Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 7, 36-50

Vikarin Melanie Dietrich (ev)

05.07.2013 in der Protestantischen Kirche in Nußdorf (Landau)

im Rahmen der Ausbildung im Predigerseminar der Pfälzischen Landeskirche

Predigttext nach der Übersetzung der BasisBibel

  1. Einer der Pharisäer lud Jesus zum Essen ein. Jesus ging in das Haus des Pharisäers und legte sich zu Tisch.


  1. Und siehe doch: In der Stadt lebte eine Frau. Sie war bekannt dafür, dass sie ein Leben voller Schuld führte. Sie hörte, dass Jesus im Haus des Pharisäers zu Gast war. Mit einem Fläschchen voll kostbarem Salböl ging sie dorthin.


  1. Die Frau trat von hinten an das Fußende des Polsters heran, auf dem Jesus lag. Sie weinte so sehr, dass seine Füße von ihren Tränen nass wurden. Mit ihren Haaren trocknete sie die Tränen ab. Dann küsste sie seine Füße und salbte sie mit Öl.


  1. Der Pharisäer, der Jesus eingeladen hatte, beobachtete das alles und sagte sich: „Wenn Jesus ein Prophet ist, muss er doch wissen, was für eine Frau ihn da berührt – dass sie ein Leben voller Schuld führt.“


  1. Da wandte sich Jesus an ihn und sagte: „ Simon ich habe dir etwas zu sagen.“ Er antwortete und sprach: „ Lehrer, sprich!“


  1. Jesus sagte: „ Zwei Männer hatten Schuld bei einem Geldverleiher: Der eine schuldete ihm fünfhundert Silberstücke, der andere fünfzig.


  1. Da sie es nicht zurückzahlen konnten, schenkte er beiden das Geld. Welcher von ihnen wird dem Geldverleiher wohl dankbarer sein?“


  1. Simon antwortete: „ Ich nehme an, der, dem der Geldverleiher mehr geschenkt hat.“ Da sagte Jesus zu ihm: „Du hast recht.“


  1. Dann drehte er sich zu der Frau um und sagte zu Simon: „Siehst du diese Frau? Ich kam in dein Haus, und du hast mir kein Wasser für die Füße gebracht. Aber sie hat meine Füße mit ihren Tränen nass gemacht und mit ihren Haaren getrocknet.


  1. Du hast mir keinen Kuss zur Begrüßung gegeben. Aber sie hat nicht aufgehört, mir die Füße zu küssen, seit ich hier bin.


  1. Du hast meinen Kopf nicht mit Öl gesalbt. Aber sie hat meine Füße mit kostbarem Öl gesalbt.


  1. Deshalb sage ich dir: Ihre große Schuld ist ihr vergeben. Deshalb hat sie so viel Liebe gezeigt. Wem aber wenig vergeben wird, der zeigt auch nur wenig Liebe.“


  1. Und Jesus sagte zu der Frau: „Deine Schuld ist dir vergeben.“


  1. Die anderen Gäste stellten sich die Frage: „Wer ist das eigentlich? Er vergibt sogar Menschen ihre Schuld!“


  1. Aber Jesus sagte zu der Frau: „Dein Glaube hat dich gerettet. Geh in Frieden.“

Was für eine Geschichte Liebe Gemeinde. Was ist da eigentlich passiert?

Als ich die Geschichte zum ersten mal gelesen habe, hatte ich mehr Fragen als Antworten im Kopf.

Wer ist diese Frau, von der wir nicht einmal den Namen erfahren? Wieso kommt sie in das Haus des Pharisäers? Wie kommt sie da überhaupt hinein? Wieso weint sie? Warum hat sie Salböl dabei? Warum reagiert Jesus zunächst überhaupt nicht auf sie?

Da heult ihm eine wildfremde Frau die Füße voll, trocknet sie mit ihren Haaren, salbt sie sogar, um sie dann ohne Unterlass zu küssen.

Ich habe bei dieser Schilderung sehr skurrile Bilder im Kopf.

Und er liegt da und sagt kein Wort, lässt sie einfach machen.

Als er endlich anfängt zu sprechen, spricht er nichts zu ihr, sondern zu seinem Gastgeber, dem Pharisäer Simon, als hätte er dessen Gedanken gelesen.

Der Pharisäer, selbst etwas überrumpelt von dem, was sich da vor seinen Augen abspielt, weiß ganz genau, dass die Frau, die sich da an Jesu Füßen zu schaffen macht, eine stadtbekannte Hure ist.

Bei ihm lässt die Szene sofort Zweifel an der prophetischen Gabe Jesu aufkommen.

„Wenn er wirklich ein Prophet wäre, wüsste er wer sie ist. Er wüsste, dass sie unrein ist. Dann würde er sich nicht von ihr berühren lassen, sondern würde dem Spektakel ein Ende setzen.“

Simon hat eine klare Vorstellung davon, was ein Prophet können sollte, wie ein Prophet denken und handeln sollte und er hat eine klare Vorstellung davon, was Recht und Unrecht ist. Was richtig und was falsch, moralisch oder unmoralisch ist. Richtig ist, was die Gebote und Gesetze vorgeben. Wer glaubt hält sich an die Gebote und wer die Gebote bricht, glaubt nicht. So klar und einfach ist das.

Als Jesus endlich zu sprechen beginnt, stellt er mit allem was er sagt die Überzeugungen seines Gastgebers auf den Kopf.

Dadurch, dass er auf Simons Gedanken antwortet, nicht auf seine gesprochenen Worte, zeigt er seinem Gastgeber, dass er die hellseherischen Fähigkeiten durchaus besitzt, die für Simon einen Propheten auszeichnen.

Aber die Moralvorstellungen Jesu sind ganz andere als die, die Simon bei einem Propheten voraussetzt.

Jesus hält dem Pharisäer einen Spiegel vors Gesicht.

Du, der du denkst du bist ohne Fehl und Tadel.

Du, der du denkst Du bist schuld- und sündenlos und deshalb nicht auf Vergebung und Gnade angewiesen.

Du befolgst nicht einmal die einfachsten und grundlegendsten Regeln der Gastfreundschaft.

Du willst mein Gastgeber sein und gibst mir nicht mal die Möglichkeit, mich vor dem Essen zu erfrischen.

Du weist mir einen Platz an deinem Tisch zu, ohne mich mit einem „Bruderkuss“ wirklich willkommen zu heißen.

Die Frau hier, die Sünderin, die vor deinen Augen keine Gnade findet und nach deinen Vorstellungen auch keine verdient, weiß um ihre Schuld. Sie hält sich nicht für unfehlbar, sie weiß, dass sie nach den gängigen Moralvorstellungen völlig versagt hat. Dass sie nichts tun kann, um ihre Sünden wieder gut zu machen. Sie weiß, dass sie auf Gnade angewiesen ist.

Du unterstellst ihr, dass sie keinen Glauben hat, weil sie sündigt. Denn wer glaubt sündigt nicht.

Ich sage Dir, weil sie um ihre Sünden weiß, ist ihr Glaube besonders stark.

Ihr sind ihre Sünden vergeben.

Sie weiß das, seit sie den Raum betreten hat.

Die Dankbarkeit darüber hat sie überwältigt, zu Tränen gerührt und sich in überschwänglicher Liebe geäußert.

Wie Du selbst gesagt hast, wem wenig vergeben wird, der zeigt auch wenig Dankbarkeit.

Erst ganz am Ende der Szene spricht Jesus zu der Frau. Er entlässt sie mit den Worten: „Deine Schuld ist dir vergeben. Dein Glaube hat dich gerettet. Geh in Frieden!“

Ich war zunächst etwas ratlos und überfordert mit diesem Ende und stelle mir vor den Menschen im Haus des Pharisäers ist es nicht anders ergangen.

Deine Schuld ist dir vergeben.

Dein Glaube hat dich gerettet.

Wie ist das eigentlich vor sich gegangen? Was ist da eigentlich passiert und was bedeutet das?

Was ist das für ein Glaube der rettet, der Gnade bewirkt, der Schuld vergeben lässt? Und was ist das für ein Gott mit dessen Vollmacht Jesus Schuld vergibt?

Was wirklich geschehen ist erzählt die Geschichte nicht. Wir können es nur erahnen.

Die Frau, die sich mit einem Fläschchen kostbaren Salböls aufmachte, um IHN zu sehen. Den Mann von dem die ganze Stadt sprach, seit er den Sohn einer Witwe am Stadttor von den Toten auferweckt hatte.

Ich denke es war mehr als bloße Neugier, die sie in das Haus des Pharisäers trieb. Vielleicht hatte sie, die am Rand der Gesellschaft stand, und von allen gemieden wurde, die Hoffnung, dass ER ihr anders begegnen würde als die anderen. Dass ER ihr irgendwie helfen könnte neu anzufangen und die alte Schuld hinter sich zu lassen.

Vielleicht war sie auch nur begeistert von seiner Bewegung, die sich für die Schwächsten der Gesellschaft einsetzte und wollte ihm das Salböl als Spende überlassen.

Wir wissen nicht, was sie vorhatte als sie sich zum Haus des Pharisäers aufmachte.

Mir gefällt der Gedanke, dass sie es selbst nicht so recht wusste.

Aber in dem Moment indem sie den Raum betritt und IHN sieht, ist es geschehen.

Dieses unglaubliche Gefühl der Erleichterung.

Dieses Gefühl ganz zu sein, angenommen zu sein, geliebt zu werden einfach weil man ist. Sie wurde überwältigt von dem brennenden Verlangen diese aufrichtige echte Liebe, die ihr da entgegen schlug irgendwie zu erwidern. Sie war so dankbar.

So unvoreingenommen war ihr vielleicht seit ihren Kindertagen niemand mehr begegnet.

Da stand sie plötzlich zu seinen Füßen, die schon ganz nass waren von ihren Tränen. Sie hatte gar nicht bemerkt, dass sie weinte und sie konnte auch nicht damit aufhören.

Ihr fiel das Salböl wieder ein.

Ohne lange nachzudenken nahm sie die Flasche und goss ihm das Öl über die Füße, salbte und liebkoste sie. Ganz spontan. Was die anderen über sie denken würden war ganz egal, die dachten sowie so schon das Schlechteste von ihr. Dieses unglaubliche Gefühl der Liebe und Dankbarkeit war so stark, dass sie die Welt um sich vergaß.

Ich stelle mir vor, dass die Frau, als sie das Haus des Pharisäers wieder verließ, sich selbst fragte was eigentlich gerade mit ihr geschehen war und was Jesus wohl damit meinte, als er zu ihr sagte „Dein Glaube hat dich gerettet.“ Sie ging und fühlte sich getragen, aufgerichtet, geachtet, geliebt, einfach glücklich.

Der rettende Glaube von dem Jesus spricht scheint in bestimmten Augenblicken des Lebens einfach da zu sein, eine plötzliche Gewissheit, dass Gott nahe ist und mich liebt so wie ich bin.

Dieser Glaube ist in keine feste Formel zu fassen.

Er ist kein Besitz, kein frommes Talent, mit dem man gesegnet ist oder nicht.

Er ist nicht messbar.

Er ist einfach da. Keiner kann ihn machen und man kann ihn haben ohne es selbst zu wissen.

Glaube ist ein lebendiger Prozess.

Was die Frau gerettet hat, war das Bewusstsein Gnade nötig zu haben.

Sie war offen und bereit, sich beschenken zu lassen. Denn sie wusste sie kann nichts tun um ihre Schuld los zu werden, ihre Sünden zu tilgen.

Aber tief in ihrem Innern gab es diesen Hoffnungsfunken, dass es vielleicht doch irgendeine Rettung für sie geben könnte.

Der Gott, der solche Hoffnung weckt und solchen Glauben schenkt, kann nicht der Gott des Pharisäers sein.

Dieser Gott führt kein Sündenregister, er rechnet Schulden nicht gegen Rechtschaffenheit auf.

Dieser Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade. (Wochenspruch).

Die Theologin Dorothee Sölle sagte in einem ihrer letzten Vorträge: „Wir beginnen den Weg zum Glück nicht als Suchende, sondern als schon Gefundene.“

Ihr früherer Mann Fulbert Steffensky kommentierte: „Das ist die köstliche Formulierung dessen, was wir Gnade nennen.“

Gnade,

kein Wort das wir heute oft benutzen. Es beschreibt im Grunde eine Bewegung zwischen Gott und Mensch.

Es besagt, dass wir die Dinge von denen wir leben, die Liebe, die Freundschaft, die Vergebung, nicht kaufen können, nicht herstellen oder verdienen können.

All das ist gewährtes Geschenk.

Der Gott der Sünderin sieht die Menschen an wie sie sind. Er betrachtet sie wohlwollend, trotz ihrer Sünden, ihres Scheiterns, ihrer Fehler.

Ein fehlerfreundlicher Gott.

Die Sünderin kann diesen wohlwollenden Blick als Geschenk annehmen, weil sie ihre Schwachstellen kennt, weil sie um ihre Fehler weiß.

Es geht um eine Haltung. Es geht darum, sich die Perspektive Gottes immer wieder neu schenken zu lassen. Mich selbst wohlwollend zu betrachten wie ich bin.

An meinem Scheitern, meinen Fehlern, meinen Sünden nicht zu verzweifeln, sondern immer wieder neu zu versuchen, es beim nächsten mal besser zu machen.

Gottes Treue ist die Konstante im Prozess des Glaubens. Gott hat jeden Menschen in Liebe gewollt.

Er hat uns Grund zur Hoffnung gegeben, dass er uns am Ende mit Vergebung begegnet.

Diese Hoffnung ist in der Person Jesu, in seinem Leben und Sterben begründet.

Verdient und bezahlt werden muss nichts.

Dankbarkeit ist alles.

Jesus lässt Menschen die Befreiung von Schuld und Sünde erfahren: die Chance, immer wieder neu anfangen zu können und nicht in verfehltem Leben gefangen zu sein.

Fehler, so sagen Pädagogen, sind das Fenster zum Denken der Kinder. Deshalb sind Fehler wichtig und wertvoll.

Wer Fehler macht kann aus seinen Fehlern lernen.

Wer keine Fehler macht, lernt und lebt nicht; nur Tote machen keine Fehler.

Wer lebendig ist und Fehler macht, ist auf Gnade angewiesen.

Vielleicht kennen sie den Spruch „Ein Freund ist jemand der mich kennt und trotzdem mag.“ Im besten Sinne dieses Wortes ist Gott, ist Jesus unser aller Freund. Er kennt die kleinen Sünden, die jeder und jede von uns tagtäglich begeht. Er kennt die Abgründe unserer Seelen. Er weiß, dass wir in Schuldzusammenhängen leben, die uns selbst in ihrer Tragweite oft gar nicht bewusst sind und aus denen wir meist nicht heraus kommen können.

Gott vertraut uns, obwohl er uns kennt.

Das ändert alles! (Crüsemann)

Gott nimmt uns an, so wie wir sind!

Sich darauf einlassen, sich hineinziehen lassen und mitgehen, das ist Glaube.

AMEN