Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Römer 8,10f.

Bernd Abesser

11.05.2008 in der Ev.-luth. Kirche Meckelfeld

Pfingstsonntag

Liebe Gemeinde,
geniales Chaos beim einen, kein Stäubchen und sterile Ordnung beim andern; plüschige Gemütlichkeit hier oder cooler Style dort – jede Wohnung ist ein Spiegel ihrer Bewohner. Zeig mir wie du wohnst und ich sag dir, wer du bist. So hinterlassen wir Spuren unseres Lebens, Spuren unserer selbst in unseren vier Wänden. Und wer hinterlässt Spuren in uns? Sind auch wir so etwas wie eine Wohnung? Wer oder was haust in uns? Hören Sie den Predigttext:

 „Wenn nun der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird er, der Christus von den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen durch seinen Geist, der in euch wohnt.“

 „Wenn nun Gottes Geist, der Heilige Geist, in euch wohnt...“, schreibt Paulus. Dann müssen wir uns fragen: Wie kommt dieser Geist in seine Wohnung rein? Stand sie leer? Wohnte da vorher kein Geist drin? Wurde dem alten Bewohner – wer war das überhaupt? – wurde dem alten Bewohner gekündigt? Zwangsräumung? Gab es gar eine Hausbesetzung? Und wer ist der Vermieter, wenn ich die Wohnung bin? Zieht mit dem Heiligen Geist vielleicht der Eigentümer selbst ein?

Können Sie sich mit diesem Bild anfreunden? Wohnung sein für den Heiligen Geist? Oft muss ja eine Wohnung bei Einzug erstmal renoviert werden. Ich stelle mir das als eine sehr gründliche Renovierung vor; Totalrenovierung, mehr als nur ein Eimer Farbe über die alte Rauhfasertapete gerollt. „Na, altes Haus?“, diese Anrede ist danach kaum mehr angemessen bei einem, in dem wirklich der Heilige Geist wohnt. Da mag die Fassade vielleicht verwittert aussehen, aber von innen heraus ist die alte Hütte schon verwandelt.

Kann man das merken, kann man das spüren? Dringt vom inneren neuen Glanz etwas nach außen? Wohnt also der Heilige Geist in einem oder in einer, der oder die immer „gut drauf“ ist? Sind die gute Stimung, die „good vibrations“ auf Kirchentagen oder Christivals Auswirkungen des Heiligen Geistes? Oder ist das nur ein religiöser Schwips? Ist Heiliger Geist hier und jetzt, in dir, in mir? Fühlt sich das irgendwie besonders an? Ich vermute: nein. Gottes Geist macht kein bestimmtes Gefühl, er macht auch nicht wie betrunken oder versetzt dich in besondere Stimmung. Eher bekommst du so etwas wie einen neuen Blick, eine neue Sicht auf die Dinge.

Wenn Gottes Geist in dir wohnt, dann bekommst du ein Gespür für Unterscheidungen. Hier drinnen ist es sonntags zwischen 11 und 12 Uhr anders als draußen. Ein Pastor ist kein Diskjockey. Kirchenlieder funktionieren anders als Schlager auf NDR 1. Und in der Bibel wird anders vom Menschen erzählt als in der Bild-Zeitung. Sie halten diese Unterscheidungen für selbstverständlich? Dann hören mal: „Die Pastoren müssen aus ihrem Koma erwachen, ich zeige wie das geht. Mein Gottesdienst zum Thema Begeisterung spricht Gefühle an und vermittelt Gänsehaut.“ [1] So sieht‘s aus, liebe Gemeinde, jetzt müssen wir Pastoren bei einem Discjockey und Moderator in die Lehre gehen. Was dann dabei heraus kommt? Das konnte man letztes Wochenende in Hanstedt erleben, wo unser Kollege Marcus Krause einem DJ nicht nur die Kanzel, sondern gleich den ganzen Gottesdienst überlassen hatte. Das las sich in der Vorankündigung dann so: „Charly steht nucht auf der Kanzel, sondern auf einer Kirchenbank mitten unter den Besuchern. Zum Auftakt erklingt Nana Mouskouris Hit ‚Guten Morgen, Sonnenschein!‘ Charly hält nicht nur eine Predigt, sondern gleich vier. ... In seiner Ansprache liest Charly aus der Bild-Zeitung vor“

Das mag alles sehr witzig, sehr modern sein. Ich weiß nicht, ob jemand von Ihnen das Spektakel live miterlebt hat, ich nicht. Aber es wird wohl in etwa so abgelaufen sein wie angekündigt. Die Kirche war voll und die Menschen waren begeistert. Begeistert? Und wenn ja, welche Art von Geist war da am Werke? Oder ist da einer die Geister, die er rief, nicht mehr losgeworden? Wehte am vergangenen Sonntag in Hanstedt gar der Heilige Geist? „Ganz sicher“ werden die einen sagen, „Ganz sicher nicht“ die anderen. Ist ja auch schwer zu beurteilen. Feuerzungen – so wie in der Apostelgeschichte beschrieben, wir haben es in der Lesung gehört – Feuerzungen werden sicher nicht über den Häuptern der Anwesenden geschwebt sein und wahrscheinlich haben die Hanstädter auch nicht in unterschiedlichen Sprachen miteinander geredet.

Doch von den Unterscheidungen zwischen Kirche und Disko, zwischen Pastor und DJ, zwischen Gottesdienst und Event – von den Unterscheidungen ist nichts mehr zu spüren. Dabei ist es doch notwendig, dass das eine nicht wie das andere ist. Auch wenn das viele Menschen irritiert. Sie wollen das haben, was sie kennen. Sie wollen das Vertraute. Sie möchten sonntags die Alltagssprache hören, sie möchten einen Gottesdienst erleben wie sie Fernsehshows kennen. Seit einiger Zeit schon finden es manche Bräute toll, sich von ihrem Vater zum Altar führen zu lassen – auch wenn sie sich bereits vom Elternhaus verabschiedet haben und mit ihrem Zukünftigen längst zusammenwohnen. Ein ganz überkommenes altgermanisches Ritual – wiederbelebt durch Traumhochzeiten im Fernsehen. Sie wollen das, was sie aus den Medien kennen.

Ich habe Verständnis dafür, dass Menschen das Vertraute suchen. Fremdes verunsichert. Und wenn einer Texte – zum Beispiel biblische Texte – nicht versteht, wenn Ihnen und Euch (den Konfirmanden) die Sprache der Pastoren nur fremd in den Ohren klingt, wenn niemand die Lieder mitsingen kann – wie sollen die Menschen dann miteinander feiern können? Ich verstehe, warum Menschen begeistert sind, wenn sie in einer Kirche etwas erleben, an dem sie teilnehmen können, wo sie nicht außen vor bleiben. Doch was ist, wenn hier an diesem Ort, hier in dieser Sonntagszeit alles genauso wie draußen ist? Wenn nichts Fremdes, nichts Geheimnisvolles, ja vielleicht auch nichts Erschreckendes mehr zu erkennen ist? Das ist doch zumindest sterbenslangweilig. Noch mehr aber ist es trostlos.

„Wenn nun der Geist Gottes in euch wohnt ..“ Eine Wohnung sucht sich ihre Bewohner nicht aus. Umgekehrt wird ein Schuh draus. Wir sind die Wohnung, wir werden bewohnt. Und dieser Bewohner mit dem eigenartigen Namen „Heiliger Geist“ lehrt uns, zu unterscheiden. Nicht nur zwischen Bild-Zeitung und Bibel, zwischen Pastor und DJ, sondern zu allererst zwischen Gott und Mensch zu unterscheiden. Gott ist nicht der oder das Vertraute. Gott ist der Unbekannte, der Fremde, den du nicht kennst, nicht kennen kannst, der dich ins Leben rief und nicht du ihn. Der vor dir war und nach dir sein wird. Der sich aller Bemächtigung entzieht. Der dir eher Fragen stellt, als dass er deine Probleme löst. Als der Geheimnisvolle, nicht als der Kumpel, wird er zum Freund der Menschen. Diese große Differenz, diesen großen Unterschied lehrt der Heilige Geist – und nur er lehrt ihn. Aber das nun auch: Gott ist als der ganz andere, als Anfang und Ende der Welt, als ihr Schöpfer – als all das ist Gott ein Freund der Menschen. Darum lässt er seinen Geist, seinen „Spirit“ in uns wohnen. Er verleibt sich uns ein, zieht in uns hinein. Dir und mir zugetan, auch da, wo wir ihn nicht verstehen. Nicht von uns aus geraten wir in Gottes Nähe, sondern er kommt.

„Wenn nun der Geist Gottes in euch wohnt ..“ – ja, was dann? Dann ist es, als seien die Fenster ins Leben neu geputzt. Schärfer noch treten dann die Konturen unseres Lebens hervor. Schärfer sehen wir hinter die Dinge und lesen zwischen den Zeilen. Sehen das Elend hinter der glänzenden Fassade, spüren die Verzweiflung hinter der zu guten Laune. Wissen darum, dass das Leben endlich und begrenzt ist. Erkennen aber auch die Stärke im Gebrechen, sehen die Schönheit in den Runzeln der Jahre, hören die leisen Töne im Lärm der Welt und erspähen die Ewigkeit hinter dem Grenzzaun des Todes. Schärfer treten die Konturen des Lebens hervor in seiner Todverfallenheit, in seinem Schmerz und seiner Zärtlichkeit. Schärfer auch gerät das Unrecht in den Blick, das sich unter der Maske von Recht und Ordnung verbergen kann.

Es war gestern 75 Jahre her, dass in Deutschland Bücher brannten. Das waren die Feuerzungen des Ungeistes. Kein Heiliger Geist war zugegen, der Menschen in ausreichender Zahl bewegt hätte, dies zu verhindern. Kein Heiliger Geist, der unterscheiden gelehrt hätte und den scharfen Blick für das, was dort geschah. Wenn vom Koma so vieler Pastoren zu reden ist, dann bestimmt in jener Zeit. Nur bei zu wenigen war etwas spüren von der Verwandlung zur Freiheit, von der inneren Renovierung des Menschen, wenn Gottes Geist einzieht. Zu viele haben sich ängstlich weggeduckt, haben ihre innere Wohnung leerstehen lassen, wenn sie nicht gar selbst vom Ungeist des Nazitums bewohnt waren.

Renoviert, innerlich verwandelt und darum äußerlich zu freiem Handeln bereit. Du kannst Wohnung von Gottes Geist sein. „Das Gebiet deines Redens, Handelns, Wirkens ist umgeben von dem eines unübersehbar und unvergleichlich anderen.“  Der Geist Gottes ist bereits am Werke und du gerätst in einen neuen Machtbereich. Wie mit Feuer ist in dein Herz geschrieben: Du sollst leben.

Amen.

 

[1] Elbe-Geest-Wochenzeitung vom 30.4.2008. Der Moderator Charly Reinhard hatte gegen den Pastor der von Meckelfeld ca. 20 km entfernten Kirchengemeinde Hanstedt eine Wette verloren. Sein Wetteinsatz bestand darin, einen Gottesdienst zu halten. S. dazu auch die Anlage zur Predigt.

[2] Karl Barth; Römerbrief16 , Zürich 1999, S. 280