Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über „Ich sah in der Krippe …“

Pfarrerin Eva Böhme (ev)

24.12.2014 in St. Cyriak/ Sulzburg

Christmette 2014

Anmerkungen d. Predigerin: Bei dem Bilderbuch handelt es sich um: Lene Mayer-Skumanz, Eugen Sopko: Eine Krippe im Wald; 2. Aufl. Patmos Verlag, Düsseldorf, 1991 

Das Kleine Weihnachtsoratorium ist der CD entnommmen: Mitten unter uns, Gesänge zu Advent und Weihnachten: Texte: Huub Oosterhuis, Musik Bern Huijbers u.a. mit dem Chor der Kleinen Kirche Osnabrück

 

Kanzelgruß:

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,
der Großvater, von dem ich Ihnen heute Abend erzählen möchte, sitzt auf dem Sofa.
Neben ihm - sein kleiner Enkel.
Auf dem Schoß hat der alte Mann ein großes Bilderbuch.
Er liest seinem Enkel vor.

Plötzlich stockt er.
Was steht da?
Was hat er da gerade vorgelesen?

Es war wie ein Traum im Wachen.
Ich sah in der Krippe ein kleines Kind,,
das rührte sich nicht und lag wie tot.

Ich sah in der Krippe ein kleines Kind,,
das rührte sich nicht und lag wie tot.
Es war, wie wenn dieser Satz sich aus dem Buch löste
und in den alten Mann fuhr.

„Was hat dieser Satz in einem Kinderbuch zu suchen?“, fährt es ihm durch den Kopf und er vergisst weiterzulesen.
„Kann man denn, nein muss man denn die Kinder,
nein, musste er nicht seinen Enkel bewahren vor solchen Bildern?“

„Früh genug würde der erfahren, dass Jesus gekreuzigt worden war.
Früh genug würde der hören, dass das kleine Jesuskind fast ermordet worden wäre, wie so viele andere Kinder in der Welt auch.“

„Nein“, denkt er, „so etwas gehört nicht in ein Kinderbuch.
Außerdem, das Jesuskind, das Kind in der Krippe lebt doch.“

Unversehens entführen ihn seine Gedanken in seine eigene Kinderzeit.
Natürlich lebte das Jesuskind.
Das konnte gar nicht anders sein.
Seine Eltern hatten ihm oft erzählt, wie er als kleiner Junge vor der Krippe gestanden war
und mit Jesus Zwiesprache gehalten hatte.
Ganz selbstverständlich war das geschehen.
Jesus war einfach ein Teil seines Lebens gewesen.

Sogar als Jugendlicher war das so geblieben.
Jesus, so war es einfach gewesen, hatte immer für ihn Zeit gehabt.
Er hatte ihm alles anvertrauen können, ohne Sorge zu haben, Jesus oder Gott, - die beiden gehörten für ihn irgendwie zusammen – würde ihn verraten.
Einer, dem er alles sagen konnte.
Einer, der ihn verstand,
fast so etwas wie ein guter Freund, war Jesus für ihn gewesen.

Einer, der in allen Problemen mitwuchs.
Nein, nicht in allen Problemen.
Manche Probleme fingen mit Gott erst an.
Immer häufiger fing er an sich innerlich von Gott zu distanzieren.
Und jedes Mal, wenn sein Leben einen Verlauf nahm, den er nicht wollte, und das war oft der Fall gewesen,
spürte er wie Gott und mit ihm auch Jesus sich immer weiter von ihm entfernte.
Nicht, dass er tot war.
Es gab ihn schon noch.
Aber immer seltener für ihn.
Und immer weniger war diese geheimnisvolle Übereinstimmung des Anfangs für ihn zu spüren.

Und dann war ihm der Glaube an Gott einfach weggerutscht.
Es war einfach still geworden um ihn.
Andere Dinge im Leben hatten sich nach vorne gedrängt.
Er hatte geheiratet.
Eine Familie gegründet.
Der Berufseinstieg hatte seine ganzen Kräfte gebunden.
Er wollte Karriere machen.

Hin- und wieder gab es noch Berührungspunkte.
Natürlich hatte er seine Kinder taufen lassen.
Und als er später im Religionsheft seiner Tochter gelesen hatte: Christus spricht: Lasset die Kinder zu mir kommen,
da hatte er sich selbst recht gegeben.
Taufe muss sein.
So wie Segen sein muss.
Und Konfirmation.
Trauung nicht unbedingt.
Beerdigung dann wieder,
aber wer denkt an Beerdigung.

Als er 50 war und sich nicht mehr so ganz jung fühlte, merkte er, dass die „Sache mit Gott“ wie er das für sich nannte, dran gewesen wäre.
Aber irgendwie wollte er nicht.
Hatte auch nicht die richtigen Gesprächspartner,
Vorbilder gab es, wie er fand, sowieso kaum welche.
Und so war es still gewesen und still geblieben um
die „Sache mit Gott“.

In ehrlichen Momenten merkte er sogar, dass er zunehmend an der Wirkmächtigkeit Gottes zweifelte.
Wenn er die Nachrichten sah, schien es ihm offensichtlich zu sein, dass es mit der Macht Gottes nicht weit her sein konnte.
Trotz zunehmend grauenhafter Schicksale, trotz Kriegen, Hungerkatastrophen und gezielter Grausamkeiten, passierte einfach nichts.

Gott ist tot, auch wenn er nicht zu denen gehörte, die so radikal formulierten,
Gott ist wie tot, diese Vorstellung entsprach seiner Geisteshaltung schon.
Er traute Gott einfach nicht mehr über den Weg.
Er traute ihm nicht mehr viel zu.
Ja, das war es.
Er traute ihm einfach nicht mehr viel zu.
Irgendwie war Gott für ihn kraftlos geworden.

Und dann war etwas passiert, damit hatte er nicht gerechnet.
Er hatte Radio gehört.
Er wusste gar nicht, was er hörte.
Den Anfang hatte er nicht mitbekommen.
Aber da sagte doch einer.
Und die Stimme prägte sich ihm ein.  

Nein, nicht verkürzt ist sein Arm, dass er uns nicht befreien könnte,
nicht verstopft ist sein Ohr,
dass er uns nicht hören würde, ‚
aber die Verbrechen der Menschen verdunkeln das Licht.

Und dann folgte eine Auflistung der Verbrechen.
Blutbefleckt ihre Hände,
lügenhaft ihre Lippen,
Spinngewebe weben sie,
sie üben Gewalt, säen Vernichtung,
den Weg des Friedens kennen sie nicht.

Er hatte sich von der Sendung einen Hörermitschnitt schicken lassen.
Und hatte sich die Stelle immer wieder angehört und auch wie es weiterging.

Wir warten auf Licht, doch es bleibt finster.
Sonnenlicht, doch wir irren in Finsternis.
Blinde so tappen wir an der Wand.
unsichere Menschen ohne Augen.
Wir straucheln am hellichten Tag.
In der Blüte unseres Lebens sind wir wie Tote.

Er war damals erschrocken.
„Sollte er tatsächlich zu denen gehören, die innerlich wie tot waren?
Sollte es tatsächlich für ihn an der Zeit sein, sich neu auszurichten?“

Es hatte dann noch ein paar Jahre gebraucht, bis er den Mut hatte, sich einer Männergruppe anzuschließen.
Bis dahin hatte er sich jedes Jahr wieder an Weihnachten, dieses sogenannte kleine Weihnachtsoratorium angehört.
Darin den Satz:

Nein, nicht verkürzt ist sein Arm, dass er uns nicht befreien könnte,
nicht verstopft ist sein Ohr,
dass er uns nicht hören würde, ‚
aber die Verbrechen der Menschen verdunkeln das Licht.

Er hatte den Satz inzwischen im Ohr und er schien ihm wie eine Antwort zu sein auf einige seiner Fragen.
Keine erschöpfende Antwort, aber immerhin eine Antwort, mit der er leben konnte.

Seitdem merkte er, war er wieder zur inneren Zwiesprache mit Gott zurückgekehrt war.
Noch ein wenig stockend und zurückhaltend, aber immerhin.
Weshalb er jetzt so erschrocken war über den Satz:

Ich sah in der Krippe ein kleines Kind,,
das rührte sich nicht und lag wie tot.

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„Warum liest du nicht weiter, Großvater?“
Die drängelnde Stimme seines Enkels lässt ihn zusammenfahren.
Er hatte wohl tatsächlich ein wenig geträumt.
Das Buch war ihm von den Knien gerutscht.
Jetzt nimmt er es wieder hoch.
Für kurze Zeit ist die Titelseite zu erkennen.
Eine Krippe im Wald heißt es und erzählt aus dem Leben des Franz von Assisi.

„Junge, du hast Recht,“ sagt der Alte, „ich muss wohl kurz geträumt haben.“
Und dann:
„Ist es dir recht, wenn ich noch einmal eine Seite vorher anfange? Nur eine Seite.
Der Junge nickt mit dem Kopf.“
Sein Großvater beginnt zu lesen:

Die Weihnachtsfeier konnte beginnen.
Franziskus sang das Evangelium von der Geburt des Gottessohnes in Bethlehem
in der heiligen Nacht.
Dann fing er zu reden an
wie Gott seinen Menschenkindern zuliebe
selber ein armer Mensch geworden ist.

Als die Feier vorüber war,
eilten die Menschen zur Krippe hin und nahmen das Heu in Büscheln, um es nach hause zu tragen.
Der Großvater, (also der Großvater in dem Buch,) entzündete eine neue Fackel.
Sie machten sich auf den Heimweg.

Etwas Seltsames ist mir geschehen bei dieser Feier, sagt Pietros Großvater zu den Kindern.

Es war wie ein Traum im Wachen.
Ich sah in der Krippe ein kleines Kind,
das rührte sich nicht und lag wie tot.

Aber Franziskus weckte es auf und es lächelte.
So hat Franziskus in meinem Herzen das Jesuskind lebendig gemacht.

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Der Alte legt das Buch weg.
Als sein Enkel zu ihm aufschaut, meint er Tränen in den Augen seines Großvaters zu sehen.

„Großvater, du weinst ja. Bist du traurig?“
„Lass nur Junge,“ antwortet der Alte, „das verstehst du noch nicht.
Das sind Freudentränen.“

Worauf der Junge seine kleine Hand hebt und ihm ganz vorsichtig über die Backe streichelt.
Die Augen des Alten glänzen.
Im Zimmer ist es ganz still.
Nur die Kerzen knistern.
Auf dem Tisch die Pyramide dreht sich langsam.

Amen.