Foto von aufgeschlagenen Büchern

Fastnachtspredigt 2014

Dr. Wolfgang Raible (rk), Klinikseelsorger

02.03.2014 in der Klinikkapelle des Marienhospitals in Stuttgart

Sonntagsgottesdienst mit ca 100 Mitfeiernden in der Kapelle und Fernsehübertragung in die Krankenzimmer

Die Welt feiert Karneval, Fasching oder Fastnacht – aber wir haben derzeit andere Gedenktage zu begehen: Am Rosenmontag vor einem Jahr hat Papst Benedikt XVI. seinen Rücktritt angekündigt, und Anfang März 2013 wurde zu seinem Nachfolger der argentinische Kardinal Bergoglio gewählt. Er erzählt später: Als er im Konklave die Zweidrittelmehrheit erreicht habe, hätte ihm sein Nebensitzer zugeflüstert: „Vergiss die Armen nicht!“ Da sei ihm spontan der Gedanke gekommen, sich nach dem armen und fröhlichen Franz von Assisi zu nennen.

Ich bin heute einmal in die Rolle seines Namenspatrons geschlüpft und habe mir zusammengereimt, was Franz von Assisi wohl zu Papst Franziskus sagen würde – wie Franz dieses erste Jahr des neuen Papstes wohl kommentieren würde:

Franziskus, lieber Freund und Bruder,

seit einem Jahr bist du am Ruder

des Schiffleins, das sich Kirche nennt.

Du führst es gut und kompetent

durch diese turbulenten Zeiten –

und eines kann man nicht bestreiten:

Du lässt dir auch bei Sturm und Wellen

Humor und Freude nicht vergällen,

und kannst durch dein charmantes Lächeln

die Christen stärken, wenn sie schwächeln.

Allein schon deine Namenswahl

war ein erfreuliches Signal:

Dass ich – der lustige Gesell,

erfrischend unkonventionell

und stets zu Späßen aufgelegt,

der häufig Ärgernis erregt –

dass ich, der arme Bruder Franz,

dein Vorbild bin, erfüllt mich ganz

und gar mit großer Dankbarkeit.

Mein Wunsch an dich ist: Sei bereit,

den Namen zum Programm zu machen,

und lass die Christen herzlich lachen.

Das ist dir – hört man – schnell geglückt:

Dein Diener war zwar nicht entzückt

und musste streng die Stirne runzeln –

doch alle andern konnten schmunzeln:

Da hatte dir doch dieser Brave

– wie’s üblich ist nach dem Konklave –

fein säuberlich zurecht gelegt,

was man als Papst zu tragen pflegt

beim ersten Auftritt vor den Massen –

zum Grüßen und sich grüßen lassen:

den Hermelin, die roten Schuhe …

und da sagst du in aller Ruhe:

„Zieh‘ dir das an! Mach kein Geschrei!

Der Karneval ist jetzt vorbei!“ –

und zeigst dich ohne Goldbesatz

den Menschen auf dem Petersplatz.

Franziskus, solche flotten Sprüche,

die bringen dich in Teufels Küche

bei vielen treuen Katholiken,

die ganz fixiert sind auf Rubriken,

die sich an alle Regeln klammern

und jegliche Reform bejammern.

Doch mir – da müsste ich schon lügen –

bereiten sie ein Mordsvergnügen.

Und deshalb bin ich auch so froh,

dass jeden Tag das Radio

des Vatikan uns informiert,

was du am Morgen – inspiriert

durchs Evangelium – uns sagst,

wenn du – was du sehr gerne magst –

spontan und frei und grad heraus

die Predigt hältst im Gästehaus:

Ein Gräuel sind dir alle tristen,

verbitterten, verzagten Christen.

Und du vergleichst dann ihr Gesicht

– sehr fein ist das nun wirklich nicht –

mit essig-konservierten roten

zerknittert-alten Chilischoten.

Du warnst – auch das ging durch die Presse –

in einer andern Morgenmesse,

den Sport des Jammerns zu trainieren,

und immer nur zu lamentieren.

Du meinst – und das aus guten Gründen – ,

man könne Christus nur verkünden

mit einem Lächeln, das gewinnt.

Sonst sagen andere: Ihr spinnt.

Wer freudlos von der Freude spricht,

der überzeugt uns sicher nicht!

Von einem sauertöpfisch-Frommen

kann keine frohe Botschaft kommen!

Seit du im Amt bist, schwärmst du schon

von deiner Kirchenvision,

und willst in eindrucksvollen Bildern

uns deine Vorstellungen schildern:

So wie ein Lazarett im Feld

siehst du die Kirche in der Welt.

Sie soll die vielen Wunden heilen

und stets das Schicksal derer teilen,

die sich im Lebenskampf verletzen;

soll sich bewusst zu denen setzen,

die krank sind und auf Hilfe hoffen;

soll einfühlsam sein, gut und offen.

Gerade diese Offenheit

erwartest du nicht nur im Leid.

Sie muss das Markenzeichen sein

für unsre Kirche allgemein.

Du nennst sie gern ein Haus mit Türen,

die alle in die Freiheit führen.

Und gäbe es – für Kind und Greis –

den „Christen-Personalausweis“,

dann wäre dort – hör‘ ich dich sagen –

als Merkmal „Freiheit“ einzutragen.

„Salon-Christ“ und „Museums-Christ“ –

so nennst du jeden, der vergisst,

für diese Freiheit einzustehen

und mit ihr in die Welt zu gehen.

Die Kirche, die sich das nicht traut,

die hohe Mauern um sich baut –

die liegt – meinst du – gewaltig schief,

erstickt an ihrem eignen Mief.

Natürlich siehst du auch ganz klar:

Da draußen lauert die Gefahr.

Wer auf die Straße geht, riskiert,

dass ihm im Freien was passiert;

dass er dort einen Unfall baut.

Doch dir sei – sagst du oft und laut –

eine verbeulte Kirche lieber,

als eine, die die schweren Schieber

an ihren Toren fest verschließt,

und sich das Leben selbst vermiest.

Ein Durcheinander, viel Bewegung

willst du – statt Christen ohne Regung,

die keinen Schritt zum andern wagen,

und nur die böse Welt beklagen.

Und schließlich findest du echt ätzend,

wenn deine Schäfchen sich nur schwätzend,

als Plaudertaschen präsentieren.

Das wird die Kirche destruieren –

befürchtest du und fügst dann an,

wie übel Schwätzen wirken kann:

Es sei wie Honigbonbons naschen –

man stopft sie erst in seine Taschen

und dann genüsslich in den Mund:

in großer Zahl sehr ungesund!

Am Schluss bleibt Bauchweh stets zurück.

So bringt das Schwätzen auch kein Glück:

Am Anfang ist’s noch angenehm,

doch bald schon wird es unbequem,

verdirbt die Seele und zerstört

auch jeden, der‘s begierig hört.

Franziskus, das tut wirklich gut,

dass du mit Phantasie und Mut

uns neue Kirchenbilder schenkst,

und nicht in alten Bahnen denkst;

dass du ganz frische Worte findest,

verbrauchte Floskeln überwindest;

dass du so unbekümmert predigst

und deine Kritiker erledigst.

Doch was dich auf die Palme bringt

und oft zu scharfen Worten zwingt –

das sind im Klerus die Gestalten,

die sich für etwas Bess’res halten:

Du nennst sie gerne „Pfauen-Priester“ –

narzisstische und eitle Biester,

im Blick nur ihre Karriere,

Fassade schön, doch innen Leere.

Und so ein „Zuckerbäcker-Christ“,

der glänzt, doch ohne Inhalt ist –

der macht dir – sagst du klar und laut –

noch immer eine Gänsehaut.

Um nun bei diesen eitlen Fratzen

den Lack ein wenig abzukratzen,

hast du – das find‘ ich sagenhaft –

die Ehrentitel abgeschafft.

Die noch vom „Monsignore“ träumen,

seh‘ ich im Geist vor Wut schon schäumen.

Und viele Schneider werden zittern,

weil sie zurecht Verluste wittern:

Wer kauft dann jetzt noch rote Bänder

und die besonderen Gewänder?

Wer braucht dann noch den extra Kittel

ganz ohne einen Ehrentitel?

Franziskus, lass dich nicht beirren

von Schmeichlern, die dich noch umschwirren.

Geh deinen Weg beharrlich weiter,

und suche dir genügend Streiter,

die mutig deinen Traum verfechten –

von einer ehrlichen und echten

und armen Kirche, die sich gern

bewegt auf Spuren ihres Herrn.

Erwähle Hirten, die nicht schlafen,

die sich nicht scheuen, nach den Schafen

zu riechen statt nach Weihrauchschwaden,

und die sich nicht im Reichtum baden.

Als Letztes möchte ich mich heute

– und das im Namen vieler Leute –

bedanken für dein jüngstes Schreiben:

Wir sollen in der Freude bleiben,

die aus der Botschaft Jesu wächst –

um dieses Thema kreist dein Text.

Die Welt mit Freude infizieren –

dazu willst du uns inspirieren.

Um diesen Wunsch zu unterstreichen,

greifst du zu drastischen Vergleichen:

Wer mit „Beerdigungsgesicht“

herumläuft, der wird sicher nicht

Interesse für den Glauben wecken.

Im Gegenteil – er wird erschrecken

und andere zur Abwehr reizen,

anstatt ein Feuer anzuheizen.

Ich hoffe nur, dass viele lesen,

was du als Quintessenz und Wesen

des Evangeliums betrachtest

und jetzt noch einmal deutlich machtest.

Franziskus, lieber Namensvetter,

die Kirche braucht dich sehr als Retter,

der sie von ihrer Schwermut heilt

und seinen Frohsinn mit ihr teilt.

Streu bei uns aus der Freude Samen!

Das wünschen wir uns alle. Amen!