Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Ruth 1

Pastor Maik Fleck

04.06.2005 in den Ev. ref. Kirchen Holzhausen und Horn

Meine Geschwister,

manchmal im Leben geraten wir in eine Sackgasse. Es geht nicht mehr weiter. Wir stehen vor einer Wand. Uns bleibt nichts anderes übrig als umzukehren. Wir müssen den Weg zurückgehen.
Manchmal tut uns das gut, wenn wir dann am Ende aus der Sackgasse treten - ins Freie, durchatmen. Und manchmal ist es ein schwerer Gang. Vielleicht haben wir einen verletzt. Wir müssen jemandem ins Auge blicken und dem, was wir getan haben. Dann fällt es uns schwer umzukehren. Und manchmal ist es von beidem etwas - von der Schwierigkeit der Wiederbegegnung und der Freude des offenen Horizontes.

In der Geschichte, mit der das Buch Ruth beginnt, gerät eine Frau in eine Sackgasse. Ihr Name heißt Noomi. Und wir haben sie in der Lesung begleitet - auf ihrem Weg hinein in die Sackgasse und auf ihrem Weg hinaus.
Als Sackgasse erweist sich für Noomi der Weg von Bethlehem, ihrem Heimatort, nach Moab, einem Gebiet südlich von Israel. Sie zieht dorthin mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen. Sie verlassen Bethlehem, weil dort Hunger herrscht. Auf den ersten Blick sagen wir: ‘Das ist verständlich!’ Trotzdem müssen für einen Moment hinschauen, was das für eine Familie ist, die da nach Moab aufbricht. Denn - liest man den Text genau, fallen ein paar Dinge auf.
Zunächst fällt auf: Sie gehen nach Moab. Das ist deswegen auffällig, weil man eigentlich nicht nach Moab geht, schon gar nicht, um dort sein Brot zu suchen. Für Fremde gibt es in Moab kein Brot und kein Wasser. Das ist die Erfahrung Israels aus seiner Wüstenwanderzeit. Aber genau dorthin zieht es die Familie Noomis.
Wer wird dort Brot und Wasser bekommen, wo man freiwillig kein Brot und Wasser bekommt? Wohl der, der eine reiche Gegenleistung zu geben hat. So müssen wir uns die Familie wohl nicht als arme Leute vorstellen. Noomis Familie bringt etwas mit, was ihr den Zugang zu Brot und Wasser eröffnet: Geld.
Dieses Geld öffnet der Familie den Zugang zu Nahrung. Diese Geld öffnet auch den Zugang zur Gesellschaft. Denn: Wer - ausser den Reichen - schafft es, als Fremdling einzuheiraten? Und genau das tun die Söhne Noomis - einheiraten im Lande Moab. So sagt der Satz Noomis, der irgendwann am Ende der Geschichte fällt: “Voll bin ich ausgezogen” etwas über die Lebensverhältnisse der Familie, über ihren Reichtum und Lebensstandard.
Sie verlassen Bethlehem - und wenn wir den angefangenen Gedanken nun weiter verfolgen - nicht so sehr, weil ihnen der Hunger droht. Wenn es kein Brot mehr gibt, kaufen Reiche eben Kaviar. Nein - sie fliehen, um ihren Reichtum zu bewahren. Sie schaffen ihr Kapital ausser Landes. Sie fliehen nicht vor dem Hunger, der in ihr Haus will, sondern vor dem Bettler, der an ihren Tisch möchte. Sie verweigern Solidarität.
Moab aber erweist sich als Sackgasse. Noomis Mann und die beiden Söhne sterben. Noomi bleibt allein zurück. Sie wird eine einsame und bittere Frau. Moab hat sich als Sackgasse erwiesen. Und Gott ist schuld, so hören wir es aus Noomis Worten. Und vielleicht fühlen wir uns an ein Jesuswort erinnert: “Wer sein Leben bewahren will, der wird es verlieren!”

Moab ist eine Sackgasse. Und so macht Noomi sich noch einmal auf, zurück nach Bethlehem. Brot wird es auch dort wieder geben. Noomi kehrt um, zurück zu denen, die sie verlassen hat - damals als sie noch reich war. Sie macht sich auf den Weg, zusammen mit ihren Schwiegertöchtern. Die jedenfalls will sie dann loswerden, schickt sie zurück zu ihren Familien. Bitterkeit sucht Einsamkeit, um bitterer zu werden. Wer bitter ist, weiß um die eigene Unerträglichkeit.
Noomi argumentiert, hält den Schwiegertöchtern vor, wie zukunftslos das Leben für sie selbst ist. Fast weiß man gar nicht, warum sie zurückgeht. Jedenfalls nicht in die Zukunft, so will es scheinen. Die eine von beiden verabschiedet sich, die andere aber bleibt, widersetzt sich Noomi. “Wo du hingehst, gehe ich auch hin!” sagt sie, Ruth. Ruth, das heißt übersetzt die Freundin, die Begleiterin. Und Ruth wird in dieser Geschichte das, was in ihrem Namen steckt: die Begleiterin für Noomi.
Wir sollten ihre Worte nicht zu freundlich nehmen. Dem hebräischen Text ist die Heftigkeit, mit der gesprochen wird, abzuspüren. Die Sätze werden ganz kurz, hervorgestossene Worte: “Dein Volk - mein Volk, dein Gott - mein Gott!” Ruth hält an Noomi fest, an der verbitterten Frau.
Wie schwer ist das, bei jemand Bitterem auszuhalten. Wie schwer ist es, sich nicht anstecken zu lassen, hinunterziehen zu lassen. Wie schwer ertragen wir das Bittere an uns selbst. - Ruth hält aus, ist Begleiterin, geht mit.

Sie kommen in Bethlehem an - und nun muß man einander auf Augenhöhe begegnen, in die Augen schauen. “Ist das nicht Noomi?”, wird getuschelt. Der Finger wird ausgestreckt: “Da ist sie wieder!” Und Noomi zeigt ihre Bitterkeit vor und die Einsamkeit ihrer Seele, spricht von sich, spricht aus, was mit ihr ist - von ihren Verlusten. “Es hat nicht geklappt in meinem Leben. Was wir geplant haben, ist zerstört. Gott ist dazwischen gekommen!” sagt sie. Sie redet von sich, und vielleicht klingt es sogar ein bißchen rechtfertigend. Aber auf jeden Fall redet sie nicht von Ruth, von der Frau an ihrer Seite. Es wirkt, als sei die nicht da. Es wirkt so, als sei sie allein zurückgekehrt. Noomi ist allein in ihren Worten. Sie hat noch nicht bemerkt, dass sie schon längst nicht mehr einsam ist, dass ihr Alleinsein durchbrochen ist, dass es einen Menschen an ihrer Seite gibt - keinen Mann, aber eine Frau, die zu ihr steht - Ruth.

Und dass heißt - sie ist noch nicht wieder aus der Sackgasse heraus. Denn die Sackgasse hat ja nicht bloß in Bethlehem begonnen, sie hat mit verweigerter Liebe begonnen. Die Sackgasse hat mit verweigerter Solidarität zu tun. Es wird noch dauern, bis Noomi aus der Sackgasse ist, auch wenn sie wieder in Bethlehem angekommen ist. Die Nähe und Liebe eines Menschen muß erst in ihr Herz und ihre Seele zurückkehren. Dann ist sie draußen, dann hat das Leben Zukunft.
Die Zukunft aber hat für sie längst begonnen: mit Ruth, die zur bitteren Noomi steht und sich von ihr ignorieren läßt. Die Zukunft hat längst begonnen, weil Gott die Bitteren und Einsamen liebt. Weil Noomi das erfahren soll.

Und wir - wir werden es auch erfahren. Erfahren es vielleicht jetzt schon hier und da, wo einer an unserer Seite aushält. Dann aushält, wenn wir bitter und schwer erträglich für uns und andere sind. Dann jedenfalls fängt unser Gott an zu arbeiten - im Verborgenen. Mit guten Worten, die wir bewusst vielleicht gar nicht hören und die doch da sind: “Ich steh zu dir”. Mit Gesten, die uns sinnlos erscheinen: “Ich steh zu dir!”. Mit Taten, die wir abschütteln möchten, weil wir sie an uns für verschwendet halten: “Ich steh zu dir!”
So lädt uns die Geschichte ein, Ausschau zu halten - nach jenen Momenten in unserem Leben. Nach Momenten, wo einer so an mir oder einem anderen handelt - wohlgemerkt, am Verbitterten: “Ich steh zu dir!”. Halten wir Ausschau und loben dann Gott - denn so beginnt die Zukunft jenseits der Sackgasse. Und da will Gott uns haben und dahin wird er uns bringen.

Amen.