Foto von aufgeschlagenen Büchern

Pfingstpredigt über Apostelgeschichte 2

Prof. Dr. Fulbert Steffensky (ev.-luth.)


Predigtpreis 2013 für sein Lebenswerk

© privat

Die alte Dame und ihre Geburtsurkunde

Ich denke an eine alte Dame – Sie mögen im Laufe meiner Rede erraten, wer sie ist! Es ist ihr manchmal so nachdenklich zumute. Dann zieht sie ihr Schwarzseidenes an und kramt gerührt über sich selber in alten Briefen, Papieren und Urkunden. Dabei stößt sie auf ihre Geburtsurkunde. An Pfingsten hat sie Geburtstag. Sie liest, wie sie angefangen hat und wie sie gedacht war. Es ist in jener Urkunde (sie steht übrigens in der Apostelgeschichte!) von wilden Sachen die Rede: vom Sturm des Geistes, vom Feuer des Anfangs und vom Mut der ersten Zeugen. Und sie erschrickt, wenn sie noch des Erschreckens fähig ist. Denn in dieser Geburtsurkunde liest sie von einer alten und lange vergangenen Schönheit. Betulich und langsam, wie sie geworden ist, liest sie, dass sie einmal als junger, wilder Wein gedacht war. Sie liest, dass sie einmal so voll des Geistes war, dass man sie für betrunken gehalten hat – schon um neun Uhr morgens. Jetzt hält sie niemand mehr für betrunken. Sie genehmigt sich nur noch selten ein Gläschen Geisteslikör. Sie ist ehrbar geworden. Sie geht ja auch mit ehrbaren Leuten um, mit Professoren und Hauptpastoren, mit Ministern und Exzellenzen, mit Superintendenten und mit Generalsuperintendenten. Sie isst mittags mit Generaldirektoren und abends mit Oberstaatsanwälten. Da kann man doch nicht tun, als sei man erst zwanzig! Aber wie war die alte Dame gedacht bei ihrer Geburt, und was hat man ihr in die Wiege gelegt? Lassen Sie uns in der Geburtsurkunde lesen!

Es wird zunächst eine Merkwürdigkeit berichtet und die Erfüllung eines Urtraums der Menschen: Dass alle einander verstanden. Der Geist war über die Jünger und Jüngerinnen in jener frühen Stunde des Tages gefallen, sie fingen an zu predigen, und jeder der herbeigelaufenen Neugierigen hörte sie in seiner eigenen Sprache reden. Alle verstanden, was da gesagt wurde.

Es gibt eine andere Sprachengeschichte am Anfang der Bibel, es ist die Geschichte des Turmbaus zu Babel. Es wird erzählt von einer Zeit, da alle eine einzige Sprache sprachen. Schon hatten sie Angst, sie könnten diese Sprache verlieren und sich einander fremde werden. Schon hatten sie Angst, sie könnten zerstreut werden und einander nicht mehr finden. Da bauten sie einen Turm. Er sollte bis an den Himmel reichen, seine Spitze sollte überall zu sehen sein, und er sollte ihre Einheit retten. Gott hat diesen Traum zerstört. Man weiß nicht so genau, warum; wie man sich manchmal fragt, was Gott sich so denkt. Jedenfalls war es seitdem ein Traum, dass die Menschen ihre Sprache verstehen; dass einer weiß, was der andere meint; dass einer gegen den anderen sein Misstrauen begraben kann; dass eine dem anderen Schwester sein kann und einer dem anderen Bruder. Nun in der frühen Pfingststunde wird der Traum wahr: Jeder versteht die Sprache des anderen. Ich verstehe dich – sagen sie. Ich weiß, wer du bist. Ich fürchte mich nicht vor dir.

Die alte Dame, versunken in die Urkunde ihrer Geburt, überlegt einen Augenblick, ob der Zustand vor dem Turmbau zu Babel nicht doch besser war, wo es überhaupt nur eine Sprache gab. Zu Pfingsten, denkt sie, hat man sich zwar verstanden, aber es gab eben viele Sprachen. Eine Sprache in der Kirche, denkt die alte Dame. Das wäre praktisch. Es wäre höchst angenehm, denkt sie, wenn unsere Hauptpastoren sprächen wie Dorothee Sölle. Ach nein, überlegt sie: Doch lieber Dorothee Sölle wie unsere Hauptpastoren. Es wäre alles so praktisch und gut kontrollierbar, wenn die Katholiken, die Orthodoxen, die Methodisten, die Reformierten alle sprächen wie die Hamburger Lutheraner, eine Sprache! Aber die Ordnung und die Kontrollierbarkeit hat nun einmal nicht im Interesse des Pfingstgeistes gelegen. Sie werden verstehen – ja, das ist versprochen. Nicht versprochen ist die Einförmigkeit der Sprache. Da röten sich die Wangen der alten Dame, sie tritt mit dem Fuß auf und sagt: Gut so! Schön ist die Vielfalt, und langweilig ist die Einförmigkeit. Und für einen Augenblick ist sie wieder jung wie das wilde Mädchen, das sie einmal war.

Die alte Dame liest weiter in der Urkunde ihres Anfangs. Sie liest von einer Erfüllung eines anderen großen Traums an jenem Pfingsttag. So hat der Prophet Joel geweissagt: „In den letzten Tagen will ich meinen Geist ausgießen auf alles Fleisch: Eure Söhne und eure Töchter sollen weissagen; eure Jünglinge sollen Gesichte sehen, und eure Alten sollen Träume haben. Auf die Knechte und die Mägde will ich von meinem Geist ausgießen, und sie sollen weissagen.“

Die alte Dame wird nervös. Das ist die Revolution, denkt sie! Wir haben doch unsere Gremien für Träume, Welterklärungen, Vorausplanungen und Weissagungen. Wozu sind unsere theologischen Kommissionen da, wenn da Knechte und Dienstmädchen zuständig sein sollen für den Geist; wenn Kinder zuständig werden sollen für die Wahrheit; wenn die Alten, die mit ihrer milden Resignation am erträglichsten sind, plötzlich mit neuen Lebensvisionen daherkommen! Dass ist nicht im Sinne der EKD und der anderen kirchenleitenden Instanzen, denkt sie. Das ist von unten nach oben gedacht. Aber, seufzt die alte Dame erleichtert, es ist ja gerade noch gut gegangen. Wir haben den Geist ganz gut von oben nach unten geregelt gekriegt. Es könnte sogar noch etwas mehr Papst sein, denkt sie. Doch ihr evangelisches Herz schämt sich sofort dieses Gedankens.

Einen Rest von Anarchie hat sich die alte Dame bewahrt, und sie spielt mit dem Gedanken – heimlich natürlich und ihn vor den eigenen Kirchenleitungen verbergend – , wie es wäre, wenn der Geist unten gesucht würde; bei den Kindern, bei den Konfirmanden, bei den Schwulen und Lesben, bei den Frauen, bei den Arbeitern. Die Alte wird aufgeregt und stellt sich vor, ihre Presbyterien und Synoden seien nicht nur mit Studienräten, Pfarrerinnen und Gehaltempfängern ab A 13 besetzt. Sie stellt sich vor, Ausländer wären darin; eine Prostituierte wie zur Zeit Jesu und einige Handwerker, beispielsweise Fischer und Schreiner wie in jenen Zeiten. Die Alte denkt an ihre ministeriellen Bekanntschaften und vertreibt diesen Gedanken.

Sie blättert weiter in ihrer Urkunde und stößt auf einen Bericht, den sie schon ganz verdrängt hatte: Die jungen Christen blieben beständig in der Lehre der Apostel, in der Gemeinschaft, im Brotbrechen und im Gebet. Und dann liest sie etwas geniert: „Alle aber, die gläubig geworden waren, blieben beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam. Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus unter alle, je nach dem es einer nötig hatte.“ War das wirklich so?, denkt die alte Dame. Was man doch vergisst!

Dem Geist von Pfingsten und dieser träumenden Gemeinde war die Einheit in blassen Glaubenssätzen nicht genug, ja, sie waren nicht einmal sehr daran interessiert. Sie teilten ihre Träume, sie teilten ihre Gebete, und sie teilten ihr Geld. Das war der Anfang! Das steht in der Geburtsurkunde! War das mit dem geteilten Geld nicht eher geistlich gemeint?, fragt sich die Alte. Aber dann erinnert sie sich daran, dass der Pfingstgeist immer so plump direkt ist; nicht so vergeistigt, wie man ihn eher haben möchte; so peinlich wörtlich; so materialistisch. Es steht da, und dann wird es wohl auch so gemeint sein. Manchmal, denkt die Alte aufsässig, könnte man besser leben, wenn es keine Urkunden gäbe.

So also war ich gemeint, denkt die alte Dame Kirche. Das war der Anfang und der große Traum: Jeder sollte die Sprache des anderen verstehen; jeder sollte Gesichter haben und der Wahrheit näher sein, nicht nur die Profis oben; alle sollten miteinander das Gebet, das Brot und das Geld teilen. Sie sieht sich, und wird traurig. Was ist noch da von der Schönheit des Anfangs? Ist wirklich nicht mehr geblieben als das Gehäuse, die Ordnungen, die Theologien und die Oberkirchenräte?

Es ist mehr da. Einmal sind die Urkunden da, die Träume des Anfangs und die Geschichten vom Gelingen. Die Kirche ist nicht so sehr ein Haus, das aus Steinen gebaut ist als aus Geschichten von der Würde des Menschen und von dem Reichtum, der uns zudacht ist. Wir haben Urkunden, wir haben alte Texte. Die Texte lehren uns wünschen. Ein Mensch wird nicht nur schön durch alles, was ihm gelingt. Es machen ihn auch seine Wünsche schön. Es macht ihn auch sein Durst nach dem ganzen Leben und nach dem Geist schön – nach dem Geist in geistlosen Zeiten. Und es macht uns auch die Trauer schön, die kommt, wenn wir uns vergleichen mit den Träumen, die Gott für uns hat. Es ist schöner im Zwiespalt mit sich selber zu sein, als in hartleibiger Vergessenheit alle Träume hinter sich zu haben und nicht mehr zu kennen als die betörende Gegenwart, die sich als einzigartig gibt. Wir haben die Träume der Toten, wir haben die Träume des Geistes. Darum ist die Kirche eine schöne Frau. Und vielleicht wird der Geist sie ja noch einmal erwischen, dass die draußen denken: die Alte ist schon wieder besoffen. Amen