Predigtpreisverleihung - Schlosskirche Bonn

Replik Huub Oosterhuis

von Dichter Huub Oosterhuis

Dichter Huub Oosterhuis

Vision von einer gerechten Welt 

In meiner Jugend habe ich die deutsche Sprache gehasst. Es war die Sprache der Gewalt, der Unsi- cherheit, der Todesgefahr – die Sprache des Feindes. Später las ich Hölderlin, Rilke, Thomas Mann, Paul Celan. Sie schrieben nicht die Sprache des Feindes. Manchmal, wenn ich sie las, vergaß ich die Zeit. Manchmal aber auch wurden ihre Stimmen, wie in Albträumen, überstimmt von der Nazi-Sprache der deutschen Jungen mit ihren Gewehren, die unsere Nachbarn wegführten.  Ich wurde für immer von meinem Hass und meiner Angst geheilt, als ich 1994 in Bremen meine Lieder in der deutschen Sprache singen hörte, unter anderem von der Schola der Kleinen Kirche neben dem Dom von Osnabrück, unter der Leitung von Ansgar Schönecker. Ich wusste schon seit einigen Jahren, dass die Lieder mit Sorgfalt und Liebe übersetzt wurden. Aber als ich sie auf Deutsch hörte und sah, wie liebevoll sie gesungen wurden, erfuhr ich eine neue Jugend, eine Trennmauer war abgebrochen. Jetzt erklingen sie an ganz verschiedenen Orten, von Vallendar bis Prien am Chiemsee, von Hamburg bis Würzburg, und dank dem Theologen Peter Spinatsch auch von Bern bis Luzern.

Mein Lebenswerk liegt im Sprechen über Gott. Was – Gott? Wer – Gott? Wer ist Gott nach dem „Tod Gottes“? Es sind ganz verschiedene, verwirrende Gerüchte über Gott im Umlauf. Zum Beispiel, dass er Homosexuellen verbieten würde, nach ihrer Veranlagung zu leben. Dass er geschiedenen Menschen verbieten würde, an der Eucharistie teilzunehmen, diesem Ritual der Hoffnung. Ich habe mit meinen Leserinnen und Lesern abgemacht, wer „Gott“ für uns ist: Der Eine, der uns in der Sprache der Bibel den Auftrag gibt, solidarisch miteinander zu leben, weil der Mensch neben dir ein Mensch wie du ist, ebenso unscheinbar, ebenso einzigartig. Und Gott ist der, der uns gesagt hat, dass wir den Fremden in unserer Mitte respektieren sollen, „denn ihr seid selber Fremdlinge gewesen im Lande Ägypten“.

Der Name des Einen lautet im biblischen, visionären Buch des Auszugs: Ich, Adonai, Gott-ich-werde-sein, ich bin der Gott, der euch hinausgeführt hat aus dem Sklavenhaus Ägypten. Das bedeutet: aus jedem denkbaren Sklavensystem. Im Namen jenes Gottes, welcher Befreiung und Gerechtigkeit will, singen wir von der Vision einer anderen Welt als dieser, „wo Menschen würdig leben mögen und jeder und jede Einzelne den eigenen Namen in Frieden trägt“. Eine Welt ohne Armut und Ungleichheit.

Wir leben in der Herrschaft eines ökonomischen Systems, das eine weltweite Zweiteilung geschaffen hat und aufrechterhält. Ein System von Sklaverei nach altem Modell, das auf das Recht des Stärksten hinausläuft. Viele profitieren, die höheren Klassen und die Mittelklassen in allen Ländern. Viele gehen rettungslos verloren – als Bootsflüchtlinge, kleine Bauern, Langzeitarbeitslose, Menschen ohne Zugang zu sozialen Leistungen und Einrichtungen, Asylsuchende, Slumbewohner. Eine Unterklasse, die mindestens ein Drittel der Weltbevölkerung umfasst. Ausgestoßene Menschen.

In dieser Welt von unverrückbaren Ungleichheiten versuchen wir, die Vision einer anderen Gesellschaft aufrechtzuerhalten, einer humanen ökonomischen Ordnung, in welcher kein Mensch mehr ein „verachtetes, geknechtetes, verlassenes und verächtliches Wesen ist“ – so wie der junge Karl Marx seine Vision im Geist seiner jüdisch-prophetischen Tradition umschrieb. Um den alles umfassenden ethischen Appell der jüdischen Bibel und der Evangelien aufrechtzuerhalten, üben wir uns in Hoffnung wider Verzweiflung ein. Um nicht zynisch zu werden, singen wir und feiern Eucharistie.

Um Anteil zu haben an der mystischen Erfahrung, dass die Worte über Solidarität, Liebe, Erbarmen, Recht-widerfahren-Lassen, Gott-Tun – dass diese Worte unumschränkte letzte Wahrheit sind. In diesen Worten liegen die Lebenslehre, die Thora, und das politische Programm beschlossen, nach dem wir heute und noch für viele Jahre ein himmelschreiendes Bedürfnis haben.

Ich lese Psalm 47, frei aus meiner Psalmenübersetzung:

Alles Verbundene und alle beseelten Verbände Länder, Städte, Dörfer, Weiler,

Verwandte, Familien

und auch du, tapferer Einzelgänger

klatsch in deine Hände,

denn bald ist es so weit,

dass das Allerhöchste mysteriöse

allwissende Wesen,

in allen Sprachen Gott genannt

und König, Richter, Mutter, Vater

und selbst „Etwas“

vor unseren geistigen Augen erscheinen wird. Dieser Eine, Erste und Letzte,  unbekannte Bekannte,

der für alle Völker unter der Sonne

die ganze Erde bestimmt hat

mit all ihren Brunnen.

Er wird kommen – heiß ihn willkommen

mit großen Konzerten und Singen.

Verfass ein Grundgesetz für seine neue Erde,

und schreib die Menschenrechte neu.

Er wird alle Weltenlenker und „großen Köpfe“ versammeln in seinem Lehrhaus.

Er wird uns den Anfang auslegen

und die Route des Abraham.

Lass leuchten über uns dein Angesicht

du, Kommender – so sollst du heißen

bis zum Ende der Zeiten.