Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Römer 1,16-17

Pastor Uwe Sundermann

20.02.2005 in Schieder

Liebe Gemeinde,

Vor gut zwei Wochen ging eine überraschende Nachricht durch die Öffentlichkeit. Bei uns in Lippe hatte diese Nachricht eine Stellung obersten Ranges, denn sie stand auf der Titelseite der Lippischen Landeszeitung. Der Sachverhalt, um den es geht, ist mit einigen Sätzen geschildert:

Der Detmolder Regierungspräsident Andreas Wiebe hatte sich in den Vorsitz von Kuratorium und Stiftungsrat der Evangelischen Stiftung Ludwig-Steil-Hof in Espelkamp wählen lassen. Eine Sitzung hatte er schon geleitet. Und nun waren die Einladungen für den Gottesdienst zur Begrüßung des neuen Vorsitzenden gerade verschickt.

Und dann fiel irgend jemandem auf, dass Wiebe gar kein Mitglied der Evangelischen Kirche ist. Gemäß der Satzung konnte er also gar nicht in den Vorsitz gewählt werden. Dafür muss er zur evangelischen Kirche gehören. Das ist unbedingte Voraussetzung.
Im Klartext bedeutete dies: War Wiebe auch gerade erst zum neuen Vorsitzenden gewählt, musste er doch im nächsten Moment schon wieder zurücktreten. Da gab es nichts zu diskutieren. Und so zog der Regierungspräsident auch von selbst diese Konsequenz.

Alfred Buß, Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen, hatte noch versucht, Wiebe wieder für eine Mitgliedschaft zu gewinnen. Für einen Wiedereintritt in die evangelische Kirche hätte dieser nur zu unterschreiben brauchen.

Doch für diesen Schritt war Wiebe nicht zu gewinnen. „Ich bitte um Verständnis dafür, dass ich meine Haltung zur Mitgliedschaft in der evangelischen Kirche... nicht revidieren kann“, schrieb Wiebe an den neuen Vorsitzenden der Stiftung.

Bei weiteren Nachforschungen stellte sich heraus, dass Wiebe bereits vor 15 Jahren aus der evangelischen Kirche ausgetreten war. Und das, obwohl er als Student die finanzielle Unterstützung der Kirche in Anspruch genommen hatte. Nach einem aufwendigen Auswahlverfahren erhielt er damals ein Stipendium des Begabtenförderungswerkes der evangelischen Kirche.

Mit Mitteln der evangelischen Kirche finanzierte er sein Studium zum Bauingenieur. Aber als er dann selber Geld verdiente, als er im Berufsleben stand und nun selber Kirchensteuern zahlen musste, da trat er aus. Als er nun selber der evangelischen Kirche etwas von der empfangenen Unterstützung hätte zurückzahlen können, zeigte er ihr die Rücklichter. Kein Wunder, dass dieser Fall in der Öffentlichkeit hohe Wellen geschlagen hat!

Nachdem ich – unterwegs in unserer Gemeinde – von mehreren Seiten auf diesen Vorfall angesprochen wurde, möchte ich im heutigen Gottesdienst dazu Stellung nehmen. Denn mir ist deutlich geworden: Dieser Vorfall zeigt deutlich, wie offenbar vielfach in unserer Gesellschaft gedacht und gehandelt wird.

Mir geht es also nicht darum, dass ich mit dem Zeigefinger auf den Regierungspräsidenten zeigen will. Sondern ich frage nach den Verhaltensweisen, die in unserer Gesellschaft inzwischen Gang und Gäbe sind.

Und diese grundsätzliche Verhaltensweise möchte ich in Beziehung setzen zu den eben gehörten Worten des Paulus: „Ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben!“ (1, 16)

I.
Anscheinend hat der Regierungspräsident vorgemacht, wie es geht: Erst lässt man sich das Studium von der Kirche finanzieren, dann tritt man aus. Erst schöpft man die Vorteile von der Zugehörigkeit zu einer Organisation aus, dann kehrt man ihr den Rücken. Man braucht sie ja schließlich nicht mehr.

Im Grunde ist es dabei völlig egal, ob es sich dabei um die evangelische Kirche handelt oder um irgendeine andere Organisation. Ähnliche Erfahrungen gibt es gewiss auch im Vereinswesen und im Umgang mit Zuschüssen und finanziellen Förderungen aus staatlichen Mitteln. Und der Regierungspräsident ist gewiss kein Einzelfall. In meinem Beruf erlebe ich ein solches Verhalten hin und wieder.

Ich denke beispielsweise an die Eltern einer Konfirmandin. Ich hatte ihre Tochter am Sonntag gerade konfirmiert. Und gleich am folgenden Tag gingen die Eltern beide zum Amtsgericht und traten beide aus der Kirche aus. Auf dem Formular, das wir vom Amtsgericht erhielten, war ja das Austrittsdatum geschrieben. So macht man das also: Eben noch die Konfirmation der Tochter mitnehmen, eben noch die Vorteile der Kirchenzugehörigkeit in Anspruch nehmen und dann austreten.

Durch so ein Verhalten fühlen diejenigen, die die Kirche von Herzen mittragen, richtiggehend verschaukelt. Offenbar sehen doch etliche Menschen die Kirchenzugehörigkeit nur noch als blosse Formalität, um gewisse Dinge zu nutzen. Wenn sie dann zufriedengestellt sind und die Kirche nicht mehr brauchen, kehren sie ihr den Rücken zu. Dann werden ihnen die Kirchensteuern lästig und sie schütteln sie ab.

Ganz gleich, ob es sich um die Kirche oder um einen Verein handelt – wer so handelt, verhält sich egoistisch. Der tut so, als wäre die Kirche dazu da, um seine Wünsche zu erfüllen. Und wenn dies geschehen ist, dann lässt er sie einfach links liegen. Dann lässt er die Gemeinschaft der Kirche oder des Vereins einfach im Stich.

Dabei hat man, wenn man zur Kirche oder zu einem Verein gehört, ja auch eine Verantwortung für das Ganze. Man hat eine Verantwortung für die Arbeit, die innerhalb der Kirche geschieht. So leistet die evangelische Kirche beispielsweise eine vielfältige soziale Arbeit. Wenn aber weiter die Mitglieder nur egoistisch denken und der Kirche den Rücken kehren, dann gehen die Kirchensteuern noch stärker zurück, als sie es ohnehin schon tun. Und dann wird die ganze soziale Arbeit in Frage gestellt. Was aber würde unser Staat machen, wenn die Kirche in weiten Bereichen aus der Trägerschaft von Kindergärten, Diakoniestationen, Altenheimen, Kliniken und Schulen ausscheidet?

Diese Frage ist gar nicht so weit weg. Denn die Kirchengemeinden, die beispielsweise einen Kindergarten unterhalten, können diese Arbeit aus den laufenden Kirchensteuer-Einnahmen gar nicht mehr finanzieren. Sie müssen erhebliche Mittel aus der Rücklage nehmen.

Wenn aber die Kirche diese sozialen Arbeitsfelder nicht mehr abdecken kann, gehen wir einer finsteren Zukunft entgegen. Denn der Staat kann diese Aufgaben erst recht nicht mehr leisten.

Die Kirche ist also eine Solidargemeinschaft. Indem ich dazugehöre, unterstütze ich eine wesentliche und wertvolle soziale Arbeit, auch wenn sie vielleicht im Moment nicht mir persönlich zugute kommt. Auf dem Hintergrund dieser Überlegungen erscheint der Austritt egoistisch.

Wenn es dem Apostel Paulus um sich selbst gegangen wäre, wenn er nur an sich selbst gedacht hätte, dann wäre er nicht für Jesus unterwegs gewesen. Dann wäre er mit Sicherheit zu Hause geblieben und hätte ein ruhiges Leben gelebt. Denn seine Reisen brachten ihn in so manche gefährliche, unangenehme und lebensbedrohliche Situation.
Aber Paulus denkt nicht an sich selbst. Er denkt an die Menschen, die er noch mit der frohen Botschaft von Gottes Liebe erreichen will: Das „Evangelium... ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben!“ (1, 16) Das sollen möglichst viele Menschen von ihm erfahren.

II.
Ein zweiter Gedanke: Ich glaube kaum, dass sich der Regierungspräsident absichtlich so verhalten hat. Wahrscheinlich hat er gar nicht bemerkt, in welche Situation er sich selbst und die anderen Mitglieder des Vorstandes durch seine Wahl zum Vorsitzenden gebracht hat. Ihm wird das unbewusst gewesen sein. Wahrscheinlich hat er sich darüber keine Gedanken gemacht.

Ich denke, das war bei ihm so wie bei meinem Wohnzimmerschrank. In der einen Schublade sind die Papierservietten, in einer anderen Schleifenbänder und Geschenkpapier. Zwischen beiden Schubladen gibt es keine Verbindung. So war bei dem Regierungspräsidenten der Wille, den Vorsitz zu übernehmen, in der einen Schublade seines Kopfes, die Frage der Kirchenzugehörigkeit in der einer anderen. Und dazwischen gab es keine Verbindung, keine Verknüpfung. So kann ich mir verständlich machen, wie es zu diesem ungeschickten Manöver gekommen ist.

Aber genau darin sehe ich das Problem. Unsere Gesellschaft leidet an einer doppelbödigen Mentalität. Man bewirbt sich auf einen Posten, ohne eigentlich so richtig dahinter zu stehen. Man gehört zwar nicht zur evangelischen Kirche, aber man meint, man sei ihr innerlich verbunden und man könne entscheidend mitreden und mitbestimmen.

Als ich noch Pfarrer im benachbarten Schwalenberg war, habe ich das oft genug mitbekommen. Bei wie vielen Eltern, die ihre Kinder in den evangelischen Kindergarten schickten war es so: Der Hauptverdienende war aus der Kirche ausgetreten und sparte die Kirchensteuern, der andere blieb in der Kirche; er brauchte ja keine oder nur wenig Steuern zu bezahlen. Und dann fordert man gerade zu ein, dass man genauso mitsprechen kann wie diejenigen, die treu Mitglied der Kirche bleiben und den Kindergarten auch von der Basis her unterstützen. Das passt meines Erachtens nicht zusammen.

Aber den Betroffenen ist dieses doppelbödige Verhalten oft gar nicht bewusst. Sie verstehen ihren Standpunkt aus einer großen Selbstverständlichkeit heraus. Da würde keiner auf den Gedanken kommen, sich selbst in Frage zu stellen. Und – ich kann mir vorstellen – wenn man das thematisiert, dann gehen die Wellen hoch. Dann heißt es gleich: „So eng darf man das nun auch nicht sehen!“

Darin zeigt sich meines Erachtens eine grundsätzliche Einstellung in unserer Gesellschaft. Man verhält sich doppelbödig und inkonsequent. Man beansprucht für sich ganz selbstverständlich ein Stück vom Kuchen, ohne dazu beizutragen, dass dieser Kuchen auch gebacken werden kann. Und diese Einstellung sieht man dann auch noch als normal und selbstverständlich an.

Bei dem Apostel Paulus sehe ich ein ganz anderes Verhalten, eine ganz andere Einstellung. Er steht für etwas ein, das er selbst erlebt hat und von dem er selbst durch und durch überzeugt ist: „Das Evangelium ist eine Kraft Gottes!“

Und diese Kraft hat Paulus in seinem eigenen Leben erfahren. Bevor er Jesus kennen lernte, versuchte er, durch das eigene Tun Gott wohlgefällig zu werden. Er hatte allen Grund zu prahlen. Unter den jüdischen Gelehrten war er das große Nachwuchstalent. Kaum einer kannte das Alte Testament so gut auswendig wie er. Kaum einer konnte einen solchen vorbildlichen Lebenswandel vorweisen.

Aber als er Jesus begegnete, änderte sich sein Leben. Nun lebte er nicht mehr aus dem eigenen Tun, aus der eigenen Gerechtigkeit. Nicht durch unser eigenes Tun stehen wir gerecht vor Gott da, sondern weil Jesus uns vor Gott gerecht spricht. Weil Jesus mit seiner Gerechtigkeit für uns einsteht. „Die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt kommt aus dem Glauben!“ (1, 17)

Diese persönliche Erfahrung ist „die Kraft Gottes“, von der Paulus hier spricht. Sie ist der Wind in seinen Segeln und der Motor, der ihn auf seinen Reisen ständig weiter treibt. So kann er aus voller Überzeugung heraus sagen: „Ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben!“ (1, 16) Er steht mit seiner ganzen Existenz dafür ein!

III.
Ein dritter Gedanke: Solche Ämter wie der Vorsitz in einer Stiftung oder die Mitgliedschaft in einem hochrangigen Kuratorium sind mit Ansehen, Ehre und Macht verbunden. Eine Organisation macht von sich reden, wenn ein führender Kopf aus der Politik oder der Wirtschaft die Schirmherrschaft übernimmt. Das ist eine Ehre!

Und zwar ist dies eine doppelte Ehre: Die Organisation betrachtet es für sich selbst als eine Ehre, wenn sie so einen hochkarätigen Menschen an ihre Spitze stellen kann. Und für den Politiker oder die Person aus der Wirtschaft ist es eine Ehre, ein solches Amt zu bekleiden. Denn dieses Amt bedeutet Publicity und Werbung für die eigene Sache: „Wie, der Regierungspräsident ist Vorsitzender dieser und jener Stiftung? Das ist ja toll, dass er sich da engagiert. Das muss ein beeindruckender Mensch sein!“ – So kommt das in der Regel bei Otto Normalbürger an.

Solch ein Vorsitzender hebt das Ansehen der Stiftung, und das Engagement in der Stiftung wiederum hebt das Ansehen des Vorsitzenden. Beides spielt eine Rolle. Und dann ist es egal, ob man seitens der Stiftung auf den Regierungspräsidenten zugegangen ist oder ob dieser sich auf das Amt des Vorsitzenden beworben hat. Man war froh, dass man einen in der Gesellschaft so hochstehenden Kandidaten gefunden hatte!

Angesichts solcher gegenseitiger Ehre schaut man auf manche Einzelheiten vielleicht auch nicht so genau hin. Und da wird die Nachfrage, ob er zur evangelischen Kirche gehört, schon mal vergessen. Vielleicht erscheint einem diese Nachfrage auch zu naiv, zu bodenständig, zu kleinkariert, zu banal – angesichts des Lichtes, das da mit diesem Vorsitzenden aufgeht!

Mir scheint, ab einer gewissen Etage in unserer Gesellschaft herrscht eine andere Logik, ein anderes Denken. Da ist es nicht schicklich, genauer nachzufragen. Da sieht man über das ein oder andere vielleicht auch hinweg.

Diese andere Art der Logik treffen wir immer wieder in der oberen Spitze der Gesellschaft. Da kann zum Beispiel die Deutsche Bank auf der einen Seite den höchsten Gewinn der letzten Jahre verbuchen. Auf der anderen Seite aber wird im selben Atemzug lauthals verkündet, dass in der kommenden Zeit Tausende von Arbeitsplätzen abgebaut werden sollen. Nach meiner Logik passt das einfach nicht zusammen. Oben in der Gesellschaft geht es scheinbar nach anderen Regeln.

Meine Logik sagt mir: Es geht der Bank letztlich nur um Macht und um noch höhere Gewinne. Dass diese Gewinne auf Kosten der Arbeitnehmer erzielt werden, spielt für die Herren Vorsitzenden keine Rolle. Die haben ihr Schäfchen ja sowieso im Trockenen.

Wenn man also eine gewisse Ebene der Gesellschaft erreicht hat, dann lebt man von der Ehre und dem Ansehen der Ämter. Dann wird man von der Öffentlichkeit hofiert, weil man zu den Lions oder zum Rotary-Club gehört. Und der Normalbürger von der Straße verneigt sich innerlich, wenn er mit diesen Menschen zu tun hat. Ob sie aber etwas bewegen, ist zweitrangig. Die Hauptsache ist die Ehre des Amtes.

Solche hochrangigen Amtsträger haben auch ein Altenheim in Afrika besucht – von hohen Politikern bis hin zu Vertretern der Kirchenleitungen. Sogar der frühere Ratsvorsitzende, Präses Kock, war dort. Allesamt haben sie die Not dort gesehen und Versprechungen gemacht. Aber eingehalten wurden diese Versprechungen nicht. Als man wieder in Deutschland war, galt eine andere Logik, ein anderes Denken. Da waren die Zusagen nichts weiter als Schall und Rauch.

Bei dem Apostel Paulus ist das grundlegend anders. Ihm geht es nicht um seine Ehre, nicht um Macht und Ansehen. Sondern ihm geht es darum, dass „Gottes Kraft“ (1, 16) in dieser Welt wirkt. Ihm geht es darum, dass die gute Nachricht weiter getragen wird. Alle Menschen sollen erfahren, dass Gottes Liebe in Jesus zu uns gekommen ist, dass Gott uns Menschen annimmt, wie wir sind.

Wenn ein Mensch das für sich annimmt, wenn er Gottes Liebe für sich in Anspruch nimmt, dann wird sein Herz verändert. Dann strahlt in ihm ein helles, warmes, hoffnungsvolles Licht. Und eben dies können nicht wir Menschen machen; das ist allein „Gottes Kraft“.

Darum bildet sich Paulus nichts auf sein Amt ein, sondern ihm sitzt der Wunsch und die Verpflichtung im Nacken, möglichst viele Menschen zu erreichen.

IV.
Ein vierter und letzter Gedanke: Anscheinend wäre alles in Butter gewesen, wenn der Regierungspräsident wenigstens dem Papier nach wieder in die Kirche eingetreten wäre. Man hätte dann darüber hinweg gesehen, dass er innerlich nicht hinter der Kirche steht. Hauptsache, die äußere Form wäre gewahrt. Auf diese Weise wollte Präses Buß die Kuh vom Eis retten.

Ich frage mich, wie man sich angesichts einer solchen Haltung noch in den Spiegel anschauen kann, ohne rot zu werden. Ist das Wesentliche an der Kirche denn die formale, äußerliche Zugehörigkeit?

Mir scheint es aufrichtiger, dass der Regierungspräsident bei seiner Haltung bleibt und nicht in die Kirche eintritt. Noch aufrichtiger wäre es allerdings, wenn er im gleichen Atemzug das Geld, was er selbst von der evangelischen Kirche zur Förderung seines Studiums bekommen hat, zurückzahlt. Dann kann es denen zugute kommen, die wirklich mit Überzeugung zur evangelischen Kirche stehen!

Ich muss ganz offen sagen: „Ich schäme mich des Evangeliums nicht“ (1, 16). Ich schäme mich nicht, wenn ich von manchen Menschen um meines Glaubens willen gemieden oder verachtet werde. Ich schäme mich auch nicht, wenn mich die Kirchenleitung im Regen stehen lässt. Aber ich schäme mich, wenn die Kirche zur blossen Form verkommt. Ich schäme mich für das scheinheilige Verhalten des westfälischen Präses. Wo bleibt denn da der Inhalt? Wo bleibt die Botschaft und der Kern unseres Glaubens?

Dem Apostel Paulus geht es nicht darum, dass möglichst viele Menschen formell zur Kirche gehören. Also nicht nach dem Motto: „Hauptsache getauft, alles andere ist egal“. Sondern Paulus geht es um den Inhalt des christlichen Glaubens. Die Menschen sollen von Jesus hören. Sie sollen die befreiende Kraft des Glaubens erfahren.

Diese befreiende Kraft des Glaubens hat zwei Aspekte: Zum einen werden wir Menschen entlastet. Nicht wir müssen uns selbst bemühen, gut vor Gott dazustehen. Nicht wir müssen uns als passable Menschen erweisen. Das wäre ja auch geradezu unmöglich. Keiner von uns macht alles richtig. Keiner von uns ist vollkommen. Keiner von uns hat vor Gott etwas in der Hand.
Denn gerade dann, wenn wir uns vor Gott darstellen wollen, wenn wir meinen, wir könnten vor Gott ein gutes Leben vorzeigen – gerade dann wenden wir uns ja von ihm ab. Denn gerade dann leben wir nicht mehr aus dem Gottvertrauen heraus, sondern aus unserem eigenen Tun. Und gerade mit dieser Selbstsicherheit werden wir schuldig vor Gott.

Darum ist es befreiend zu hören: Unsere Gerechtigkeit vor Gott kommt nicht durch unser Tun.

Zum anderen tritt Jesus für uns ein. Jesus schenkt uns seine Gerechtigkeit. Und darum sieht Gott uns so an, als hätten wir so vollkommen gelebt, wie es Jesus getan hat. Dieses Geschenk empfangen wir, wenn wir Jesus vertrauen. So sagt Paulus: „Darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt: Sie kommt aus dem Glauben, wie geschrieben steht: Der Gerechte wird aus Glauben leben.“ (1, 17)

Nicht wir müssen die Beziehung zwischen uns und Gott in Ordnung bringen, sondern Jesus hat schon alles für uns getan – das ist der Inhalt unseres Glaubens. Und dafür lohnt es sich zu leben und – wenn nötig – auch zu leiden. Denn der Glaube an Jesus erweist sich immer wieder als „eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben“ (1, 16).

Schluss
Am Ende stelle ich fest: Die Reaktion der kirchlichen Presse ist weitaus milder und gemäßigter als die der Tageszeitung und wesentlich milder als der Ton zweier Leserbriefe. Ich frage mich, warum dies so ist. Erwartet hätte ich eher das Gegenteil. Aber scheut man sich in der Kirche vielleicht, die Dinge offen auszusprechen?

Nun, die Passionszeit mahnt uns, dass wir uns selbst prüfen. Darum geht es letztlich nicht um einen Regierungspräsidenten, sondern um uns selbst:

Geht es uns egoistisch um unser Wohl oder um die Menschen, die Gottes Liebe erreichen will?
Verhalten wir uns doppelbödig oder stehen wir mit unserer ganzen Person für den Glauben ein?
Laufen wir dem Ansehen und der Ehre hinterher oder leben wir aus Gottes Kraft?
Genügt uns formelle Zugehörigkeit oder tragen wir die frohe Botschaft in unserem Herzen?

„Weise mir, HERR, deinen Weg, dass ich wandle in deiner Wahrheit!“ (Psalm 86, 11)

Amen.