Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 7, 37-39

Pastorin Christiane Nadjé-Wirth (ev.-luth.)

05.06.2011 in der Petrikirche/Höxter

Exaudi 2011

Lebendiges Wasser

Predigttext aus Johannes 7, 37-39:

Aber am letzten Tag des Festes, der der höchste war, trat Jesus auf und rief: „Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke! Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen.“

Das sagte er aber von dem Geist, den die empfangen sollten, die an ihn glaubten, denn der Geist war noch nicht da, denn Jesus war noch nicht verherrlicht.

Liebe Gemeinde,

Wolken türmen sich am Himmel auf. Am Himmel, den sonst die Sonne regiert. Sie schafft es, die ersten wieder aufzulösen, aber immer neue bilden sich. Und sie werden dunkler. Könnte es diesmal sein? Eine Spannung liegt über der Wüste. Gespannte Erwartung. Und dann tatsächlich der erste Tropfen, der zweite, hier und da ein weiterer. Sie zerspringen auf dem heißen Sand. Aber es werden mehr. Und mehr. Und mehr. Der Himmel öffnet seine Schleusen und es gibt kein Halten mehr. Zum ersten Mal nach drei Jahren. Regen.

Dieses Spektakel verfolgte ich gemeinsam mit meinen Eltern am Bildschirm. Am Sonntagnachmittag, unserem Familien-Fernsehtag. „Die Wüste lebt.“ Ein Hollywoodschinken, mit mehreren Oscars prämiert. Und noch nach 30 Jahren sehe ich die Bilder vor mir.

Stundenlang regnet es auf die heiße Wüste. Dann erobert sich die Sonne ihr Terrain zurück. Es ist so als wäre nichts gewesen. Aber dann, nach ein paar Tagen, strömt das Wasser in den alten ausgetrockneten Flusslauf. Bäche fließen zusammen zu einem See. Die Tiere finden sich ein. Sie trinken und toben im Wasser. Wo waren die vorher alle? Und dort, wo vorher nur Sand war, sprosst es plötzlich ganz zart und grün. Überall strecken Pflänzchen ihre Köpfe ans Tageslicht. Jahrelanges Warten im trockenen Sand auf diesen Moment. Und jetzt wachsen sie. Und blühen. Ein Farbenmeer nach wenigen Tagen über den Hügeln. Für einige Wochen wird aus der Wüste ein Paradies.

Wasser, das lebendig macht.

Was Trockenheit ist, das wissen sie im alten Israel. Zwar keine Saharadünen, in denen sie leben, aber ein karger Landstrich, in dem jeder Tropfen Wasser kostbar ist.

Die Zeit der Ernte ist herangekommen. Nur, wenn sie gut ausfällt, ist das Leben der Menschen einigermaßen gesichert. Das ist jedes Jahr wieder eine Wackelpartie. Und deshalb beten sie dafür, sie feiern Gottesdienste, sie bringen Opfer dar am Tempel. „Bitte Gott, schenke uns auch in diesem Jahr wieder genug Regen und Wind, damit das Korn gut wächst, damit die Reben voll werden.“

Und dann, wenn alles eingebracht ist, das Fest. So wird es nur genannt und doch weiß jeder, welches damit gemeint ist. Das schönste im Jahr. Die Leute pilgern in Scharen nach Jerusalem, Ausnahmestimmung eine ganze Woche lang. Es ist noch warm genug, um draußen im Freien zu schlafen. Nur von einfachen Laubhütten geschützt, die errichtet werden. Es wird gesungen und getanzt, gegessen und getrunken. Man hört Kinderlachen überall.

Für Joachim, den jungen Priester, ist das schönste aber das Wasserschöpfen. In diesem Jahr wurde ihm die Aufgabe übertragen. Jeden Morgen bei Tagesanbruch geht er schweigend zur heiligen Quelle, dem Teich Siloah. Mit der Kanne schöpft er Wasser heraus und bringt es zum Tempel. Da wird er begrüßt mit drei Trompetenstößen. Es geht ihm jedes Mal durch und durch. Auf dem Altar steht eine Schale, dorthin wird das Wasser gegossen. Einer rezitiert die alten Worte des Propheten: „Ihr werdet mit Freuden Wasser schöpfen aus den Heilsbrunnen.“

Dank für die Ernte und Bitte um Regen für die kommende Zeit.

Wasser, das lebensnotwenig ist.

Und am letzten Tag des Festes dann das: da steht plötzlich einer auf. Und die Menge wird still. Einer flüstert seinem Nachbarn zu: „Ist das nicht dieser Jesus aus Nazareth, von dem deine Frau so schwärmt?“ „Ja, ich glaube schon. Dass der sich hierher traut! Er muss doch wissen, dass er sich hier schon viele Feinde gemacht hat. Was er wohl will?“ „Psst, seid doch mal leise. Wir wollen hören, was er zu sagen hat.“

„Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke! Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen.“

„Lebendiges Wasser? Was meint er damit?“ „Keine Ahnung! Aber was Durst ist, weiß ich. Komm, lass uns irgendwo was trinken gehen.“

„Johannes, was meinte er damit?“ So fragen später die Gemeinden. Was ist das mit dem lebendigen Wasser?

Und Johannes antwortet: „Das sagte er aber von dem Geist, den die empfangen sollten, die an ihn glaubten, denn der Geist war noch nicht da, denn Jesus war noch nicht verherrlicht.“

Der Heilige Geist. Lebendiges Wasser.

Manchmal trifft man einen Menschen, der so erfrischend ist wie eine sprudelnde Quelle. Von dem etwas ausströmt, das gut tut.

So wie die Äbtissin im Kloster, in dem ich einen Sabbattag erleben konnte.

Sie lächelt mich an und gibt mir die Hand zur Begrüßung. Und es lächelt nicht nur ihr Gesicht, sondern es lächelt in ihr. Und dann führt sie uns durch diesen Tag. Unaufdringlich, interessiert an unseren Gedanken, froh, etwas weitergeben zu können von dem, was ihr wichtig ist. Meditation, Gebet, Bibelgespräch. Es ist nicht so, dass sie schon alles weiß, sondern sie ist selbst auf der Suche. Aber ich spüre, sie ist schon einen Schritt weiter als ich. Und das will sie nicht für sich behalten, sondern gibt gerne davon ab. Als ich wieder nach Hause fahre, summe ich die Lieder noch weiter, die wir gesungen haben. So möchte ich auch irgendwann einmal sein, denke ich noch.

Ein Mensch wie lebendiges Wasser.

Ich weiß nicht, ob sie sich selbst immer so fühlt. Oder ob sie immer auf andere so wirkt. Vielleicht kennt sie auch die anderen Zeiten, die Wüstenzeiten. Wenn im Herzen Trockenheit herrscht. Selbst nicht begeistert. Und deshalb nicht in der Lage zu begeistern. Lebendiges Wasser strömt nicht immer aus einem Menschen. Vielleicht nicht mal oft.

Die Zeit, in der die Wüste blüht, ist die kürzere gemessen an der langen Zeit der Dürre. Da hilft es ihr auch nicht, sich besonders anzustrengen. Die Wüste kann sich nicht vornehmen, genug Wasser zu haben, sie kann sich nicht vornehmen zu blühen. Und sie kann das Wasser, wenn es denn kommt, auch nur für eine kleine Weile aufheben und bewahren. Sie muss immer wieder einfach warten. Auf das Wasser von oben. Sie muss nichts weiter tun, als sich für diesen Moment bereithalten. So wie ein Mensch. Der sich für den Moment, an dem der Geist ihn erfüllen möchte, bereithält. Nur: manchmal ist das ganz schön schwer. Aber es lohnt. Denn dann wenn es so ist, dann wird es sein als ströme lebendiges Wasser von seinem Leib, genug für ihn selbst und genug für die Menschen um ihn herum. Und dann blüht auch hier bei uns dann und wann die Wüste.

Amen