Predigtpreisverleihung - Schlosskirche Bonn

Replik Andreas Brummer

von Pfarrer Andreas Brummer

Pfarrer Andreas Brummer

Sehr geehrte Damen und Herren, verehrte Festgäste,

Predigen ist ein Suchen der Worte, getragen vom Vertrauen, dass das eine Wort, das fleischgewordene, auch heute noch ein Freund aller Suchender ist. Und dass es sich finden lassen will, vielleicht nicht immer und vielleicht auch nicht jeden Sonntag, aber doch gelegentlich und dann in seiner ihm eigenen, uns verwandelnden Klarheit und Schönheit.

Es kann einem Pastor nicht viel Schöneres geschehen, als in diesem Suchen der Worte gewürdigt, gesehen, auch bekräftigt zu werden. So empfinde ich das heute – und stehe vor Ihnen im Modus einer zwar noch angespannten, aber doch fröhlichen Dankbarkeit.

Die Anspannung kommt nicht von ungefähr: Ein Pastor – vielleicht sogar ein protestantischer im Besonderen – führt ja immer auch ein pastorales Über-Ich im Gepäck. Das meldet sich gerade angesichts von Auszeichnungen skeptisch zu Wort. Es erinnert den Predigenden dann daran, dass er nicht Werkmeister seiner Worte ist, sondern immer selbst Werkzeug, Teil eines Verweissystems, niemals letzter Urheber – und daher auch keiner, der Urheberrechte für sich in Anspruch nehmen könnte. Doch bevor dies zu sehr nach einem pflichtschuldigen Demutsbekenntnis klingt: Es liegt darin vor allem eine unglaubliche Freiheit begründet. Diese besteht darin, dass Predigende nicht auf eigene Rechnung unterwegs sind, sondern ein ganz anderer für sie einsteht. Und gewiss, Predigende sind niemals Werkmeister ihrer Worte, sondern selbst Werkzeuge des einen Wortes, aber: Sie sind eben nicht tote, sondern beseelte Werkzeuge. Und sie führen so, Gott sei Dank und gottgewollt, ihr Eigenleben. Ein durchaus verwegenes, riskantes, manchmal übermütiges Eigenleben – und es ist gut möglich, dass dieses Eigenleben an Sonntagen mitunter auch den einen oder anderen himmlischen Hustenanfall oder Stoßseufzer auslöst.

Aber ich wollte nicht über die himmlische Predigtrezeption spekulieren, sondern danken:

Ich danke Ihnen, Herr Professor Schmidt-Rost für Ihre Laudatio, und besonders für Ihren Ausblick auf eine Christologie, die sich nicht an alten Denkmodellen festklammert, sondern das Kreuz als Zentralsymbol unseres Glaubens in einer neuen Wendung und existentiell zur Sprache bringen will.

Ich danke Ihnen, sehr geehrte Mitglieder der Jury und dem Stifter des Preises, dass ich heute hier in Bonn sein kann. Und dass ich sogar eine Skulptur mit nach Hause nehmen darf, die sanft und doch entschieden daran erinnert, dass Predigende nicht Wissende sind – so sehr ihr Amtskleid sie zu einem solchen Gestus verführen mag – sondern dass sie immer Suchende des Wortes sind und bleiben, Horchende, die nicht aufhören inmitten allen Trubels und auch inmitten von großem Schrecken nach Lebenszeichen Gottes auszuhorchen.

Ich danke Ihnen, Herr Osterhuis. Als ich vor mehr als 18 Jahren ordiniert wurde, hat mir mein damaliger Superintendent ein kleines Büchlein in die Hand gedrückt. Die Schrift darin war sogar besonders kleingedruckt. Aber die Worte! Die Worte haben mich nicht losgelassen, sie haben mir das Feld einer Liturgie geöffnet, in der Gott und Menschen so miteinander zu feiern beginnen, dass die Welt nicht länger bleiben kann und darf, wie sie ist. Du bist der Atem und die Glut. Lieber Herr Osterhuis, Worte von Ihnen und jenes Lied von den leeren Händen, das in das evangelische Gesangbuch eingewandert ist, haben mich in meinen Pfarrersjahren begleitet. Es sind nur Brocken aus Ihrem großen Lebenswerk, aber ich habe davon gezehrt. Vielen Dank dafür.

Ein weiterer Dank: der verästelt sich weit. Es ist der Dank an alle Wegbegleiterinnen und –begleiter in diesen Jahren. Einige sind heute hier und manche haben sich in einem vollen Arbeitsleben, extra einen Freiraum dafür geschaffen. Manche haben mich begleitet von den ersten tastenden Versuchen in Studienzeiten an, andere in den Gemeinden in Hildesheim und Hannover bis heute. Neben meiner Frau, die mich nicht nur durch manche Predigtkrise begleitet hat, und meinen Kindern, die freundlich nüchtern meine Predigtversuche tolerieren, gibt es einen, dem ich besonders viel verdanke: Es ist der Lyriker Heinz Kattner. Er hat mich als jungen Vikar ermutigt, in der Suche der Worte auch meiner eigenen Sprache zu trauen und ihr auf der Spur zu bleiben.

Nun stehe ich heute nicht für mich allein hier. Eine meiner Aufgaben in Hannover ist es, Kolleginnen und Kollegen zu vertreten: bei Krankheiten, bei Stellenwechseln. Ich empfinde so auch diese Auszeichnung als eine, die ich in Vertretung empfange: Für alle die, die sich Woche für Woche der unmöglichen Möglichkeit stellen von Gott zu reden – manchmal leicht und spielerisch, oft auch ringend, mitunter aber sogar stöhnend und klagend, doch immer in der Sehnsucht, Worte zu suchen und zu finden, die von dem einen fleischgewordenen Wort zeugen.

Schließlich stehe ich hier als evangelisch-lutherischer Pastor mit römisch-katholischen Wurzeln. In dieser Doppelheit, die wie Sie sehen doch eine sichtbare Einheit ist, freue ich mich heute besonders. In der Predigt, die Sie als Jury ausgezeichnet haben, ist für mich nämlich beides verbunden, katholische Wurzel und evangelische Pflanze: der Blick auf das Geschenk und das Geheimnis der Inkarnation – ich nenne das meinen katholischen Christnachtsglauben – und die Ausrichtung auf die Wirklichkeit des Kreuzes – mein evangelischer Karfreitag, der Gott, der sich in der Krippe herab neigt, so nah, und der, der im Kreuz den Weg in den Abgrund alles Lebens geht, so tief, und der in beidem für uns ist, für mich, für Sie: als Leben, Hoffnung, und zugleich Stachel für und in der Welt.

Und so bleibt der alte Christushymnus selbst: der Hymnus von dem, der unsere festgeschriebenen Koordinatensysteme durcheinanderwirft und gerade dadurch unsere Lebensleitern tiefer verankert als nur in dieser einen Welt. Meine Predigt wollte und will nichts anderes sein als der Versuch, dies in neuen Worten nachzuzeichnen und nachzusprechen – als Teil eines größeren Suchens der Worte im Vertrauen auf das eine Wort.

Am Ende dieses Hymnus steht ein doppeltes Ziel: Das Beugen der Knie und das Gotteslob. Doch gestatten Sie mir eine weitere kleine Übersetzungsnuance. Sie will daran erinnern, dass das Beugen der Knie nicht in der Unterwerfung besteht, sondern schlicht darin, sich niederzulassen wie zu einer Rast nach langer Wanderung, den Weg zu unterbrechen – auch in allem Getriebensein und in all unseren Reiz-Reaktions-Mustern – um, wie es der Horchende in der Skulptur von Fred Gerz tut, neu nach den Klopfzeichen des Lebens auszuhorchen:

auf dass im Namen Jesu ein jeder zur Ruhe komme im Himmel und auf der Erde und unter der Erde und es aus jedem Mund zustimmend herausströme: Fürwahr, Herr ist Jesus Christus zum Ruhm Gottes, des Vaters.

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.