Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt zur Konfirmation über Römer 1,17

Pfarrer Steffen Hunder (ev)

28.04.2014 in der Kreuzeskirche in Essen

"Wie bekomme ich einen gnädigen Menschen?" (nach Röm 1,17)

Liebe Konfirmandinnen, liebe Konfirmanden, liebe Festgemeinde,

ich freue mich, heute hier in der Kreuzeskirche mit Euch und mit Ihnen den Festgottesdienst zu eurer Konfirmation feiern zu dürfen. Das ist für mich auch deshalb eine besondere Ehre, weil ihr als evangelische Kirche in Essen das 450jährige Reformations-Jubiläum feiert. Und ich habe mir sagen lassen, in Eurer Altstadt-Gemeinde begann die Reformation. Das heißt, Ihr seid die Muttergemeinde aller evangelischen Christen hier in Essen. Das ist doch großartig! Darüber dürft ihr Euch ehrlich freuen. Darauf könnt Ihr sogar stolz sein. Dazu gratuliere ich euch aus tiefem Herzen. Am 2. Mai 1563 teilte der evangelische Prediger Heinrich Barenbroich an mehr als 500 Gläubige in der Marktkirche das Abendmahl in beiderlei Gestalt aus und hielt in meinem Sinne eine evangelische Predigt. Das war die Geburtsstunde der Reformation hier bei Euch in Essen. Der Anfang, liebe Festgemeinde, war gemacht. Aber es gab noch viele Widerstände und bedurfte zahlreicher Kämpfe bis die evangelischen Christen in Essen ohne Probleme ihren Glauben offen leben konnten. Aber darüber möchte ich heute nicht weiter reden, sondern Euch, liebe Konfir- manden und Konfirmandinnen sehr herzlich zu eurer Konfirmation gratu- lieren. Denn Ihr seid wirklich ganz besondere Konfis, um es in der Sprache der heutigen Zeit zu sagen. Ihr seid der Jubiläumsjahrgang zu 450 Jahre Evangelische Kirche in Essen. Das ist schon gewaltig! Das kann nicht jeder von sich behaupten. Und das Tolle dabei ist, in eurer Gemeinde ist die Reformation losgegan- gen! Euer Pfarrer ist sozusagen der Nach, Nach,…. Nachfolger des ersten evangelischen Pfarrers Heinrich Barenbroich. Davon könnt Ihr noch euren Enkeln erzählen. Das hat doch was! Oder etwa nicht?! Ich jedenfalls als Reformator aus dem fernen Wittenberg, das im Osten Deutschlands in Sachsen-Anhalt liegt, finde das großartig, dieses beson- dere Ereignis mit euch erleben zu dürfen. Ich habe gehört, dass ihr euch in eurer Konfirmandenzeit auch den ersten Teil des amerikanischen Spielfilms „ Luther“ angeschaut habt, der 2003 in die Kinos gekommen war, um mein Leben und Wirken einem breiten Publikum nahe zu bringen. Mit einer hochkarätigen Besetzung und großem Aufwand wurde versucht, mein Leben zu verfilmen, zumindest meine Entwicklung vom überängst- lichen Mönch zum großen und mutigen Reformator. Vor einem Monat lief der Film am Karfreitag auch im Fernsehen des Bayrischen Rundfunks. Ich sage euch, liebe Konfirmanden, liebe Konfirmandinnen, liebe Festge- meinde, das ist schon ein komisches Gefühl, das eigene Leben im Film zu sehen. Wenn ich mir das dann anschaue, denke ich immer, die stellen dich wie einen richtigen Filmhelden dar. Dabei war mir oft genug eher angst und bange. Gottseidank kommt das in dem Film über mich auch vor. Wenn ich nur daran denke, wie oft ich nachts in meiner Klosterzelle in Erfurt

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zitternd und zagend auf dem Boden kauerte. Verzweifelt winselte ich oft vor mich hin, warf mich von einer Ecke in die andere und schrie immer wieder: “Nein! Geh weg! Mich kriegst du nicht! Nein!” Manchmal schlug ich sogar wütend um mich, wand mich hin und her, so als wollte ich einen unsichtbaren Gegner abschütteln. “Teufel! Verschwinde!” brüllte ich. Immer wilder wurden meine Bewegungen bis ich mich auf der Erde hin und her wälzte. Irgendwann kam ich endlich zur Ruhe, blieb auf dem kalten, dreckigen Boden liegen und schluchzte wie ein Kind. In meiner Hand hielt ich etwas ganz fest umschlungen… es war ein Kruzifix, das mir mein Beichtvater geschenkt hatte. An ihm hielt ich mich fest wie ein Ertrinkender an einem Rettungsring. Dieses kleine Kreuz ließ mich zur Ruhe kommen und schenkte mir wieder meinen inneren Frieden. Die eindrückliche Szene in der Klosterzelle spielte zur der Zeit, als ich noch ein junger Mönch war. Ich fühlte mich schuldig vor Gott. Obwohl ich ständige gefastet, gebetet und die Bibel studiert hatte, meinte ich, ich sei nicht gut genug um am jüngsten Tag, dem Weltgericht vor Gott bestehen zu können. Aus Angst vor der Hölle suchte er verzweifelt nach einem Weg, wie ich von Gott angenommen werden könnte, trotz all meiner Fehler und Unzulänglichkeiten. Und ich war mit dieser furchtbaren Angst nicht allein. Damals zu Beginn des 16. Jahrhunderts lebten ganz viele Gläubigen mit dieser bedrückenden Angst. Die Hölle wurde in leuchtenden Farben ausge- malt. Feuer und Seelenqualen, mit denen die sündigen Menschen für ihre Fehltritte büßen müssen. Angst breitet sich aus, Angst vor Gott, dem Richter. Die Menschen sind bereit, für ihr “Seelenheil” alles zu tun. Gebete, Beichten, gute Taten, ja sogar Geld zahlten sie, um sich und ihre verstorbenen Angehörigen zu retten. Geld, das sowieso kaum reichte in den einfachen Familien und doch gaben sie reichlich – in der Hoffnung, die Kirche werde ihnen helfen ihre Seelen zu erlösen. Der Ablasshandel wurde zur besten Einnahmequelle der Kirche. „Wenn das Geld im Kasten klinget, die Seele aus dem Fegefeuer in den Himmel springet“, so lautete der Werbespruch der Ablassprediger. Von der Liebe Gottes, die in Jesus zu uns Menschen gekommen war, spürten die Menschen zu gut wie nichts mehr. Auch mir, liebe Festgemeinde, erging es nicht besser. Auch ich fürchtete mich zutiefst vor der ewigen Verdammnis. Und so fragte ich mich immer wieder verzweifelt: ”Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?” Was muss ich tun, damit ich vor Gott dem Richter bestehen kann?  Oft war ich total verzweifelt, fühlte mich vom Teufel verfolgt. Ich lebte voller Unruhe, bis mir eines Tages mein Beichtvater ein Kruzifix schenkte. Ich solle doch einfach an den glauben, der am Kreuze hängt – so der Ratschlag des älteren Mönchs. Und schon in der nächsten Nacht, als mich die Qualen wieder plagten, nahm ich das Kreuz in meine Hand und ich hielt mich daran fest. Das war die entscheidende Wende in meinem Leben… Ich machte die wunderbare Erfahrung, dass das Kreuz Christi für mich zum Rettungs- anker wurde, weil es für mich zur Brücke zwischen Gott und mir wurde.

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Durch das kleine Kreuz meines Beichtvaters habe ich ganz handfest erfahren, was ich dann beim Studium der Bibel mit Herz und Verstand erkennen durfte. „ Gott ist wie ein Backofen voller Liebe“, so habe ich es einmal gesagt. Gott schenkt uns seine Liebe ohne Vorbedingung, deshalb wir uns ihm anvertrauen und an ihn glauben. Diese befreiende Erkenntnis hat Gott mir geschenkt als ich den Brief des Apostel Paulus an die Gemeinde in Rom studierte und dort über die Verse 16 und 17 aus Kapitel 1 nachdachte. Dort schreibt Paulus: Ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben, die Juden zuerst und ebenso die Griechen.  Denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben; wie geschrieben steht: „Der Gerechte wird aus Glauben leben.“ Aus Glauben leben – was das heißen kann, das möchte ich mit Euch heute bedenken, an eurem festlichen Konfirmationstag 2013. - Was ist das überhaupt, Glauben? - Wie funktioniert das und an was kann ich glauben?  Ich, Martin Luther, suchte damals einen gnädigen Gott und ich habe ihn Gottlob gefunden – im Glauben an das Evangelium, also an die Botschaft Jesu von der Liebe Gottes, die allen gilt: “zuerst den Juden, dann den Griechen” und schließlich allen Menschen. “Der Gerechte wird aus Glauben leben.” Als ich diese Verheißung las, wurde mir klar: Die Gnade Gottes, ja Gottes Liebe kann man sich nicht verdienen, nicht mit Geld und nicht mit Gebeten. Man kann dafür keine frommen Werke vollbringen, und seien sie noch so gut. “An Gott glauben”, das heißt für mich als Martin Luther “ Auf Gott vertrauen”. Eben darauf vertrauen, dass Gottes Liebe größer ist als alle unsere menschliche Vernunft, als unser alles Aufrechnen und Abwiegen. Unsere menschlichen Verfehlungen, sie wiegen schwer in unserer Welt, aber wenn Gott will, so wird auch der Sünder/die Sünderin leben. Glauben an das “Evangelium”, das heißt darauf vertrauen, dass die Gnade Gottes uns Menschen geschenkt wird, völlig unabhängig von unseren Fähigkeiten und Leistungen. Völlig unverdient, sozusagen “gratis” schenkt Gott uns seine Liebe. Diese überwältigende Erfahrung war für mich die größte Befreiung meines Lebens!  ”Der Gerechte wird aus Glauben leben.” In diesem wunderbaren Wort des Apostel Paulus fand ich Martin Luther und mit mir die evangelische Kirche einen gnädigen, gütigen und liebenden Gott. Das gilt Gottseidank bis heute, liebe Festgemeinde. Und in ganz besonderer Weise gilt das für Euch, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, die ihr heute den Segen Gottes für euren weiteren Lebensweg zugesprochen be- kommt. Eins habe ich allerdings festgestellt: Bei euch heute steht nicht mehr die Frage nach einem gnädigen Gott im Mittelpunkt. Ich habe gemerkt, dass bei euch andere Dinge wichtiger sind. Etwa die Frage nach Arbeit, nach

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sozialer Sicherheit, Gesundheit, Rente. Überall sorgen sich die Menschen um ihre Zukunft, ganz materiell und konkret. Wer solche Sorgen hat, fragt sich nicht: “Gibt es einen gnädigen Gott?” Nein, ich höre eine ganz andere Frage, die in eurem Alltag ganz wichtig ist: “Wie bekomme ich einen gnädigen Menschen?”  Die Rede von Gott ist heute vielen Menschen zu abstrakt, zu fremd geworden. Ich erlebe, dass heute viele Menschen auf der Suche nach etwas sind, das sie Gott nennen – und finden es nicht. Viele fragen heute sehr kritisch nach, wenn es um Gott geht und begnügen sich nicht mehr mit traditionellen Antworten. Einen Menschen aber, der für sie da ist und ihnen Halt gibt – das ist selbst eingefleischten Atheisten wichtig im Leben. Vielleicht das Wichtigste. Und es muss nicht nur einer sein. Ein ganzes Netz von Beziehungen ist gut und trägt weit. Den gnädigen Menschen finden – danach streben viele heute. Das kann auch ich als Martin Luther gut verstehen. Ein Mitmensch, der mir nahe ist, der mich achtet und schätzt. Der mir Rückendeckung gibt und Anerkennung. Ein “gnädiger Mensch”, der mich mit liebenden Augen ansieht und über meine Fehler hinweg schaut – das ist es, was auch ich gesucht habe. Solch einen großartigen Menschen habe ich in meiner Frau Katharina von Bora gefunden. Sie war mir nicht nur eine liebende Ehefrau und fürsorgliche Mutter unser sechs Kinder, sondern sie war meinen beste und ehrlichste Ratgeberin in meinem Leben. Kurzum, sie war für mich ein echtes Gottesgeschenk, ohne dass ich es verdient gehabt hätte. Jeder von uns braucht Bestätigung für sich selbst, sein Leben. gerade auch dann, wenn es mal nicht gut läuft.   Gottlob schenkt Gott uns gnädige Menschen: Euch, liebe Konfirman- dinnen, liebe Konfirmanden hat Gott euch eure Eltern, Großeltern, Tanten, Onkels und Paten geschenkt, die euch bis hierher liebevoll begleitet haben. Als sichtbares Zeichen dafür haben eure Eltern für euch mit viel Liebe und Geschick Kerzen für euch gestaltet, die auf dem Altar stehen. Heute sind in eurer Kreuzeskirche ganz viele Menschen versammelt, die euch wichtig sind und denen ihr wichtig sind. Sie alle schenken euch heute das wunder- bare Gefühl, dass ihr geliebt werdet und wertgeschätzt seid. Solche “gnädigen Menschen” können wir uns nicht selber schaffen. Gut, wir können sie beeindrucken mit unseren Fähigkeiten und Leistungen. Das macht sie mir aber noch nicht zu wirklichen Gegenübern, die mir – “aus Gnade” – ihre Freundschaft, ja ihre Liebe schenken, einfach so, “gratis”, wie Gott. Und auch hier, im Umgang mit unseren Mitmenschen bleibt uns nichts anderes übrig, als zu  glauben, zu vertrauen. Darauf zu vertrauen, dass sie für mich da sind, wenn ich sie brauche. Darauf, dass sie mich nicht vergessen, so selten wir uns auch sehen. Darauf, dass ich aufgehoben bin in unserer Freundschaft. Vielleicht nennt ihr es heute nicht immer Gott, aber wir Menschen sind angewiesen auf ein Gegenüber, das uns bedingungslos annimmt. Das ist heute nicht anders wie damals zu meiner Zeit.

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Wir brauchen Bestätigung und Anerkennung, und die sucht ihr heute vielleicht stärker in euren menschlichen Beziehungen. Auf sie vertraut ihr, an sie glaubt ihr. Gewiss, Vertrauen ist nicht immer leicht. Es gibt viele Rückschläge, Schwierigkeiten, Enttäuschungen. Und doch – nur durch Vertrauen entsteht eine tragfähige Beziehung, die uns Leben lässt. Zwischen Eltern und Kindern, zwischen Freundinnen, auch in der Liebes- beziehung gilt: Ohne Vertrauen können wir Menschen nicht miteinander leben. Das war damals so und das ist auch heute noch so! “Der Gerechte wird aus Glauben leben.” Dieses Wort des Apostel Paulus hat mich dazu befreit, dem liebenden und gnädigen Gott zu vertrauen. Deshalb sage ich nochmal: Vertrauen heißt Glauben. Und das Vertrauen in den “gnädigen Menschen” – genau darin spiegelt sich der Glaube an den “gnädigen Gott“.  Denn hinter jeder menschlichen Beziehung steht letztlich Gott. - Ja, Gott scheint durch unsere Beziehungen hindurch, voller Gnade, voller Liebe.  - Gott begegnet uns als Gegenüber, als Freundin, als Freund. - Und wir können oft gar nichts anderes tun, als ihm, als ihr zu vertrauen. 

Und deshalb lasst mich als Martin Luther heute euch allen hier in der Kreuzeskirche zurufen: Wir alle sind angenommen und geliebt bei Gott. Aus dieser Liebe heraus dürfen wir in vertrauensvollem Glauben leben und unsere Welt gestalten. Euch, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden gratuliere ich von ganzem Herzen zu eurer heutigen Einsegnung und wünsche Euch für euren weiteren Lebensweg: Möge Gott euch begleiten, behüten und bewahren! Amen