Der Predigtpreis - Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG

Druckversion der Seite: Darstellung Einzelpredigt

Predigt über Jeremia 1, 4-10

Pfarrerin Andrea Schmolke (ev.-luth.)

05.08.2012 in der Johanniskirche in Lauf an der Pegnitz

Predigtpreis 2013 für die beste Predigt

Predigtpreisträgerin 2013 Andrea Schmolke - Beste Predigt

Foto: privat

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen

G Amen.

Liebe Gemeinde,

ich lese aus dem Buch des Propheten Jeremia im 1. Kapitel:

[4] Und des HERRN Wort geschah zu mir: [5] Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker. [6] Ich aber sprach: Ach, Herr HERR, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung. [7] Der HERR sprach aber zu mir: Sage nicht: »Ich bin zu jung«, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete. [8] Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der HERR. [9] Und der HERR streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund. [10] Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, dass du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen.

Liebe Gemeinde,

Gott kennt Jeremia von Anfang an. Ach, was heißt von Anfang an. Noch bevor Jeremia im Mutterleib entstanden ist, also noch vor seiner Erzeugung, kennt Gott ihn schon.

Und noch vor Jeremias Geburt hatte Gott schon einen Plan für ihn. Er hat für ihn einen Platz in dieser Welt zugeordnet, an dem er wirken kann und darf.

Von Anfang an kann Jeremia mit dem Gefühl über die Erde gehen: „Ich werde gebraucht, ich habe eine Aufgabe; einen Auftrag, für den Gott mich ausgesucht hat. Ich bin wichtig in Gottes Augen – von Anfang an, noch ehe ich geboren wurde, noch ehe meine Eltern wussten, wie ich aussehen werde, welchen Charakter ich haben werde.“

Rund 90% aller Föten mit dem Down-Syndrom werden gegenwärtig in Deutschland abgetrieben. Denn noch bevor Kinder heute geboren werden, können Eltern wissen, ob ihr Kind an Trisomie 21, also dem Down-Syndrom, leidet oder nicht. Werdende Eltern können entscheiden, ob sie wissen möchten, wie es um die Gesundheit des Ungeborenen steht. Bisher war die risikoreiche Fruchtwasseruntersuchung dazu nötig, in Zukunft wird ein Gentest aus dem Blut der Mutter die Gene des Embryos offenlegen. Bereits in der 10. Schwangerschaftswoche müssen die Eltern dann entscheiden, ob sie ein behindertes Kind behalten möchten oder nicht.

Noch ist dieser Test als Standarduntersuchung Zukunftsmusik, weil er zu teuer ist. Aber es ist wohl eine Frage der Zeit, bis die Kosten durch eine bessere Technik auf ein vertretbares Niveau gesenkt werden.

Es ist abzusehen, dass immer mehr Eltern, bereits vor der Geburt wissen möchten, ob ihr Kind einen Genfehler hat oder nicht. Und es ist bereits jetzt abzusehen, dass die Zahl der Abtreibungen steigen wird, weil der Test zu einem sehr frühen Zeitpunkt in der Schwangerschaft durchgeführt werden kann.

Jeremia konnte selbst noch sagen: Ach, Herr HERR, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung. Wer würde ihm denn zuhören, diesem jungen Mann? Wenn Gott doch etwas bewegen wollte durch einen Propheten, dann müsste er schon einen anderen schicken – eine bedeutende Person, einen starken Charakter, jemanden mit Rang und Namen. Aber doch nicht ihn!

Hinter diesen Worten steckt eine große Portion Angst:

Angst vor der Größe der Aufgabe.

Angst vor den Reaktionen seiner Mitmenschen.

Angst vor dem Versagen.

Die Embryonen, die abgetrieben werden, kommen nicht so weit, sich vor Gott herauszureden. Für sie reden andere:

„Das Kind wird nie gesund sein. Es wird ein Leben lang Hilfe brauchen. Das schaffen wir nicht,“, sagt die Angst der Eltern.

„Ich möchte Sie ausdrücklich darauf hinweisen, dass Ihr Kind eine Behinderung haben wird. Sie haben die Möglichkeit, es abzutreiben,“ sagt die Angst der Ärzte, weil sie haftbar gemacht werden könnten, wenn sie die Eltern nicht deutlich genug aufgeklärt haben.

„Man sollte doch diesen Menschen das Leiden lieber ersparen,“ sagen die Stimmen der Gesellschaft, die Angst haben mit dieser Seite des Lebens konfrontiert zu werden.

Gott lässt Jeremias Einspruch nicht gelten: Sage nicht: »Ich bin zu jung«, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete. Fast schon schroff weist Gott Jeremias Bedenken zurück. Stattdessen gibt er seinem jungen Propheten deutlich zu verstehen: „Wo ich dich hinsende, da gehst du hin; und was ich dir sage, das wirst du auch predigen.“ Das ist eine klare Ansage. Da gibt es nichts mehr zu verhandeln. Es ist eine schlichte und einfache Anweisung. Und das ist hart – einerseits.

Andererseits kann sich Jeremia daran orientieren. Er weiß, was er nun zu tun hat. Ob er dafür der richtige ist, muss er nicht entscheiden. Ob er die notwendigen Fähigkeiten hat, darüber muss er sich nicht den Kopf zerbrechen. Das ist Gottes Sache!

Genau zu wissen, was man tun soll oder lieber lassen sollte, das ist die Schwierigkeit. Wir haben heute so viele Möglichkeiten, dass wir Entscheidungen treffen müssen. Das trifft besonders auch auf den Bereich der Medizin zu. Es gibt heute vielmehr Möglichkeiten als früher. Die Gentests an Ungeborenen sind ein Beispiel dafür. Es sind Möglichkeiten, von denen wir abwägen müssen, ob wir sie nutzen wollen oder nicht. Und wir als Christen und Christinnen müssen uns auch fragen: Wo darf ich die Möglichkeiten der Medizin nutzen, und wo sind sie womöglich gegen Gottes Willen?Bei unserer Frage, ob man Embryos wegen eines genetischen Fehlers abtreiben darf, kommt die Mehrheit der Christen zu der Überzeugung, dass eine Abtreibung gegen Gottes Willen ist.

Und das ist eine harte Meinung! Die Härte dieser Haltung spürt man wohl erst, wenn man plötzlich selbst vor einer solchen schwierigen Entscheidung steht – einerseits.
Andererseits kann man sich an einer Überzeugung, die aus dem Glauben heraus entspringt, genau in solchen Konfliktfällen eben auch orientieren.

Du sollst gehen, wohin ich dich sende, … Gott wäre ein unbarmherziger Gott, wenn er Jeremia nur in die Ungewissheit seines Auftrages schicken würde. Gott hängt noch etwas an seine Rede an: Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten.
Gott weiß wohl, was er Jeremia zumutet. So wie er seinen jungen Propheten von Anfang an kennt, so kann er auch sein Volk einschätzen, das mit den Botschaftern Gottes äußert erbarmungslos und grausam umgehen kann. Es ist zu erwarten, dass es Jeremia auch so ergehen wird. Daher verspricht Gott ihm: „Aus ihren Händen werde ich dich erretten. Du brauchst dich nicht zu fürchten.“
Trotz dieser Zusage wird Jeremia noch viele Male in seinem Leben an seinem Auftrag verzweifeln. Er wird mit Gott hadern. Ja, er wird sogar den Tag seiner Geburt verfluchen, weil es ihm als Gottes Botschafter so schlecht geht.

Keine Schwangere muss „Halleluja“ rufen, wenn sie erfährt, dass ihr Kind mit einer Behinderung auf die Welt kommen wird.
Die Angst vor der Zukunft darf sein.
Die Freude über die Schwangerschaft darf deswegen vergehen.
Das ist in Ordnung so. Die werdenden Eltern brauchen ihre Zeit, um ihren Wunsch von einem rundum gesunden Baby zu Grabe zu tragen.
Und sie brauchen jemand, der ihnen sagt: „Fürchtet euch nicht! Wir sind für euch da. Wir werden euch nicht schief anschauen, weil ihr ein behindertes Kind bekommen habt. Sondern wenn ihr uns braucht, kommen wir und helfen euch.“

Es braucht seine Zeit, bis Menschen in den Auftrag Gottes einwilligen können. Da darf gehadert und geschimpft werden – auch mit Gott. Und erst wenn dies geschafft ist, sind die Menschen bereit, für den konkreten Auftrag Gottes anzunehmen.

Erst nach Jeremias Einspruch und Gottes Zuspruch, erst jetzt kann Gott genau formulieren, welche Aufgaben er für Jeremia vorsieht: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund. Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, dass du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen.

Ausreißen und einreißen, zerstören und verderben soll Jeremia. Nur am Ende, als Nachsatz, wird noch bauen und pflanzen erwähnt. Es ist eine destruktive Aufgabe, die Jeremia da hat. Im Auftrag Gottes muss Jeremia scharf kritisieren, wie sich das Volk verhält. Ja, das Volk soll angeklagt werden wegen seiner sittlichen und religiösen Verderbtheit. Es braucht nicht viel Phantasie, um heraus zu hören, dass das kein Traumjob ist.

Scheinbar hat Gott dazugelernt und schickt uns heute keine solchen Propheten mehr, die mit einer Pädagogik des Schimpfens und Drohens versuchen, uns zu verändern. Gott schickt uns heute Kristin, Roland, Tim und viele andere, Kinder und Erwachsene mit Behinderung.

Das sind Propheten, die ganz sanft unsere Vorstellungen und Maßstäbe vom erfolgreichen Leben ausreißen und einreißen, einfach weil sie selbst ganz anders sind.
Sie sind Propheten, die die Vormachtstellung des Leistungsprinzips zerstören, weil sie es schlichtweg nicht kennen.
Sie sind Propheten, die uns den Wunsch nach einem Leben voller Unbeschwertheit verderben, weil eben eine Behinderung trotz all der bereichernden Seiten eine Herausforderung bleibt. Die körperlichen Einschränkungen für sie selbst und die Belastung für ihre Eltern und Betreuer sind nicht klein zu reden.
Es sind Propheten, die mit ihrer Art zu leben, bei uns etwas Neues bauen. Sie zeigen uns, wie sehr man sich über ein einfaches Essen, über den Sonnenschein, über ein Lächeln freuen kann. Sie machen uns vor, dass man auf andere Menschen mit Freundlichkeit und Offenheit einfach zugehen kann. Sie haben ein unglaubliches Gespür dafür, wie es anderen geht.

Es sind Propheten, die uns in unser Herz eine Ahnung pflanzen, was es heißen könnte, nach Gottes Willen zu leben.

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.


 


VNR Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG . Theodor-Heuss-Straße 2-4 . D-53177 Bonn
Tel.: 0228 - 82 05 0 . Fax: 0228 - 36 96 480
info@vnr.de . www.vnrag.de