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Predigt über Matthäus 6,9-13

Pastor Uwe Sundermann

15.06.2003 in Schieder

„Vaterunser“

Liebe Gemeinde, 

I.

Wie betet man? Kann man das lernen? Gibt es für das Beten so etwas wie Grundregeln? - Was würden Sie sagen, wenn Sie so gefragt werden? 

Ein Bekannter von Ihnen fängt beispielsweise an, sich für den christlichen Glauben zu interessieren. Und dann will er es natürlich wissen, wie das mit dem Beten ist. Der sieht, dass Sie öfters zum Gottesdienst gehen. Und der weiß, dass Sie sich zu unserer Gemeinde halten und bei uns mitarbeiten. Und dann rechnet er natürlich damit, von Ihnen eine Antwort zu bekommen.

Wie betet man? - Was würden Sie auf diese Frage antworten?

Immerhin liegt diese Frage gar nicht so weit ab vom Weg. Wer sich nach dem Beten erkundigt, befindet sich in guter Gesellschaft. Jesu Jünger haben nämlich auch schon so gefragt. Einmal haben sie Jesus direkt auf das Beten angesprochen: „Herr, lehre uns beten...!“ (Lukas 11, 1) Und dann hat Jesus mit dem Vaterunser geantwortet.

Gibt es also so etwas wie Regeln für das Beten? Gibt es Leitlinien, an denen wir uns orientieren sollen? - Wenn ja, dann ist das Vaterunser eine Grundform für unser Beten. Dann ist es gewissermaßen ein Muster, ein Grundtyp für unsere Gebete.

Und dann müssen wir weiterfragen: Wie hat Jesus das Vaterunser denn gemeint? Was wollte er seinen Jüngern damit sagen? Mit diesem Gebet hat er ihnen ja sozusagen eine Anleitung, ein Modell an die Hand gegeben. Die Frage ist nur: Worauf kommt es bei diesem Modell denn an?

Der Schlüssel zu der Antwort auf diese Frage liegt in der Gliederung des Vaterunsers. Denn Jesus hat diesem Gebet eine klare Gliederung, einen bewussten Aufbau gegeben: In der Mitte des Vaterunsers steht die Bitte um das tägliche Brot. Die anderen sechs Bitten sind gewissermaßen wie die Schalen einer Zwiebel um diese Mitte herumgelegt. Ganz außen befinden sich die Anrede und der Schlusssatz des Vaterunsers.

Von dieser Gliederung her sollten die Jünger damals und sollen wir heute das Vaterunser verstehen. Das heißt nicht, dass wir alle unsere Gebete genauso aufbauen sollen. Aber doch können wir an dem Aufbau des Vaterunsers lernen, worauf es beim Beten ankommt:  

II.

Entscheidend beim Beten ist die Bitte um das tägliche Brot. Mit gutem Grund steht diese Bitte im Mittelpunkt des Vaterunsers. Sie gibt gewissermaßen das Grundthema des Betens vor. Die Bitte um das tägliche Brot kennzeichnet unser Leben. Sie zieht sich wie ein roter Faden durch alle Abschnitte unseres Lebensweges. 

Zum „täglichen Brot“ gehört alles, was wir brauchen, um leben zu können. Es ist also nicht nur Brot im wörtlichen Sinne gemeint, sondern Nahrungsmittel überhaupt. Darüber hinaus brauchen wir in unserem Leben menschliche Gemeinschaft, Liebe, Freundschaft, Geborgenheit und Frieden. Das alles fasst Jesus unter dem „täglichen Brot“ zusammen.

Auf diesem Hintergrund können wir auch sagen, was möglicherweise nicht unter dem „täglichen Brot“ zu verstehen ist: Müssen es unbedingt Markenklamotten sein oder genügt nicht auch eine normale Jeans? Auch eine Luxuskarosse brauche ich nicht unbedingt zum Leben. Auch muss es nicht der teuerste und spektakulärste Urlaub sein.

An diesem Punkt hat sich in unserer Gesellschaft in den vergangenen Jahrzehnten einiges verschoben. Im Krieg und in der Nachkriegszeit hat man diesen Satz sicher anders und vor allem viel bewusster gebetet. Da war nicht unbedingt sichergestellt, dass man am nächsten Tag für die Familie genügend zum Essen hatte. Heute aber sprechen wir diese Bitte in einer Zeit der vollen Regale, der Markenartikel und der Wegwerfgesellschaft.

Es ist angebracht, dass wir wieder neu und bewusst beten: „Unser tägliches Brot gib uns heute!“ Manche Situationen führen uns auch in unserer Zeit immer wieder vor Augen, dass wir nicht alles im Griff haben. Wenn etwas Unvorhergesehenes geschieht oder wenn uns Krankheit betrifft, dann fangen viele wieder an zu beten. Dann sehen sich viele wieder abhängig davon, dass Gott unsere Hände füllt.

Insofern verbindet sich mit dieser Bitte eine grundsätzliche Sicht des menschlichen Lebens: Vor Gott sind und bleiben wir Bittende. Vor ihm stehen wir mit leeren Hände, angewiesen darauf, dass Gott uns gibt, was wir zum Leben brauchen. Auch wenn wir vieles schaffen können; unser Leben hängt ab von Gottes Hilfe und Fürsorge.

Die Arbeitslosigkeit unserer Zeit und die Sorge um genügend Lehrstellen für die Berufsausbildung machen uns die Bitte auf Brottellern und Wandtellern wieder bewusst: „Unser tägliches Brot gib uns heute!“  

III.

Vor dieser zentralen Bitte stehen drei Bitten, die Gottes Gegenwart im Blick haben. Damit sollen wir Gottes Namen, Gottes Herrschaft und Gottes Willen in den Blick nehmen. 

Das ist ja auch ganz heilsam. Denn wir Menschen sehen immer erst uns selbst. Wir denken immer zuerst an die eigenen Bedürfnisse. Bevor wir aber unsere Bitten und Wünsche formulieren, sollen wir unsere Aufmerksamkeit auf Gott richten. Wir sollen uns daran erinnern, dass er an unserer Seite ist und dass er uns liebt.
Deshalb sprechen diese drei ersten Bitten von dem, was Gott alles für uns getan hat:

Sein Name - „Ich bin, der ich bin“ - führt uns vor Augen, dass Gott uns auf unserem Lebensweg begleitet. Er ist immer und überall bei uns. Sein Name - „Jesus“ - erinnert uns daran, was er getan hat, um uns aus der Verlorenheit unseres Lebens zu „helfen“ und zu „retten“.

Seine Herrschaft ist in Jesus sichtbar geworden. Seit Jesus geboren, gestorben und auferstanden ist, beginnt Gott, seine Herrschaft in dieser Welt durchzusetzen. Aber noch ist dies im Geschehen dieser Welt verborgen. Wir warten darauf, dass seine Herrschaft endlich offenbar wird am Ende der Zeit.

Sein Wille sind nicht Strafe und Gericht. Sein Wille ist auch nicht die Vernichtung dieser Welt, sondern ihre Rettung. Wer Jesus vertraut, „wird nicht verloren gehen, sondern ewiges Leben haben“ (Johannes 3, 16). Das ist Gottes Ziel und Wille!

Es ist wunderbar, wenn wir uns am Anfang eines Gebetes auf Gottes Namen, Herrschaft und Willen ausrichten. Damit machen wir uns nämlich bewusst, was Gott für uns aus Liebe getan hat. Und dann begreifen wir, dass wir - bevor wir Gott um etwas bitten - erst einmal Grund zum Danken haben. Wir haben vielfachen Grund, Gott zu loben.

Unser Lob soll ganz bewusst vor den Bitten stehen. Wenn wir sehen, was Gott für uns getan hat, erwarten wir auch, dass er uns in unserer Situation helfen kann. Dann bekommen wir überhaupt erst Mut und Zuversicht, ihn um etwas zu bitten.

Die Friedlosigkeit in vielen Teilen unserer Erde, die Verfolgung von Menschen wegen ihrer Hautfarbe, Partei- oder Religionszugehörigkeit und der Raubbau an der Natur mögen uns wieder bewusster beten lassen: Gott, „dein Name werde geheiligt! Dein Reich komme! Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden!“

IV.

Nach der zentralen Bitte um das tägliche Brot folgen drei Bitten, die man als deren Zusatz und Ergänzung verstehen kann. Denn Nahrungsmittel und menschliche Beziehungen sind noch nicht genug für unser Leben. Damit allein kommen wir noch nicht aus. 

Bekanntlich „lebt der Mensch nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Munde Gottes geht“ (Matthäus 4, 4). Und dieses Wort, das Gott zu uns spricht, ist das Wort der Liebe und Vergebung, das Wort der Orientierung und Wegweisung, das Wort der Rettung und Befreiung.

Wie oft haben wir das Gefühl, dass wir mit unserem Leben in eine Sackgasse geraten sind! Dann nützt uns weder das Leugnen noch das Herumdiskutieren über unsere Schuld. Vielmehr brauchen wir Vergebung. Wir brauchen es, dass Gott unsere Schuld von uns nimmt und uns einen neuen Anfang schenkt. Ich brauche es, dass du mir zusprichst: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid!“ (Matthäus 11, 28)

Wie oft suchen wir Wegweisung und Orientierung! Das Leben in unserer Zeit ist ja höchst anspruchsvoll. Immer wieder müssen wir Entscheidungen treffen. Wir müssen selber den Teppich unseres Lebens weben. Wir müssen selber die Werte setzen, an die wir unser Leben ausrichten. Aber - welchen Weg soll ich gehen? „Weise mir, Herr, deinen Weg!“ (Psalm 86, 11) Ich brauche es, dass du mir zusprichst: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ (Johannes 14, 6)

Wie oft sehnen wir uns nach Rettung und Befreiung! Wir spüren, wie wir an unsere Vergangenheit gebunden sind. Bestimmte Verhaltensweisen sind uns aufgedrückt worden oder haben uns geprägt. Wir tragen seelische Verletzungen und Wunden mit uns herum. Die Zeit heilt dies alles nicht. Wir brauchen Rettung und Befreiung, so wie das Volk Israel damals aus Ägypten befreit wurde. „Heile du mich, HERR, so werde ich heil! Hilf du mir, so ist mir geholfen!“ (Jeremia 17, 14)

Ohne Gottes Wort wird unser Leben schief. Wir brauchen sein Wort, damit wir zu innerem Frieden und zum Heil gelangen.

Die Oberflächlichkeit des gesellschaftlichen Lebens, das Schauen nur auf das Äußere, auf die Fassade möge uns lehren, tiefer zu schauen. Und das möge unsere Sehnsucht wecken, Frieden und Heil mögen in unserem Leben einkehren, so dass wir beten: „Und vergib uns unsere Schuld...! Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen!“  

V.

Die Anrede am Anfang des Vaterunsers zeigt uns, wie wir Gott ansprechen sollen: „Unser Vater im Himmel!“ Wir sollen ihn vertrauensvoll anreden wie ein Kind seinen Vater und seine Mutter anspricht. Von diesem vertrauensvollen Miteinander soll unsere Beziehung zu Gott gekennzeichnet sein. 

Wir sollen Gott nicht im Ton der Unterwürfigkeit begegnen, als hätten wir den unumschränkten Herrscher der Welt vor uns. Wir sollen ihm auch nicht angstvoll gegenüber treten, als wäre er der „big brother“, der „große Bruder“, der uns ständig peinlich genau kontrolliert. Unser Gebet soll aber auch nicht durch Unsicherheit geprägt sein, als hätte Gott keinen Namen und als wüssten wir nicht, mit wem wir es zu tun haben.

Nicht Unterwürfigkeit, nicht Angst, nicht Ungewissheit soll unsere Beziehung zu Gott prägen. Zwischen uns und Gott soll kein Abstand sein, sondern wir sollen auf Du und Du mit ihm reden. Wir sollen ihm in kindlichem Vertrauen gegenüber treten: „Unser Vater im Himmel!“

Diese Anrede ist ein Vorrecht. Zunächst war es Jesus allein vorbehalten, Gott so anzusprechen. Wenn er sich zurückzog zum Gebet, dann hat er gesagt: „Abba, lieber Vater!“ (Markus 14, 26) Diese Anrede zeigt Jesu einzigartige Beziehung zu seinem himmlischen Vater. Im Vaterunser überträgt er dieses Vorrecht auch auf uns. Da nimmt Jesus uns gewissermaßen an seine Seite. Da nimmt er uns mit hinein in den Kreis derer, die Gott so vertrauensvoll anreden dürfen: „Abba, lieber Vater!“ (Galater 4, 6; vgl. Römer 8, 15)

Jesus schließt uns dadurch zu einer Gemeinschaft zusammen. In der Anrede Gottes sind wir miteinander verbunden. Das ist schön zu spüren, wenn wir dieses Gebet am Ende unserer Gottesdienste gemeinsam sprechen. Auf diese Weise erleben wir, wie wir vom gemeinschaftlichen Gebet getragen werden.

In unserer Gesellschaft ist das anders. Da leben viele nur noch auf sich selbst bezogen. Da steht das Ich an der ersten Stelle. Aber so soll es beim Beten nicht sein. Beim Beten sollen wir uns miteinander verbunden wissen. Da sollen wir miteinander und füreinander beten. Da sollen wir nicht sagen: „Mein Vater im Himmel!“, sondern: „Unser Vater im Himmel!“  

VI.

Am Schluss des Vaterunsers lenkt Jesus unseren Blick auf Gottes Macht und Gegenwart. Er erinnert uns daran, dass ihm „alle Macht im Himmel und auf Erden gegeben ist“ (Matthäus 28, 18). In seiner Auferstehung ist das deutlich geworden. Da hat Jesus schon alle anderen Mächte besiegt. Und im täglichen Gebet dürfen wir uns immer wieder auf und an Jesu Seite, auf und an die Seite des Siegers stellen. 

Unser Leben wird nicht nur von den Mächten und Faktoren dieser Welt bestimmt. Die Bewegung des Lebens treibt uns auch nicht wie wie ein Spielball einmal hierhin und ein anderes Mal dorthin. Sondern wir sind in Gottes Hand. Und alles, was immer in unserem Leben und was in dieser Welt geschieht, muss zuerst an Gott vorbei. „Sein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit!“

Wir dürfen mit Freude und Zuversicht beten. Denn Gottes Macht ist stärker als die Mächte die uns bedrängen. Wir haben also allen Grund, uns beim Beten innerlich aufzurichten. Wenn wir beten, weitet sich unser Blick.

Gott wird zwar nicht alle unsere Wünsche erfüllen, aber ganz gewiss alle seine Verheißungen. Gott wird uns zwar nicht zu unbedingt zu unseren Zielen führen, aber durch das Auf und Ab unseres Lebens zu seinem Ziel. Darauf dürfen wir beim Beten vertrauen. Und in diesem Vertrauen dürfen wir uns in Gottes Hände befehlen.

Und wir dürfen getröstet beten. Denn wir wissen: Gott hat einst das letzte Wort. Zwar werden uns in unserem Leben manche Sorge und manches Leid begleiten, aber einst wird Gott alle Sorge und alles Leid wenden. Er wird alles neu machen. „Sein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit!“

Diese Zuversicht bildet den Grund und das Fundament für unser Beten. Wir können erst beten, weil wir wissen: Gott gehört schon jetzt und auch am Ende aller Zeit „die Herrschaft und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.“  

VII.

Das Vaterunser ist „das Gebet, das die Welt umspannt“ (Helmut Thielicke). Jede Stunde, jede Minute wird dieses Gebet irgendwo auf der Erde gesprochen, sei es als Morgengebet, irgendwann in einem stillen Moment im Tagesablauf oder als Abendgebet. Immer gibt es einen Menschen auf der Erde, der das Vaterunser spricht. 

So begleitet dieses Gebet den Lauf der Sonne. Die Welt wird getragen vom nicht aufhörenden Beten des Vaterunsers. Und so wird alles Geschehen auf dieser Erde vom Vaterunser umfangen.

Wir haben uns ja angewöhnt, Gott etwas spitz zu fragen, warum er denn dieses und jenes Unheil auf der Welt zulasse. Aber ich denke, wir müssen die Wirklichkeit einmal anders sehen. Was wir in dieser Welt vor Augen haben, ist eine Welt, die vom Gebet gehalten wird. Man könnte sich fragen: Wie würde eigentlich eine Welt aussehen, die nicht vom Gebet gehalten wird? Was wäre, wenn das Vaterunser nicht die Welt umspannt? Wo stünden wir Menschen und wo stünde die Welt dann? - Wir ahnen ja nicht, wieviel Gutes das Gebet bewirkt!

Also ist es nötig, dass wir Christen für unsere Welt beten. Es ist nötig, dass unser Gebet - und insbesondere das Vaterunser - „die Welt umspannt“. In diese weltumspannende Gemeinschaft aller Betenden dürfen wir uns auch heute fröhlich und getrost hineinstellen.

Amen.