Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Psalm 90, 12

Pfarrer Martin Abraham (ev)

01.02.2014 in der Evangelischen Tagungs- und Begegnungsstätte Schloss Beuggen / Rheinfelden (Baden)

im Gottesdienst der Tagung: Das Memento Mori. Betrachtungen zur Tradition und Moderne. 31. Januar bis 2. Februar 2014 - Evangelische Tagungs- und Begegnungsstätte Schloss Beuggen

© Martin Abraham

Veranstalter: Evangelische Akademie Baden. Kooperationspartner: Evangelische Erwachsenenbildung Hochrhein, Evangelische Tagungs- und Begegnungsstätte Schloss Beuggen e.V.,

4. Sonntag nach Epiphanias / Maria Lichtmess

Wochenspruch: Kommt her und seht an die Werke Gottes, der so wunderbar ist in seinem tun an den Menschenkindern. Ps 66,5

Evangelium zu Maria Lichtmess: Lukas 2, 22-35

Predigttext:

Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.

Psalm 90, 12

Liebe Gemeinde,

Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden. Das Wort aus Psalm 90 (Vers 12) soll unserem Gedanken-Gang Leitwort sein. Einen Gang, einen Gedanken-Gang(1) möchte ich mit Ihnen über das Gelände von Beuggen machen. Das Psalm-Wort im Kopf. Das Psalmwort mit verschiedenen Gedanken an-gehen.

Portal

Versammeln wir uns zunächst vor dem Hauptportal des Schlossgebäudes und schauen auf die Uhr, die über dem Eingang hängt – und auf ihre Inschrift, « Überschrift » : Una harum ultima. Eine Stunde wird die letzte sein.

Beuggen, so könnte das programmatisch heißen, ist demnach ein Ort, an dem die Lebensklugheit entdeckt, entwickelt, gepflegt sein möchte. Wo Leben bedacht, gefeiert, unterbrochen wird. Nicht zuletzt dadurch, dass wir unsere Sterblichkeit bedenken.

„Durch die sichere Aussicht auf den Tod könnte jedem Leben ein köstlicher, wohlriechender Tropfen von Leichtsinn beigemischt sein – und nun habt ihr wunderlichen Apotheker-Seelen aus ihm einen übel schmeckenden Gift-Tropfen gemacht, durch den das ganze Leben widerlich wird!“

(Friedrich Nietzsche) (2)

Gut, Herr Nietzsche. Behalten wir Ihren Einwand im Kopf. Auf dass das Bedenken der Sterblichkeit nicht nur die Mahnung enthält. Sondern dass wir die Lebens-Klugheit, Weisheit, Geschmack für das Leben entdecken.

Foyer – Zeitungsständer

Doch gehen wir nun ins Haus. Links neben der Eingangstüre liegt die Tageszeitung aus.

Folgen 2-3 Schlagzeilen aus der aktuellen Tageszeitung.

Tagtäglich bekommen wir vor Augen geführt, dass der Tod das Leben bestimmt. So sehr, dass wir gelegentlich in der Gefahr sind, abzuschalten. Und froh sind, dass das meiste ganz weit weg ist. – Doch bitten wir auch darum, dass wir berührbar bleiben durch das Schicksal derer, die auf der Flucht sind, vom Schicksal derer, die in Bürgerkrieg oder Krieg leben. Oder die der Tod sonst wie unerwartet ereilt hat.

Vergessen wir sie nicht. Nehmen wir sie ins Gebet. Wenigstens in unseren Gebeten sollen sie nicht vergessen sein.

Kellerräume

Irgendwo im Haus muss es auch große Kellerräume geben. Sie scheinen mir angebracht für den nächsten Gedanken-Gang.

Ich weiß noch, wie ich als Jugendlicher einen Film über die Nazizeit gesehen habe. In einem Dorf hatte es eine gravierende Aktion gegen das Naziregime gegeben. Die Nazis wollten Vergeltung üben. Da der Täter nicht ausfindig gemacht werden konnte, wurden willkürlich 7 Männer verhaftet. Einer unter ihnen mußte einen bestimmen, der zur Todesstrafe verurteilt werden sollte. Natürlich sagt der Älteste, weit über 80 Jahre : «Nimm mich, ich habe mein Leben gelebt ». Doch nach langen, endlos scheinenden Überlegen und nicht auszzuhaltender Spannung deutet der, der bestimmen muss, auf einen ca. 40jährigen Familienvater. Seitdem läßt mich die Frage nicht mehr los : Wann ist einer « alt » genug ?

Das Pfand

Der Rabbi kam aus dem Bethaus. Er vermißte seine beiden Söhne. Mehrmals fragte er seine Frau, wo die Knaben seien. Sie gab ausweichende Antworten. Später sprach sie: "Vor etlicher Zeit kam ein Fremder zu mir und gab mir ein Pfand, damit ich es aufbewahre. Es waren zwei kostbare Perlen von großer Schönheit. Ich hatte meine Freude an ihnen, als wären sie mein. Heute, als du im Bethaus warst, ist der Fremde gekommen und hat sein Pfand zurückverlangt. Sollte ich es ihm wiedergeben? Streng rügte der Rabbi: "Welch eine Frage! Wie kannst du zögern, anvertrautes Gut zurückzugeben?" Da nahm die Frau ihn bei der Hand und führte ihn in die Schlafkammer. Sie hob die Decke vom Bett. Da lagen die Knaben, still und schön. Beide waren tot. Der Rabbi schrie laut auf und warf sich über seine Söhne. Sie aber sprach: "Hast Du nicht gesagt, das Pfand müsse zurückgegeben werden? Der Herr hat es gegeben, der Herr hat es genommen. Der Name des Herrn sei gelobt."

(Jüdische Legende)

« Altes Pfarrhaus » nebenan, ehemaliges « Haus der Kranken »

Doch verlassen wir bereits wieder das Schloss und richten unseren Blick auf das « Alte Pfarrhaus ». Hier wurden zur Zeit des Deutschritterordens Kranke gepflegt. Welche Geschichten mögen da zu erzählen sein.

Ich denke an jenen Mann, der vor ein paar Jahren, in der Adventszeit mag es gewesen sein, zu mir kam. « Ich habe seit drei Jahren Krebs » sagte er. « Alles, was medizinisch möglich war, ist versucht worden. Nun ist es Zeit, dass ich mich auf den Abschied vorbereite. Ich möchte gern mit Ihnen meine Beerdigung andenken ». – Gut ein Jahr danach, bald nach Weihnachten ist er im Hospiz gestorben. Die Angegörigen und er sind diesen Weg sehr intensiv und bewußt gegangen, haben sich gemeinsam vorbereitet. Es gab intensive Gespräche, Trauer, Schmerz – und doch war die Zeit vom Leben erfüllt. – Einen Teil davon durfte ich mitbekommen. Da waren Erfahrungen, an denen alle Beteiligten gewachsen – oder sagen wir in dem Fall - klug - geworden sind ?, intensiv gelebt haben. Wochen, Tage, Stunden, Minuten bewußt erlebt haben.

Noch bist du da

Wirf deine Angst

in die Luft

Bald

ist Deine Zeit um

bald

wächst der Himmel

unter dem Gras

fallen deine Träume

ins Nirgends

Noch

duftet die Nelke

singt die Drossel

noch darfst du lieben

Worte verschenken

noch bist du da

Sei was du bist

gib was du hast

(Rose Ausländer)

Am Fluss

Gehen wir nun miteiander durch das Tor, das hinter dem Schloss zum Garten führt. Gehen wir, den biblischen Garten links liegen lassend, durch die Allee zur kleinen Insel. Stellen wir an den Fluss. Und schauen dem Wasser zu. Dem Fluss, wie er fließt.

Manchmal erinnert auch er mich an Abschiede. Wenn sie gelungen sind, bewußt begangen, dann sind sie nicht ohne Schmerz. Der will ausgehalten, betrauert sein. Aber es ist möglich, sich umzudrehen und weiter zu gehen. Gelegentlich an den Fluss zurück kehren und trauern. Und doch neu gehen. Lebe Wohl sagen. Auch ein Abschiedswort. Lehre uns bedenken, dass wir « lebe wohl «  sagen müssen, auf dass wir wohl leben können. Und manchmal gibt es neues nur, wenn wir « lebe wohl » gesagt haben.

JEN: Letztes Mal

Ich träume wieder von Charlie.

Irgendwie weiß ich, es ist das letzte Mal.

Er steht an einer Kreuzung,

aber er sieht nicht verloren aus.

Er schlägt einen Weg ein,

wandert davon.

Dann Dreht er sich noch einmal um und winkt.

(Aus : Margaret Wild, Jinx)

Zeder

Gehen wir von der kleinen Insel wieder hinauf in den Garten und versammeln uns bei der großen Zeder.

Vielleicht ist sie groß genug, « lebenserfahren » genug, um uns einen weiteren Gedanken zu erschließen.

(Steve Jobs, Gründer der Firma Apple. Offener Brief zur Niederlegung seiner Ämter):

Ich habe immer gesagt, dass, wenn der Tag kommen sollte, an dem ich nicht länger meine Aufgaben und Erwartungen als Apple-Chef erfüllen kann, ich der erste wäre, der das mitteilt. Leider ist dieser Tag gekommen. Ich trete hiermit als CEO von Apple zurück.

Steve Jobs hatte 2005, nach seiner Bauchspeicheldrüsen-Operation, vor Stanford-Studenten eine Vorlesung gehalten. In der rief er seinen Zuhörern:

Dass ich sterblich bin, das ist das stärkste Werkzeug für mich, große Entscheidungen im Leben zu treffen. Fast alles (…) fällt von einem ab, wenn man den Tod gewärtigt. Da bleibt nur das Wichtigste. An den eigenen Tod zu denken, vermeidet die gedankliche Falle: Man hat nichts zu verlieren. Du bist immer schon nackt. Es gibt keine Grund, niemals, nicht seinem Herzen zu folgen.

(Aus einem Artikel der Süddeutschen Zeitung, anlässlich des Todes von Steve Jobs.)

Dass wir nichts zu verlieren haben, das kann Freiheit vermitteln. Angesichts des Todes will ich sagen können : Ich will « aufrecht » gelebt haben. Habe ich glebt ? Habe ich getan, was mir wichtig gewesen ist ? – Einmal das Meer sehen ist der Wunsch der beiden Sterbenden in der Filmkomödie « Knocking on heavens door » . Etwas ernsthafter das ähnliche Thema in « Das Beste kommt zum Schluss », wo zwei ältere krebskranke Männer eine « Bucket-List » - eine « Löffelliste » erstellen. Eine Liste dessen, was sie getan und erlebt haben möchten, bevor die den Löffel abgeben müssen. Was möchte ich im Leben getan haben ? Und sei es noch so verrückt.

Ob Nietzsche das meinte, als er vom « wohlriechenden Tropfen Leichtsinn » sprach?

Gelegentlich aber auch : fragen, was wirklich wichtig ist. Welchen Stellenwert hat das umgefallene Glas Rotwein auf der weißen Tischdecke wirklich ? Ist es der Aufregung wirklich wert ? Oder die Stunde Verspätung ? Oder der Staubfussel auf der Glasplatte ?

Garten

Bevor ich mit Ihnen hierher in die Kapelle kommen möchte, lassen Sie uns einen kleinen Abstecher noch in den Biblischen Garten machen. Im Garten wird Maria angesprochen vom Gärtner. « Maria ». Als einer ihren Namen nennt, da merkt sie, dass das Leben da ist, dass ER da ist, dass sie da ist. Vielleicht ist der Garten nicht zufällig. Kann man doch gerade hier die Schönheit des Lebens sehen. Die Blumen, die Pflanzen, die Blüten. Die doch auch alle die Auszeit, die Brachzeit, den Wechsel von ruhen und wachsen, von sterben und blühen brauchen.

Und vieleicht brauchen auch wir es zuweilen, dass uns einer anspricht, damit wir die Schönheit des Lebens ansehen. Die Stimme, die uns anspricht, wenn die Sonne gerade rotglühend hinter den Horizont verschwindet. Oder den Morgen hellmacht. Die Stimme, die sagt: hast du heute auf den Moment geachtet, der diesen Tag kostbar macht ? Kannst du von ihm erzählen?

Empfänger unbekannt

Vielen Dank für die Wolken.

Vielen Dank für das Wohltemperierte Klavier

und, warum nicht, für die warmen Winterstiefel.

Vielen Dank für mein sonderbares Gehirn

und für allerhand andre verborgne Organe,

für die Luft und natürlich für den Bordeaux.

Herzlichen Dank dafür, dass mir das Feuerzeug nicht ausgeht,

und die Begierde und das Bedauern, das inständige Bedauern.

Vielen Dank für die vier Jahreszeiten,

für die Zahl e und für das Koffein

und natürlich für die Erdbeeren auf dem Teller,

gemalt von Chardin, sowie für den Schlaf,

für den Schlaf ganz besonders,

und, damit ich es nicht vergesse,

für den Anfang und das Ende und die paar Minuten dazwischen

inständigen Dank,

meinetwegen für die Wühlmäuse draußen im Garten auch.

(Hans Magnus Enzensberger)

Kapelle

Danken wir also hier, in der Kapelle, im « Andachtsraum » im Gottesdienst dem, der uns das Leben geschenkt hat. Dem, der es uns zuweilen aufträgt. Dem, der es in Händen hält, auch in unserer letzten Stunde. Danken wir ihm also für das Geschenk. Und bitten wir darum, dass wir dieses Geschenk als kostbares annehmen können, in dem Bewußtsein, dass es ein Geschenk bleibt, über das wir nicht verfügen können. Bitten wir darum, das wir so « klug », lebensweise werden. Und das Leben schätzten.

Ob wir auch einmal « in Frieden fahren » können, das wissen wir nicht. Und mancher Tod soll und will beklagt, betrauert, beschrieen sein. Doch ist da der Glaube, das Versprechen, dass auch in der letzten Stunde einer ist, in dessen Augen und Händen unser Leben kostbar ist, wie « vollendet » es auch gewesen sein mag.

Bagnato-Saal

Ein Raum steht uns noch bevor. Gleich gehen wir hinüber in den Bagnato Saal(3). Musik noch einmal. Sekt wartet auf uns. Und so laßt uns auf das Leben anstoßen und auf den, der uns das Leben geschenkt hat !

Lied : EG 116, 1-4 Er ist erstanden, Halleluja

Anmerkungen :

  • (1) Der « Gedanken-Gang » wurde in der Kapelle des Schlosses vorgetragen, es war kein tatsächlicher Gang über das Gelände

  • (2) Die « Zwischentexte » wurden von einer zweiten Person gelesen

  • (3) Nach dem Gottesdienst gab es einen musikalischen Apéro im « Bagnato-Saal », einem festlichen Saal neben der Kapelle