Predigtpreisverleihung - Schlosskirche Bonn

Laudatio Kategorie „Beste Predigt“

für eine Predigt zu Phil. 2,5b-11 von Pastor Andreas Brummer, Hannover
von Professor Dr. Reinhard Schmidt-Rost, Bonn

Dr. Reinhard Schmidt-Rost (Bonn)

Ehren(s)werte Preisträger! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Liebe Freunde der Bonner Schloßkirche und des Ökumenischen Predigtpreises!

„Damit war nicht zu rechnen …“spannender kann eine Rede nicht beginnen.

Jeder fragt sofort: Womit war nicht zu rechnen? Was war so unwahrscheinlich?  

Wer so viel Spannung erzeugt, muss nachlegen, darf die Erwartungen nicht enttäuschen.

Der Prediger aber steigert die Spannung: „Damit war nicht zu rechnen, -

dass einer von oben kam“!

Ja, aber von oben kommen viele, auf der Treppe, aus dem Aufzug – und

wer auf einen Berg steigt, wird auch wieder herunterkommen, auf Gipfeln kann man nicht überdauern;

damit kann man rechnen, dass jemand von oben kommt.

 

Was also ist Besonderes an diesem Abstieg, sag es uns Pastor, lass uns nicht warten.

Und er sagt es uns, und sagt uns doch wieder nichts, zunächst, lässt die Spannung noch einmal steigen, sagt,er hätte die Geschichte doch gerade vorgelesen,

also noch ein retardierendes Moment,der flüchtige Hinweis auf den Predigttext, aus dem Philipperbrief,

aber dann löst er die Spannung: „Wo alles nach oben strebt auf den Lebens- und Karriereleitern dieser Welt, …da wechselt einer die Richtung.“  „Gegenverkehr auf der Lebensleiter“ … aber kein Geister-Kletterer, sondern eine bewusste Bewegung: „Gegen den Strom derer, die nach oben streben.“ „Ein Mann will nach unten!“

 

Paulus singt ein Loblied auf den Niedergang! Aber auf einen ganz bestimmten  Abstieg! Nicht aus Schwäche, nach einer Niederlagenserie etwa, ganz im Gegenteil! Die höchste Autorität, die sich Menschen denken wollen, begibt sich auf den Weg in die Tiefe.

Eine verkehrte Welt verkündigt der Apostel, beglaubigt der Prediger … Gott ist nicht über uns – und auch nicht „unter uns“, nicht „auf Augenhöhe“, sondern „u n t e r uns“.

Was hier geschieht, was in dieser Predigt für die Gegenwart bestätigt wird, war und ist eine vollständige Umkehr des Denkens über Gott, -  in der Antike – und  bis heute: Wie soll man sich eine höchste Macht vorstellen, wenn nicht von oben her, die über uns kommt?

Wie der römische Schriftsteller Lukian schrieb, der große C. Julius Cäsar habe zu seinen meuternden Soldaten gesagt: „Glaubt ihr vielleicht, daß ihr für mich jemals von irgendwelcher Bedeutung wart? So weit wird göttliche Fürsorge nie hinuntersteigen, dass das Geschick sich darum kümmert, ob euresgleichen stirbt oder euresgleichen lebt: wie sich die Großen regen, so bewegen sich die Dinge dieser Welt – das Leben der Menschheit wird von wenigen bestimmt.“

Einen herunterkommenden Gott besingt Paulus, aber keinen Zeus, der sich einer Sterblichen verbindet, um einen Göttersohn zu zeugen, auch keinen Helden, Hektor oder Leonidas, die sich für ihre Stadt, für ihr Volk opfern, auch keinen Starprediger oder Politstar, der sich huldvoll unter seine Gemeinde oder seine Fans mischt,weil das populär ist, sondern … ja, weshalb kommt dieser Gott herunter? Warum dieser Abstieg?

„Schau ihn dir an“, - sagt Andreas Brummer seiner Gemeinde, „schau ihn dir an, deinen heruntergekommenen Gott, wie er seinen Weg in die Tiefe geht: Hörig wurde er bis in den Tod, ja bis in den Kreuzestod.

Siehst du, ein Höriger war er. Aber doch nicht ein Höriger des Todes. Ein Höriger des Lebens ist er gewesen bis in den Tod hinein. So nützt er dir. Das war sein Weg. In der Gegenrichtung auf der Lebensleiter hat er auf das Leben gehört. Hat er am Leben gehorcht. Ist diesem Leben und der Suche nach ihm hörig geworden. Hat es gesucht, es gefunden, es selbst geweckt. Selbst dort, wo Menschenwelten zusammenbrechen und Lebensleitern ihren Stand verlieren. Tiefer und tiefer ist er gestiegen, wie ein Rettungstrupp, der nach verschütteten Bergleuten sucht und nicht aufhört nach Klopfzeichen, nach Lebenszeichen zuhorchen.“

Das ist des Rätsels Lösung: Es sucht einer nach Lebenszeichen in der Tiefe, nicht auf den Höhen der Macht, bei den strahlenden Siegern, den Helden, den Erfolgsmenschen, weil er nach Leben sucht. Christus horcht auf die  Klopfzeichen des Lebens und findet sie in der Tiefe, in der Grube, bei den Verschütteten, in der Finsternis; und ehe diese Finsternis ihn selbst unter sich begräbt, findet er die ganz unscheinbaren Wurzeln des Lebens, bei den Entwurzelten und fast Verdorrten, - und er legt sie für sie frei, setzt neu und pflegt, so dass aus ihnen neue Hoffnung erblüht, die ganz unvermutet auf eine neue Höhe führt, nicht auf die Höhen des übermächtigen Triumphs einzelner, des öffentlichen, tosenden Beifalls, sondern zu einer Blüte, die mit der Wurzel verbunden bleibt und für alle zum Lebenszeichen wird.

Wie diese Blüte aussieht, wie sie das Leben neu verkörpert, davon redet der Prediger für diesmal nicht weiter, aber er gibt starke Impulse, darüber nachzusinnen. Und auch wenn er dem Duktus seiner subtilen, stillen Sprache verpflichtet bleibt und keine großen Szenen macht, keine Inszenierungen von Leid, Tod und Rettung aufbietet, nicht noch Anweisungen gibt zum christlichen Leben aus dem Grund, zu dem Christus geworden ist, so spürt der Hörer doch unmittelbar: Hier hat einer selbst mit Christus in der Tiefe gehorcht, auf den langen Gängen der Krankenhäuser, in den Bergwerksstollen des Lebens, das vom Einsturz immer bedroht ist, und er kennt nun selbst den Ton, das „ewige Klopfzeichen des Lebens“.

Ganz subtil und zugleich subversiv kommt diese Predigt daher, und doch unverwechselbar christlich, und was das Beste, aber auch Schwerste ist:

Ganz ohne Vorwurf von unten über >Die da oben<kommt diese Predigt aus, sie beschreibt einfach, was auch dem Menschen der Gegenwart Probleme bereitet, der Kampf der Selbstbehauptung, der nur Triumph oder Opfer kennt.

So sensibel hört man das Evangelium selten, aber so erfasst man seinen Sinn: Ein Mann will nach unten, weil er dem „ewigen Klopfzeichen des Lebens“ horchend nachspürt.

Paulus kommt mit diesem Bild von Christus als dem Gott unter uns dem modernen Denken am weitesten entgegen:

Nicht als Sühnopfer, um Gott zu versöhnen, stirbt Jesus, diese Deutung nahm antike Opfervorstellungen in sich auf, um sie zu verwandeln, auch nicht als Lösegeld gibt sich Christus hin, für den Freispruch vor Gottes Gericht, um das alte Gesetz durch Gnade zu entkräften, wie es noch das Mittelalter lehrte, Curdeus homo?,                                                                              und er stirbt nicht als Held für sein Volk, wie so viele zu tun meinten, die in den Kriegen für ihr Vaterland zu starben, auch hierzulande noch 1914, 15 …

diese drei Deutungen des Todes Jesu, Sühne, Lösegeld, Heldentod, hätten die Christen in Philippi gar nicht verstanden, sie waren doch die Herzensgemeinde des Paulus, sie lebten aus der geistigen und Liebes-Gemeinschaft, die der Apostel in ihnen hervorgerufen hatte, durch die Botschaft von dem Menschen Jesus, der zum angebeteten Christus wurde, weil er sich aufgemacht hatte, das ewige Klopfzeichen des Lebens zu suchen, in jedem Menschenleben und jedem Menschenherzen, unter uns, den Herzschlag der Menschheit hat er gesucht.

Diese Predigt entfaltet den zentralen Gedanken des christlichen Glaubens poetisch: „Gott wird Mensch, Dir Mensch zu Gute!“ - Wer sie gehört hat oder liest, hält unvermittelt inne in der Bewegung, die ihn zur nächsten Sprosse greifen lässt, besinnt sich, ob sein Weg nach oben der Weg zur Erfüllung seines Lebens ist, woher er die Klopfzeichen des Lebens gehört hat.

Und noch eine Besonderheit ist dieser Predigt nachzurühmen: Wie sie sich mit Literatur in Verbindung setzt. Man muss das Buch von Hans Fallada „Ein Mann will nach oben“  nicht gelesen und die Fernsehserie nicht gesehen haben, man bekommt die Geschichte auch in dieser Predigt nicht nacherzählt, wie es in Literaturpredigten heute gerne geschieht: Es wird schlicht der Titel als Motiv angesprochen und schon weiß jeder: Hier kommt das Ringen des modernen Menschen um Selbstbehauptung zur Sprache und wird implizit schon vom Dichter und dann offen vom Prediger mild-kritisch auf eine viel tiefere Gründungaller Lebensanstrengungverwiesen. Auch der Dichter wird durch die Worte der Predigt hindurch zum Prediger der Solidarität mit dem Menschen, dessen Ort nun einmal die Tiefe ist.

Eine Predigt, die nichts beschönigt und wenig verspricht; aber sie weckt die  Hoffnung, dass aus dem Wurzelgrund des Lebens, zu dem uns Christus geworden ist, dass aus der Liebe immer neu Leben erwächst, gegen alle Dominanz und Gewalt.

 

Lieber Andreas Brummer, Sie haben uns in Ihrer Predigt in die Suche nach dem ewigen Klopfzeichen des Lebens im Geist Jesu Christi hineingezogenund uns damit die Bedeutung des Evangeliums und die Würde des Glaubens an den heruntergekommenen Gott neu spüren lassen.

Wir danken Ihnen dafür, der Bonner Ökumenische Predigtpreis ist das Zeichen unseres Dankes.