Predigtpreisverleihung - Schlosskirche Bonn

Professor Dr. Fulbert Steffensky, Luzern CH
„Die Stadt Gottes soll fein lustig bleiben“

Eine heitere Meditation zu Psalm 46 am 19. November 2013
anlässlich der Vorabendvesper in der Universitäts-Schlosskirche
zur Verleihung des Ökumenischen Predigtpreises 2013

Die Stadt Gottes soll fein lustig bleiben

„Die Stadt Gottes soll fein lustig bleiben“ – Luthers Übersetzung des 5. Verses aus dem Psalm 46 klingt eher nach Rheinland und Rheinischen Kirchen. Aber der Hamburger in mir erinnert daran, dass heute Buss- und Bettag ist. Die Hamburger:  wenn sie büssen und beten, dann büssen und beten sie. Den Rheinländern ist zuzutrauen, dass sie sogar dies vergnügt tun.

Den 46. Psalm nennen wir den Kirchenpsalm. Immer wenn die Kirche über sich selbst nachdenkt, droht sie martialisch oder weinerlich zu werden. Mars war der Kriegsgott der Römer. Wo die Kirchen sich selbst besingen, da geht es meistens kriegerisch zu. Auf katholisch hat man gesungen: „Ein Haus voll Glorie schauet weit über alle Land.“ Das Haus ist bekränzt „von starker Türme Wehr.“ Um dieses Burghaus „tobet der Sturm in wilder Wut.“ Zum Ruhme der Kirche: Dieses Lied wurde inzwischen demobilisiert. Das Haus ist nicht mehr die umtoste Burg, sondern Gottes Zelt auf Erden. Das Haus ist zum „wandernd Volk“ geworden. Haus ist es erst wieder „am Ziel der Zeiten“.

Wie ist es protestantisch? Luthers Lied „Ein feste Burg ist unser Gott“ ist nach dem 46. Psalm gedichtet. Auch da gibt es den „alt bösen Feind“ und die „Welt voll Teufel“, gegen die zu kämpfen ist. „Gott ist unsere Zuversicht und Stärke“, heißt es im Psalm. Luther übersetzt: „Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen“. Hat sich etwas in der Auslegung verändert, indem die offene „Zuversicht und Stärke“ in das Bild „Burg“ getan wurde? Heinrich Heine hat Luthers Lied die „Marseiller Hymne der Reformation“ genannt. Hat sich im Lauf der Singensgeschichte dieses Liedes etwas verändert? Die Hauptfrage ist immer: Wer singt das Lied mit welchen Interessen? Wer beruft sich auf den Psalm mit welchen Interessen? Eine protestantische Gemeinde aus Schlesien hat es beim letzten Gottesdienst vor der Flucht gesungen. Es gehört ihnen. Ihre Not hat es ihnen zu eigen Gemacht. Gegen ihre Furcht haben sie gesungen : „Er hilft  uns frei aus aller Not, die uns jetzt hat betroffen.“

Die „Marseiller Hymne der Reformation“ hat Heine das Lied genannt, und auch das ist eine Erfahrung mit ihm. Unsere Kirchen haben es oft gesungen, wenn sie sich ihrer selbst gewiss waren. Ich denke an viele Reformations- und Siegesfeiern, in denen das Lied gesungen und der Psalm gebetet wurde. Die Kirche wurde sich selbst Burg und Schutz und verwechselte sich umstandslos mit der Stadt Gottes, die „fein lustig bleiben“ soll mit ihren Brünnlein.  Sie verwechselte sich mit den heiligen Wohnungen Gottes, von denen 5. Vers spricht. Lieder, in denen die Kirchen sich selber preisen, sind meistens aggressiv nach außen

Die alte Gefahr der aggressiven Selbstgewissheit der Kirchen ist vorbei. Die Kirche ist kleiner geworden, und die Kirche ist schöner geworden. Noch nie war ihre Aufmerksamkeit auf den Frieden und die gerechte Verteilung der Güter grösser als heute. Noch ist sie nicht frei genug von gesellschaftlichen Diktaten, aber sie war noch nie so frei, wie sie heute ist. Es ist die Zeit, da wir neu lernen, dass Gott unsere Zuversicht und Stärke ist, und nicht wir selbst, wir auch nicht als Kirche. Die Stadt Gottes wird nicht fein lustig sein, weil sie so dicke Mauern hat, so viel Geld und so viel Ansehen, sondern weil Gott unsere „Hilfe ist“ und der Grund unserer Furchtlosigkeit, „wenngleich das Meer wütet und wallet“. Die Kirche hat gelernt, dass sie Zelt ist und nicht Burg. Es ist Interessant, wie in unseren Kirchenbauten und unseren Liedern das Symbol Burg  durch die Symbole „Zelt“ und „Wanderndes Gottesvolk“ abgelöst wurde. Wir haben gelernt. Wir sind klüger und schöner geworden.

Wir vertrauen nicht auf unsere festen Burgmauern, nicht auf unsere Mitgliederzahlen, nicht auf unser Ansehen als Kirche. Wir vertrauen auf die Gegenwart Gottes:  „Darum fürchten wir uns nicht, wenngleich die Welt unterginge und die Berge mitten ins Meer sänken. Der Herr Zebaoth ist mit uns.“  Wir sind uns nie selbst genug, wir sind nicht autark, wir sind bedürftige Wesen. Das ist unser Reichtum.  Auch der Reichtum der Kirche ist ihre Bedürftigkeit. Gott bezeugt die Kirche, sie bezeugt sich nicht selbst. Ihre Armut ist ihr Reichtum. Die Kirche lebt nicht weil sie ansehnlich ist, sondern weil sie angesehen ist vom Blick der Güte. Diese Stadt Gottes kann niemals „schön lustig“ sein wegen ihrer eigenen Stärke. Ihre Brünnlein hat sie nicht selbst gegraben.“ Mit unsrer Macht ist nichts getan, wir sind gar bald verloren.“  Dies Lied singen wir nicht mit Trauer über unsere eigene Kläglichkeit. Wir singen es mit der Zuversicht und Heiterkeit darüber, dass ja mit unserer Macht nichts getan sein muss, weil wir uns bergen in den Schutz dessen, der  „früh am Morgen“  hilft. Früh am Morgen – das ist die letzte Nachtwache, die Stunde auch der größten Gefahr.

 „Die Heiden müssen verzagen und die Königreiche fallen, das Erdreich muss vergehen, wenn er sich hören lässt.“ Wo finden wir diese Heidenlümmel, die verzagen sollen und die Gott vertreibt, wenn er sich hören lässt? Wir finden sie mitten in der Stadt mit den schönen Brünnlein. Wir finden sie in uns  selbst. Ich nenne einige schräge Geister, die noch vertrieben werden müssen.

Der erste schräge Geist ist der Dämon der Mutlosigkeit. Es ist ein weinerlicher Dämon, deswegen aber nicht ungefährlich. Dieser Kirchendämon rechnet und zählt: Der Gottesdienstbesuch wird weniger, das Geld schwindet, die Minister schwören bei ihrer Vereidigung nicht mehr auf den Namen Gottes, Kirchen müssen geschlossen und verkauft werden. Ein ziemlich hässlicher Dämon, der auf Zahlen setzt und das Gesicht der schönen Frau Kirche verfinstert.

Der zweite schräge Geist:  Der Dämon der Profilsucht. Er verbeißt sich in die pubertäre Frage, wer er eigentlich ist; was seine Besonderheit vor allen anderen ist und wie er sich schminken und kenntlich machen kann, dass ihn ja niemand übersieht. Er erschöpft sich in der Suche nach seinem Profil. Seine  Profilsuche ist kein Zeichen von Souveränität und Selbstgewissheit. Wir hoffen, dass auch er einmal erwachsen wird.

Der dritte: Der Dämon der Einzigartigkeit, übrigens ein Zwillingsbruder des Profildämons. Es kränkt seinen Narzissmus, wenn er sieht, dass neben Kirchen auch Moscheen und Synagogen stehen. Es ist der Dämon des Neides. Niemand soll sein wie er. Niemand soll Schätze haben wie er, und der Geist soll nur die Wege gehen, die wir von ihm erwarten.

Der vierte schräge Geist ist der Dämon der selbstbezogenen Frömmigkeit. Er will nur fromm sein und nicht mehr. Er sieht mit scheelem Auge auf die politische oder diakonische Arbeit der Kirche. Dieser Dämon sagt: Das alles ist nicht das Eigentliche. Er spricht lateinisch und sagt: Das ist nicht das Proprium. Er will nur beten, aber das Gerechte nicht tun.

Der fünfte Dämon steht politisch eher links, und er ist mit dem vierten verfeindet. Es ist der Geist der puren Effizienz. Er fragt: Welchen Progress bringen die Frömmigkeit, das Bibellesen und der Gottesdienst im Dienst der Volksbefreiung? Er ist mager, weil er zwar handeln, sich aber nicht ernähren will. Er hält nichts von der köstlichen Nutzlosigkeit des Betens und des Singens. Er weiß nicht, was nichtverwertbare Schönheit ist.

Der sechste Name des Ungeistes: Dämon der Siebenmeilenstiefel. Er missachtet die kleinen Schritte, die man in der Stadt Gottes schon gegangen ist, und er sieht nur die Runzeln in ihrem Gesicht und weiß nicht, wie schön sie schon ist. Ich glaube, dieser Geist ist Protestant. Er ist ein Selbstmissachter. Er sieht die diakonische Arbeit der Kirche und sagt: zu wenig. Er sieht die Friedensgruppen in der Kirche und sagt: Nicht radikal genug. Er sieht die EineWeltläden in den Gemeinde und sagt: Lächerlich! Diesem Ungeist ist besonders schwer beizukommen, weil er Recht hat, aber nicht mehr als Recht. Er missachtet die Wurzeln, die schon da sind, und er ist unfähig die Früchte zu sehen, die daraus wachsen. Er hat nur so viel Hoffnung, wie er Argumente für die Hoffnung hat, der arme Kerl! Wir hoffen, dass Gott uns reinigt und mit unserem Heidentum inmitten der Stadt fertig wird.

 „Die Stadt Gottes soll fein lustig bleiben mit ihren Brünnlein.“ Die Brünnlein der Lust! Ich nenne als ersten ihre Lieder und ihre Musik! Der Psalm , in dem der Vers von den lustigen Brünnlein steht, nennt im ersten Vers seine Autoren: Ein Lied der Söhne Korach. Die Korachiten waren die Torhüter am Tempel, die auch für die Musik zuständig waren.

Die Musik und die Lieder! Sie sind die Muttersprache des Glaubens  Unsere Stimme und unser Mund sind oft klüger als unser Herz. Es ist erstaunlich, was wir alles singen. Wir singen: „Aus meines Herzens Grunde sag ich dir Lob und Dank!“ Aber wie unbeteiligt ist oft der Herzensgrund! Wir singen: „Ist Gott für mich, so trete gleich alles wider mich!“ Singt das Herz, oder singt nur der Mund? Es ist eine falsche Frage. Manchmal singt wirklich nur der Mund. Aber wir sind ja nicht nur Herz, Gottseidank! Wir sind auch unser Mund,  der das schwache Herz hinter sich herschleift, bis es wieder auf den eigenen Beinen gehen kann. Daran ist nichts falsch. Das Herz muss nicht immer Meister seiner selbst sein. In der Poesie des Singens sind wir uns selber voraus - unseren Einsichten, unseren Argumenten, unserem Zwiespalt. Wie an keiner anderen Stelle tut man beim Singen, als könnte man schon glauben. Wir geraten in der Musik und mit den Liedern in den Bereich der Schönheit. Die Schönheit heilt. Sie lehrt uns lächeln - wer täte es nicht bei Paul Gerhards "Narzissus und Tulipan"? Sie lehrt uns weinen wie das "Wenn ich einmal sollt scheiden". Sie lehrt uns Zartheit wie jenes weihnachtliche "Brich an, du schönes Morgenlicht". Die Schönheit und die Gnade sind leibliche Geschwister, und sie begegnen uns am dichtesten in den Liedern. Zehnmal lieber würde ich im Gottesdienst auf die Predigt verzichten als auf die Lieder, so spricht der Katholik in mir. Sie sind wie ein altes Formular, in das ich im Laufe meines Lebens meine Ängste, meinen Schmerz und mein Glück eingetragen habe. Die alten Lieder sind mir vertraut, ob sie gut sind oder weniger gut. Diese Lieder sind aber auch die Lieder meiner Toten, meines Vaters und meiner Mutter und deren Toten. Sie haben sie vor mir gesungen, und die Gesänge sind gewaschen mit den Hoffnungen und den Tränen der Toten.

Die Brünnlein  der Lust! Es wären noch viele zu nennen in unseren Kirchen: Das Brünnlein Bibel, der Brunnen unserer Tradition, die Bergpredigt.  Ich nenne noch ein Brünnlein, aus gegebenem Anlass,  allerdings leicht zögernd: die Predigten in unseren Kirchen.

Je älter ich werde, umso mehr weiss ich, dass ich kein feuriger Prediger sein muss. Das lerne ich schon aus der Apostelgeschichte. Im 20. Kapitel wird erzählt, das Paulus in TRoas gepredigt hat, und seine Rede zog er hin bis Mitternacht. Und dann heisst es: „Es sass aber ein junger Mann mit Namen Eutychus in einem Fenster und sank in einen tiefen Schlaf, weil Paulus so lange redete. Vom Schlaf überwältigt fiel er hinunter vom dritten Stock und wurde tot aufgehoben.“

Die Predigt als Dormitorium! Welcher Tost für uns Prediger und Predigerinnen, dass dies Paulus passiert ist! Die Sache ist übrigens gut ausgegangen. „Macht kein Getümmel, er lebt!“, hat sie Paulus beruhigt. Was soll ich daraus lernen? Dass der Sturz im Kirchenschlaf das Gefährlichste ist, was bei Predigten passieren kann? Das wiederum wäre kein Trost für uns Prediger. Vielleicht lehrt es uns Bescheidenheit. Mir sind jedenfalls langsame, nachdenkliche und gelegentlich langweilige Predigten lieber als die rhetorischen Feuerwerke; nicht nur weil es dabei keine Todesfälle gibt. Ich kenne eine kleine literarische Geschichte über eine solche Feuerwerkspredigt, die mir ein Freund erzählt hat. Ein Pfarrer konnte sich nicht genug damit tun, seiner frommen Gemeinde  die verzweifelte Lage des Jona im Bauch des Fisches so überzeugend auszumalen, dass ein nicht enden wollendes Schluchzen zu ihm heraufdrang. Er brach seine Schilderung ab und rief: „Ach, liebe Brüder und Schwestern, so fasst euch doch – vielleicht ist das alles ja gar nicht wahr!“

Es hat übrigens ein gewisser Christian Gerber in seinem Buch „Unerkannte Sünden der Welt“ von  1701 ein ganzes Kapitel dem Kirchenschlaf gewidmet und ihn für den Verfall des Christentums verantwortlich gemacht: „Dass das Christentum so gar gefallen ist und noch immer sehrer fällt, daran ist gewiss der Kirchenschlaf mitschuldig.“

Wer etwas beabsichtigen will mit seiner Predigt, ist immer schon ein verkommener Prediger. Ich nehme eine eigene Geschichte als Beispiel. Ich hatte in meiner Homiletik gelernt, man soll immer einen Menschen aus der Gemeinde im Auge behalten und an ihm messen, wie die Predigt wirkt. Bei einer meiner ersten Predigten – es war in Süddeutschland - ich fasste ich ein schwäbisches Bäuerlein ins Auge. Die Predigt war lang, ich hörte zu. Das Bäuerlein wurde unruhig. Ich hab ihn an der Angel, dachte ich. Er griff in seine Tasche. Sucht er nach seinem Taschentuch, weil er gerührt ist?  Nein, er nahm eine Wurst aus der Tasche und biss hinein. Seitdem wollte ich nie mehr wissen, wie ich wirke. Übrigens stand im Stuttgarter Wochenblatt  unter Vermischtes folgende Anzeige: „Kirchenkanzel mit Baldachin zu verkaufen, 6.500,- Euro.“ Es war nicht auszumachen, ob die Protestanten oder die Katholiken ihre Kanzel verkauften. Verkauft die Kanzel nicht! Auch sie ist ein Rinnsal der Lust.


Prof. Dr. Fulbert Steffensky

Preisträger: Prof. Dr. Fulbert Steffensky

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