahen, da du wirst sagen: „Sie gefallen mir nicht“; … (die) Zeit, wenn die Hüter des Hauses (die Arme) zittern und die Starken (die Beine) sich krümmen und müßig stehen die Müllerinnen(die Zähne), weil es so wenige geworden sind, und wenn finster werden, die durch die Fenster sehen (die Augen), und wenn die Türen an der Gasse (der Mund) sich schließen, und die Stimme der Mühle (das Ohr des alternden Menschen)leiser wird, und wenn sie sich hebt, wie wenn ein Vogel singt und alle Töchter des Gesanges sich neigen; wenn man vor Höhen sich fürchtet und sich ängstigt auf dem Wege …’ (Pred 12,1ff.) - Ja, vieles im Alter ist beschwerlich und führt an unschöne, belastende Grenzen. Und das kann deprimieren und nach unten ziehen. Das könnte sogar todtraurig und völlig unglücklich machen, wenn da nicht noch etwas ganz Anderes wäre, nämlich die Zusage der Nähe und Hilfe Gottes, die nichts und niemand entkräften kann, kein Alter, keine Krankheit, ja, nicht einmal der Tod: ‚Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst (spricht Gott, der Herr); ich habe dich bei Deinem Namen gerufen; du bist mein!’ (Jes 43,1b) - ‚Auch bis in dein Alter bin ich derselbe. Und ich will dich tragen, bis du grau wirst. Ich habe es getan, und ich will es weiter tun. Ich will heben und tragen und erretten.’ (Jes 46,3-4) ‚Das geknickte Rohr werde ich nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht werde ich nicht auslöschen. In Treue trage ich das Recht hinaus.’ (Jes 42,3) Liebe Gemeinde, diese bildhaften Gottesreden sind gut zu übersetzen. Sie sagen eigentlich nichts anderes als dieses: Gott verspricht: Ganz egal, wie alt und eingeschränkt du bist, du gehörst zu mir, und in meinen Augen bist du einzigartig und wertvoll - und das mit all deinen Grenzen und Beeinträchtigungen. Und wenn du dich - mit wirklich gutem Grund - ganz geknickt fühlst, dann richte ich dich wieder auf. Und wenn du zu der Überzeugung kommst, dass du wirklich nur ein ganz kleines Licht, ein glimmender Docht kurz vor dem Verlöschen bist, dann schenke ich dir neue Kraft, Kraft für den nächsten langsamen und mühsamen Schritt, Kraft für die nächste Nacht und für den nächsten Tag. Und wenn du nicht mehr weiter weißt und das untrügliche Gefühl hast, zu nichts mehr nutze zu sein, dann lass’ dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig (vgl. 2. Kor 12,9a). Ich schaue dich mit liebevollen Augen an, und das, was ich sehe, ist mehr als ein Gesicht mit Falten, mehr als ein gebeugter Rücken und eine gichtige Hand, das, was ich sehe, ist ein ganzer Mensch mit einzigartiger und wertvoller Geschichte. Alt und schön zugleich. Alt und schön und achtenswert. Unter Umständen kann dieser Mensch mit all’ seinen Grenzen und Beeinträchtigungen nicht mehr gar so viel leisten, aber vielleicht ‚schafft’ er trotz alledem etwas, das mit Geld nicht zu kaufen ist …
Eine alte chinesische Geschichte mag verdeutlichen, was hiermit gemeint sein kann:
Ein alter Wasserträger lief täglich mit zwei tönernen, bunt bemalten Krügen an einer Tragestange zum weit entfernten Brunnen außerhalb des kleinen Dorfes, in dem er nun schon viele Jahre lebte. Sein Weg führte ihn über Stock und Stein, über staubige Pfade und ein ausgetrocknetes Flussbett. Eines Tages war der Wasserträger plötzlich so erschöpft und müde geworden, dass er von jetzt auf gleich ausruhen musste und sich an der Wegbiege kurz vor zu Hause zu einem kurzen Schlaf niederlegte. Er hatte die Augen noch nicht ganz geschlossen, als er ein dünnes Stimmchen hörte. Es kam ihm so vor, als spräche einer der Wasserkrüge zu ihm: „Ach Herr, meine Tage sind böse Tage, sie gefallen mir nicht. Ich fühle mich nicht nur angeschlagen, ich bin es auch - und das schon seit langer Zeit. Schau mich an. Ich bin alt und grau geworden. Du kannst es sehen: Der Lack ist ab. Ich bin so kaputt, dass ich zu nichts mehr tauge. Wenn du mit mir Wasser holen willst, dann wird das kaum gelingen. Fast alles fließt aus mir heraus. Es ist ein Elend, dem du bald ein Ende setzen solltest. Zerbrich mich ganz und such dir einen neuen, schönen Wasserkrug. Mit dem kannst Du dann Staat machen. Der ist zu etwas nutze und hat ein Recht, ganz oben an deiner Tragestange zu hängen.“
Der Wasserträger hatte trotz seiner Schläfrigkeit ganz genau zugehört, und nun beugte er sich wie ein Schlafwandler ganz langsam zu seinem alten, angeschlagenen Wasserkrug hinüber. Und dann hörte er sich selber sagen: Mein lieber Krug, du hast hast Recht und doch auch Unrecht. Du bist alt und auf den ersten Blick unansehnlich geworden. Aber du bist noch viel mehr, und du hast Dinge ermöglicht, von denen du gar nichts weißt und du solltest das auch weiterhin tun. Schau für einen Augenblick zurück auf den Weg, den wir gemeinsam jeden Tag gegangen sind. In der Tat ist da immer wieder Wasser aus dir herausgelaufen. Du hast viel verloren, und auch ich musste deshalb auf manches verzichten. Aber dein Wasserverlust war und ist nicht umsonst, die Kraft, die du jetzt so sehr vermisst, die hat an anderer Stelle Wirkung gezeigt. Entlang deines und meines mühsamen Weges sind wunderschöne Blumen gewachsen. Dein Wasser und deine Kraft haben das ermöglicht. Du hast dazu beigetragen - ganz so, wie du geworden bist: angeschlagen und kaputt. Es gibt noch mehr als das, was Geld und Ruhm einbringt, mehr als das, was zu messen, zu zählen und zu wiegen ist. Es gibt z.B. die ‚Blumen der Schönheit’, die dort wachsen, wo jemand sein Innerstes nach außen gibt und sich verschenkt bis zur Neige.“
Es wurde auf einmal ganz still, und der alte Wasserträger öffnete die Augen. Er wusste nicht so recht, ob das, was er da gerade erlebt hatte, Traum oder Wirklichkeit gewesen war. Aber er hatte das Gefühl, etwas Wesentliches ist geschehen. Und das richtete ihn auf. Das stärkte ihn und gab ihm neue Kraft. Kraft für den nächsten langsamen und mühsamen Schritt, Kraft für die nächste Nacht und den nächsten Tag.

Liebe Gemeinde, der alte Wasserträger aus China mit seinem alten Wasserkrug und wir alle gehören zusammen. Uns verbinden die Tatsachen des Lebens, die beschwerlich, unschön und belastend sein können, die Tatsachen von Alter, Krankheit und von Tod. Aber uns verbindet noch mehr: Der Umstand, dass wir alle mehr sind als das, was wir leisten, dass wir - vielleicht ganz ohne es zu bemerken - Schönes schaffen können trotz oder manchmal sogar aufgrund unserer begrenzten Art in der Welt zu sein. Uns verbinden die ‚Blumen der Schönheit’, die auf staubigen, ausgetrockneten Lebenspfaden wachsen, die dort wachsen und leuchten und so Hoffnung in die Welt hineinbringen. Hoffnung darauf, dass wir alle mit liebevollen Augen angeschaut werden und dass niemand von uns ganz zerbrochen wird.
Sie möchten wissen, wo solche Blumen hier im Jacobi-Haus wachsen? Ich habe in den vergangenen Wochen schon viele von dieser Sorte entdeckt. Sie tauchen auf, wenn mir am Morgen im Flur ein freudiges Hallo entgegenschallt. Sie entfalten ihre Blütenblätter, wenn mir in den Zimmer von Bewohnern und Bewohnerinnen ein strahlendes Lächeln geschenkt wird, aber auch dann, wenn ich Anteil haben darf an den Erinnerungen eines langen Lebens, an all dem, was Sie, die Menschen hier im Haus, belastet und beschwert, aber auch erfreut und beschwingt. Und das macht mir Mut, Mut, gelten zu lassen, was ist, und zugleich darauf zu setzen, dass sich immer noch Neues entwickeln kann. Neues durch uns oder auch für uns. Zum Beispiel so etwas Neues wie die kleine Kapelle im Keller unseres Hauses. Am Anfang war der Raum dort unten einfach nur alt und unansehnlich. Eine rechte Abstellkammer. Wenig attraktiv und alles andere als ein Anziehungspunkt. Doch nun - nach seiner Umgestaltung - ist er ‚alt und schön’ geworden. Ein Ort der Begegnung, an dem sich Himmel und Erde (Gott und die Menschen) treffen können. Ein Ort zum Wohlfühlen und zum Aufatmen. Ein Ort, an dem viele ‚Blumen der Schönheit’ wachsen zwischen alten Kirchenbänken auf altem Holzfußboden, einem alten Kreuz über einem Altar aus alten Bäumen, auf dem eine alte Bibel liegt. Zwischen Kerzenleuchtern, die aus alten Schindeln entstanden sind, und einer alten Kniebank über der sich eine alte Marienfigur befindet. Überall Raum für ‚Blumen der Schönheit’, überall Raum des Lebens - neuer Lebensraum für alle Menschen im Jacobi-Haus. All das richtet auf und gibt Kraft, gerade dann, wenn das Alter überdeutlich spürbar wird und Schwachheit um sich greift. Wir sollten uns immer wieder neu miteinander darauf einlassen und uns daran freuen. Wenn wir das tun, dann werden wir uns an der ein oder anderen Stelle unseres Alltags vielleicht sogar ein wenig jünger fühlen als wir sind. Und dann haben wir die Chance, mit den nicht aufzuhebenden Belastungen des Alters so umzugehen, dass auch andere merken: Altsein heißt mehr als alt und eingeschränkt leben. Es verheißt den Zusammenhang von ‚alt und schön’ und es führt zu den ‚Blumen der Schönheit’, die überall wachsen, wo Menschen im Namen Gottes zueinander stehen.

Amen.