Der Predigtpreis im Interview

Singen, der mündige Umgang mit der Seele

Klaus-Martin Bresgott
03.04.2012

Klaus-Martin Bresgott wurde in Greifswald geboren, studierte er Germanistik und Kunstgeschichte, parallel dazu Chorleitung, und ist seit 2009 Referent im Büro der Kulturbeauftragten des Rates der EKD, Initiator und Intendant von „366+1, Kirche klingt 2012“ im Themenjahr „Reformation und Musik“. Zahlreiche CD-Produktionen mit verschiedenen Chören dokumentieren seine künstlerische Tätigkeit. 2008 erhielt er den "Preis der Deutschen Schallplattenkritik“ für eine Gesamtaufnahme von Hugo Distlers Geistlicher Chormusik. Bei der edition chrismon hat er zuletzt im März 2012 mit seinem Ensemble „Athesinus Consort Berlin“ die CD choral:gut! – die schönsten Lieder des Gesangbuches veröffentlicht.

Manches für mich selbst klar formulierte Problem bespreche ich mit meinem Gegenüber hier und da besser durch die Blume. Verblümt (be)spricht es sich leichter. Man vermeidet unmittelbar entstehende, zwischenmenschliche Konflikte. Ich bringe mein Gegenüber nicht in Verlegenheit oder direkten Zugzwang, hoffe, dass er schon versteht, wo der Schuh drückt und erwarte insgeheim, dass es sich alsbald anschickt, aus dem mit Hoffnungen und Erwartungen gedüngten Grün handfeste Schlüsse zu ziehen, die das Problem zwischen uns auf kurz oder etwas länger verschwinden lassen. Soweit ist das ganz gut gemeint und ganz und gar gute Absicht. Wenn es auch so bei meinem Gegenüber ankommt.

Geht es um anzuzeigende Zuneigung und Sympathie, sprechen Blumen viel unmittelbarer und sagen, heißt es, mehr als tausend Worte. Machen Sie - aus Überzeugung - wieder einmal die Probe aufs Exempel.

Aber die Frage: Wo passen Blumen – und wo nicht? stellt sich immer wieder. Oft genug muss ich feststellen, dass gut gemeint das Gegenteil von gut und unverblümtes Auftreten hilfreicher und klärender ist als ein floraler Deckmantel. Gibt es auch für derlei Situationen Stecken und Stab zu klarer und doch gütiger Verständigung? Gibt es andere Blumen, mit denen ich meiner Sprachschwierigkeiten in schönen wie in brenzligen Situationen gleichermaßen Herr werden oder doch zumindest auf die Sprünge helfen kann?

Für mich liegen sie in den Künsten, allen voran in der Musik. Nicht, weil sie mir als Konserve am leichtesten verfügbar zu sein scheint. Nicht, weil Dur und Moll in ihren Erweiterungen die Facetten des Lebens so weit abdecken, dass sich die passende Musik schon finden wird. Es geht mir nicht um Untermalung und Atmosphären stiftende, mitunter kommerziell gewieft ausgetüftelte Klangwolken. Ich suche nach dem richtigen Ton. Dem Ton, der das Gespräch befördert und dem Verständnis gut tut – dem Ton, der Resonanz erzeugt. Auf beiden Seiten der Medaille steht und fällt dieser Ton mit seinem Fall – mit der Art und Weise, wie er sagt, was er sagen will. In allen Lebenslagen. Das ist nicht neu und dabei insbesondere eine Aufgabe, wenn man die Töne selbst erzeugt. Seien sie gesprochen oder gesungen und gespielt.

Wie der Ton im zwischenmenschlichen Kontakt eine ausschlaggebende Rolle spielt, ist er in Form von Musik wesentlicher Ausdruck meines eigenen (Wohl)befindens. Wie der Tonfall die 1:1-Kommunikation befördert, so ist die Tonart richtungsweisend für den Umgang und das Einverständnis mit mir selbst. Ob in Gemeinschaft oder im ganz individuellen Erleben - mir scheint, über Musik finde ich leichter zu mir.

Mit ihr findet auch mein Wort leichter sein Ziel, weil es nicht auf sich allein gestellt ist und Partnerschaft erfährt. Steht mein Wort allein, fordert es gleichermaßen gute Rhetorik wie aufschließende Rhythmik und womöglich unterstützende Gesten, um Resonanz zu entfachen. Lässt es sich auf die Musik ein, vermehren sich die Zugänge auf klingende Art um ein vielfaches. Dunkelkammern des Verstehens, Abstellwinkel meiner Seele werden zu Resonanzräumen. Ansonsten stumme Hinterzimmer geraten in Schwingung. Unsagbares wird sagbar. Unerklärtes erklärt sich. Fremdes wird nahbar.

Ein sehr feines, eben erst aus Herz und Feder entlassenes Lied von Stephan Krawczyk beschließt eine Strophe mit der wunderbaren Erfahrung: „und außerdem ist reden Silber, singen Gold.“ Brauchen wir hierfür weiter Zeugnis? Als Ausdruck und Bewahrer emotionaler Regung und Bewegung ebnet das Singen und mit ihm das Lied schon an der Wiege eine Beziehung des Singenden und Hörenden zu sich und zur Welt, die noch bis an das Sterbebett trägt. Singen ist Leben. Singen lernen ist Leben lernen. Singen ist der mündige Umgang mit der Seele.

Immer wieder erlebe ich staunend, wie Kunst nicht nur das Begreifen und Verstehen überhaupt befördert, sondern wie die eine Kunst durch die andere erfahrbarer wird – wie sie einander neid- und hierarchielos, autonom und im Wesentlichen doch zutiefst miteinander verbunden Helferdienste leisten.

Die Musik löst die Blockade meiner Worte. Meine Worte geben einer schwebenden Melodie einen unmittelbaren Sinn. Manchmal werde ich dabei selber kreativ, manchmal helfen mir andere. Wie viel schöner singt es sich durch die Blume, wenn ich meiner Liebsten das Radio ans Ohr halte, weil Sting für mich für sie „Every little thing she does is magic“ singt. Wenn einer meiner pubertierenden Söhne sich von Paul McCartney und John Lennon besser als von jedem anderen Menschen auf der Welt  verstanden fühlt und inbrünstig das Klavier mit „Let it be“ malträtiert und ich meinen Vater, der mich nicht mehr versteht, geborgen weiß, wenn das Lied „Jesu, geh voran“ noch einmal durch seine Melodie bis zu ihm vordringt. Allen eigen ist das durch die spirituelle Kraft der Musik erfahrende, elementare Erlebnis des Einverständnisses mit sich, mit der Welt, mit Gott. 

Mit dem Schatz dieser Erfahrungen erlebe ich das Themenjahr „Reformation und Musik“ und mit ihm das bundesweite Projekt „366+1, Kirche klingt 2012“ auf besondere Weise als ein tägliches Resonanzfestival. Die bisher schönste Erfahrung dabei ist, wie vielfältig die musikalischen Begegnungen sind – in einem heiteren, ohne Sieger auskommenden Wettstreit, der nicht allein die Perfektion sondern die Kreativität und die Vielfalt der Interpretationen kürt, und damit zum Spiegelbild einer lebendigen und notwendigen Gemeinschaft von Kirchenmusiker und Musikern in der Kirche, von Musik in der Kirche und Musik für die Kirche wird. Diese auf protestantischem Grund wurzelnde Vielfalt ist wesentlicher Bestandteil unserer kulturellen Identität.

Diese schöne Selbstverständlichkeit freilich ist gefährdeter denn je, wenn wohl jedes Kind ein oder gar mehrere Instrumente im Kinderzimmer hat, aber keins nicht mehr spielen kann. Wenn wir alle uns auf das mittlerweile so leicht und schön gemachte Hören beschränken und damit unser höchstes Gut verschenken: es selbst zu machen. Selbst zu singen, selbst zu musizieren. Wenn wir uns nicht darum kümmern, dass es gute Kantoreien und Musikschulen und bessere Studienmöglichkeiten gibt, dass die beste musikalische Früherziehung in Elternhaus und Schule gerade gut genug ist, um den Grundstein dafür zu legen, dass nicht – wie in anderen Ländern schon üblich – die Lieder im Gottesdienst irgendwann nur noch von der CD gespielt werden und die Gemeinde und mit ihr die eigene Stimme verstummt. Einmal mehr hoffe ich darum, dass dem Klangrausch dieses Jahres eine Grundlagen bewahrende und verbessernde Resonanz nicht verwehrt bleibt. Dass es, wie es in die hörende Gesellschaft hinein schallt, auch wieder aus ihr hinaus schallt in dem Bewusstsein, dass Selbstverständlichkeit nicht selbstverständlich ist.      

Halte ich im Resonanzraum dieses Frühjahres inne und lausche, dann komme ich zu mir und bin ganz Ohr. Nichts ist mehr zwischen mir und der Musik. Zwischen mir und meinem Gott. Dass ich dafür immer wieder Gelegenheit bekomme, dafür singe ich.


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