Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Markus 12, 41 – 44

Pfarrerin Ruth Krönig (ev)

27.02.2011 in Dettingen und Glatt

Und Jesus setzte sich dem Opferstock gegenüber

Liebe Gemeinde,

Jesus setzte sich dem Opferstock gegenüber

und sah zu, wie die Menschen nach dem Gottesdienst Geld einwarfen.

Viele warfen 1 oder 2 Euro ein wie jeden Sonntag.

Manche gingen einfach am Opferstock vorbei und warfen nichts ein.

Einige wenige falteten einen Geldschein zusammen und schoben ihn durch den Schlitz.

Jesus sah auch zu, wie der Mesner und die Pfarrerin das Opfer zählten:

wenige Scheine, einige Ein- und Zwei-Euro-Stücke, etliche kleine Münzen,

sogar winzige Ein- und Zwei-Cent-Stücke;

und er hörte wie die Pfarrerin zum Mesner sagte:

„Naja, da hat wohl mal wieder jemand sein übriges Kleingeld in den Opferstock geleert.“

In diesem Moment bemerkte sie den Fremden, der schweigend zusah und zuhörte.

Und da erinnerte sie sich an eine Geschichte und sie sagte:

„Wer weiß, vielleicht ist es ja doch anders mit dem Kleingeld.

Vielleicht kommt es auch von Menschen,

die einfach nicht mehr haben.

So wie in dieser Geschichte aus der Bibel.“

Lesung: Markus 12, 41 – 44

Und Jesus sah zu, wie das Volk Geld einlegte

„Und Jesus setzte sich dem Gotteskasten gegenüber

und sah zu, wie das Volk Geld einlegte in den Gotteskasten.“

Diese Worte gingen ihm durch den Kopf als er zum Ausgang ging,

auf den Opferstock zu, einen Geldschein in der Hand.

Auf einmal fühlte er sich beobachtet.

So als ob Jesus auch heute beim Opferstock säße und schaute, was die Leute einlegten.

Oder wie seine Oma immer gesagt hatte: „Der liebe Gott sieht alles.“

Bisher hatte er immer ganz selbstverständlich Geld in den Opferstock gesteckt.

Das war normal, das gehörte sich so.

Nie hatte er weiter darüber nachgedacht.

Doch nun kam ihm das Geld in seiner Hand auf einmal wenig und ungenügend vor.

Das war ja wirklich nur eine Winzigkeit des Überflusses, den er zur Verfügung hatte.

Er könnte wahrlich mehr einlegen, ohne dass ihm das weh täte.

Vielleicht sollte er das wirklich tun.

Und viele Reiche legten viel ein – wie schön!

„Und viele Reiche legten viel ein.“

„Wie gut, dass es sie gibt“, dachte die Kirchengemeinderätin.

„Wie gut, dass es reiche Menschen gibt, die viel in den Opferstock legen,

die viel spenden, die Monat für Monat eine große Summe als Kirchensteuer zahlen.“

Sie dachte an die jährlichen Haushaltsplansitzungen im Kirchengemeinderat.

„Wie viel Gutes können wir doch tun mit diesem Geld, das die Menschen uns geben:

die Reichen, die Normalverdiener und auch die, die wenig verdienen.

Aber wenn ich ehrlich bin: eigentlich denken wir ziemlich selten an die Reichen, die viel geben,

die viel Kirchensteuer zahlen, die größere Summen spenden.

Dabei könnten wir doch genaugenommen ohne sie den kirchlichen Betrieb gar nicht aufrecht erhalten: nicht all die Pfarrerinnen und Pfarrer und anderen Angestellten bezahlen, nicht so viele Kirchen und Gemeindehäuser unterhalten, keine Kindergärten und Behindertenheime, Sozialstationen und

Beratungsstellen betreiben.

Wie schön, dass es viele reiche Menschen gibt, die viel geben.“

Und es kam eine arme Witwe

„Und es kam eine arme Witwe und legte zwei Scherflein ein.“

„Wie schrecklich muss sie sich gefühlt haben, diese Witwe“, dachte die alte Frau in der letzten Reihe, die ihren Mann auch schon vor vielen Jahren verloren hatte.

Immer wieder diese mitleidigen Blicke.

Immer wieder dieses verlegene Schweigen.

Schmal wird sie gewesen sein und schlecht gekleidet, wenn sie kaum genug hat, um zu überleben.

Schon von weitem konnten alle ihre Armut und ihre Schutzlosigkeit, ihre Einsamkeit und ihre Trauer sehen.

Sie wird wie ich in den Tempel gegangen sein, um wenigstens bei Gott Trost zu finden.

Und natürlich will sie Gott etwas geben, auch wenn sie selber nicht viel hat.

Dass das dann aber alle sehen, wie wenig sie zu geben hat – wie peinlich, ein furchtbares Gefühl.

Sie würde so gern mehr geben, aber das ist eben alles, was sie hat.

Und dass Jesus das dann wahrnimmt und diese kleine Gabe lobt – das tut ihr jetzt richtig gut.

„Diese arme Witwe hat mehr in den Gotteskasten gelegt als alle.“

Auf einmal fühlt auch sie sich von Jesus gesehen.

Sie ist nicht mehr arm und unscheinbar.

Jesus nimmt sie und die kleinen Gaben, die sie eben nur geben kann, wichtig.

Wichtiger noch als die großen Gaben der Reichen.

Ich will aufhören“, sagt sie sich, „meine kleine Gabe für zu klein zu halten.

Wie gut, dass auch meine kleine Gabe bei Gott viel zählt.“

Sie hat alles eingelegt, was sie zum Leben hatte

„Sie haben alle etwas von ihrem Überfluss eingelegt;

diese aber hat von ihrer Armut ihr ganze Habe eingelegt,

alles, was sie zum Leben hatte.“

Auf einmal wurde ihm ganz mulmig.

„Das könnte ich nicht“, dachte er.

„Natürlich gebe ich ein Opfer, natürlich spende ich.

Aber meine ganze Habe, alles, was ich zum Leben habe

– nein, das ist zu viel verlangt.

Das kann Jesus nicht von mir erwarten.

Ich muss doch auch an die Zukunft denken und an meine Familie.

Aber dass die Frau das konnte:

alles in den Gotteskasten legen, was sie hatte – anstatt sich Essen zu kaufen.

Dass sie diese beiden letzten Münzen gegeben hat – wo sie doch auch eine hätte behalten können. Respekt!

Was für ein Gottvertrauen:

das letzte Geld in Gottes Hand geben, sich selbst ganz in Gottes Hand fallen lassen.

Und wir erfahren nicht einmal, wie die Geschichte für die Frau ausgegangen ist.

In ihrer Geschichte gab es nicht einmal ein Versprechen wie in der Geschichte von Elia und der Witwe in Sarepta.

Kein: Der Mehltopf wird nicht leer und das Öl im Krug versiegt nicht.

Eine beunruhigende Geschichte, eine Herausforderung und zugleich auch eine Ermutigung,

mein Geld nicht krampfhaft festzuhalten, eine Ermutigung zum Vertrauen:

auch wenn ich etwas abgebe von dem, was ich habe, bleibt mir noch genug zum Leben.“

Gedanken des Volkes am Opferstock

„Und Jesus setzte sich dem Gotteskasten gegenüber und sah zu, wie das Volk Geld einlegte in den Gotteskasten.“

Mit welchen Gedanken, mit welchen Gefühlen werden Sie nachher am Opferstock vorbeigehen?

Gehören Sie zu denen, die gerne etwas geben für die verschiedenen Aufgaben, für die wir nach dem Gottesdienst Geld sammeln?

Oder möchten Sie im Gottesdienst nicht auch noch zahlen müssen?

Macht es für Sie einen Unterschied, für welchen Zweck das Geld bestimmt ist?

Ob damit die Aufgaben der Kirchengemeinde finanziert werden wie unsere Kinderbibeltage, die Bibeln für die Konfirmandinnen und Konfirmanden, das Programm im Frauenkreis oder bei den Gemeindenachmittagen, der Gemeindebrief oder das Stimmen der Orgel, das Heizen der Kirche oder die Rücklage für Reparaturen.

Oder ob ein landeskirchliches Opfer zum Beispiel für die Diakonie oder die Sanierung von Dorfkirchen in Thüringen dran ist.

Ob wir für Bedürftige sammeln, die in unserer Nähe, die unter uns leben,

oder für diejenigen, die irgendwo in der weiten Welt Hilfe brauchen.

Ob das Geld Menschen zugutekommt, in deren Not wir uns leicht einfühlen können, oder ob das Opfer an Menschen geht, bei denen wir das Gefühl haben, sie seien selber schuld an ihrem Elend.

Ob das Opfer an Aktionen wie „Brot für die Welt“ oder „Hoffnung für Osteuropa“ geht oder ob es für die Verbreitung der Bibel oder für Friedensdienste eingesetzt wird.

Geben Sie lieber, wenn mit Ihrem Geld bedürftigen Menschen geholfen wird

oder wenn wir dadurch unsere Kirchen erhalten können?

Oder gehören Sie zu denen, die immer etwas geben

und denen dabei der Opferzweck nicht so wichtig ist?

Vielleicht gehören Sie zu den Menschen, die mit ihrem Opfergeld Gott etwas zurückgeben wollen von dem, was er ihnen geschenkt hat.

Vielleicht möchten Sie Ihre Verbundenheit mit anderen Christinnen und Christen hier bei uns und in der weiten Welt zum Ausdruck bringen wie es ja besonders deutlich ist, wenn wir einmal im Monat für unsere Weltmissionsprojekte sammeln.

Nachher werden Sie am Opferstock vorbeigehen und so handeln, wie es Ihnen entspricht.

Aber das ist doch kein Opfer

Vor einiger Zeit wurde ich gefragt: „Warum heißt das Geld, das wir nach dem Gottesdienst einsammeln eigentlich Opfer? – Das ist doch nicht wirklich ein Opfer!“

Stimmt, es mag sein, dass für die meisten Menschen das Geld, das sie in den Opferstock tun, nicht wirklich ein Opfer ist – jedenfalls nicht in dem Sinn, dass sie in ähnlicher Weise wie die Witwe im Tempel geben, was sie eigentlich selbst zum Leben brauchen.

Andererseits – etwas geben, was ich auch behalten könnte, bedeutet immer: ich muss es loslassen, ich gebe es aus der Hand, ich überlasse es anderen, ich kann es nicht für mich behalten.

Wer es gewohnt ist, ganz selbstverständlich am Ende des Gottesdienstes den Geldbeutel zu zücken, nimmt diese Entscheidung vielleicht nicht mehr bewusst wahr:

Ich gebe etwas her, was ich auch behalten könnte.

Hin und wieder erlebe ich schon Menschen, die würden ihr Geld lieber selber behalten als es zu spenden oder in den Opferkasten zu stecken, denen fällt das richtig schwer.

Ich denke nicht, dass Opfer immer unbedingt bedeutet:

es muss mir schwer fallen, etwas zu geben.

Mit einem Opfer kann ich Gott meine Dankbarkeit zeigen.

Das muss mir nicht wehtun. Das darf mir auch Freude machen.

Was es schwer machen kann, ist: es geht dabei letztendlich doch immer um Vertrauen:

Kann ich darauf vertrauen, dass mir das, was ich gebe, nicht irgendwann fehlen wird?

Vertraue ich darauf, dass Gott mich nicht im Stich lässt, sondern mir weiter jeden Tag schenkt, was ich zum Leben brauche?

Zu diesem Vertrauen will Jesus uns ermutigen.

Amen.