Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Hebräer 13, 12-14

Klinikpfarrer i. R. Helmut Herberg (ev)

29.03.2013 in der Justizvollzugsanstalt in Ulm

Predigtpreis 2013 für die beste Predigt zur Jahreslosung

„Darum hat auch Jesus, auf dass er heiligte das Volk durch sein Blut, gelitten draußen vor dem Tor. So lasset uns nun zu ihm hinausgehen aus dem Lager und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir“ (Hebr.13,12-14).

Hier draußen gehört ihr dazu

Liebe Gemeinde,

jeden Abend geht er an jenem hell erleuchteten Nobellokal in der Fußgängerzone vorbei, schaut durch die Fenster und denkt: Einmal da drin sitzen! Essen, was und so viel du willst! Einmal! Und dann geschieht es: Die etwas ältere Frau, sie hatte ihn schon oft so dastehen sehen, fasst sich ein Herz und lädt ihn ein: „Kommen Sie, ich lade Sie ein! Sie sind heute Abend mein Gast. Ich bin allein, Sie sind allein. Kommen Sie!“

Er weiß nicht, wie ihm geschieht. Gerät ins Stottern. „Nein, nein! Wissen Sie, ich gucke nur, ob...“ „Ach was, kommen Sie!“ sagt sie, hakt ihn ein und sie betreten das Lokal. „Sie können sich auswählen, was Sie wollen. Sie sind mein Gast!“

Er studiert die Speisekarte, erschrickt über die Preise. Davon muss ich eine Woche lang leben, denkt er. So viel wie ich in einer Woche fürs Essen ausgebe, kostet hier ein Menü! Sie merkt sein Zögern. „Was“, fragt sie, „haben Sie denn als Kind so gerne gegessen?“

„Suppen“, antwortet er spontan. „Und?“ fragt sie weiter, „was noch?“ Er schaut wieder auf die Speisekarte und erschrickt, Buchstaben und Zahlen mischen sich ineinander. Er kann nichts mehr lesen. Verwirrt fährt er sich übers Gesicht. „Zuhause, meine ich“, fragt die Frau, „zuhause?“ „Ich“, sagt er leise, „ich hab kein Zuhause.“

Wieder blickt er auf die Speisekarte. „Jägerschnitzel“, sagt er dann. „Jägerschnitzel würde ich gerne essen, mit frischen Pfifferlingen, wissen Sie, die habe ich als Kind gesammelt.“ Das billigste Menu hat er sich ausgewählt, er ist so bescheiden, denkt sie , winkt dem Ober und bestellt: Einen großen Salatteller für sich und Menü I, mit Suppe, Jägerschnitzel und Obstsalat für ihren Gast.

Er versucht, das an den Ärmeln zerschlissene Hemd umzukrempeln. Er schämt sich. „Lassen Sie nur!“, sagt sie, „es ist alles gut!“

Schweigend sitzen sie einander gegenüber. Er schaut sich um. Beobachtet, sieht, hört, nimmt alles in sich auf, genießt die Höflichkeit der Kellner. Ein Festessen, denkt er. Doch die Augen der Gäste an den Tischen sind matt.

„Draußen“, sagt er nach einer Weile, „draußen, wenn wir essen, legen wir alles auf den Tisch und teilen. Laut geht’s da zu. Nein, nicht alle teilen. Manche verziehen sich auch mit ihrem Einkauf. Essen für sich allein, so wie die Menschen hier drin .“Spüren Sie?“, fragt er und schaut dabei der Frau zum erstenmal in die Augen. „Die Menschen hier sind allein. Auch wenn sie zu zweit oder viert an einem Tisch sitzen. Und sie reden nicht wirklich miteinander!“

Sie schaut sich um und nickt. „Das ist immer so hier“, sagt sie, „ganz normal.“

„Ganz normal?“, fragt er zurück. „Normal?“ Sie nickt.

Das Essen wird aufgetragen. Er zögert anzufangen, ist verlegen. „Wenn wir essen“, sagt er leise, nennt jeder zuerst seinen Namen. Ich meine, man kann doch nicht mit Fremden essen. Es schmeckt dann nicht.“

Ist das, denkt sie, ein Trick, meinen Namen, womöglich noch meine Adresse zu erfragen? „Bernd, heiße ich“, sagt er. „Anne“ antwortet sie. „Ihnen, Anne, einen guten Appetit“, sagt er lächelnd und beginnt zu essen.

Nach dem Essen erzählt er von sich, erzählt langsam, überlegt. Erzählt von seinem Vater, Chef einer großen Firma, dem er nichts recht machen konnte, von seiner Mutter, die dauernd krank war, an Depressionen litt. Er erzählt von seinem ehemaligen Beruf als Krankenpfleger, den er aufgeben musste, weil, wie er sagt, ihm alles zu nahe ging. Von seiner Umschulung als Versicherungskaufmann berichtet er. „Versichern“, sagt er leise. „Sie wollen sich gegen alles versichern und nicht wahrhaben, dass es hier in diesem Leben keine Sicherheit gibt. Verstehen sie, ich konnte diese Lügengeschichten von Sicherung gegen Krankheit, Altersarmut, verregneten Urlaub... nicht mehr verkaufen. Ich habe mich selbst gekündigt. Bin jetzt draußen!“

Plötzlich steht er auf. „Es wird mir hier zu heiß“, sagt er. „Ich muss raus! Danke für die Einladung. Ich merke, ich gehöre hier nicht hin. Ich gehöre zu denen, die draußen sind.“

„Was“, fragt sie zurück, „was ist draußen noch anders?“

Er setzt sich nochmals hin. Überlegt.

„Draußen“, antwortet er leise, „draußen brauchen wir einander. Und“, er zögert, „ich weiß nicht, ob Sie das verstehen werden? Draußen wissen alle voneinander, dass wir in dieser Welt nirgends zu hause sind. Dieses Wissen macht frei! Und verbindet.“

Er schweigt. „Na ja“, fügt er dann beim Aufstehen hinzu, und streicht dabei über seine abgetragene Jacke, „dass ist die andere Seite dieser Freiheit! Doch ich möchte mit denen hier drinnen nicht tauschen. Oder manchmal doch? Sie haben mich mit Ihrer Einladung ein wenig verunsichert“, sagt er, reicht ihr die Hand und geht.

„Sie mich auch. Sie haben etwas in mir angerührt, geweckt“, wollte sie noch antworten, doch sie brachte kein Wort raus. Ihr Hals war wie zugeschnürt.

„Vielleicht sind wir hier drinnen, mehr draußen als ihr?“ dachte sie und spürte, wie die Frage in ihr brannte.

Liebe Gemeinde, Jesus starb, so haben wir im Hebräerbrief gelesen, draußen vor dem Tor. Er starb da, wo er gelebt hat. Draußen! Bei denen, die auf Grund ihrer Krankheit ausgegrenzt waren, bei denen, die sich den normalen Lebensstandard nicht leisten konnten. Er starb draußen, wie die, die es nicht geschafft hatten, die religiösen Lebensregeln zu befolgen.

Und, so lesen wir, er heiligte das Volk. Heiligen bedeutet, Menschen in Gottes Nähe rufen. Er sagte ihnen zu: Hier draußen seid ihr bei mir richtig. Hier draußen gehört ihr dazu. Ihr gehört zur Familie der Söhne und Töchter Gottes. Er heiligt sie durch sein Blut, das heißt: Er tritt für seine Botschaft „ihr gehört dazu“, mit seinem Leben ein. Ihr wisst wie ich, sagt er ihnen zu , dass wir hier auf dieser Erde kein zu Hause haben, Suchende sind.

Suchende sind aufeinander angewiesen, sonst verlaufen sie sich. Sie sind auf Nähe angewiesen, sonst frieren sie. Sie sind auf Teilen angewiesen, sonst verhungern sie.

Suchende leben in der Hoffnung, dass es für sie ein zu Hause gibt. Der Schreiber des Hebräerbriefes nennt dieses Zuhause „Ruhe“.„Es ist noch eine Ruhe vorhanden, dem Volke Gottes“, schreibt er.

Ruhe das heißt Unterbrechung von Stress, ein Ablegen von allem, was uns in Unruhe versetzt

Einer der großen Theologen, Johann Baptist Metz, sagt:. „Die kürzeste Definition von Religion heißt Unterbrechung.“ Unterbrechung der Gedankenkreisläufe, die sich in unserem Kopf drehen und uns quälen. Unterbrechung, Aussteigen, Abschalten. Dazu brauchen wir oft alle Kraft. Und, das weiß ich aus eigener Erfahrung, Unterbrechung braucht Zeit. Ich brauche mindestens zehn Minuten, um die zermürbenden Gedankenkreisläufe zu unterbrechen. Unterbrechung erfordert Zeit und Regelmäßigkeit. Sie möchte gleichsam eingeübt werden, so wie zum Beispiel das Gitarrespielen.

Suchende werden verlacht, verkannt, abgeschoben, verachtet, verspottet, doch sie lassen sich in ihrem Suchen nicht beirren. Sie durchschauen die Fassadenwelt derer, die bei vollen Schüsseln über einen unverbindlichen smal talk, einem seichten Geplapper, nicht hinaus finden und oft nicht mehr wissen, wonach sie sich sehnen, was sie wirklich suchen.

Suchende wissen, wonach sie sich sehnen. Und vertrauen darauf, dass Sehnsucht und Schmerz Gotteskräfte sind, die zur Erlösung führen.

Sie verbieten sich jedoch, irgend einen Menschen als Nichtsuchenden fest zu legen. Suchende lesen in den Augen eines jeden Menschen die Sehnsucht nach Leben, nach Anerkennung, Wertschätzung und Liebe. Drinnen und draußen verwischen sich dabei, wie bei der Frau und ihrem Gast, dem Obdachlosen.

Suchende erinnern sich daran, dass Gott ihnen zusagt: „Wenn ihr mich von ganzen Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen“ (Jeremia 29,13f ).

Amen