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Liedpredigt über das Lied "Nun freut euch, lieben Christeng´mein" - Text und Melodie von Martin Luther, 1523 - EKG 341

Pfarrer i.R. Dr. theol. Eckhard Schendel (ev)

20.01.2013 in der Pauluskirche in Essen-Heisingen

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.


Liebe Gemeinde!


Das Weihnachtsfest liegt nun schon fast einen Monat hinter uns,

bald treten wir in die Passionszeit ein, dann feiern wir fröhlich das

Osterfest, es folgen die Himmelfahrt Christi und das Pfingstfest, die

Ausgießung des Heiligen Geistes. Also das ganze Kirchenjahr .

Martin Luther bringt in einem seiner frühesten Lieder aus dem Jahre

1523 alles unter der Überschrift der Freude zur Sprache und zum Gesang:


Nun f r e u t euch, lieben Christeng´mein, und lasst uns f r ö h l i c h

springen …(Str.1).

Der Reformator fordert uns alle zur Freude, ja zum fröhlichen Springen auf-

das will uns nicht mehr so recht gelingen. Bei der Freude ist es anders-

da kann nur der christliche Griesgram ausscheren.

lasst uns mit Lust und Liebe s i n g e n. Das wollen wir auch tun.


Worüber freut sich Martin Luther. Wovon will er und wollen wir fröhlich

singen?

Über Gottes süße Wundertat, die er in Jesus Christus an ihm, Martin,

und an uns allen, die wir glauben , hier in Heisingen und überall weltweit,

gewendet hat; gar teu´r hat er´s, unser Herr und Heiland, erworben und

Gott hat es f ü r u n s in Jesus getan.



In den folgenden 9 Strophen dieses Liedes mit der wunderbaren Melodie,

die auch dem hochmusikalischen Luther eingefallen ist, erklärt er uns,

wie er´s meint.

Da steckt unerhört viel drin. Wir wollen nun in der gebotenen Kürze

versuchen, den Bruder Martin zu verstehen.


Er beginnt sofort mit dem Teufel. Dem Teufel ich gefangen lag (Str.2).

Wer das Bild von Albrecht Dürer kennt: Ritter, Tod und Teufel,

der kann sich vorstellen, wie der Christ des 16.Jh´s sich das Böse

in Gestalt ausmalte. So schrecklich, dass Bruder Martin ja mit dem

Tintenfass auf der Wartburg nach ihm geworden haben soll.


Die Trinität des Bösen ist für Luther S ü n d e, T o d und T e u f e l.

Man kann sie der paulinischen Trinität von G l a u b e, L i e b e und

H o f f n u n g gegenüber und entgegenstellen. Der Teufel ist der

Fürst dieser Welt (Lk 4,6), aus dessen Macht sich die Menschen nicht

selbst befreien können. So spricht das NT. Das Ziel des Diabolos, dh

wörtlich des Zertrenners, wie der Teufel neben Satan im NT auch

genannt wird, ist es, den Menschen zu verderben. Er will ihn von

Gott t r e n n e n. Sünde und Lüge sind sein Wesen (vgl. Joh 8,44;

1Joh 3,8).

Zerstörung ist also sein Kernziel: …im Tod war ich verloren, mein

Sünde quält mich Tag und Nacht, darin ich ward geboren…

Ich fiel auch immer tiefer drein, es war kein Guts am Leben mein,

die Sünd hatt´ mich besessen. (Str.2)


Das hatte er beim tadellosen Mönch Martin Luther geschafft. Er, der

als Augustiner-Bettelorden-Mönch im Kloster in Erfurt ein vorbild-

lich- mönchisches Programm erfüllte: mit Beten, Fasten, armes

Zusammenbetteln der Speisen bei den Bürgern, Fußbodenschrubben

und anderen körperlichen Arbeiten, fühlte sich von der Sünde

besessen wie von einer schrecklichen Krankheit.


Mein guten Werk, die ich eben aufgezählt habe, die galten nicht…

die Angst mich zu verzweifeln trieb, dass nichts denn Sterben

bei mir blieb, zur Höllen musst ich sinken. (Str.2)


Sünde, Tod und Teufel. Sie fechten auch den weltlich, vornehmen

Ritter an, bedrohen ihn in furchtbarer Gestalt, wie sie Dürer so trefflich

und überzeitlich ins Holz geschnitten hatte.

Luther hatte sich moralisch nichts vorzuwerfen. Aber seine Bezie-

hung zu Gott war zerschnitten, so sehr er sich um einen g n ä d i –

g e n G o t t auch bemühte. Er konnte ihn nicht herbeizwingen.

Das verstehen wir heute sehr schwer: Sünde ist nicht allein moralisch-

ethisches Fehlverhalten, sondern in erster Linie: die G o t t e s -

F e r n e. Wir beten im Herren-Gebet: Erlöse uns von dem Bösen,

eben vom satanischen Trenner-Werk, mit dem der Mephisto, wie er

bei Goethe heißt, uns immer wieder von neuem, von Gott wegzu-

reißen versucht. Das hat er schon, wie wir alle wissen, bei unserm

lieben Jesus versucht. (vgl. Lk 4,1-13)


Hat er´s beim Reformator geschafft?

Martin Luther schildert in höchster Meisterschaft in den

Strophen 4-9, was Gott in Jesus Christus hat geschehen lassen,

an ihm selbst, an uns allen, an der gesamten Christenheit auf Erden,

wenn wir denn g l a u b e n.


In der Lesung haben wir´s aus dem Römerbrief des Apostels Paulus

gehört. Es ist bekanntlich die Zentralstelle für die sog. Rechtfertigung

des Sünders a l l e i n aus G l a u b e n.

Paulus sagt dort in Röm 3,21 ff:

.Denn es ist hier kein Unterschied:

sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie

bei Gott haben sollten, und werden ohne Verdienst gerecht

aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus

geschehen ist….


So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird

o h n e des G e s e t z e s W e r k e,

a l l e i n durch den G l a u b e n.


Das ist Martin Luther in seinem zähen Ringen um die Auslegung

der Schrift, besonders aus den Psalmen und den Briefen des

Paulus an die Galater und an die Römer wie ein Blick ins Paradies

aufgegangen und klar geworden.


Der alte Luther berichtet 1545, ein Jahr vor seinem Tode, wörtlich so:


„Ein ganz ungewöhliches Verlangen hatte mich gepackt, Paulus

im Römerbrief zu verstehen… Ich aber, der ich mich, so untadlig

ich auch als Mönch lebte, vor Gott als Sünder von unruhigstem Ge-

wissen fühlte…liebte nicht, nein hasste den gerechten und die Sünder

strafenden Gott…So raste ich wilden und wirren Gewissens .. und so

klopfte ich beharrlich bei Paulus an, mit glühend heißem Durst, zu

erfahren, was St.Paulus wolle. Bis ich, dank Gottes Erbarmen-

denken wir jetzt an die Str.4!- unablässig Tag und Nacht darüber

nachdenkend, auf den Zusammenhang der Worte achtete: …

der Gerechte lebt aus Glauben (vgl. Röm 3,28)…..

Da hatte ich das Empfinden, ich sei geradezu von neuem geboren

und durch die geöffneten Tore in das Paradies selbst eingetreten.

… So sehr ich die Vokabel „Gerechtigkeit Gottes“ vorher hasste,

so pries ich sie nun mit entsprechend großer Liebe als das mir

s ü ß e s t e W o r t. So ist mir diese PAULUS-Stelle wahr-

haftig das Tor zum Paradies gewesen…“

(zit .von Gerhard Ebeling, Luther- Einführung in sein Denken,

Tübingen Mohr-Siebeck, 1964, 33f- dort Quellen in Luther-Ausg.).


Und nun beschreibt er Gottes Heilswerk nicht allgemein, sondern

an ihm persönlich, so persönlich wie es gar nicht anders geht:


Da jammert Gott in Ewigkeit m e i n Elend übermaßen; er

dacht an sein Barmherzigkeit, er wollt m i r helfen lassen;

er wandt zu m i r sein Vaterherz, es war bei ihm fürwahr

kein Scherz, er ließ´s sein Bestes kosten (Str.4).


Gottes Heilswirken in Jesus Christus ist in der Ewigkeit vom

barmherzigen Vater beschlossen worden. Das Leiden und Ster-

ben des Sohnes scheint hier schon auf: …er ließ´s sein Bestes

kosten. Das Leben seines einzigen, geliebten Sohnes, an dem

er Wohlgefallen hat (vgl.Mk 1,11), gibt er dem Tode am

Fluchholz des Kreuzes hin.


In der 5.Strophe redet der Vater seinen lieben Sohn in direkter

Rede an- unerhört lebendig:

Die Zeit ist hier zu erbarmen; fahr hin, meins Herzens werte

Kron, und sei das Heil dem Armen und hilf i h m aus der

Sünden Not, erwürg für i h n den bittern Tod und laß ihn

mit dir leben“.

Dreimal : i h n, den unter seiner Sünde leidenden Martin, der

sich den gnädigen Gott selbst herbeiwirken will und dazu nichts

unversucht lässt. Sünde und Tod sollen durch Jesus für Martin

besiegt werden. Der Teufel kommt in der nächsten Strophe dran.


Str.6: Der Sohn dem Vater g´horsam ward, er kam zu m i r

auf Erden.

Jetzt klingt das Wunder der Weihnacht an: von einer Jungfrau,

rein und zart. Und die Inkarnation, dh die Mensch-Werdung Gottes:

er sollt m e i n Bruder werden.


Sünde, Tod und Teufel: Gar heimlich führt er sein Gewalt, er

ging in meiner armen G´stalt, den T e u f e l wollt er fangen.

Den Teufel fangen: Martin Luther ist an Anschaulichkeit nicht

zu überbieten.



In der folgenden 7.Strophe kann die Liebe Jesu zum Menschen,

hier zum Bruder Martin, gar nicht schöner zum Ausdruck kommen.


Luther lässt nun Jesus selbst zu Worte kommen; er sagt zu Martin:

Halt d i c h an m i c h, es soll dir jetzt gelingen; ich geb mich

selber ganz f ü r d i c h, da will ich für d i c h ringen;

denn ich bin d e i n und du bist m e i n, und wo ich bleib,

da sollst d u sein, uns soll der Feind nicht scheiden.


So sprachen Liebende im Mittelalter zueinander: „Ich bin dein,

du bist mein, des sollst du gewisse sein“(Walter von der Vogelweide).

So sprechen Liebende noch heute, wenn es denn wirklich Liebe ist.



In den Strophen 8 u. 9 spricht der Heiland selbst nun weiter. Er blickt

auf sein Leiden und Sterben voraus, auf sein Auferwecktwerden

durch den Vater und auf seine Erhöhung zu Gott.

Vergießen wird er mit mein Blut: wer ist e r ? Der Feind: Sünde,

Tod und Teufel, die unheilige Trias. …dazu mein Leben rauben.

Durch das Fluchholz des Kreuzes.

Er sagt dem Bruder Martin den Grund:

das leid ich alles dir zugut, das halt mit festem Glauben. Den Tod

verschlingt das Leben mein, m e i n Unschuld trägt die Sünde

d e i n, da bist d u selig worden.

Christus nimmt uns unsere Schuld und Sünde ab, er trägt sie hinauf

ans Fluchholz des Kreuzes: für d i c h , lieber Martin, für u n s,

liebe Gemeinde in Heisingen. Dafür danken wir nicht nur am Kar-

freitag.


In der 9.Strophe berichtet nun der Herr und Heiland, was dann geschieht,

als ob Bruder Martin es nicht schon wüsste.

Gen Himmel zu dem Vater mein fahr ich von diesem Leben. Das freu-

dige Osterereignis und die Erhöhung zum Vater mit der Himmelfahrt kom-

biniert er. Dann wird Pfingsten geschehen: da will ich sein der Meister

dein, den Geist will ich geben, der dich in Trübnis trösten soll. Wieder

nicht nur den Bruder Martin, sondern die ganze Christenheit: t r ö s t e n-

was wir alle so nötig haben.


Der letzte Satz der 9.Strophe und die letzte, die 10. leiten Bruder Martin

und die Kirche zur wichtigen Aufgabe, die Wahrheit zu erkennen und zu

lehren: und lehren mich erkennen wohl und in der Wahrheit leiten.


10.Str.: Was i c h getan hab und gelehrt, das sollst d u tun und lehren!

Das ist der Imperativ für die gesamte Kirche auf Erden: „gehet hin und lehret

alle Völker!“ heißt es im Taufauftrag. Das hat sie auch getan und tut sie

noch. …damit das Reich Gotts wird gemehrt zu Lob und seinen Ehren.


Freilich hat sich die Kirche immer auch im Blick auf diesen Auftrag versün-

digt; sie hat Gewalt in der Mission angewendet und hat sich nicht vor der

Menschen Satz, der Lehre der Menschen gehütet.

Davon verdirbt der edle Schatz: das laß ich dir zu Letzte!


Martin Luther schließt also sein wunderbares Lied mit der Mahnung,

die der Heiland selbst an den Reformator und er an uns, an die Kirche,

weitergibt.

Wir nehmen sie im Jahrzehnt vor dem 500 Jahres- Gedenktag des Thesen-

anschlags 2017 ins Herz. Wir beherzigen die 4 Säulen der Reformation,

für die Bruder Martin sein ganzes Leben lang nicht müde wurde zu kämp-

fen mit Worten und Taten:


1.Säule:

Die Reformation zentriert sich n o r m a t i v auf Jesus Christus allein

(solus Christus).


2. Säule:

Gott rechtfertigt, dh liebt uns nur durch seine Gnade, nicht aufgrund

unserer Verdienste

(sola gratia).



3. Säule:

Wo erfahren, hören und lesen wir von dieser göttlichen Gnade?

Nicht durch der Menschen Satz, sondern nur in der Heiligen Schrift

Alten und Neuen Testaments

(sola scriptura).



4. Säule

Nur durch unseren Glauben an das Evangelium, die f r o h e Botschaft

von Jesus Christus erlangen wir das Heil, dh das Geschenk der Liebe und

Gnade Gottes

(sola fide).



So dienen wir Gott, Jesus Christus und ihrem gemeinsamen Heiligen Geist

mit Herzen, Mund und Händen, betend, singend und handelnd.


Ich schließe mit einem ermunternden Wort der Synode der EKD vom

Nov. 2012:

„Die Synode ermutigt die Kirchen, im innerevangelischen und ökumeni-

schen Gespräch die gewachsenen Gemeinsamkeiten ebenso herauszu-

stellen wie die bleibenden Verletzungen einzugestehen.

U n s e i n t mehr, als u n s t r e n n t.

Christus als Herrn der Welt für das 21. Jahrhundert zu verkündigen, ist

die gemeinsame Aufgabe der ganzen Christenheit.“


Amen.


Und Gottes Friede…