Foto von aufgeschlagenen Büchern

Narrative Predigt über Lukas 2,1-20, Jesaja 42,1-9 und das Lied "Ich steh an deiner Krippe hier"

Pfarrer Thomas Muggli-Stokholm (ev.-ref.)

25.12.2014 in Bubikon (CH)

zum Weihnachtsgottesdienst 2014

"Ich steh an deiner Krippe hier."

Inbrünstig singe ich es, mein liebstes Weihnachtslied.

Der wunderbare Text von Paul Gerhardt und die herrliche Melodie von Johann Sebastian Bach lassen mich dem Alltag entschweben.

Ich schwelge so im Singen, dass ich die Zeit vergesse und kaum wahrnehme, wie wir schon bei der vierten Strophe angekommen sind:

 

Ich sehe dich mit Freuden an

und kann mich nicht satt sehen;

und weil ich nun nichts weiter kann,

bleib ich anbetend stehen.

O dass mein Sinn ein Abgrund wär

und meine Seel ein weites Meer,

dass ich dich möchte fassen.

 

Da geschieht es: Mitten in meinem Singen spüre ich plötzlich einen gewaltigen Sog in den Abgrund meiner Seele.

Ich taumle, strudle, wirble einen tiefen Schlund hinab,

verliere den Verstand und mit ihm jedes Gefühl für die Zeit -

bis ich in einer ganz anderen Welt wieder erwache:

 

Ich stehe da, gekleidet in einen Umhang aus grobem Stoff,

mit ausgelatschten Sandalen an den Füssen.

Es ist finstere Nacht, bitterkalt; ich zittere am ganzen Leib.

Ein leises Wimmern ist zu hören.

Einige Meter von mir entfernt wirft ein kümmerliches Feuerchen

sein flackerndes Licht auf die Umgebung.

Das Wimmern kommt aus einer Futterkrippe,

die an einer Felswand steht.

Ich kann darin ein Neugeborenes erkennen,

in Windeln gewickelt, notdürftig auf grobes Stroh gebettet.

Wenn es nur nicht erfriert!

 

Eine Frau nimmt den Säugling auf die Arme.

Die Mutter ist sehr jung, äusserst armselig gekleidet,

mit todmüdem Blick.

Neben ihr steht ein wesentlich älterer Mann,

ebenfalls von Erschöpfung gezeichnet.

Ist es wohl der Vater?

 

Das Kind beruhigt sich auf den Armen seiner Mutter.

Nun ist alles totenstill, und ich lasse den Blick weiter schweifen.

Da bemerke ich die jüngere Frau neben mir.

Als ich sie ansehe, fragt sie mich:

"Bist du auch wegen der Volkszählung nach Bethlehem gekommen?"

Ich weiss nicht, was ich antworten soll und sage:

"In gewisser Weise ja - und du, warum bist du hier?"

"Ich arbeite als Magd in einer der Herbergen. Ach, mir taten die beiden so leid, als sie bei uns anklopften und fragten, ob wir noch ein freies Bett hätten. Man sah doch von weitem, dass das Mädchen schwanger war. Aber mein Meister kannte kein Erbarmen und schickte das Paar hier hinaus aufs Feld. Das Schicksal dieser Unglücklichen liess mir keine Ruhe. So verliess ich nach Feierabend leise das Haus und machte mich auf die Suche. Eine Schande, dass ein Kind auf diese Weise zur Welt kommen muss. So wird es wohl bald sterben. Vielleicht wäre es ja besser so.“

"Mich hat das schlechte Gewissen hierher geführt", sagt eine tiefe Stimme neben mir. Als ich mich umdrehe, erkenne ich einen vornehm gekleideten Mann. "Ich sass heute Nachmittag wie immer am Zoll beim östlichen Stadttor und machte meine Geschäfte, als die beiden sich zur Stadt schleppten. Schon von weitem sah ich, dass das schwangere Mädchen und der Mann am Ende ihrer Kräfte waren. Aber ich kannte keine Gnade und kassierte am Tor als Zoll ihre letzten drei Groschen ein. Wenig später reute mich das: Warum war ich nicht für einmal ein wenig menschlich und grosszügig? Bin ich nun schuld, wenn das Kind stirbt?"

 

Während die Magd und der Zöllner mir ihre Geschichte erzählen, treffen weitere Menschen ein. Das Mädchen, das Kind und der Mann sind nun

von Leuten umringt. Ein älterer Herr geht zur jungen Familie:

"Ich bin Ruben, der Rabbi von Bethlehem und habe gehört, dass diese Nacht hier draussen ein Kind zur Welt gekommen ist. Sofern es ein Knabe ist, müssen wir die Beschneidung regeln, Ort, Kosten und Zeugen."

Endlich regt sich der Mann neben der jungen Mutter.

"Schalom Ruben, ich bin Josef, der Verlobte Marias, der Mutter dieses Kindes. Es ist ein Knabe, und er soll Jehoschua heissen."

"Jehoschua!" wiederholt der Rabbi entgeistert.

"Jehoschua - der Retter, was masst ihr euch an, diesen Balg so zu nennen, dieses Kind der Schande - ihr seid ja nicht einmal verheiratet!"

Josef bleibt ruhig:"Gott will es so."

Gerade als der Rabbi Josef zurechtweisen will,

platzen drei Männer in den Kreis der Leute.

Sie keuchen vor Anstrengung und fragen aufgeregt:

"Wo ist das Kind? Es muss in einer Futterkrippe liegen, in Windeln gewickelt - ah, hier ist es! Halleluja!"

 

Und die drei grobschlächtigen Männer

knien andächtig vor der Krippe nieder.

Der Zöllner neben mir raunt mir ins Ohr:

"Gib acht, Fremder, und halte deine Geldbörse fest! Das sind Hirten, übles Gesindel, die stehlen und betrügen, wo sie nur können, wohl dem, der nichts mit ihnen zu tun haben muss!"

 

Mittlerweile sind die drei Männer zu Atem gekommen.

Sie stehen auf, und einer von ihnen beginnt zu erzählen:

"Wir waren wie jede Nacht auf dem Feld und bewachten die Schafe unserer Herren. Da umstrahlte uns ganz plötzlich ein helles Licht,

und eine mächtige Gestalt erschien über uns.

Wir waren gelähmt vor Angst. Die Gestalt sagte aber zu uns:

Fürchtet euch nicht! Denn siehe, ich verkündige euch eine grosse Freude, die allem Volk widerfahren wird: Euch wurde heute der Retter geboren, der Gesalbte, der Herr, in der Stadt Davids. Und dies sei euch das Zeichen: Ihr werdet ein neugeborenes Kind finden, das in Windeln gewickelt ist und in einer Futterkrippe liegt. Nachdem der Engel uns das gesagt hatte, sahen wir auf einmal unzählige andere Engel, welche sangen, so herrlich, wie wir es noch nie hörten: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden unter den Menschen seines Wohlgefallens -

ja, und die Worte des Engels sind wahr:

Hier liegt es das Kind, der Retter der Welt. Halleluja."

 

Nach dem Bericht der Hirten wird es wieder still -

doch anders als zuvor, nicht mehr trostlos und verzweifelt,

sondern andächtig, staunend, anbetend.

Ich schaue hinüber zu Maria.

Sie wirkt wie verwandelt, nicht mehr müde,

sondern zuversichtlich und gelassen.

 

In der Nähe der Krippe steht der Rabbi, gesenkten Blickes,

in sich versunken.

Auf einmal aber richtet er sich auf

und beginnt mit lauter Stimme zu rezitieren:

 

So spricht Gott:

Seht meinen Diener, ich halte ihn,

meinen Erwählten, an ihm habe ich Gefallen.

Ich habe meinen Geist auf ihn gelegt,

das Recht trägt er hinaus zu den Nationen.

Er schreit nicht und wird nicht laut

und lässt seine Stimme nicht hören auf der Gasse.

Das geknickte Rohr zerbricht er nicht,

und den verglimmenden Docht löscht er nicht aus,

treu trägt er das Recht hinaus.

Er erlischt nicht

und wird nicht geknickt,

bis er das Recht in Kraft gesetzt hat auf der Erde.

 

Wieder ist es eine Weile ruhig -

bis die Magd zu meiner Linken die Stimme erhebt:

"Das geknickte Rohr zerbricht er nicht,

und den verglimmenden Docht löscht er nicht aus.

Ja, es gibt eine Hoffnung für uns,

für uns, die in dieser Welt die Letzten sind.

Ich weiss, als Frau dürfte ich gar nicht sprechen in der Öffentlichkeit.

Aber von dieser Nacht an wird sich alles ändern:

Gott schickt Jehoschua, den Retter, zu uns -

als Kind, geboren von einem jungen Mädchen,

einer Magd wie mir.

Der Retter ist nicht der Mächtigste der Mächtigen,

sondern der Schwächste der Schwachen.

Und doch ruht er nicht und wird nicht müde,

bis er uns Elenden und Bedrückten Recht geschaffen hat.

Das ist unsere grosse Freude und unsere leuchtende Hoffnung."

 

"Freude und Hoffnung", murmelt der Zöllner neben mir.

"Worauf setze ich meine Hoffnung? Sicher, ich bin Jude, bete hie und da und habe sogar die neue Vortreppe der Synagoge gespendet.

Doch ich gebe es zu: Im Alltag dreht sich bei mir alles ums Geld.

Ich bin ein tüchtiger Zöllner. Mit meinen Einnahmen habe ich mir ein schönes Haus gebaut, verwöhne meine Frau und bezahle meinen Kindern teure Lehrer. Ich freue mich, dass ich mir das alles leisten kann.

Doch dieses dreckige Kind da, in der Futterkrippe, armselig, schwach - es ist ja nicht einmal sicher, dass es überlebt -

dieses Kind  soll eine grosse Freude sein, die allem Volk widerfährt -

also auch mir?"

 

Was die Magd und der Zöllner erzählen, macht mich betroffen.

Bin ich ehrlich zu mir selber, muss ich zugeben,

dass mir der Zöllner näher steht als die Magd.

Ich gehöre doch auch zu denen, die auf der Sonnenseite der Gesellschaft leben. Kann ich mich dann aber überhaupt der grossen Freude öffnen, die mit der Geburt dieses Kindes mitten in der kalten Nacht, mitten auf dem Feld, allem Volk widerfahren wird?

 

Während ich diese bange Frage in meinem Herzen bewege,

verschwimmt die Szene nach und nach vor meinen Augen.

Ich spüre einen Sog nach oben.

Es wird grell hell, Orgelklänge und Gesang umhüllen mich:

 

Du fragtest nicht nach Lust der Welt,

noch nach des Leibes Freuden;

du hast dich bei uns eingestellt,

an unsrer Statt zu leiden,

suchst meiner Seele Herrlichkeit

durch Elend und Armseligkeit;

das will ich dir nicht wehren.

 

Ich bin zurück in meiner Welt, staune,

wie die Gemeinde genau da weitersingt, wo ich abgetaucht bin

und frage mich nach all dem Erlebten:

Nehme ich mein liebstes Weihnachtslied wirklich ernst?

Die herrliche Melodie mit dem wunderbaren Text ist für uns reiche Christinnen und Christen eine gewaltige Provokation:

Wir haben uns das Kind in der Krippe im Lauf der Kirchengeschichte dienstbar gemacht.

Jesus, der uneheliche Sohn Marias, steht am Anfang einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Nicht weniger als 2.2 Milliarden Menschen berufen sich heute auf ihn.

Aber berufen wir uns wirklich auf ihn -

auf ihn, den Diener Gottes, der nicht schreit, der nicht laut wird,

ja nicht einmal seine Stimme auf der Gasse hören lässt,

der das geknickte Rohr nicht zerbricht

und den verglimmenden Docht nicht auslöscht,

der das Recht hinausträgt,

treu und ergeben bis in den Tod?

 

Berufen wir uns auf ihn -

oder nicht viel mehr auf unsere Fantasien,

die wir in ihn projizieren:

Jesus der Sieger, der Herrliche, der Erhabene,

Jesus, der uns, wenn wir an ihn glauben,

einen Anteil am Erfolg garantiert -

so wie die Dividende für die Aktionäre einer erfolgreichen Firma?

 

So lass mich doch dein Kripplein sein;

komm, komm und lege bei mir ein

dich und all deine Freuden.

 

Weihnachten fordert uns heraus dazu,

mit dem Kind in der Krippe gleichzeitig zu werden,

uns seiner Schwäche und seinem Elend auszusetzen -

und gerade darin Gott selbst zu entdecken.

Wir sind herausgefordert, die Distanz aufzugeben,

so weit, bis wir - wie Paul Gerhardt schreibt - zur Krippe Jesu werden.

Dann wird Jesus in uns geboren,

so dass wir in ihm zu uns selbst finden

in unserer eigenen Schwäche und Hilfsbedürftigkeit -

und zu den Mitmenschen, unseren Geschwistern. Amen.