Foto von Jesus am Kreuz

Laudatio „Beste Predigt 2002“

Dr. Thomas Meurer
von Dr. Reinhard Schmidt-Rost

Schwierigkeiten mit der Weihnachtspredigt

Statt einer Laudatio

Hochzuverehrende, festliche Versammlung,
die treuen Freunde dieser Veranstaltung, die also nun bereits zum dritten Mal der Bonner Predigt-Prämierung beiwohnen, wissen es längst: Bei dieser Ehrung kuschelt kein ‚Goldener Löwe' im Schoß der Schönen, springt kein neckisches ‚Bambi' dem männlichen Mimen zur Zierde aus dem Wald der Verehrerinnen, Heldenverehrung sei ferne, Personenkult fast ein Fremdwort; denn nicht die Person ist das Zentrum der Predigt und nicht das Werk, im Zentrum steht der Geist, der beides erschuf, Person und Werk, der Geist, durch den die Person das Werk errang, durch den die Person wuchs an ihrem Werk.

Sie wissen, der Geist, ich sagte es letztes Jahr schon, erringt in seiner Bescheidenheit nie mehr als Bronze, eben hinter Vater und Sohn, und teilt - als ein Platzhalter oder Stellvertreter - das dritte Treppchen der Sieger mit den Menschenkindern. Eine göttliche Form der Deszendenz, der gütigen Herablassung, die die Niedrigen emporhebt in den Kreis der Sieger ... der Sieger? Vater - Sohn - und Geist? Wohl ... Sieger! Denn der Geist des gütigen Gottes, der die Liebe ist, wirkt auf die Menschenkinder von allem Anfang an, wie kindisch sie immer waren und sind und sein werden, vor und nach seiner Deszendenz, kindisch und zänkisch, sie schlugen sich um die Geschenke, um Himmel, Erde, Luft und Meer - und schlagen sich immer noch, nicht nur an Weihnachten. Er aber, der Geist Gottes, siegte im Kampf um die beste Idee für das Leben ... dass eine besondere Form der Liebe wirken sollte über alle Welt ... eine Liebe, die im Entgegenkommen wirkt ...

Verehrte Festversammlung,
die Weihnachtspredigt ist die homiletische Nagelprobe schlechthin; am Christfest erweist und bewährt sich die Kunst der Kanzel an drei neuralgischen Punkten.

Zum ersten: Schmal zieht sich die Fahrrinne vor dem Auge des Predigers in der Heiligen Nacht; sein Schiff kommt geladen mit empfindlicher Fracht; doch ehe es den Hafen erreicht, hat es in engen Wassern zu steuern, nicht zwischen Scylla und Charybdis, nein, sondern entlang an den Klippen steiler Moral zur Rechten und den Sandbänken seichter Unterhaltung zur Linken muß die Botschaft ihren Weg finden, - und das keineswegs alle Jahre in gleicher Weise, sondern in den vergangenen 30 Jahren mehr und mehr, und nicht irgendwo, sondern hierzulande, wo die Fahrrinne von der seichten Seite immer weiter zugeschwemmt wird.

Wie oft stürzte noch bis hoch in die neunziger Jahre der Steinschlag der pastoralen Entrüstung über die Weihnachtschristen von der Kanzel, wie von einer Uferklippe herab auf die arglosen Teilnehmer der christlichen Jahreshauptversammlung, stürzte und schlug die Erhebung derer nieder, die ganz einfach Erbauung suchten, geistige Stärkung wenigstens einmal im Jahr, kommt Ihr wenigstens heute, warum kommt Ihr nicht sonntäglich?
Ein antiquierter Kurs, der Klippensteinschlagkurs; aber gerade weil die Fahrrinne auf der Unterhaltungsseite immer weiter zu versanden scheint, trifft man auch heute wieder jene Form der Publikumsbeschimpfung, wenn die Weihnachtsprediger zu dicht an den Klippen der Teilnahmemoral schippern.

Viel gefragter indessen ist längst die Gegenseite, die Trift an den Sandbänken seichter Unterhaltung entlang, wo kein Schiff Schaden nimmt, wenn es nur sanft streichelt am sandigen Ufer, aber urplötzlich festsitzt und unentrinnbar im Sande mahlt, wenn es den Kurs nicht hält.

Den Kurs zu halten, erschwert dem die Worte Wägenden zudem der weihnachtliche Sturm der Gefühle, der Rückwind aus hundert Herzen, die vielköpfige Erwartung; sie lassen das Schiff der Rede zügige Fahrt aufnehmen; doch jäh begegnet ihm der Gegenwind kindlicher Vorfreude, der längst über den Kirchgang hinaus zum Baum der Bescherung stürmt, ein Gegenwind, der jede besonnene Aufmerksamkeit wegzufegen vermag, bisweilen sogar ein vielstimmiger Orkan, jedenfalls am Nachmittag. Überrascht lässt mancher Prediger, manche Predigerin dann das Steuer fahren, weil sie mit routinierter Flaute rechnete, - aber die Bedingungen haben sich gewandelt, man muß schon was bieten in der Erlebnisgesellschaft, Weihnachtspredigt - alle Jahre wieder ... gewiß, aber nicht alle Jahre auf die gleiche Weise.

Zum Zweiten: Die Ladung, eine empfindliche Fracht, nicht leicht zu löschen, denn sie ist psycho-explosiv, entzündet ein Feuer in den Herzen der Armen, die in jedem Hafen auf die Ankunft der besseren Botschaft warten. Dass Gott kommen sollte, gerade zu denen, die nicht in geschützten Palästen sitzen, das scheint unglaublich, und erfüllt zugleich mit einer eigenartigen Hoffnung. Der Zuckerguß der gegenwärtigen Festkultur darf den Blick für die Brisanz der Botschaft nicht überdecken.

Aber sie ist auch leicht löslich; wenn sie über Bord geht, ob an den Riffen oder auf Sand, sie teilt sich allem mit wie das Salz des Meeres. Das wäre nicht schlimm, wenn der Geist Gottes in die ganze Welt ausgegossen würde. Aber sie soll doch ankommen die Botschaft, bei Menschen, soll zu Herzen gehen, und deshalb darf sie auch nicht ganz verfliegen, ehe sie ihr Ziel erreicht.

Aber die Prediger werden sich des gefährdeten Gefahrguts nicht leicht bewußt, lassen sich irritieren durch die Differenz von Realität und Rede, von Friedensbotschaft und Unfriedenswirklichkeit der Welt, als ob nicht eben diese Differenz das Heilmittel sei, aus dem die friedlose Welt Kraft gewinne, und eben deshalb zum Glück und ganz notwendig: "Alle Jahre wieder ..."

Zum Dritten schließlich: Die Routine. Das "Alle Jahre wieder" hört man aus Predigermund eher stöhnen, als tönen, als müssten sie in ihrem Leben so viele Weihnachtspredigten halten, wie ein Fährmann an Tagen des Jahres sein Schiff auf Kurs halten muß. Aber auch wenn allein in Deutschland in allen christlichen Kirchen zusammen mindestens 30000 Predigten jährlich am Heiligen Abend gehalten werden, so haben die einzelnen Predigerinnen und Prediger doch kaum mehr als 30 mal Gelegenheit in ihrem Leben eine Weihnachtspredigt zu halten, und wenn es hoch kommt so sind es vierzig oder fünfzig. Wer wollte da von Routine reden?

Die Schwierigkeiten einer solchen Meerfahrt hat der heute zu ehrende Dr. Thomas Meurer brillant und tiefsinnig gemeistert; kein Schiffbruch an den Klippen eines engen Moralismus, aber auch kein Stranden am Sandstrand der Erlebnisgesellschaft.
So kommt die empfindliche Fracht des Evangeliums schließlich zur Wirkung unter denen, die auf eine Vergegenwärtigung des Gewußten, aber schwer zu Glaubenden hoffen, die die subversive Wirkung der Friedensworte auf die Welt verstärkt wünschen.

Der gefallene Engel, der sich am First des Stalles nicht fixieren lässt, wandelt sich in dieser Predigt vom Boten der Polarität zwischen Himmel und Hölle, des unüberwindlichen Gegensatzes zwischen gut und böse, zum Symbol einer Macht, die sich herablässt; nach Gottes Willen findet der fallende Engel einen Platz zwischen Ochs und Esel. Dieser Absturz ist kein Abgesang, sondern ein neues, schönes Bild für eine dauerhafte Hoffnung: Gott ist unter uns, so sind wir Menschen - zum Glück - durch Weihnachten nie mehr ‚unter uns'.

Das haben Sie gepredigt, wir haben es gelesen und uns gefreut. Dafür danken wir Ihnen.