Predigtpreisverleihung - Schlosskirche Bonn

Laudatio Kategorie „Lebenswerk“

Huub Oosterhuis, Amsterdam

von Dr. Dietmar Bader

Dr. Dietmar Bader

Lieber Huub Osterhuis.

Sie haben Lieder gedichtet, Sie haben Bibeltexte neu gesprochen. Sie haben Gottesdienste zu Brücken zwischen der alten Schrift und unserem heutigen Leben gemacht. Sie lieben gerade das gesungene Wort. Sie denken im Gespräch mit Zeitgenossen über Gott nach. Immer wieder bewegt es Sie, das Geheimnis Gottes, der das Leben will und nicht den Tod, zusammenzubringen mit den Schreckenserfahrungen unserer Geschichte und unserer Welt.

Aber sind Sie ein Prediger? Über drei Elemente einer Predigt gibt es auch unter Theologen sicher keinen Streit: Sie ist Sprache. Sie ist Auslegung der Bibel. Und sie ist ein die Bibel auslegendes Wort, das leben hilft. Diese drei Dinge sind untrennbar und können uns jetzt als Schlüssel dienen, die uns Ihr Lebenswerk aufschließen.

 

1.

Die Sprache

Als ich Studentenpfarrer der Freiburger Hochschulgemeinde war, Ende der 60er Jahre, da suchten wir Worte, die nah an unserer Sehnsucht nach einer gerechteren Welt, nah an unseren Enttäuschungen und Grenzen, an denen wir uns stießen, und nah auch an der alten Botschaft von der Befreiung eines Menschenvolkes waren. In dieser Zeit tauchten die ersten kleinen Bücher mit Ihren Texten in deutscher Übersetzung auf: „Ganz nah ist dein Wort“, „Im Vorübergehen“, „Weiter sehen als wir sind“. Diese Texte zu lesen, uns laut vorzulesen, die niederländische Herkunft herauszuhören, diese Texte schließlich auch zu singen – viele so einfach wie Volkslieder – das machte uns damals jede Gottesdienstvorbereitung zu einer Reise voller Entdeckungen. Zu einer Freude, die uns erfrischte und ahnen ließ, was eine Liturgie eigentlich sein kann. Wir besuchten damals sogar einen Ihrer Studentengottesdienste in der Dominikuskerk in Amsterdam, an dessen Ende die Mauern dieser großen Kirche zu tanzen begannen, als wir alle sangen: „Uns ist eine Stadt gebaut. Überall um uns her Häuser aus Licht und Stein“, „Het lied van de stad“.

Was ist an Ihrer Sprache, dass sie eine solche Wirkung auf uns ausübte? „Man kriegt neue Ohren, glückliche Ohren“, so drückte es einer Ihrer Hörer vor einem Jahr in Freiburg aus. Ihre Sprache machte uns weit und erfüllte uns mit einer Hoffnung. Wie wenn wir einfach wussten, dass trotz der Erfahrungen von so viel Unrecht in unserer Mitte, trotz der Politik der unversöhnten Blöcke, trotz einer Kirche, die uns viel zu langsam und zögerlich vorkam bei ihrer Öffnung durch das Konzil, dass es trotz all dem eine ungeahnte Freiheit gab, einen Ruf Gottes aus all dieser Gefangenschaft heraus, einen Ruf, der ganz sicher keine Täuschung war.

Was ist an Ihrer Sprache, dass sie diese Wirkung damals auf uns ausübte und heute noch ausübt? Es ist eine poetische Sprache, die bekannte Worte in ungewohnte Zusammenhänge bringt und mit wenigen Andeutungen Bilder vor dem inneren Auge erstehen lässt, die zum Schauen, zur Kontemplation, zum Nachdenken einladen und die zugleich Lust machen, die eigene Sprache zu finden und zu erfinden. Es ist eine Sprache, die vom Licht nie spricht, ohne das Dunkel zu nennen, von der Sehnsucht niemals ohne die Erstarrung zu bekennen. Ihre Sprache ist immer eine, die sich von den unauflöslichen Widersprüchen in den Dingen herausfordern lässt. Und die in der Ansprache, in der Anrede eines geheimnisvollen Gegenübers sich die Gewissheit holt, bei den unauflöslichen Widersprüchen bleiben zu können, ohne von ihnen erdrückt zu werden. Es ist eine Sprache, die ihre Worte in der alten Überlieferung findet und die Bilder der Bibel beschwört. Aber jetzt – in Ihren Worten - sind sie bestürzend fremd. Ist das noch die Bibel, die wir kennen?

2.

Die Bibel also:

Sie stellen sich in den letzten Jahrzehnten immer deutlicher in die jüdische Tradition des „Lehrhauses“. Sie stellen sich in den lebendigen Strom der Menschen, die einander die alten Geschichten erzählen: von der Befreiung aus dem Sklavenhaus, von dem Wasser in der Wüste, von dem Volk, das den Propheten nicht glaubt, und von den Menschen, die doch tastend immer weitergehen. Sie verflechten die Fäden der geschriebenen und der heute gelebten Geschichten. Und Sie tun das wie einer von denen, die die Bibel als Autoren nennt: wie der singende David, wie der seine Verzweiflung und sein Nichtverstehen ausrufende Hiob. Sie tun es wie die Beterinnen und Beter der Psalmen.

Ihr Thema ist immer und immer wieder die Frage nach Gott, die kein Buch, kein Gedanke, keine Rede je beantwortet und die nur im geheimnisvollen Gegenüber als Frage Gottes nach dem Menschen gehört werden kann. Viele, auch wir selber, fragen immer wieder: wie kann Gott das zulassen: Dieses Kind, dem Gewalt angetan wird; diese Frauen, die verletzt werden; diese Entwicklungshelfer und Journalisten, deren Enthauptung veröffentlicht wird. Was ist das für ein Gott, der das zulässt? Mitten in diesen Abgründen hören Sie nicht nur die verzweifelte oder auch die ironische Frage nach Gott, sondern Sie hören zugleich in den Liedern, den Gebeten und Erzählungen Israels die flehentliche Bitte Gottes an die Menschen, dass sie sich doch einander zukehren mögen. Gott lebt, indem er nicht ablässt, Menschen zu umwerben.

Der mich umwirbt,

den ich hab abgewehrt,

solang es ging.

 

Der mich nicht zerrte,

nicht drängte, nur winkte

über die Schwelle.

 

Der den Schleier meiner Angst

nicht fortriss, nur aufhob.

(„Ich steh vor dir, Freiburg 2004, 69)

Frauen und Männer sollen sich zutrauen, einfach nur Menschen zu sein, voll Verlangen zu leben, voll Fürsorge für die Erde. Sie sollen einander kennen und mit Namen nennen. Nicht mehr. „Ein Kind von Menschen“ sein, „eins davon und eins mit allen, groß und nichtig, wehrlos, frei“. (Ebd., 183)

So ein Mensch ist Jesus von Nazareth. Sie geben ihm immer neue Namen, mit denen Sie ihn einreihen in unsere uralte Geschichte, ihn besingen: „Bruder und Gefährte unter den geringsten Menschen“, „der in seinem Gott verborgen unser Friede ist geworden“, „der uns grüßt aus seiner Ferne, der uns anschaut aus der Nähe, wie ein Kind, ein Freund, ein andrer“. (Ebd., 101) Der uns zeigt, wie wir Menschen leben sollen in unserer Welt und wie wir leben können, „um zum Segen füreinander da zu sein“. (Ebd., 183)

3.

Wort, das dem Leben dient.

Lieber Huub Oosterhuis. Ihre Sprache, die uns ermutigt, eigene Worte zu finden, Ihr Schöpfen aus der Schrift, das sie zu einer bestürzend neuen Quelle für unser Fragen heute macht, helfen seit mehr als fünf Jahrzehnten Menschen, ihrer Hoffnung treu zu bleiben und sich nicht abzufinden mit gesellschaftlichen Verhältnissen, die jeden Augenblick ungezählte Opfer von Unrecht und Gewalt hervorbringen und die uns doch als eine Ordnung vorgegaukelt werden, die wir nicht ändern können.

In allem, was Sie singen und dichten und leise sagen, geht es Ihnen um nichts anderes als ein Leben, das lebendiger, vielleicht schwächer, aber zugleich oft stärker ist. Die Bibel ist für Sie das Buch, das uns am Leben hält, die Psalmen sind für Sie Lebenslieder, die Sie die unversöhnliche Hoffnung lehren, unversöhnt mit den Tatsachen, mit der Welt, „so wie sie nun einmal ist“, unversöhnt mit einem Zynismus, der unser Leben erstickt.

„Wir glauben nicht mehr daran, dass auch nur irgendetwas in dieser Welt unumstößlich und naturnotwendig so ist: (…) Kindermord, das bittere Unrecht der Armut und als eine Folge davon, die furchtbare Gewalt. Wir haben vor, eine andere Welt zu schaffen, Schritt für Schritt, Tag um Tag. Wir ziehen eine Spur der neuen Welt durch diese alte hindurch.“ So haben Sie bei der Schlussfeier des Evangelischen Kirchentages in Hannover vor fast zehn Jahren Ihre Predigt beendet.

In der nun 15jährigen Tradition dieses ökumenischen Predigtpreises ist es ein ganz besonderes Glück, Ihnen, lieber Huub Oosterhuis, heute den Preis für Ihr Lebenswerk zu verleihen.