Wir wuenschen Ihnen gesegnete Weihnachtstage

Predigt und Internet

Wilfried Steen
03.01.2012

OKR i.R. Wilfried Steen Foto privat

Lernen von Facebook?

In der Chronik der Braunschweiger Kirchengemeinde St. Pauli, in der ich als junger Pfarrer tätig war, heißt es von einem meiner Vorgänger aus den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts, dass bei seinen Predigten regelmäßig 500-600 Gottesdienstbesucher anwesend waren. Die Predigten dauerten nahezu eine Stunde. Manche davon riefen so viel positive Resonanz hervor, dass sie gedruckt werden mussten. Heute klingen solche Berichte, als seien sie Geschichten aus einer fernen Kirche und nicht gerade erst fünfzig Jahre alt.

In den gängigen Werken zur Predigtlehre werden Predigten mit allenfalls 12-15 Minuten Dauer empfohlen. Dass kommunikative Kompetenz zum Predigthandwerk gehört, ist selbstverständlich. Predigten sollen authentisch sein und Lebensnähe und Wirklichkeitsorientierung ausstrahlen. Auch wenn die Ausbildung in beiden großen Kirchen intensiver geworden ist als früher: All dies verhindert nicht, dass Christentum und der christliche Glaube immer mehr an den Rand unserer Gesellschaft geraten und Predigthören als verstaubt und von gestern gilt. Jedenfalls ist dies nicht nur mein Eindruck. Genüsslich breiten die Medien Ergebnisse der letzten Meinungsumfragen aus, nach denen nur noch 21 Prozent der Menschen in Deutschland regelmäßig zur Kirche gehen und nur noch zehn Prozent regelmäßig beten. Wir persönlich gehören zur Minderheit von sechs Prozent Haushalten, in denen ein Tischgebet die Regel ist. 

Manchmal habe ich das Gefühl, dass gerade Journalisten sich gern dieses Themas Kirche  annehmen, weil die Abstiegssorgen anderer interessanter dargestellt werden können. Dabei wird gern auffallend wenig darüber berichtet, dass auch im Medienbereich und besonders bei den Printmedien trotz brandaktueller Berichterstattung die Auflagenzahlen durchweg zurückgehen. 

Da ist es immer erquicklich, wenn es altgediente Institutionen in der Gesellschaft gibt, die in der öffentliche Wahrnehmung ebenfalls verlieren. Kirchen sind willkommene Opfer, um auf moralinsaure Predigten zu verweisen, die meist vor leeren Bänken stattfinden  

Dass die Mitgliederzahlen auch in den beiden großen Kirchen in Deutschland rückläufig sind, ist nicht zu leugnen. Aber auch andere gesellschaftliche Institutionen wie Parteien und Gewerkschaften in unserem Land leiden unter zunehmender Erosion in der öffentlichen Wahrnehmung ihrer Äußerungen. Parteien und Politiker reißen oft niemanden vom Hocker und über Weihnachtsansprachen des Bundespräsidenten wird mancher Witz gerissen.
Unsere Hörgewohnheiten haben sich verändert, niemand hat mehr die Fähigkeit, Monologen zu lauschen, die über eine Stunde lang sind. Keiner liest gern ellenlange Artikel in der Zeitung. Medienfachleute sprechen davon, dass  moderne Menschen heutzutage nicht mehr in der Lage sind, länger als fünf Minuten intensiv zuzuhören. Aber in fünf Minuten alles sagen, was gesagt werden muss, dazu gehört eine große rhetorische Begabung. Dass dies die herkömmliche  Predigtkultur ins Mark trifft, kann kein Geheimnis sein. Kaum einer Predigerin oder einem Prediger gelingt es, in fünf Minuten einen biblischen Text so zu entfalten, dass dies über Allgemeinplätze und warme Worte hinausgeht. Von einer Predigt erwarte ich mehr. Die Predigt wendet sich an Menschen, die eine Sehnsucht danach in sich tragen, ihr Leben zu verstehen und auch ihrem Schicksal, der Freude, dem Leid und auch dem Tod zu begegnen. Der Predigt geht es weder um Diesseits und Jenseits allein, es geht um den Zuspruch einer Geborgenheit in der Liebe Gottes.

Manchmal habe ich in seelsorgerlichen Gesprächen erlebt, dass gerade Menschen, die sonst mit dem Christentum nicht viel anfangen konnten, in schwierigen Lebenssituationen mit Bonhoeffers  Lied „von guten Mächten treu und still umgeben, behütet und getröstet wunderbar ...“ viel anfangen konnten. Also ist auch heute das zusprechende Wort des Trostes nicht überflüssig und belanglos geworden ist, es bauen sich nur zu viele Barrieren auf, hinter denen es überhört werden kann.

Im englischen Magazin „the Economist“ erschien vor Weihnachten 2011 der Artikel „How Luther went viral (wie Luther ansteckend wurde)“. In diesem Artikel wird die These vertreten, dass fünf Jahrhunderte vor Facebook „soziale Netzwerke“ entscheidend zum Sieg der  Reformations-bewe¬gung beigetragen haben. Diese sozialen Netzwerke im frühen  16. Jahrhundert haben dank der gerade erfundenen Buchdruckerkunst binnen kürzester Zeit Flugschriften zu den brennenden Fragen der Zeit verbreiten können und in den Städten und bei den aufstrebenden Bürgerschichten die Reformationsbewegung ausgelöst.

Wie ist es heute?

Wie können wir heute so predigen, dass wir dem Volk gemäß Martin Luther „aufs Maul schauen“? Das ist doch die zentrale Frage, die sich stellt. Wie können wir umsetzen, was Martin Luther zum Zentrum der Verkündigung des Wortes Gottes macht:  „Wir sind Bettler, die anderen Bettlern sagen können, wo es Brot gibt!“ Diese frohe Botschaft kann durch vielerlei Kanäle zu den Menschen finden. Der traditionelle Gottesdienst ist nur einer dieser Kanäle -  sicherlich unaufgebbar, aber er ist würdig,  durch viele andere Gefäße und Methoden ergänzt zu werden, mit denen Menschen kommunizieren.

Predigen hat es nach meinen persönlichen Erfahrungen mit einer direkten Ansprache der Zuhörenden zu tun. Je weniger Papier zwischen der Predigerin oder dem Prediger und den Zuhörenden raschelt, desto besser. Eine Predigt wirkt für mich durch ihre Direktheit, sie muss mich ergreifen, mich packen. Je freier Predigende sprechen, desto besser, desto unmittelbarer. Wer aber glaubt, sich die Vorbereitung seiner freien Rede sparen zu können, gerät ins Schwafeln. Mit schnellen Griffen in Predigtmaterialien ist es nicht getan. Die Zuhörer spüren dies. Wer als Predigerin oder als Prediger durch einen schnellen Rückgriff auf das Internet und dort vorhandene gut ausgearbeitete Predigten Zeit und Vorbereitung sparen möchte, täuscht sich und und die Zuhörer. Seine Predigt wird zusehends zu einer Lesepredigt.

Dass traditionelle Reden auch heute mit Hilfe des Internet ihre eigene Kraft entfalten können, zeigt das Beispiel von Jean Ziegler und seiner „ungehaltenen“ Rede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele. Eigentlich spricht er in dieser markanten Rede Altbekanntes aus, was er als UN-Sonderbotschafter für das Recht auf Nahrung schon öfters gesagt hat. Trotzdem ist seine Botschaft neu und aufregend und findet tausende Hörerinnen und Hörer.Ähnlich verhält es sich mit dem Portal „www.TED.com“  Hier werden bemerkenswerte Reden per Video wiedergegeben. Ich habe erlebt, wie junge Menschen bei einer Tagung mit großem Interesse diesen Reden zugehört und mit Begeisterung, aber auch mit Kritik nicht gespart haben. Warum nicht diesem Vorbild entsprechend ein Portal mit hervorragenden Predigten zum Video-Download schaffen?

Machen wir uns bewusst, dass viele Menschen keinen Zugang mehr haben zu den sinnlichen Erfahrungen des Gottesdienstes wie gemeinsames Singen und gemeinsames Beten, wie das Empfangen des Abendmahles. Viele von uns müssen auf klare kernige Worte einer Predigt verzichten, die gewürzt ist mit dem Salz der Erde. Vielmehr bekommen wir nur noch fade Gewordenes zu hören. Das ist die Wirklichkeit - unserer Zeit und eines Christentums, das auf der Suche ist nach neuen Aufbrüchen, auf der Suche nach einer neuen Sprache für die frei machende Botschaft des Gottes, des fernen und doch so nahen Gottes.

Mark Zuckerberg hat 2004 mit dem sozialen Netzwerk facebook die Idee des „frictionless sharing“ kreiert. (sinngemäß: das Teilen von Informationen ohne Hürden, Aufwand und Unterbrechungen).

Am Beispiel Facebook fallen uns vielleicht zuerst all die Gefahren des Internet mit mangelndem Datenschutz, mit seiner Kommunikation von Belanglosigkeiten ein. Beileibe ist der Austausch  von persönlichen Informationen über facebook kein Beispiel für tiefgehende menschliche Kommunikation.  Aber dennoch sehe ich die sozialen Netzwerke als Chance für die Kirche, zu einer neuen Sprache zu finden und den „Leuten aufs Maul zu schauen“. Aber nicht nur dies, das Internet bietet Formen der Interaktion, die der Predigt fremd sind, aber heute wichtiger denn je. Es besteht die Möglichkeit der kritischen Rückmeldung, der aktiven Partizipation. Zum Beispiel bei der Verarbeitung von Trauer über den Tod naher Menschen auf einem virtuellen Friedhof. Ein Artikel auf Wikipedia macht auf die Schwierigkeiten und Probleme aufmerksam (http://www.wikipedia.de/Virtuelle Friedhöfe).

Wie dies schon heute im Alltag praktiziert werden kann, zeigt ein Blick ins Portal   „evangelisch.de“. Dort hieß es zum Ewigkeitssonntag: „Auch dieses Jahr wollen wir wieder gemeinsam unserer Toten gedenken. Dazu gibt es wie die letzten Jahre einen Chat und die Möglichkeit, die Namen der Verstorbenen einzutragen, so dass sie während des Chats angezeigt werden.“

Unter der Überschrift "Und niemand ist vergessen..." fand am Ewigkeitssonntag, 20. November 2011, um 19 Uhr eine Chatandacht auf www.evangelisch.de statt.

Wir mögen skeptisch sein. Ich kenne Menschen, denen gerade solch ein Zugang wichtig ist. 

Und die Zukunft?

Ich möchte nicht auf die Predigt im sonntäglichen Gottesdienst verzichten. Sie ist eine einzigartige Kommunikationsform, die nicht überholt ist. Aber sie darf nicht gegen elektronische Medien und soziale Netzwerke ausgespielt werden. Diese werden immer wichtiger für die Kommunikation, ob wir das wollen oder nicht! Mit steigender Distanz vieler, gerade junger  Menschen zu den herkömmlichen Formen des traditionellen Gottesdienstes sind diese Gestaltungen von christlicher Kommunikation ein Muss!

Warum nicht mehr virtuelle „Predigtorte“ schaffen wie in den rhetorisch ausgezeichneten säkularen Reden im internationalen Portal www.TED.com? Diese virtuellen Predigtorte können interaktiv gestaltet werden, so dass Feedback möglich ist. Allerdings müssen diese sorgfältig betreut werden, um sie vor Missbrauch zu schützen. 

Kommunikation braucht möglichst wenig Hindernisse. Darin gebe ich Mark Zuckerberg recht. Für die Kommunikation des Evangeliums, der frohen Botschaft werden wir soziale Netzwerke stärker nutzen müssen,  um christliche Gedanken stärker aus der Nische binnenkirchlicher Betrachtung zu holen. Um Menschen die Gelegenheit zur Rückmeldung, zum Feedback zu geben und sie einzubeziehen in den virtuellen Raum der Nähe Gottes. Dadurch könnte auch die Predigt wieder neue Überzeugungskraft und neuen Glanz gewinnen. 


Wilfried Steen

 


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