Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Hiob 14,1-6

Pfarrerin Gabriele Krohmer

11.12.2000 in der Evang. Kirchengemeinde Schwäbisch Gmünd

In den trüben Tagen des Novembers werden wir daran erinnert, dass unser Leben nicht ewig währt, sondern ein Ende hat. So wie die Blätter von den Bäumen fallen und zu Erde werden, so werden auch wir wieder zu Erde werden. So wie im Herbst die Natur sich zur Ruhe begibt, so werden auch wir am Ende unsrer Tage zur letzten Ruhe getragen werden. "Unser Leben währt 70 und wenn's hoch kommt, 80 Jahre," sagt der Psalmbeter.

Immer wenn wir auf dem Friedhof stehen, wird uns das bewußt, daß unser Leben vergänglich ist. Bei jeder Beerdigung hören wir: Erde zu Erde, Asche zu Asche und Staub zu Staub. Der Tod beendet unser Leben. Und es ist gut, wenn wir diese Tatsache nicht aus unserm Leben verdrängen, sondern uns immer wieder damit beschäftigen. Am Ende des Kirchenjahres sind es die letzten drei Sonntage, die uns dazu einladen, uns mit unserem eigenen Sterben zu befassen.

Für manche unserer Zeitgenossen und vielleicht auch für uns selbst ist das nicht so einfach zu schlucken. Und das Wissen, daß die Lebenszeit begrenzt ist, drängt viele dazu, aus diesem Leben so viel wie möglich herauszuholen. Möglichst viel Sinn herauszupressen. Da ist jede Minute kostbar und muß mit viel Spaß und Lust gefüllt werden. Andere versuchen, sich Bedeutung zu verschaffen, Bedeutung über den Tod hinaus. Sie möchten, daß nach ihrem Tod noch über sie geredet wird, und zwar möglichst viel Ruhmreiches. Ob das ihnen schon in diesem Leben viel Wert verleiht, wenn sie wissen, nach ihrem Tod sind sie auch noch wer?

Dass unser Leben begrenzt ist, hat für mich auch etwas Tröstliches. Es ist nicht nur bedrängend und traurig. Wenn ich an die vielen Leidenden auf dieser Welt denke, dann kommt für manche Menschen der Tod auch als Erlöser. Manche ältere Menschen sehnen sich nach dem Ende ihrer Leidenszeit. Sie halten es fast nicht mehr aus, so viel Schweres liegt auf ihrem Leben, aber auch manchmal auf den pflegenden Angehörigen.

Dass wir Menschen vergänglich sind, ist kein Zufall. Es ist auch nicht einfach eine biologische Notwendigkeit. Es liegt nicht nur in der Natur der Dinge, sondern ist von Gott bestimmt. Er setzt unserem Leben eine Grenze. Er hat es so gesetzt, daß unser Leben einen Anfang und ein Ende hat. Er ist und bleibt der Herr über Leben und Tod. Nicht umsonst reden wir bei der Beerdigung davon, dass Gott den Toten abgerufen hat, daß er diesem Leben ein Ende gesetzt hat.
Jetzt könnte man ja meinen, wenn wir Menschen sowieso aufgehen eine Blume und wieder zusammenfallen, wenn wir wie ein Schatten vergehen, dann sei unser Leben völlig unwichtig, dann spiele es keine Rolle, was wir denken oder tun, dann wären wir Gott gleichgültig.

So aber ist es gerade nicht. Auch wenn wir mit unserem Leib verwesen, wird Gott uns nicht vergessen. Obwohl wir vergängliche Geschöpfe sind, schaut der unvergängliche Schöpfer nach uns. Er achtet uns würdig und sieht nach uns. Er möchte uns begegnen. Wir sind ihm nicht egal, sondern er sieht nach uns, nach jedem einzelnen. Wir sind nichtig und für ihn trotzdem wichtig. Er schaut nach seinen Menschen. "Adam, wo bist du?" Das zieht sich durch die ganze Bibel durch. Gott möchte uns Menschen begegnen. Aber wie begegnet er uns?

"Von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten", heißt es in unserm Glaubensbekenntnis. Christus kommt als der Richter, als derjenige, der uns zur Verantwortung zieht, der nach unserem Leben fragt, was wir getan, gedacht und gesagt haben. Es ist nicht gleichgültig, was wir tun. Christus begegnet uns als der Richter in Zukunft, aber auch schon in der Gegenwart.

Wenn ich in das Leben mancher Menschen blicke, dann kommt es mir vor, dass für viele schon in diesem Leben Gott Gericht hält. Da ist schon so viel Elend, daß es fast nicht mehr schlimmer kommen kann. Manche Ehe ist schon die Hölle auf Erden. Manchmal ist das Mobbing am Arbeitsplatz so heftig, daß es schier nicht mehr auszuhalten ist. Und in manche Familie ist durch Tod oder Krankheit soviel Leid hereingebrochen, daß es kaum zu ertragen ist.

Auch bei Hiob war es so. Kennen Sie seine Geschichte? Hiob war ein frommer und gottesfürchtiger Mann. Er achtete auf Gottes Gebote und liebte seine Mitmenschen. Hiob vertraute nicht nur seinem Gott, sondern war auch sehr reich. Er besaß tausende Schafe, Kamele, Rinder und Eselinnen. Er hatte viele Knechte und Mägde. Gott hat ihn gesegnet. Und jetzt bricht in dieses schöne Leben unendlich schweres Leid herein. Die Tiere werden gestohlen und die Knechte werden von räuberischen Banden getötet. Selbst seine eigenen Kinder werden nicht verschont, sondern kommen durch ein Erdbeben alle um.

Und damit nicht genug. Er bekommt auch noch eine ganz gemeine Hautkrankheit: Üble Geschwüre übersäen seinen Körper von der Fußsohle bis zum Scheitel. Hiob erlebt so furchtbar viel Leid, dass er's kaum tragen kann. Er steht nun nicht mehr auf der Sonnenseite des Lebens, sondern auf dessen Schattenseite. Er bekommt die ganz dunklen Seiten des Leben zu spüren. Nach soviel Unglück rät ihm seine Frau, doch endlich Gott abzusagen, doch endlich von Gott zu lassen, der soviel Unglück über ihre Familie gebracht hat.

Da kommen seine 3 Freunde Elifas, Bildad und Zofar, um ihn zu beklagen und zu trösten. Und sie weinten mit ihm und saßen 7 Tage und 7 Nächte bei ihm, um mit ihm zu schweigen. Denn sie sahen, daß der Schmerz sehr groß war. (2,11-13)

7 Tage. Liebe Gemeinde, können wir das, so lange stumm sein und das Leiden des andere aushalten? Einfach da sein ohne zu reden, zuhören, mitempfinden, vielleicht auch mitweinen? Wie lange halten mir so etwas aus? Ein paar Minuten? Eine halbe Stunde? An einem Sterbebett vielleicht auch längere Zeit. Angesichts der Erfahrungen von Leiden, von Tod und Vergänglichkeit ist es angemessen zu schweigen. Es ist kein Zeichen von Schwäche, wenn wir verstummen. Im Gegenteil, es braucht sehr viel Kraft, dies auszuhalten. Und wenn wir oft zu schnell mit aufmunternden Worten darüber hinweggehen, dann nicht nur aus einem gut gemeinten Trostbedürfnis heraus, sondern vielfach auch, um uns selber zu entlasten.

Das Schweigen und Verstummen braucht seinen Platz bei der Begleitung Leidender, aber auch angesichts des Todes. Bei jeder Beerdigung schweigen wir gemeinsam vor der eigentlichen Feier oder am offenen Grab. Das Schweigen bringt zum Ausdruck: Ja, wir leiden mit und sind ebenso sprachlos wie ihr, dass dieser Mensch nicht mehr unter uns ist. Und wir wissen, dass wir Menschen vergänglich sind. Aber Schweigen und Verstummen angesichts von Tod und Vergänglichkeit ist nicht alles.

Hiob klagt. Und je mehr seine Freunde mit ihren wohlmeinenden, frommen Antworten dagegen reden, desto lauter klagt er. Mehr noch: Hiob klagt an. Er verklagt Gott und die Welt. Er getraut sich, sich gegen Gott zu wenden. Er macht Gott für sein Elend verantwortlich. Er schreit die Feindschaft heraus, die er Gott gegenüber empfindet. Fast gotteslästerlich klingen seine Worte. Aber diese Klage geschieht nicht anonym. Sie hat nichts mit Jammern zu tun. Sie hat ein Gegenüber. Hiobs Gegenüber ist Gott selbst. Seine Klage geschieht in der Sprache des Gebets.

Auch wenn Hiob Gott in dem allem nicht versteht, in ihm brodelt ein leidenschaftlicher Hunger und Durst nach Gerechtigkeit. Hiob lehnt sich auf gegen das Unrecht, das ihm widerfährt, und ringt darin mit seinem Gott. Er nimmt vor Gott kein Blatt vor den Mund. Sein Beten klingt wie etwas ganz Selbstverständliches.

Beten ist für Juden so selbstverständlich, dass es ursprünglich in Israel kein extra Wort dafür gegeben hat. Beten heißt rufen, frohlocken, lachen, weinen, schimpfen, flehen - je nach den Umständen. Alles ist gestattet. Beten ist in jeder Tonlage möglich.

So kommt Hiob zu Gott und spricht sein Leid vor ihm aus. Er weiß, daß alle Menschen unrein sind, daß kein Mensch vor Gott bestehen kann, daß alle Menschen Sünder sind. Er weiß, daß der Tod nicht nur Folge des körperlichen Verfalls ist, sondern Folge unsrer Trennung von Gott. Der Tod ist nicht nur ein biologisches Ereignis, sondern hat eine geistliche Dimension.

Das weiss auch Paulus, wenn er im Römerbrief davon redet, daß der Tod der Lohn der Sünde ist. Auch Paulus ist klar: Der Tod ist nicht nur ein Zeichen unserer Vergänglichkeit, sondern die Konsequenz unserer Rebellion gegen Gott.

Und Paulus weiss, was Hiob noch nicht wissen konnte: Wir sind nicht auf ewig der Vergänglichkeit preisgegeben. Da ist vor 2000 Jahren etwas passiert, das uns die Vergänglichkeit relativiert. Da ist durch Jesus Christus etwas in die Welt gekommen, das ihr Gesicht verändert hat. Da ist etwas geschehen, das für uns größer und wichtiger ist als alle Vergänglichkeit. Die Vergänglichkeit und der Tod haben nicht das letzte Wort. Jesus Christus ist nicht im Tod geblieben, sondern ist auferstanden und hat das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht. So hat Gott selbst den Tod überwunden.

So fällt in diesen trüben Novembertagen österliches Licht herein. Wir Christen müssen nicht miteinstimmen in das allgemeines Jammern über unsre Vergänglichkeit, denn wir haben eine Hoffnung, die über den Tod hinausgeht. Das macht mich zuversichtlich bei jeder Beerdigung, bei jeder Sterbebegleitung und auch im Hinblick auf meinen eigenen Tod.

Hiob wurde vom Leid so erdrückt, daß er Gott anflehte: "Schau weg! Laß mich in Ruhe! Du bringst mir nur Unglück! Ich will deine Gegenwart nicht." Das ist verständlich angesichts des furchtbaren Elendes, das ihn getroffen hat. Das können wir nachvollziehen, wenn der gute Gott Hiob in so böser Gestalt begegnet. Und wir dürfen auch so zu Gott schreien, wenn es uns so geht.

Aber wir müssen nicht dabei stehen bleiben. Wir können durch Christus auch die Bitte an Gott richten: "Schau her, Gott, vom Himmel her! Blicke auf mich herab und erbarme dich meiner! Laß dein Angesicht über mir leuchten und sei mir gnädig!"

Beides macht unser Leben aus. Ein Leben, das nur schöne und angenehme Zeiten kennt, gibt es nicht. Oft erreicht uns ein Unglück, mit dem wir nicht gerechnet haben. Gott ist uns verborgen. Wir verstehen ihn nicht: Wir klagen und fragen, wie er so etwas zulassen kann. Wir begehren vielleicht auf gegen ihn. Wir schreien ihn an: "Laß mich in Ruhe!"

Und es ist gut, wenn wir das tun können und mit unsrer Not nicht hinteren Berg halten. Und es ist auch gut, dass wir vom verborgenen Gott auch zum offenbaren Gott fliehen können. Dass wir in solchen Zeiten uns weg vom zornigen Gott hin zum gnädigen Gott in Christus bewegen dürfen. Das ist übrigens Glaube: Immer wieder sich von der Erfahrung des zornigen Gottes hineinzuflüchten in die Geborgenheit des gnädigen Gottes. Immer wieder von der Anfechtung, wo Gott uns rätselhaft begegnet, sich an den Gott zu wenden, der sich in Christus als der Gnädige gezeigt hat. Der will und wird uns neue Hoffnung geben. Der wird uns Zuversicht schenken. Der wird uns neuen Lebensmut zusprechen. Er sagt:

Ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, daß ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.