Der Predigtpreis - Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG

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Predigt über Offenbarung 3,1-6

Pfarrer Dr. theol. Sascha Flüchter (ev)

in der Ev. Kirchengemeinde Beek-Duisburg

Liebe Gemeinde,

lassen Sie mich die Predigt heute damit beginnen, dass ich Ihnen aus einem Brief vorlese, den ein kleines Mädchen, an Gott geschrieben hat:

Lieber Mister Gott!
Heut schreib ich dir, was ich zu Fynn gesagt hab über Dich, aber der hat gesagt, schreib's ihm doch selbst. Ich glaub, der hat Angst, dass Du böse wirst, und er will keinen Ärger mit Dir. Auch nicht mit dem Pfarrer. Also: Furchtbar gern geh ich nicht in die Kirche; hab ich zu Fynn gesagt. Woher weißt du denn, ob Mister Gott da drin ist? Er kann drin sein, aber er muss nicht. Nur wenn wir ihn mit reinnehmen, dann ist er bestimmt drin. Ich würd ja an Mister Gott seine Stelle von allein auch nicht kommen. Ich würd immer warten, dass mich die Leute mitnehmen. Hab ich zu Fynn gesagt. Findest Du das schlimm? Ich geh auch nicht gern in die Kirche, weil die Leute da so traurige Lieder singen. Die machen aus Dir einen, der immer schimpft. Und dabei bist Du doch sehr lustig, find ich; und ganz riesig nett. Die Leute sagen, Du bist so was wie ein König. Nur, wenn ein König in unsere Straße kommt, dann weiß der bestimmt nicht; wo ich wohne. Aber ich glaub, Du weißt das: Du hast keine Krone auf'm Kopf dafür kennst Du jeden ganz genau. Sogar den Leberfleck auf meiner Backe kennst Du, wetten? Und wenn ich die Hände nicht gewaschen hab; weißt Du das bestimmt auch. So genau guckst Du Dir jeden an: Ein König würd nie so genau hingucken: Die Arbeit macht der sich nicht. Nur Du machst Dir mit mir so viel Arbeit. Deine Anna.

Liebe Gemeinde, es ist schon bemerkenswert, was dieses kleine Mädchen da in seiner kindlichen Naivität schreibt: Die Kirche, der Gottesdienst, der ist langweilig, bedrückend und traurig. Die Leute sitzen dort eingeschüchtert von einem strafenden Gott und singen traurige Lieder. Dem Mädchen kommt es fast so vor, als sei Gott gar nicht anwesend bei solchen Veranstaltungen. Denn die Atmosphäre im Gottesdienst widerspricht für sie allem, was sie mit Gott verbindet: Der ist doch "lustig und riesig nett". Ein König zwar, aber ohne Krone. Dafür einer, der jeden in seinem Reich kennt, der sich die Mühe macht durch die Straßen zu gehen, um die Menschen zu besuchen. Einer der weiß, wo jeder einzelne wohnt und wie es ihm geht.

"Kindermund tut Weisheit kund", sagt ein Sprichwort. Stimmt das auch in diesem Fall? Hält dieses Mädchen unserer Kirche einen Spiegel vor? Diese Frage wird uns in der Predigt heute beschäftigen, denn der Predigttext für den heutigen Sonntag hat eine ähnliche Zielrichtung. Ich lese aus der Offenbarung des Johannes, Kapitel 3, die Verse 1 bis 6:

  1. Und dem Engel der Gemeinde in Sardes schreibe: Das sagt, der die sieben Geister Gottes hat und die sieben Sterne: Ich kenne deine Werke: Du hast den Namen, dass du lebst, und bist tot.
  2. Werde wach und stärke das andre, das sterben will, denn ich habe deine Werke nicht als vollkommen befunden vor meinem Gott.
  3. So denke nun daran, wie du empfangen und gehört hast, und halte es fest und tue Buße! Wenn du aber nicht wachen wirst, werde ich kommen wie ein Dieb, und du wirst nicht wissen, zu welcher Stunde ich über dich kommen werde.
  4. Aber du hast einige in Sardes, die ihre Kleider nicht besudelt haben; die werden mit mir einhergehen in weißen Kleidern, denn sie sind's wert.
  5. Wer überwindet, der soll mit weißen Kleidern angetan werden, und ich werde seinen Namen nicht austilgen aus dem Buch des Lebens, und ich will seinen Namen bekennen vor meinem Vater und vor seinen Engeln.
  6. Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt!

Dieser Brief, liebe Gemeinde, spricht nun aber eine ganz andere Sprache als die kindlichen Worte der kleinen Anna. Harte Sätze schlagen uns da entgegen, Sätze aus einer Zeit vor knapp 2000 Jahren. Der Seher Johannes, der sie geschrieben hat, sah die Kirche in großer Gefahr, bedroht von innen und außen. Die Gemeinde in Sardes war kraftlos geworden und schwach im Glauben, sie stand in der Gefahr den Irrlehrer zu folgen, die zu dieser Zeit zahlreich auftraten. Von außen bedrohten sie Krieg und sozialer Unfriede. Der röm. Kaiser ließ sich als Gott verehren und forderte von allen Bürgern des Reiches, ihn anzubeten. Notfalls ließ er sie auch dazu zwingen. Johannes, der selber im Gefängnis sitzt, weil er sich geweigert hatte, schreibt deutliche Worte: Ich kenne deine Werke: Du hast den Namen, dass du lebst, und bist tot. Ein scheinbar vernichtendes Urteil. Und doch ist uns eine solche Aussage über die Kirche und ihre Gemeinden nicht fremd. Was sieht man, wenn man unsere Kirche heute anschaut?

Für viele Menschen sind unsere Kirchen und Gemeinden sind nichts anderes mehr als ein kulturelles Zeugnis aus einer vergangen Zeit, wie eine Ruine, die man an einem Sonn oder Feiertag mit der ganzen Familie besichtig; den Glanz vergangener Tage vor Augen läuft man ehrfürchtig umher und taucht für kurze Zeit ein in eine andere Welt. Doch im Alltag sind sie leer die Ruinen und werden lediglich von wenigen Denkmalschützern bewacht, denn wirklich wohnen will darin wohl niemand mehr.

Vielfach ist das Bild der Kirche heute auch bestimmt von den Nachrichten über die drastisch zurückgehenden Mitgliederzahlen in unseren Gemeinden und die schwindenden finanziellen Mittel in den letzen Jahren. Da werden Gemeindehäuser, Kindergärten und Kirchen geschlossen und die Gemeinde zieht sich aus Stadtteilen und Arbeitsgebieten zurück. Es gibt kaum noch positive Meldungen über den Zustand unserer Kirche. Das kann einen schon entmutigen und der Gedanke daran aufzugeben, ist durchaus nachvollziehbar.

Gleichzeitig werden auch noch hohe Erwartungen an die Kirche geknüpft. Dass sie sich einsetzt und parteilich einschreitet für die Armen und Unterdrückten, die Kranken und Schwachen, die Kinder und die alten Menschen. Wenn es auch überall anders zugeht in unserer Gesellschaft, dann muss es in der Kirche aber doch wenigstens klappen. Das ist doch ihr christlicher Auftrag, das wird doch in ihrem Namen schon verbürgt. Da werden die eigenen unerfüllten Wünsche einer von Nächstenliebe und Gerechtigkeit geprägten Welt auf die Gemeinden übertragen, ohne daran zu denken, dass dort auch nur Menschen am Werke sind, deren Kraft ebenso begrenzt ist wie die eigene.

Enttäuschung und Kritik ergießen sich so über die Kirche. - Ich kenne deine Werke: Du hast den Namen, dass du lebst, und bist tot. - So ganz aus der Luft gegriffen ist dieser Satz wohl auch heute nicht.

Dennoch, liebe Gemeinde, es klingen in unserem Predigttext auch noch ganz andere Töne an. Denn es sind in diesem Text nicht Menschen, die auf die Kirche schauen, sondern es ist Gott selber. Er sieht sie auch, die Unzulänglichkeiten und Probleme, die verzweifelten Versuche, die dann doch nichts nützen, den Mut und die Kraft, die im Alltag gekreuzigt und begraben werden, wenn sie die Niederlagen des Lebens erfahren. - Aber er sieht noch mehr: Die Möglichkeiten und Chancen, die in uns liegen. Er sieht die ermutigenden Ansätze und die kleinen Erfolge. Er sieht die Erwartung und die Freude, die in seiner Kirche wachgehalten werden. Er sieht den Glauben und die Hoffnung, auf die es am Ende ankommen wird. Ein Mensch sieht nur, was vor Augen ist, der HERR aber sieht das Herz an. Gott sei Dank!

Der Glaube aber und die Hoffnung hängen nicht an dem was wir leisten, sie haben vielmehr ihren Grund in Gottes Zusage selber: Er hat uns in der Taufe bedingungslos angenommen als seine Kinder, unverbrüchlich gilt uns sein Versprechen: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein. Dieses Geschenk ist das Fundament auf dem die Kirche gebaut ist, die tragende Kraft in unserem Leben. Es kommt nicht vornehmlich darauf an, was wir schaffen oder leisten, sondern darauf, ob wir an dem Glauben festhalten, für den das irdisch Unmögliche nicht zur Grenze der Hoffnung wird. Daran sollen wir uns stets erinnern. So denke nun daran, wie du empfangen und gehört hast, und halte es fest, heißt es in unserem Text.

Doch der Predigttext wäre sicher falsch verstanden, wenn man an dieser Stelle zurücklehnen und die Hände in den Schoß legen würden. Schließlich hat er seinen Kern im Weckruf an die Gemeinden. Werde wach und stärke das andre, das sterben will. - Jesus selber ist es, der die Gemeinden weckt. Ähnlich wie eine Mutter am Morgen ihre Kinder weckt, einfühlsam und sanft - aber bestimmt! Um sich noch einmal auf die andere Seite zu drehen und weiterzuschlafen, dazu ist keine Zeit. Wenn du aber nicht wachen wirst, werde ich kommen wie ein Dieb, und du wirst nicht wissen, zu welcher Stunde ich über dich kommen werde. Wir müssen aufstehen und aktiv werden. Dürfen uns nicht tot stellen und die Augen vor der Realität verschließen. Wir müssen neue Ideen und Konzepte entwickeln, wie wir mit den Herausforderungen der Zukunft fertig werden können. Die Gründung des Fördervereins zum Erhalt unseres Kindergartens ist ein gutes Beispiel. Und es fällt uns sicher auch noch eine Menge mehr ein, wenn wir uns Mühe geben.

Doch darüber hinaus sollen wir aber auch ernst machen mit unserer Hoffnung und unserer Freude. Wir haben heute den dritten Advent! In acht Tagen feiern wir die Geburt unseres Retters. Wie die Kinder, wenn sie erwartungsvoll die Türchen am Adventskalender öffnen, dürfen wir die Tage zählen bis zum Heiligen Abend. Gott kommt uns entgegen! Wir dürfen uns freuen!

Und dann wird sich auch unsere Kirche verändern. Dann werden unsere Gemeinden nicht länger Ruinen sein, sondern werden zu Botschaften werden. Lebendige Botschaften Gottes in unserer wirren und gefährdeten Welt. Orte der Zuflucht und des Schutzes. Orte des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe. Und wir alle können und sollen die Botschafter sein. Die Boten Gottes, die Engel der Gemeinde. Indem man uns die Hoffnung, die Zuversicht und die Freude abspürt, werden wir für andere zu lebenden Einladungen. Engel müssen keine Flügel haben, aber sie können andere beflügeln.

Wenn uns das gelingt, dann ist die Adventspost des Johannes bei uns angekommen. Und wir hören voll Vertrauen die Verheißung mit der sie endet: Wer überwindet, der soll mit weißen Kleidern angetan werden, und ich werde seinen Namen nicht austilgen aus dem Buch des Lebens, und ich will seinen Namen bekennen vor meinem Vater und vor seinen Engeln. Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt!

Amen


 


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